mini|Helena und die Gräfin, Akt I, Szene iii, Aquarell von John Masey Wright
Ende gut, alles gut (frühneuenglisch All’s Well, that Ends Well) ist ein Stück von William Shakespeare, das vermutlich zwischen 1601 und 1603 entstanden ist. Als Lustspiel kann es nicht eindeutig der Gattung der Komödie zugeordnet werden und wird daher allgemein als problem play (Problemstück) oder als dark comedy (dunkle Komödie) bezeichnet. Die literarische Vorlage lieferte eine Novelle aus Boccaccios Decamerone (3. Tag, 9. Geschichte).
Handlung mini|Helena und Graf Bertram vor dem französischen König, Akt II, Szene iii, Ölgemälde von Francis Wheatley (1793) mini|Druckbild der Schlussszene von George Sigmund Facius, 1794
Helena, die verwaiste Tochter eines Arztes, ist das Mündel der Gräfin von Roussillon (Rossillion) und hat sich unsterblich in deren Sohn, den jungen Grafen Bertram, verliebt. Dieser aber fühlt sich ganz und gar nicht zu Helena hingezogen, die obendrein nicht adlig und damit für ihn ebenbürtig ist. Er verfolgt derzeit nur das Ziel, nach Paris zum Hofe des Königs von Frankreich zu gelangen, um diesem als Soldat in der Toskana zu dienen, und verlässt Roussillon. Helena macht sich nach seiner Abreise ebenfalls zum Hof des Königs in Paris auf.
Dort erklärt sie dem todkranken König, dass sie von ihrem Vater ein Heilmittel habe, durch welches der König geheilt werden könne. Der König lässt sich nach einigem Zögern auf einen Behandlungsversuch ein, zumal Helena als Pfand für einen Misserfolg den Verlust ihrer Ehre als Frau einsetzt. Er verfügt jedoch Helenas Tod als Strafe, falls die Behandlung fehlschlage. Helena verlangt daraufhin von ihm im Erfolgsfall als Belohnung, dass sie sich ihren Bräutigam aus dem Gefolge des Königs selbst aussuchen dürfe. Tatsächlich gelingt es Helena auf wundersame Weise, den sterbenskranken König zu heilen, und sie wählt Bertram als ihren Gemahl. Dieser hingegen sträubt sich zunächst gegen eine Eheschließung, mit der Begründung, Helena sei nicht von seinem Stande, muss sich jedoch schließlich dem Willen des Königs fügen und wird mit ihr verheiratet.
Wenn Bertram auch die Schließung der Ehe nicht vermeiden konnte, so will er doch wenigstens ihren Vollzug verhindern. Deshalb verlässt er heimlich das Land und zieht nach Italien in den Krieg. In einem Brief schreibt er Helena, dass er sie erst als Ehefrau anerkennen werde, wenn sie seinen Ring (ein kostbares Erbstück, das er am Finger hat) trägt und ein Kind vorweist, dessen Vater er ist, das heißt also überhaupt nicht.
Bertram zeichnet sich im florentinischen Kriegsdienst aus, während sein Freund und Begleiter Parolles, ein windiger Aufschneider, als Feigling und Verräter entlarvt wird. Helena, die in ihrer Heimat als tot gilt, folgt Bertram nach Florenz, und lebt im Hause einer Witwe, deren Tochter Diana von Bertram heiß umworben wird, der sie verführen und zu seiner Geliebten machen will.
Helena schmiedet nun gemeinsam mit Dianas Mutter einen Plan, um die Bedingungen ihrer Anerkennung als Ehefrau zu erfüllen: Diana soll sich von Bertram seinen Ring geben lassen für das Versprechen, sich nachts mit ihm in ihrem Schlafzimmer zu treffen; dort jedoch soll statt ihrer Helena auf ihn warten. Tatsächlich erhält Diana für die Zusage, dass Bertram in der Nacht in ihr Zimmer kommen darf, seinen Ring. Bei dem nächtlichen Zusammensein nimmt Helena dann wie geplant die Stelle Dianas ein und schläft mit Bertram, der die Täuschung nicht erkennt. Als Liebespfand schenkt sie Bertram einen Ring, den sie von dem König in Paris erhalten hat.
Als Bertram die Nachricht erhält, Helena sei in einem Kloster gestorben, kehrt er nach Frankreich zurück, um seine Verheiratung mit einer ebenbürtigen Frau zu betreiben. In Roussillon erlebt er jedoch eine Überraschung nach der anderen. Der König lässt ihn verhaften, da er den Ring, das königliche Geschenk an seine Heilerin Helena, in seinem Gewahrsam hat, die Herkunft aber nicht zufriedenstellend erklären kann. Anschließend wird er in Gegenwart des Königs mit Diana konfrontiert, der er in Florenz versprochen hatte, sie nach dem Tode seiner Ehefrau zu heiraten. Schließlich erscheinen auch Dianas Mutter und Helena, die ihm mitteilt, dass sie seine Bedingungen für ihre Anerkennung als Ehefrau nunmehr erfüllt: sie trägt seinen Ring und erwartet ein Kind von ihm. Bertram nimmt die Rolle des Ehemanns an und verspricht, Helena für immer und ewig von Herzen zu lieben.
Literarische Vorlagen und kulturelle Bezüge mini|Titelseite der englischen Druckausgabe von Boccaccios Decamerone, gedruckt von Isaac Jaggard 1620
Als Vorlage für die Dramenhandlung diente Shakespeare die Geschichte der Giletta von Narbonne in Giovanni Boccaccios Novellensammlung Decamerone (3. Tag, 9. Geschichte). In Boccaccios Erzählung sind die wundersame Heilung des Königs und der Tausch der Bettpartnerinnen die wesentlichen Handlungsmomente. Mit dem Motiv der magischen Heilung des kranken Königs, der verstoßenen Ehefrau und der Erfüllung einer scheinbar unlösbaren Aufgabe durch ein kluges Mädchen oder dem Sieg der Frauenlist über den Männerwillen greift Boccaccio dabei selber Motive und Elemente der mündlichen Erzähltradition auf, die in Märchen und Sagen in der ganzen Welt verbreitet sind.
Shakespeare kannte die Geschichte der Giletta von Narbonne entweder aus der englischen Übersetzung von William Painters The Palace of Pleasure (1566/67) oder aus der französischen Fassung des Antoine de Maçon, wie dies Namensformen wie Senois nahelegen. Anregungen für die Figur der heilkundigen Frau fand Shakespeare nicht nur in der elisabethanischen Realität, sondern möglicherweise auch in dem historischen Vorbild der Christine de Pizan, deren Geschichte 1489 von William Caxton, dem ersten englischen Buchdrucker, herausgegeben wurde.
Der Handlungsverlauf in Shakespeares Stück folgt weitgehend der Vorlage von Boccaccio ohne größere Änderungen, mit Ausnahme der Komplizierung und Zuspitzung des Schlussteils mit seiner Sequenz von überraschenden Wendungen. Während in der Quelle die Hauptfiguren, die Heldin, der Mann und der König einfache Märchenfiguren darstellen, werden sie in Shakespeares Werk zu komplexen und ambivalenten Charakteren erweitert. In Boccaccios Decamerone bleibt Beltramo weitgehend ohne Schuld; Shakespeare hingegen entwickelt seinen Protagonisten zu der Charakterstudie eines jungen Mannes, der sich immer tiefer in Fehler und Schuld verstrickt. In der Vorlage Boccaccios ist Giletta als reiche Erbin für Beltramo gesellschaftlich standesgemäß; als Frau weiß sie genau, was sie tut. Shakespeares Helena ist dagegen von niederer Herkunft, da Ärzte zu der Zeit kein hohes soziales Ansehen hatten. Im Haushalt der Gräfin von Roussillon nimmt sie eine eher dienerähnliche Stellung ein, wenngleich sie als Pflegetochter angenommen wird. Sie zeigt sich in Shakespeares Stück daher anfangs voller Demut; ihre Unternehmungen sind ein Wagnis mit ungewissem Ausgang. Sie ordnet ihren Verstand dem Gefühl der Liebe unter und wagt auf dieser Basis das scheinbar Unmögliche. Charaktere wie die alte Gräfin von Roussillon, der Miles Gloriosus Parolles und der erfahrene Hofmann Lafew (Lafeu) und der Narr Lavatch, die in der Handlung zwar keine wichtige Funktion haben, jedoch in den Dialogen eine größere Rolle spielen, werden als Figuren von Shakespeare neu geschaffen.Vgl. Ina Schabert: Shakespeare Handbuch. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 443. Siehe auch Ulrich Suerbaum: Der Shakespeare-Führer. 3. rev. Auflage. Reclam, Ditzingen 2015, ISBN 978-3-15-020395-8, S. 174 f. Vgl. ebenso Michael Dobson, Stanley Wells: The Oxford Companion to Shakespeare. Oxford University Press, 2001, 2. rev. Auflage 2015, ISBN 978-0-19-870873-5, S. 224. Siehe auch die Introduction von Jonathan Bates in der von Jonathan Bates und Eric Rasmussen hrsg. Ausgabe von William Shakespeare: All’s Well That Ends Well. The RSC Shakespeare, MacMillan Publishers, Houndsmills, Basingstoke 2011, ISBN 978-0-230-30092-7, S. 19. Vgl. ebenso die Introduction in Susan Snyder (Hrsg.): William Shakespeare: All’s Well That Ends Well. Oxford’s World Classics. Oxford University Press, Oxford 2008 (1993), ISBN 978-0-19-953712-9, S. 1–8.
Das Motiv des bed-trick, das sich bereits in Boccaccios Novelle findet und von Shakespeare auch in Measure for Measure genutzt wird, war nicht nur in der damaligen mündlichen Erzähltradition und der italienischen Novellenliteratur verbreitet, sondern hat seine Vorläufer schon im Alten Testament (Genesis 38) sowie im Amphitruo des römischen Dichters Plautus.Siehe Michael Dobson, Stanley Wells: The Oxford Companion to Shakespeare. Oxford University Press, 2001, 2. rev. Auflage 2015, ISBN 978-0-19-870873-5, S. 294.
Deutungsaspekte
Für eine Komödie nahezu gattungsverletzend wird All’s Well That Ends Well über weite Strecken von dem Motiv des Todes überschattet. Zu Beginn der eigentlichen Handlung sind die Väter von Helena und Bertram gerade verstorben; die Reise Bertrams an den Hof des Königs empfindet seine Mutter wie einen zweiten Gattenverlust. Für die handelnden Figuren steht auch das Dramenende im Schatten des vermeintlichen Todes von Helena, da nur die Zuschauer wissen, dass sie noch lebt. Durch diese Todesthematik macht Shakespeare Ende gut, alles gut offenkundig zu einer dark comedy.
Die Handlung des Stückes scheint aus zwei Teilen zu bestehen: Der wundersamen Heilung des Königs folgt die Erfüllung der von Bertram gestellten, anscheinend unlösbaren Aufgabe. Shakespeare stellt die Handlungseinheit dadurch sicher, dass Helena bereits zu Beginn in Bertram verliebt ist und nicht nur nach Paris zieht, um den König zu heilen, sondern ebenso, um in der Nähe Bertrams zu sein. Zunächst kann sie sich noch nicht sicher sein, dass ihr der König als Lohn für seine erfolgreiche Behandlung die Möglichkeit einräumen wird, sich einen Ehepartner ihrer Wahl auszusuchen. Shakespeare nutzt dabei die Inversion eines alten Märchenmotivs.
Nach der Wahl Bertrams als Ehegatten bleibt Helena die treibende Kraft, während Bertrams Rolle sich reaktiv auf Ablehnung und Flucht beschränkt. In dieser Hinsicht kann das dramatische Geschehen im Gegensatz zu früheren Komödien Shakespeares durchaus als einsträngig angesehen werden. Auch die Nebenhandlung der Entlarvung des Parolles erfolgt von den Offizieren ausdrücklich zum Zwecke der Aufklärung Bertrams über den wahren Charakter seines Begleiters. Die in anderen Komödien Shakespeares übliche begleitende Illustration der Haupthandlung durch Neben- oder Parallelhandlungen wird hier von Kommentatorfiguren wie dem König, Lafeu oder der Gräfin von Roussillon übernommen.Vgl. Ina Schabert: Shakespeare Handbuch. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 443 f.
Um Helena aufgrund ihrer dominanten Stellung als Heldin nicht dem Vorwurf des husband-hunting (dt. „Männerfangs“) auszusetzen, wird sie nicht nur als mutvoll und voller Eigeninitiative gezeichnet, sondern gleichermaßen als bescheiden, demütig oder respektvoll und lernwillig charakterisiert. Obwohl die Gräfin von Roussillon sie bereits zu Beginn des Stückes als Tochter adoptieren will und damit den Standesunterschied aufheben würde, ist Helena dennoch von Anfang an bewusst, dass trotz ihrer Liebe zu Bertram ihre niedere Herkunft ein Ehehindernis darstellt.
Sie behandelt den König, ohne vorab eine Belohnung zu verlangen, und setzt sogar als Pfand für einen möglichen Misserfolg ihr eigenes Leben und ihre Ehre als Frau ein. Aufgrund der Ernsthaftigkeit und Schwere des Leidens, das Shakespeare gegenüber seiner Vorlage intensiviert hat, wird die wundersame Heilung des todkranken Königs von allen Beteiligten als Werk des Himmels gesehen. Das bedeutet, dass Helena für die Wahl ihres Mannes nicht nur die königliche Erlaubnis, sondern auch die göttliche Zustimmung hat.