Die RSD-10 Pioner (, die US-amerikanische Bezeichnung lautet SS-20) war eine sowjetische mobile ballistische Mittelstreckenrakete zum Transport von nuklearen Sprengköpfen.
Sie wurde vom Moskauer Institut für Wärmetechnik (MIT) entwickelt und von den Strategischen Raketentruppen der Sowjetarmee betrieben. Das Raketensystem basiert auf der ersten erfolgreichen mobilen Interkontinentalrakete der Sowjetunion, der Temp-2S. Die Basisversion der Pioner wurde ab 1980 durch die Pioner-UTTCh mit erhöhter Reichweite und Zielgenauigkeit ersetzt. Die Pioner-Raketen waren Gegenstand großer politischer Auseinandersetzungen zwischen der NATO und der Sowjetunion; ihre Stationierung hatte den NATO-Doppelbeschluss zur Folge. Die Raketensysteme wurden unter dem 1987 geschlossenen INF-Vertrag bis zum Jahr 1989 ausgemustert und bis 1991 zerstört.
Bezeichnungen RSD-10 (; Transliteration raketa sredney dalnosti (RSD) „Pioner“; ) ist die bilaterale Vertragsbezeichnung für das Raketensystem. Der GRAU-Index für die Rakete lautet 15Sch45 (15Ж45), die Bezeichnung der US-amerikanischen Defense Intelligence Agency lautet SS-20 (dabei steht das Akronym für surface-to-surface „Boden-Boden“) und die NATO-Bezeichnung ist Saber.
Geschichte Anfang der 1970er Jahre beschloss die UdSSR ein Modernisierungsprogramm ihrer nuklearen Waffensysteme mit mittlerer Reichweite, das letztendlich zur Einführung des Tu-22M-Bombers und der RSD-10 Pioner führte. Für dieses Modernisierungsprogramm gab es mehrere Beweggründe. Zum einen erreichten die sowjetischen Mittelstreckenraketen der ersten Generation (die R-12 und R-14) das Ende ihrer Garantiezeit und mussten ohnehin ersetzt oder modernisiert werden. Des Weiteren hatte die Sowjetunion Ende der 1960er- bis Anfang der 1970er-Jahre zahlenmäßig mit den USA im Bereich von landgestützten Interkontinentalraketen und U-Boot-gestützten ballistischen Raketen (SLBM) die angestrebte Parität erreicht. Als nächsten Schritt wollte die UdSSR eine tiefe Parität erreichen, was bedeutete, nicht nur mit den strategischen Waffen der USA gleichzuziehen, sondern auch die in Europa von den USA, Frankreich und Großbritannien stationierten Waffen zu kontern. Eine weitere Rolle spielte der Anfang der 1970er-Jahre ausgehandelte SALT-I-Vertrag zwischen der UdSSR und den USA. Dieser legte unter anderem die maximale Anzahl der landgestützten Interkontinentalraketen beider Staaten fest. Bei den sowjetischen Raketentruppen war diese Rolle aber weniger klar definiert als in den USA, und viele Raketen, vor allem die UR-100, erfüllten eine Doppelrolle und waren sowohl gegen interkontinentale als auch kontinentale Ziele in Europa und Asien inklusive der Volksrepublik China gerichtet. Daher sollten die neuen Mittelstreckenwaffen auch die UR-100 in ihrer kontinentalen Rolle ablösen, um diese zukünftig für die interkontinentale Rolle freizuhalten. Der SALT-I-Vertrag hatte als weitere Konsequenz, die zumindest für den Umfang der RSD-10-Produktion mitverantwortlich war, das Verbot der Stationierung von mobilen Interkontinentalraketen wie der Temp-2S, auf der die RSD-10 basierte. Die Wotkinsker Maschinenbaufabrik, in der die Temp-2S produziert wurde, war zum Zeitpunkt des Abschlusses des SALT-I-Vertrages schon aufwändig für die Serienfertigung der neuen Interkontinentalrakete modernisiert und erweitert worden. Da diese nun gestrichen wurde, sollte die RSD-10 diese Produktionslücke füllen, um das Werk als wichtigster Arbeitgeber in Wotkinsk auszulasten.Steven J. Zaloga: The Kremlin’s Nuclear Sword: The Rise and Fall of Russia’s Strategic Nuclear Forces 1945–2000. Smithsonian Book, 2014. 171–173.
Die Entwicklung der RSD-10 Pioner wurde 1973 am Moskauer Institut für Wärmetechnik unter Leitung von Alexander Nadiradse begonnen. Die Flugerprobung begann auf dem Testgelände Kapustin Jar (damals 4. Staatliches zentrales interspezifisches Testgelände der Russischen Föderation) bei Snamensk (damals Kapustin Jar-1) am 21. September 1974 und wurde am 9. Januar 1976 beendet. Am 11. März 1976 wurden die RSD-10 in die Bewaffnung der Strategischen Raketentruppen aufgenommen und die ersten Raketen am 30. August 1976 in Kampfbereitschaft versetzt. Am 10. August 1979 wurde bereits mit der Flugerprobung einer modernisierten Variante Pioner UTTCh auf dem Testgelände Kapustin Jar begonnen. Das Testprogramm wurde am 14. August 1980 abgeschlossen. Die modernisierte Pioner-UTTCh wurde am 17. Dezember 1980 in die Bewaffnung der Strategischen Raketentruppen aufgenommen.Pavel Podvig: Russian Strategic Nuclear Forces. MIT Press, 2004. S. 224–226.
Die Stationierung der RSD-10 Pioner löste bei den NATO-Staaten große Besorgnis aus. Neben den Fähigkeiten gegen kontinentale Ziele in Europa waren vor allem die USA besorgt, dass die RSD-10 eine Ausbruchswaffe aus dem SALT-Vertrag sein könnte. Da die RSD-10 auf den ersten beiden Stufen der Temp-2S basiert, waren die USA beunruhigt, dass die RSD-10 im Krisenfall mit einer dritten Stufe nachgerüstet und so in eine Interkontinentalrakete umgewandelt werden könnte. Die UdSSR sicherte den USA zu, keine dritten Stufen für die RSD-10 zu produzieren oder zu lagern. Weiter befürchteten die USA, dass die RSD-10 auch in Sibirien bzw. in Russisch Fernost stationiert würden. Von dort konnten die RSD-10 wichtige U.S.-Stützpunkte auf Japan, Okinawa und Guam und verschiedene Radarstationen des Ballistic Missile Early Warning System (BMEWS) sowie die Radarstation Cobra Dane auf Shemya Island erreichen. Ebenfalls in Reichweite lagen so die großen Marinestützpunkte Bangor und San Diego sowie die Raketenbasen Malmstrom AFB, Minot AFB und Warren AFB.
Nach politischer Kontroverse wurde am 12. Dezember 1979 der NATO-Doppelbeschluss gefasst, um der neuen Bedrohung durch die RSD-10 Pioner gegen Ziele in Europa zu begegnen. Dieser bot der Sowjetunion Verhandlungen über die Limitierung der Mittelstreckenwaffen an, bei gleichzeitiger Modernisierung der NATO-Mittelstreckenwaffen in Europa. Dies führte Anfang der 1980er Jahre zu einer neuen Intensivierung des Kalten Krieges.
Am 8. Dezember 1987 unterzeichneten die damaligen Präsidenten Gorbatschow und Reagan den INF-Vertrag zwischen den USA und der UdSSR zur vollständigen Abrüstung ihrer boden-/landgestützten Nuklearraketen sowie Abschussvorrichtungen und deren Infrastruktur für kürzere (500 bis 1.000 km) und mittlere Reichweiten (1.000 bis 5.500 km), wonach die RSD-10-Systeme ausgemustert wurden. Insgesamt wurden bis 1986 441 Pioner-Systeme stationiert, bei Unterzeichnung des INF-Vertrags im Jahr 1987 waren noch 405 Systeme im Dienst. Im Rahmen des INF-Vertrages wurden 509 Startfahrzeuge und 654 Raketen vernichtet. Die Ausmusterung und Verschrottung fand zwischen 1988 und 1991 statt. 72 der Raketen wurden durch den Start vom Testgelände Kapustin Jar vernichtet, alle diese Flüge verliefen ohne eine Fehlfunktion. Die letzte RSD-10 wurde am 21. Mai 1991 vernichtet.
Technik mini|Einsatzbereite Startrampen Die Raketen waren auf den geländegängigen MAZ-547W-12×12-LKW platziert und wurden von diesem gestartet. Der Systemindex der Sowjetarmee für dieses Fahrzeug lautete 15U106. Jedes Fahrzeug war mit einem 15Ja107-Transport- und Abschussbehälter mit einer Rakete bestückt. Der LKW wurde von Minski Awtomobilny Sawod entwickelt und hatte eine Besatzung von drei Personen. Der LKW verfügte über eine Reifendruckregelanlage, ein Navigationssystem und ein Führerhaus mit ABC-Schutz.Rvsn.ruzhany.info: Ракетный комплекс РСД-10, «Пионер» (15Ж45, SS-20 Saber) An der Fahrzeugfront befindet sich der Motor mit dem Führerhaus. Als Motor kam ein luftgekühlter Dieselmotor mit 549 kW (746 PS) Leistung zum Einsatz. Unbeladen (ohne Rakete) hatte das Fahrzeug eine Länge von 15,48 m, eine Höhe von 2,84 m und war 3,16 m breit.Gruzovikpress.ru: Оруженосец ядерной дубины Unbeladen betrug das Fahrzeuggewicht rund 40,3 Tonnen. War das Fahrzeug mit dem Transport- und Abschussbehälter für die Rakete beladen, betrug die Länge 19,32 m und die Höhe 4,35 m.A. W. Karpenko; A. D. Popow; Ju. S. Solomonow; A. F. Utkin: Sowjetisch-Russische Strategische Raketenkomplexe. Elbe-Dnjepr-Verlag, 2006, ISBN 3-933395-79-8. S. 58–62. Das Fahrzeuggewicht stieg auf rund 85 Tonnen.Militaryrussia.ru: РСД-10 Пионер - SS-20 SABER Beladen betrug die maximale Fahrgeschwindigkeit rund 40 km/h. Vom Startfahrzeug konnten die Raketen direkt in der Basis, bei eingemessenen Geländepunkten entlang einer festgelegten Patrouillenroute oder von beliebigen Punkten im Gelände gestartet werden. Das Fahrzeug war mit allen nötigen Systemen ausgestattet, um die Rakete in andauernder Kampfbereitschaft zu halten, Startvorbereitungen zu treffen und sie abzufeuern. Nach dem Raketenstart konnte das Fahrzeug mit einer neuen Rakete beladen werden.
Die Raketen wurden in versiegelten 15Ja107-Transport- und Abschussbehältern aus dem Herstellungswerk geliefert. In der Raketengarnison wurden die Behälter auf die Start- und Transportfahrzeuge aufgesetzt. Der zylinderförmige Abschussbehälter hatte eine Länge von 19,32 m und einen Außendurchmesser von 2,14 m. Der Behälter schützte die Rakete vor Witterungseinflüssen und Beschädigung. Im Inneren des Behälters war eine elektrische Heizung installiert, die für eine optimale Temperatur zwischen 15 und 20 °C sorgte. Die RSD-10 war eine zweistufige Feststoffrakete. Die Stufen basierten auf der 1. und 2. Stufe der Temp-2S-Interkontinentalrakete. Im Gegensatz zur Temp-2S besaß die RSD-10 keine dritte Stufe, sondern nur einen Wiedereintrittskörperträger (englisch Post Boost Vehicle oder Bus), der für das Aussetzen der Gefechtsköpfe verantwortlich war. Die Stufen bestanden aus zwei Hauptantriebstufen mit Feststoff-Raketentriebwerken. Der Wiedereintrittskörperträger verfügte über vier kleine Feststoff-Raketentriebwerke zur Lageregelung. Die Antriebsstufen waren übereinander angebracht und zündeten der Reihe nach. Die Beplankung der beiden Stufen bestand aus einer Magnesiumlegierung sowie glasfaserverstärktem Kunststoff.Duncan Lennox: Jane’s Strategic Weapon Systems. Edition 2001, 34th edition Edition, Jane’s Information Group, 2001, ISBN 0-7106-0880-2. S. 562. Die erste Stufe hatte einen Durchmesser von 1.800 mm und wog 26,7 Tonnen. Zum Einsatz kam ein Einkammer-Feststoff-Triebwerk mit einer starr verbauten Düse. Die Brenndauer der ersten Stufe betrug 63 Sekunden. Am Heck der ersten Stufe waren zur Steuerung acht wabenförmige Gitterflossen (davon vier beweglich) angebracht.Missilery.info: Ракетный комплекс средней дальности РСД-10 Пионер (SS-20) Die zweite Stufe hatte einen Durchmesser von 1.470 mm und wog 8,6 Tonnen. Auch diese bestand aus einem Einkammer-Feststoff-Triebwerk mit einer starr verbauten Düse. Die Raketenspitze mit dem Wiedereintrittskörperträger verwendete keine Nutzlastverkleidung. An der Raketenspitze waren die drei MIRV-Gefechtsköpfe und die Lenkeinheit untergebracht. Diese bestand aus einem Trägheitsnavigationssystem, das mit einem Computer gekoppelt war. Für die Übermittlung der Kurskorrekturen verlief auf der Raketenaußenseite ein Kabelkanal zu den beiden Hauptantriebsstufen. Die Raketenspitze mit dem Wiedereintrittskörperträger und den Gefechtsköpfen wog je nach Ausführung 1.500–1.740 kg. mini|Eine der Hydraulikstützen