mini|Eine Lackschilduhr aus Schwarzwälder Produktion
Die Uhrenproduktion im Schwarzwald hatte von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis ins späte 20. Jahrhundert weltweite Bedeutung. Preisgünstige Großuhren aus dem Schwarzwald wie Stand- und Wanduhren sowie Wecker dominierten den Absatz im Inland, aber auch den Export in alle Welt. Tragbare Uhren wie Taschen- und Armbanduhren spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle.
Zahlenmäßig spielen die im 20. Jahrhundert hergestellten Taschen- und Armbanduhren im Umkreis der Pforzheimer Schmuckindustrie sowie von traditionellen Großuhrproduzenten gegenüber der in diesem Bereich führenden Schweizer Uhrenindustrie nur eine untergeordnete Rolle. Deshalb wird im Folgenden nur die Entwicklung der Großuhrindustrie beschrieben. alternativtext=|mini|Lackschild-Uhr-Replikat von 1989
Geschichte Erste Anfänge und Entwicklung vor 1730 mini|Werkstätte eines Schwarzwälder „Musikuhrenmachers“ (1825)
Die Anfänge der Schwarzwälder Uhrmacherei liegen im Dunkeln. Zwar finden wir bei den frühen Chronisten der dortigen Uhrengeschichte, Pater Franz Steyrer (1796) und Pfarrer Markus Fidelius Jäck (1810), Namen und Wohnorte der ersten Uhrmacher im Schwarzwald, doch die Angaben der beiden sind widersprüchlich. Gesichert scheint, dass die ersten Schwarzwälder Holzuhren in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, entstanden. Die Uhrenherstellung konnte sich aber infolge erneuter kriegerischer Auseinandersetzungen erst ab etwa 1730 als eigenes Gewerbe in größerem Umfang etablieren.Helmut Kahlert: 300 Jahre Schwarzwälder Uhrenindustrie, 2. Auflage, Gernsbach 2007, S. 22–25.
Erfolgreiche Uhren aus Holz (1730 bis 1840) Im 18. und 19. Jahrhundert dominierte die Herstellung von Uhren aus Holz. Holz hatte man traditionell in vielen ländlichen Gegenden Mitteleuropas als Grundmaterial für den Uhrenbau verwendet. Das liegt wohl weniger an den technischen Möglichkeiten als an den rechtlichen Voraussetzungen: Die Anfertigung von Uhren aus Metall unterlag den Zunftregeln und war strikt auf die städtischen Uhrmacher beschränkt. Demgegenüber war die Holzuhrmacherei ein freies Gewerbe. Jedermann durfte Uhren aus Holz bauen. Es verwundert deshalb nicht, dass in Werkstätten von Holzhandwerkern die ersten Uhren im Schwarzwald entstanden.Berthold Schaaf: Holzräderuhren, München 1986, S. 9–14. Die früher genannten Gründe für das Entstehen der Uhrmacherei, die langen tristen Winterabende und der angebliche Tüftlergeist des Schwarzwaldes, sind folglich romantisch verklärte Wunschbilder.
Die Schwarzwälder Holzuhren waren weltweit erfolgreich. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen war Holz billiger und leichter zu bearbeiten als Metall, doch dieser Vorteil galt auch für andere Regionen, in denen Holzuhren gebaut wurden. Entscheidend für den Siegeszug der Schwarzwalduhren war ein weiterer Faktor: die Arbeitsteilung. Nicht mehr allein ein Uhrmacher war für die Entstehung der Uhren zuständig, sondern er bezog vorgefertigte Teile von Zulieferern. So gab es Gestellmacher, Gießereien für Glocken und Zahnradrohlinge, Kettenmacher, Schilderdreher und Schildermaler. Diese spezialisierten Handwerker entwickelten Maschinen und Werkzeuge, durch die Serien gleichartiger Rohlinge schnell und günstig hergestellt werden konnten. Diese Arbeitsteilung und neuartige Verfahren führten zu einer deutlich höheren Produktivität. Noch um 1750 brauchte ein Uhrmacher eine ganze Woche, um eine Uhr herzustellen. Dreißig Jahre später baute er eine Uhr pro Tag.Helmut Kahlert: 300 Jahre Schwarzwälder Uhrenindustrie, 2. Auflage, Gernsbach 2007, S. 59–70.
Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein entstanden die hölzernen Schwarzwalduhren in vielen kleinen Werkstätten, die Teil der Wohnhäuser waren. Fast jeder Inhaber beschäftigte einige Gesellen und Lehrlinge.
Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts kam es zu einer Stagnation in dieser Entwicklung. Trotz Verbesserungen in der Arbeitsteilung stieg mit den Produktionszahlen (150.000 Uhren um 1800) auch die Zahl der Beschäftigten. Um 1840 gab es im Gebiet zwischen Neustadt im Süden und St. Georgen im Norden etwa 1000 Uhrmacherhäuschen mit 5000 Beschäftigten. Jährlich entstanden etwa 600.000 Uhren aus Holz – ein Großteil der Weltproduktion.Helmut Kahlert: 300 Jahre Schwarzwälder Uhrenindustrie, 2. Auflage, Gernsbach 2007, S. 43. Im Vergleich mit anderen strukturschwachen Mittelgebirgsgegenden trat im Schwarzwald keine Massenarmut auf, daher galt das „Modell Schwarzwälder Uhrenproduktion“ unter Zeitgenossen als geglückt.Vom Hausgewerbe zur Uhrenfabrik. Romulus Kreuzer (1856) und Franz Reuleaux (1875) zur Lage der Schwarzwälder Uhrmacherei. Eingeleitet und kommentiert von Franz Herz und Helmut Kahlert, Furtwangen 1989, S. 7.
Durch das preisgünstige Material Holz, den Einsatz von Maschinen sowie die Arbeitsteilung erlangte die Schwarzwälder Hausindustrie die weltweite Preisführerschaft bei den Großuhren. Im 19. Jahrhundert war die Holzuhr mit dem bunt bemalten Uhrenschild aus dem Schwarzwald die preisgünstigste Uhr auf dem Weltmarkt.
hochkant|mini|„Uhrenträger“ und zwei Bäuerinnen in Triberger Tracht (um 1840) hochkant|mini|Schwarzwälder „Uhrenträger“ Vertrieb und Export der Schwarzwälder Holzuhren Neben der Uhrmacherei wurde im Schwarzwald die Glasmacherei betrieben und die Produkte durch sogenannte Glasträger im In- und Ausland vertrieben. Schon die ersten Schwarzwälder Uhrmacher nutzten die Vertriebswege der Glasindustrie und gaben ihre Erzeugnisse mit auf den Handel. Die Uhrenhändler schlossen sich in mehreren Gesellschaften zusammen. Erste Schwarzwälder Uhrenhändler erscheinen ab 1740. Sie ließen sich in fast allen Ländern Europas nieder.Berthold Schaaf: Schwarzwalduhren, Karlsruhe 2008, S. 126. Die Ware bezogen sie direkt aus dem Schwarzwald und lagerten sie zentral. Danach durchstreiften sie, mit einigen Uhren bepackt, die ländlichen Gebiete und Märkte. Dadurch trugen sie auch stark zur allgemeinen Verbreitung von Uhren bei, die Ware Uhr änderte ihren Charakter vom Luxusgut zum Alltagsgegenstand.Helmut Kahlert: 300 Jahre Schwarzwälder Uhrenindustrie, 2. Auflage, Gernsbach 2007, S. 114.
Die Uhrenhändler merkten sehr schnell, welche Uhrentypen sich in den unterschiedlichen Absatzmärkten besser verkauften als andere. So waren in England Uhren mit Datumsanzeige und Lackschilder mit wenig Verzierung beliebt. In Frankreich verkauften sich farbenprächtige Zifferblätter am besten. Und für den Mittelmeerraum wurden Uhren mit schwarzem Rand und landestypischen Motiven wie dem Stierkampf hergestellt.
Strukturwandel und Industrialisierung (1840 bis 1880) Hausuhrmacher und Kleinstwerkstätten, die immerhin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts um 15 Millionen Uhren gefertigt hatten, beklagten um 1840 ihre wirtschaftliche Lage und sahen die Ursachen in Zollerhöhungen und Handelsbeschränkungen. Außerdem waren viele von den örtlichen Großhändlern, den sogenannten „Packern“, abhängig, die ihnen die fertigen Uhren abnahmen und im Gegenzug Bestandteile und Dinge des täglichen Bedarfs lieferten – zu teils erhöhten Preisen, wie die Hausgewerbler klagten. Allerdings stagnierte auch die Uhrenentwicklung schon längere Zeit, und die bis dahin gut verkaufte Lackschilduhr genügte den Ansprüchen der Kunden nicht mehr. Neben dieses klassische Modell traten nun auch Schwarzwälder Bilderuhren (mit einem in Hinterglasmalerei mit Landschaften bemalten Zifferblatt), Rahmenuhren (deren Zifferblatt aus geprägtem Blech besteht), Uhren mit Schildern aus Porzellan oder Holzgehäusen im Stil des Historismus, die alle die üblichen Werke mit Holzplatinen erhielten.
Im Rahmen einer Strukturförderung gründete die badische Landesregierung im Jahr 1850 in Furtwangen die erste deutsche Uhrmacherschule (1850–1863), um den kleineren Handwerkern eine gute Ausbildung zu garantieren und damit die Absatzchancen zu steigern. Auch versuchte man dort, die Uhrmacher zu größerer Arbeitsteilung anzuleiten und eine gewisse Standardisierung von Maßen und Formen einzuführen. Doch gerade die Kleinuhrmacher nahmen die Schule nicht an.Helmut Kahlert: Die Großherzoglich-Badische Uhrenmacherschule zu Furtwangen 1850–1863, in: Ders.: "Dem Uhrenfreund zuliebe. Verstreute Beiträge zur Geschichte der Uhr, Hrsg. von Johannes Graf, Furtwangen 2012, S. 56–75.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es erste Anzeichen für einen Strukturwandel, dem ab 1880 ein rascher Übergang zur industriellen Uhrenherstellung folgte. In den Jahren ab 1850 entwickelten sich aus einigen Kleinbetrieben Unternehmensformen an der Schwelle zur Uhrenfabrik, überschaubare Uhrenwerkstätten mit Qualitätsbewusstsein, die zwischen 10 und 35 Personen beschäftigten. Bekannte Beispiele sind Johann Baptist Beha, Lorenz Bob oder Emilian Wehrle. Diese Unternehmer wurden tonangebend in den nach 1850 nach und nach gegründeten Gewerbevereinen und engagierten sich dort unter anderem für den Eisenbahnbau und einheitliche Arbeits- und Werkstattordnungen.
Die ersten eigentlichen Uhrenfabriken entstanden ebenfalls im badischen Teil des Schwarzwaldes. Dazu gehören die 1851 gegründete Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation Lenzkirch, oder L. Furtwängler Söhne in Furtwangen (gegr. 1868), die zunächst nach französischem Vorbild Tisch- und Wanduhren wie Regulatoren fertigten. Aber auch das Hausgewerbe spielte weiterhin – vor allem im Bereich der Bestandteilfertigung – eine gewisse Rolle.
Die Uhrenproduktion konzentrierte sich in der Folge um einige wenige Zentren. Noch vor dem beginnenden Eisenbahnzeitalter bestimmten Vorteile wie gute Verkehrsbedingungen und Wasserkraft die Standortwahl im badischen Teil des Schwarzwaldes. Die Städte St. Georgen, Triberg, Furtwangen, Titisee-Neustadt und Lenzkirch konnten davon profitieren und wuchsen. Ländliche Gewerbezentren wie zum Beispiel Eisenbach entwickeln sich wieder zurück.
Blütezeit der Uhrenindustrie (1880 bis 1914) Ab 1880 kam es zu einer Verlagerung in den württembergischen Teil des Schwarzwaldes und auf die benachbarte Hochebene Baar. Schramberg und Schwenningen entwickelten sich zu Weltzentren der Uhrenindustrie. Bekannte Namen in Schramberg waren Junghans und die Hamburg-Amerikanische Uhrenfabrik, in Schwenningen Kienzle und Mauthe. Schwenningen entwickelte sich mit Unternehmen wie der Württembergischen Uhrenfabrik Bürk oder ISGUS zum Produktionsmittelpunkt des Kontrolluhrenbaus. Die Kleinbetriebe verloren nun stark an Bedeutung.
Der wesentliche Grund für den rasanten Aufstieg der württembergischen Uhrenindustrie gegenüber dem traditionellen Herstellungsgebiet im badischen Teil des Schwarzwaldes ist in der fortschrittlichen Produktionsweise neuer Uhrenformen zu sehen. Der Wecker im Metallgehäuse entwickelte sich um 1900 zum „Paradepferd“ der Schwarzwälder Uhrenindustrie.
Hatten die ersten Uhrenhersteller im badischen Schwarzwald noch ganz darauf gesetzt, die handwerkliche Solidität traditioneller Uhrwerke durch Serienproduktion erschwinglich zu machen, so waren die Konstruktion der Wecker ganz auf die industrielle Massenproduktion nach amerikanischem Vorbild abgestellt. Diese neuartigen „Amerikaneruhren“ entstanden materialsparend auf Spezialmaschinen. Die Einzelteile waren für eine möglichst schnelle Montage optimiert. Das robuste Weckerwerk W10 von Junghans, Anfang der 1880er Jahre entwickelt, setzte dabei Maßstäbe. Es ermöglichte den Aufstieg von Junghans zur „größten Uhrenfabrik der Welt“, wie sich der Schramberger Hersteller nach 1900 selbst bezeichnete. Das Weckerwerk W10 wurde bis in die 1930er Jahre in riesigen Mengen produziert und von zahlreichen anderen Unternehmen im Schwarzwald nur geringfügig verändert nachgebaut.