mini|Angebliche Büste des Hippocrates von Kos, 1. Jahrhundert n. Chr., Florenz (Uffizien)|331x331pxHippokrates von Kos (griechisch ; * um 460 v. Chr. auf Kos, wahrscheinlich in Astypalaia/Kefalos;Ferdinand Peter Moog: Euripides und die Heilkunde. (= Kölner Beiträge zu Geschichte und Ethik der Medizin. Band 3). kassel university press, Kassel 2017, ISBN 978-3-7376-0340-9, S. 340. † um 370 v. Chr. in Larisa, ThessalienAuch um 450–380 v. Chr. wird angegeben. Vgl. Internet Encyclopedia of Philosophy and its Authors.), kurz Hippokrates und latinisiert auch Hippocrates, war ein griechischer Arzt und Lehrer. Er gilt als der berühmteste Arzt der Antike, dessen Schule die Theorie von vier Körpersäften im Konzept der Humoralpathologie lehrte, und zudem als „Vater der (modernen) Medizin“, der ärztliches Handeln über die Wirkungskraft priesterlicher Worte stellte und einem hohen ethischen Verantwortungsbewusstsein unterordnete. Er legte GrundlagenVgl. Max Pohlenz: Hippokrates und die Begründung der wissenschaftlichen Medizin. Berlin 1938. für die Medizin als Wissenschaft, insbesondere als auf umfangreichen Beobachtungen und Beschreibung von Krankheitssymptomen fußende Erfahrungswissenschaft.Magdalena Frühinsfeld: Anton Müller. Erster Irrenarzt am Juliusspital zu Würzburg: Leben und Werk. Kurzer Abriß der Geschichte der Psychiatrie bis Anton Müller. Medizinische Dissertation Würzburg 1991, S. 9–10. Von den ihm zugeschriebenen Schriften sind vor allem die Aphorismen verbreitet.
Legende Vom Leben des Hippokrates zeugen vor allem vier biographische Abhandlungen unterschiedlicher Zeitstellung und Qualität, allesamt erst Jahrhunderte nach dessen Tode entstanden. Die älteste, als Auszug erhaltene Biographie stammt von dem um 100 n. Chr. wirkenden Arzt Soranos von Ephesos.Vita Hippocratis secundum Soranum in: Corpus Medicorum Graecorum. Band 4. Herausgegeben von Johannes Ilberg. Teubner, Leipzig/Berlin 1927, S. 175–178 (online). Von ihm hängt nach ausdrücklichem Selbstzeugnis der im 12. Jahrhundert schreibende byzantinische Gelehrte Johannes Tzetzes ab,Tzetzes, Chiliades 7,944–989 (englisch). der darüber hinaus in der Soranos-Vita fehlende Einzelheiten liefert, was deren Charakter als Auszug unterstreicht.Karl Deichgräber: Die Epidemien und das Corpus Hippocraticum: Voruntersuchungen zu einer Geschichte der koischen Ärzteschule. De Gruyter, Berlin 1933, S. 147. Etwa aus dem 6. Jahrhundert stammt die Vita Bruxellensis eines anonymen Autors, der von Abstammung, Leben sowie Lehre berichtet (Yppocratis genus, vita, dogma) und ebenfalls von Soranos abhängig ist.Hermann Schöne: Bruchstücke einer neuen Hippokratesvita. In: Rheinisches Museum für Philologie. Band 58, 1903, S. 56–66 (PDF). Wenig eigenständig, aber ergänzend tritt das Lemma Hippokrates der Suda aus dem 10. Jahrhundert hinzu.. Einzelne Informationen finden sich darüber hinaus bei Galen (griechisch Galenos),Galenos, Opera omnia 1, S. 53–63 (Digitalisat, griechisch-lateinisch). bei Athenaios,Athenaios s. v. CelsusCelsus, De medicina, Prooemium. und weiteren Autoren.
Demnach stammte Hippokrates aus einem der Geschlechter der Asklepiaden, die sich selbst auf den Heilgott Asklepios zurückführten; seine Eltern waren der Arzt Herakleides und Phainarete (Φαιναρέτη). Als Sohn einer Arztfamilie erhielt Hippokrates seine erste Unterweisung auf dem Gebiet der Medizin von seinem Vater. Seine weitere Ausbildung erhielt er von einem Herodikos, laut Tzetzes und Suda von dem in Megara geborenen Redekünstler und Turnlehrer Herodikos von Selymbria (etwa 500–425 v. Chr.), doch kommt auch Herodikos von Knidos in Frage.Zur Problematik siehe Charlotte Schubert, Wolfgang Leschhorn (Hrsg.): Hippokrates. Ausgewählte Schriften. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2006, ISBN 3-7608-1726-2, S. 321–322. Gemäß Corpus Hippocraticum hat Hippokrates mit dem Philosophen Demokrit von Abdera (in Thrakien) zumindest in brieflichem Kontakt gestanden.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 174, Anm. 9. Zudem soll er gemäß einer legendären biografischen Tradition durch Demokrit in Philosophie und durch den Philosophen Gorgias von Leontinoi (Sizilien) in Rhetorik unterwiesen worden sein, die er jedoch höchstens während seiner ausgedehnten Reisen kennengelernt haben kann.Karl Deichgräber: Die Epidemien und das Corpus Hippocraticum: Voruntersuchungen zu einer Geschichte der koischen Ärzteschule. De Gruyter, Berlin 1933, S. 148. Um 420 v. Chr. verließ er nämlich Kos und reiste als wandernder Arzt offenbar viel und weit durch Griechenland und Kleinasien. Unter anderem hielt er sich drei Jahre auf der gegenüber von Abdera liegenden Insel Thasos auf.
Eine weitere erstmals bei VarroVarro, De re rustica 1,4,5; siehe auch Plinius, Naturalis historia 7,37. überlieferte Erzähltradition brachte ihn mit der Vorhersage einer Seuchenbedrohung und deren Abwehr in Athen sowie weiteren Städten in Verbindung, von der insbesondere die pseudepigraphische Schrift Decretum Atheniensium () des Hippokrates zeugt.Zu Edition und Übersetzung des Decretum Atheniensium siehe Wesley D. Smith: Hippocrates. Pseudepigraphic Writings. Brill, Leiden u. a. 1990, S. 2–6. 106. Mit der Pest des Thukydides der Jahre 430–426 v. Chr.Wolfgang U. Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. 7. Aufl. Springer Verlag, Heidelberg u. a. 2013, S. 11. ist die Anekdote nicht zu verbinden.Wesley D. Smith: Hippocrates. Pseudepigraphic Writings. Brill, Leiden u. a. 1990, S. 3; siehe auch Jody Rubin Pinault: How Hippocrates Cured the Plague. In: Journal of the History of Medicine and Allied Sciences. Band 41, Heft 1, 1986, S. 52–75.
Seine Söhne Drakon und (der wohl in Diensten des Königs von Makedonien stehende) Thessalos sowie sein Schüler – laut GalenClaudii Galeni opera omnia Klaudiu Galenu hapanta. Hrsg. von Karl Gottlob Kühn. Cnobloch, Leipzig 1821–1833. Nachdruck: Olms, Hildesheim 1965 (= Medicorum Graecorum opera quae exstant. Band 1–20), VII 390. zugleich sein Schwiegersohn – PolybosHermann Grensemann: Der Arzt Polybos als Verfasser hippokratischer Schriften (= Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse. Jahrgang 1968, Nr. 2). Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (In Kommission bei Franz Steiner Verlag, Wiesbaden), Mainz 1968, insbesondere S. 53–68. sollen die Familientradition fortgeführt haben. Hippokrates und seine Familie wurden zu Begründern einer koischen ÄrzteschuleVgl. auch Rudolf Herzog: Koische Forschungen und Funde. Dieterich, Leipzig 1899, insbesondere S. 207. gemacht, auch wenn diese erst in hellenistischer Zeit in Erscheinung trat. Gleichwohl erinnert an ihn die Platane des Hippokrates in Kos-Stadt. Mit der Schrift Über die Natur des Menschen wurde die Lehre des Hippokrates ausgebaut, die Grundlage wurde für die Viersäftelehre in der dogmatischen MedizinPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 8–9 (Die Medizin unter dem Einfluß der aristotelischen Philosophie und Naturwissenschaft). der Antike und des Mittelalters.
Soranos überliefert, dass Hippokrates in Larisa im Alter von 85, 90, 104 oder 109 Jahren um die gleiche Zeit wie Demokrit gestorben und auf halber Strecke zwischen Larisa und Gyrton bestattet worden sei. Noch zu Soranos’ Zeit soll das Grab demnach bekannt gewesen sein. Im Jahr 1826 glaubte man es in der Nähe der thessalischen Stadt wiederentdeckt zu haben, weswegen man ihm dort ein Denkmal errichtete. Doch gibt es für die Identität des Grabes keine Anhaltspunkte.
Corpus Hippocraticum mini|Magni Hippocratis medicorum omnium facile principis, opera omnia quae extant, 1657|381x381px
Das Corpus Hippocraticum besteht aus etwa 70 (mindestens 60) Schriften, die zwischen dem 5. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. entstanden und von unterschiedlichen Personen verfasst wurden. Keines der (überwiegend zwischen etwa 430 und 350 v. Chr. entstandenen) Werke lässt sich mit Sicherheit dem historischen Arzt Hippokrates von Kos zuweisen, jedoch ist bei denjenigen, die sich in seine Lebzeit datieren lassen, die „Echtheit“ möglich und wird bis heute als „Hippokratische Frage“ oft diskutiert. Zu diesen zählen insbesondere die Epidemien I und III (entstanden wahrscheinlich um 410 v. Chr.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 195.), das PrognostikonVgl. etwa Karl Sudhoff: Die pseudohippokratische Krankheitsprognostik nach dem Auftreten von Hautausschlägen, „Secreta Hippocratis“ oder „Capsula eburnea“ benannt. In: Sudhoffs Archiv. Band 9, 1916, S. 79–116. und die Traktate Über die heilige Krankheit und De aëre aquis locis („Über die Umwelt“Hippokrates, Über die Umwelt (De aëre aquis locis). Hrsg. und übersetzt von Hans Diller. Berlin 1970 (= Corpus Medicorum Graecorum. Band I, 1,2).). Ebenso gelten auch die chirurgischen Abhandlungen De fracturis und De articulis als Werke des 5. Jahrhunderts v. Chr.
Die durchweg im ionischen Dialekt gehaltenen Texte des Corpus Hippocraticum – als Koer war die Muttersprache des Hippokrates das dorische Griechisch – handeln von einer Medizin, die auf vernunftgemäßer Naturbeobachtung basiert. Adressaten sind teils Ärzte, teils medizinische Laien. So geben einige Schriften in knapper, auflistender Form Therapieanweisungen, andere enthalten Aufzeichnungen von Krankengeschichten,Vgl. etwa Georg Sticker: Hippokrates, Der Volkskrankheiten erstes und drittes Buch (um das Jahr 434–430 v. Chr.). Aus dem Griechischen übersetzt, eingeleitet und erläutert. Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1923 (= Klassiker der Medizin. Band 28), S. 60–85 (Zweiundvierzig Krankengeschichten). die dem Arzt bei Diagnose und Prognose helfen sollen; manche von ihnen haben aufklärerischen oder polemischen Charakter.Carolin M. Oser-Grote: Aristoteles und das Corpus Hippocraticum. Die Anatomie und Physiologie des Menschen. Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-06823-6, S. 20 (Google Books)
Viele der Schriften erklären die Entstehung von Krankheiten aus dem Ungleichgewicht von Körpersäften (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) sowie als Verschiebungen in den Spannungszuständen der Gewebe.Erwin Heinz Ackerknecht: Kurze Geschichte der Psychiatrie. 2., verbesserte Auflage. Stuttgart 1967, S. 12. Als Therapiemaßnahmen wurden Lebensumstellung, Diät, BewegungstherapieArnd Krüger: Geschichte der Bewegungstherapie. In: Präventivmedizin. Springer Loseblatt Sammlung. Heidelberg 1999, 07.06, S. 1–22. verordnet, ArzneimittelVgl. Johann Heinrich Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, oder Versuch einer systematischen Aufzählung der in allen hippokratischen Schriften vorkommenden Medikamenten. Neue Akademische Buchhandlung von Karl Groos, Heidelberg 1824. gegeben und operativ eingegriffen. Der hippokratischen Säftelehre folgend wurden auch schädliche und überschüssige Säfte ausleitende Verfahren durchgeführt, etwa Aderlass, Schröpfen und die Verabreichung von Abführmitteln.
Nachwirken