Der Kriminalroman (kurz Krimi) ist ein Genre der Literatur. Auch wenn die Ursprünge des Kriminalromans weiter zurückreichen, etablierte er sich erst im 19. Jahrhundert als eine literarische Gattung. Er thematisiert in der Regel ein Verbrechen, seine Verfolgung und Aufklärung durch die Polizei, einen Detektiv oder eine Privatperson. Der Schwerpunkt, Sicht- und Erzählweise einzelner Kriminalromane können sich erheblich unterscheiden. Das Genre teilt sich heute in zahlreiche Untergattungen auf und hat im Verlagsgeschäft erhebliche kommerzielle Bedeutung.
In der Literaturwissenschaft galten Krimis traditionell als gering geschätzte Trivialliteratur, die für ein breites und weniger anspruchsvolles Publikum geschrieben wurden. Mittlerweile ist der Kriminalroman eine anerkannte Literaturgattung, für die zahlreiche Literaturpreise vergeben werden: Dazu zählen in Amerika der Edgar Allan Poe Award, der Shamus Award und der Anthony Award, in Großbritannien die CWA Dagger Awards, in Frankreich der Grand prix de littérature policière, in Deutschland der Deutsche Krimi-Preis und der Glauser, in Skandinavien der Glasnyckel (schwed. für Glasschlüssel) sowie in Australien der Ned Kelly Award.
Definitionen des Kriminalromans Im literarischen Genre des Kriminalromans steht die Aufklärung eines Verbrechens im Mittelpunkt der Erzählung. Der Leser folgt der Ermittlerfigur bei ihren Versuchen, den Täter zu identifizieren. Das Täterrätsel, an dessen Lösung sich der Leser trotz aller falscher Fährten beteiligt, produziert die Neugier oder Spannung, die den Leser an die Erzählung bindet.
Nach Bertolt Brecht handelt „der Kriminalroman [...] vom logischen Denken und verlangt vom Leser logisches Denken. Er steht dem Kreuzworträtsel nahe.“ Er biete dem Leser eine Spannung, die sich durch diese geforderte Logik, durch die Bedeutung von Interessen als Motive und den Genuss, Menschen handelnd zu sehen, von anderer Literatur unterscheide. Das Aufspüren der Kausalität menschlicher Handlungen sei „die hauptsächlichste intellektuelle Vergnügung, die uns der Kriminalroman bietet“, der deshalb ein bestimmtes Grundschema aus von Ereignis, Beobachtung, Hypothese und Lösung einhalten und – bei aller Variation – auch wiederholen müsse.Bertolt Brecht: Über die Popularität des Kriminalromans, in: Jochen Vogt (Hrsg.): Der Kriminalroman: Poetik, Theorie. Geschichte, München: UTB 1998, ISBN 3-8252-8147-7, S. 33 f. und 36.
Für Patricia Highsmith, die „Meisterin des Psychothrillers“, habe jede Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Schluss „Spannung“, ein Thriller wegen der vorkommenden Gewalt und Gefahr besonders viel davon. Thriller lieferten Unterhaltung in meist „‘lebhaftem und oberflächlichem Sinne ... In einem Thriller erwartet man keine profunden Gedankengänge, keine langen Absätze ohne Action.‘“ Aber jede lebendige Story sei offen für „profunde Gedanken“, sofern der Autor das wolle.Gabriele Wolff: Das hässliche Entlein der Literatur? Warum der Krimi die Idealform des Gesellschaftsromans ist.
Für die mit dem Glauser-Krimi-Preis 2004 ausgezeichnete Autorin Gabriele Wolff ist der Gegenstand des Krimis eine „physische, potenzielle oder tatsächliche Gewalt, die sich im Rahmen einer Handlung, einer Geschichte mit Anfang, Mitte und Schluss, vollzieht, einer Geschichte, die wegen der existentiellen Bedrohung des Individuums Spannung generiert und hierdurch das Leserinteresse er- bzw. unterhält.“Gabriele Wolff: Das hässliche Entlein der Literatur? Warum der Krimi die Idealform des Gesellschaftsromans ist.
Hauptformen des Kriminalromans Thriller Die meisten Kriminalromane werden heute im Buchhandel als Thriller (von ‚mitreißen‘, ‚fesseln‘) gelabelt, in denen der oder die Ermittler selbst zum Ziel des Täters werden. Stellt der Detektiv im traditionellen Detektivroman, dem „Whodunit“ (siehe unten), eine unantastbare Person dar, wird im Thriller der Verfolger zum Verfolgten.Vgl. Paul G. Buchloh, Jens P. Becker: „The Golden Age of the Detective Novel“. In: dies.: Der Detektivroman. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2., überarbeitete Auflage, ISBN 3-534-05379-6, Darmstadt 1978, S. 78f. Neben die Lösung des Verbrechensrätsels tritt damit als „zweite Spannung“ die Bedrohung des Ermittlers.Das Thriller-Genre und seine Sub-Genres: Welche Unterschiede es gibt vom 18. März 2023 Münchner Merkur, abgerufen am 28. Juni 2023
„Am Anfang steht Normalität. Heile kleine Welt. Familie, Nachbarn, Freunde. Dann bricht etwas ein. Unheimlich, unerklärlich. Die Ordnung erodiert, und je weiter das Ganze voranschreitet, desto schlimmer wird es. Sicher geglaubte Strukturen zerfallen. Gewissheiten enden, Vertrautes wendet sich gegen uns. Thriller erzählen vom Kontrollverlust.“Frank Schätzing: Handeln in der Klimakrise. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021, ISBN 978-3-462-00201-0, S. 336 (einfachdieweltretten.com – Zitat von Seite 11 des Buches).
Im Psychothriller ist der Konflikt, der sich zwischen den Hauptfiguren entfaltet, eher geistig oder emotional als physisch. In vielen Psychothrillern ist das zentrale Thema des Films die Manipulation der Wahrnehmung der Hauptfigur, die erst spät oder gar nicht unterscheiden kann, was Wahrheit und was Täuschung ist. mini|Werbung auf einem englischen Intercity-Schnellzug für den neuesten Bond-Film Skyfall 2012 Der Politthriller unterscheidet sich vom klassischen Verbrechensthriller dadurch, dass Terrorismus, Spionage oder staatliche Institutionen oder deren Vertreter mit kriminellen Machenschaften in die Handlung verwickelt sind. Die dargestellten Ereignisse nehmen oft Bezug auf reale politische Ereignisse der Vergangenheit, verbinden sie aber mit fiktiven politischen Ereignissen, die in existierenden oder fiktiven Ländern platziert werden. Eine der erfolgreichsten Romanerfindungen in diesem Subgenre war James Bond (ab 1953), die Hauptfigur von Romanen und Kurzgeschichten des Autors Ian Fleming (1908–1964), die später verfilmt wurden. Im Laufe der Zeit entwickelte sich James Bond zu einer Ikone der Popkultur.
Das Subgenre des Technothrillers bewegt sich, wenn auch nicht immer, so doch häufig im Grenzbereich der Science-Fiction. Technothriller spielen in der Gegenwart mit einzelnen Innovationen, die über den bekannten Stand der Technik hinausgehen; bei größeren Schritten in eine mögliche oder fantastische Zukunft handelt es sich um Science-Fiction.John Clute, Peter Nicholls, David Langford: Technothriller. In: John Clute, Peter Nicholls: The Encyclopedia of Science Fiction. 3. Auflage (Online-Ausgabe), Version vom 14. September 2015.
Bekannte Vertreter des Thrillergenres sind Alfred Hitchcock mit Filmen wie Psycho oder die Autoren Tom Clancy, Patricia Highsmith, Matthew Reilly, Ken Follett sowie Dan Brown mit Illuminati und Sakrileg, das Autorengespann Douglas Preston & Lincoln Child, Scott McBain sowie Eric Ambler, der als einer der Mitbegründer des Genres gilt. Auch die Fernsehserie 24 gehört dem Thrillergenre an.
Als einer der wichtigsten Begründer des Thrillers gilt der Schotte John Buchan mit seinem 1915 veröffentlichten Spionageroman The Thirty-Nine Steps, der 1935 die Vorlage für die gleichnamige Verfilmung von Alfred Hitchcock lieferte.
Whodunit Die klassische Detektivgeschichte vor allem des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist ein Whodunit – die Bezeichnung ist eine Verballhornung des englischen „Who’s done it?“ (dt.: „Wer hat es getan?“). Nach der auf den ersten Seiten des Romans beschriebenen Entdeckung eines Verbrechens wird die Identifizierung des Täters zum zentralen Thema der Erzählung: „Aus Frage und Antwort besteht die Anatomie des Detektivromans.“ Die sich allmählich ergänzenden Antworten entlang des vorgebahnten Weges ermöglichen die „Emanzipation des Lesers vom Erzähler“, auch wenn das Rätsel erst ganz am Ende gelöst wird.Richard Alewyn: Anatomie des Detektivromans, in: Jochen Vogt (Hrsg.): Der Kriminalroman: Poetik, Theorie. Geschichte, München, S. 54 ff.mini|275px|Sherlock Holmes, Held einer Detektivserie von Arthur Conan Doyle, bespricht sich mit Dr. Watson. Beide sind typische Vertreter der Gattung.
Einer der Protagonisten des klassischen englischen Whodunit wurde Arthur Conan Doyle mit seinen Erzählungen über den Detektiv Sherlock Holmes (ab 1887). Holmes wurde zum „Inbegriff des Detektivs“ und mit seinem Habitus auch „ein perfektes optisches Klischee.“ Seine umfassende Kompetenz ist „eine Funktion seiner erhabenen Lebensferne“,Dieter Wellershoff: Vorübergehende Entwirklichung. Zur Theorie des Kriminalromans, in: Jochen Vogt (Hrsg.): Der Kriminalroman: Poetik, Theorie. Geschichte, München, S. 508. soziologisch ist Holmes immer ein Außenseiter, charakterologisch ein Exzentriker und erzähltechnisch bloße Funktion: der Mann, der die Fragen stellt und die Antworten findet.Richard Alewyn: Anatomie des Detektivromans, in: Jochen Vogt (Hrsg.): Der Kriminalroman: Poetik, Theorie. Geschichte, München, S. 60. Neben anderen Detektivfiguren sind vor allem Hercule Poirot (ab 1920) und Miss Marple (ab 1927) als Protagonisten zu erwähnen, beides Figuren der Autorin Agatha Christie.
Häufig begleitet den Detektiv bei seinen Ermittlungen eine sogenannte „Watsonfigur“ (wie Dr. Watson bei Doyle), die dem „genialen“ Ermittler seine Schlussfolgerungen und Gedankengänge im Dialog entlockt. Der Bypart kann auf verschiedenste Arten besetzt werden, er reicht vom bekannten Freund bei der Polizei, der Sekretärin, dem Spitzel an der Ecke, über Liebhaber, Kollegen und Freunde bis hin zum intelligenten Computer in neueren Krimis.
Zumindest die älteren Detektivromane vermitteln mit der Lösung des Verbrechensrätsels die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung, auf eine heile Welt, und verschweigen „die gesellschaftliche Mitverantwortung für das Verbrechen.“Ulrich Broich: Der entfesselte Detektivroman, in: Jochen Vogt (Hrsg.): Der Kriminalroman: Poetik, Theorie. Geschichte, München, S. 98 f. Ein typisches Setting hierfür ist das locked-room Mystery (verschlossener Raum), ein von der Außenwelt abgeschnittener Schauplatz mit einer begrenzten Zahl von Verdächtigen, die oft in verschiedenen Beziehungen zum Opfer stehen. Anfangs scheint der Fall unlösbar, da niemand ernsthaft verdächtigt ist, dann aber erkennt der Detektiv mehr und mehr Motive für das Verbrechen. Mit der Aufdeckung dieser "sekundären Geheimnisse" ist nach Auflösung des Falls die Welt „nicht mehr die gleiche, die sie war, bevor der Mord geschah.“Richard Alewyn: Anatomie des Detektivromans, in: Jochen Vogt (Hrsg.): Der Kriminalroman: Poetik, Theorie. Geschichte, München, S. 67. Zu den bekanntesten Autoren von locked-room Mysterys , einem Untergenres der Whodunits, zählen Edgar Allan Poe, Agatha Christie und John Dickson Carr.
Seit den 1930er-Jahren wurden Whodunits von den vor allem US-amerikanischen Hardboiled-Krimis verdrängt und überlebten danach vor allem in der Trivialliteratur und in Kinder- und Jugendbüchern wie denen von Wolfgang Ecke, der TKKG-Reihe oder der Reihe Die drei ???. Im postmodernen Roman wurde das Genre wiederbelebt, meist in ironisch gebrochenen Formen wie beispielsweise in Umberto Ecos Roman Der Name der Rose oder den unter dem Pseudonym Dan Kavanagh erschienenen Duffy-Krimis von Julian Barnes. Eine neue Blüte erfährt der Whodunit seit den 1980er Jahren im Asiatischen Raum durch die Japanische „Neue orthodoxe Schule“ (Shin Honkaku Ha). In Europa sind es Autoren wie Paul Halter und Rob Reef, die sich diesem Genre widmen.
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