mini|hochkant|Ein Demonstrant in den USA ruft zur Umkehr zu Jesus und zum Bibelstudium auf. Unter dem Begriff christlicher Fundamentalismus werden vorwiegend solche Denkrichtungen im Christentum verstanden, die sich ausdrücklich auf die Bibel als Fundament (Bibeltreue) und wörtlich inspiriertes Wort Gottes berufen. Unter dem Begriff kann auch kirchlicher Struktur-Fundamentalismus verstanden werden, vor allem mit Bezug zur katholischen Kirche.

Nicht behandelt wird in diesem Artikel der Fundamentalismus von christlichen Sondergruppen, zum Beispiel der des Mormonentums oder der Zeugen Jehovas.

Grundsätzliches Im Zentrum des christlichen Fundamentalismus steht „der Glaube an die absolute Irrtumslosigkeit der Bibel auf allen Gebieten (also nicht nur auf dem Gebiet der Religion, sondern auch in den Bereichen Geographie, Geschichte und Biologie)“.Kurt Remele: Katholischer Fundamentalismus. In: Clemens Six, Martin Riesebrodt, Siegfried Haas (Hrsg.): Religiöser Fundamentalismus. Vom Kolonialismus zur Globalisierung. StudienVerlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2004, ISBN 3-7065-4071-1, S. 53–68, hier: S. 55. Vertreter sehen die Grundlagen des Glaubens als etwas Gegebenes an, das nicht durch vernunftgeleitete Auseinandersetzung entdeckt oder entwickelt werden müsse, sondern das bekannt und zu verkünden sei.James Barr: Fundamentalismus. In: Evangelisches Kirchenlexikon. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1986, Band 3, Sp. 1404.

Meist stimmen Anhänger des christlichen Fundamentalismus mit konservativen, als biblisch verstandenen Werten bezüglich der Treue überein, was auch auf die Sexualethik seine Auswirkung hat, so etwa auf das Verständnis von Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe oder von Abtreibung. Homosexualität und gleichgeschlechtliche Partnerschaften werden von den christlichen Fundamentalisten wie von den Evangelikalen entschieden abgelehnt (vom Allianz-Evangelikalismus sind auch differenzierende Stellungnahmen bekannt).Schweizerische Evangelische Allianz, Wilf Gasser (Autor): ; sea dokumentation arbeitspapier Nr. 93; Zürich, 2009; zuletzt abgerufen am 20. Mai 2012 (pdf; 220 kB).

Die Evolutionstheorie wird in der Regel abgelehnt. Die Gegenmodelle sind auch als Kreationismus oder Intelligent Design bekannt.

Es gibt christlichen Fundamentalismus unterschiedlicher konfessioneller Ausprägung, unterscheidbar nach seiner Herkunft, seiner Entwicklung oder nach den jeweils für unverzichtbar erklärten Lehren. Charakteristisch für den konfessionell ausgeprägten Fundamentalismus ist die Abgrenzung gegenüber allen Strömungen, die die eigene Lehre nicht vollständig teilen – auch gegenüber anderen christlich-fundamentalistischen Gruppen. Das Außenbild und die Wahrnehmung des christlichen Fundamentalismus in der Fachliteratur und in der Presse ist sehr vielgestaltig.

Der Begriff Fundamentalismus ist nur selten eine Eigenbezeichnung. Meistens handelt es sich um die Sichtweise von Kritikern und Gegnern. So verstehen sich protestantische Fundamentalisten selber als „bibeltreu“. Nach dem evangelischen Theologen Christoph Urban handelt es sich um einen „Abgrenzungsbegriff“, mit dem der Sprecher in bestimmten Diskursen markiert, wo er „gefährliche Grenzen überschritten“ sieht. Urban benennt drei Diskurse: den modernitätstheoretischen Diskurs, der Fundamentalismus als Bejahung von Terrorismus oder anderen Formen von Gewalt identifiziert, als Ablehnung des religiös-weltanschaulichen Pluralismus und als Eintreten für eine Entdifferenzierung der Gesellschaft; außerdem wird Fundamentalismus hier als Ausdruck von Überforderung in der modernen Gesellschaft verstanden; den bibelhermeneutischen Diskurs, der dem Fundamentalismus ein schiefes Verständnis der Bibel und eine Ablehnung der historisch-kritischen Methode attestiert; den kirchenpolitischen, in dem es um das Verhältnis zu Evangelikalen, zu Pfingstlern und Charismatikern und schließlich Muslimen geht.Christoph Urban: Fundamentalismus. Ein Abgrenzungsbegriff in religionspolitischen Debatten. Springer VS, Wiesbaden 2019, das Zitat S. 1.

Protestantischer Fundamentalismus Der Protestantismus in den USA geriet nach dem Sezessionskrieg in eine Krise. Als Reaktion darauf wurden neue Ideen entwickelt, um mit den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen zurechtzukommen. Daraus ist der protestantische Fundamentalismus entstanden.Philipp Flammer: Lernen im protestantischen Fundamentalismus der USA von 1930 bis 1950. Verein Infosekta, Zürich 1995, S. 4 (pdf, 396 kB, abgerufen am 20. Mai 2012). Der Ursprung des Fundamentalismus-Begriffes liegt bei amerikanischen Zeitungsredaktionen und ihrer Wahrnehmung konservativ-protestantischer Kreise. Bereits 1878 wurde an der Niagara Creed-Konferenz von konservativ-protestantischen Theologen die göttliche Inspiration und damit verbundene Irrtumsfreiheit der Bibel bekannt und bekräftigt.David Jäggi: Fundamentalismus contra „Neo-Orthodoxie“. Francis Schaeffers theologische Prägung, sein Anliegen und die daraus resultierende Kritik an der Lehre von Karl Barth. Logos, Berlin 2013, ISBN 978-3-8325-3430-1, S. 48. Eigentlicher Auslöser war die zwischen 1910 und 1915 erschienene Schriftenserie The Fundamentals.The Fundamentals, A Testimony to the Truth, Vol. I–XII, Testimony Publishing Company Chicago s. a.Martin Riesebrodt: Information Nr. 102, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Stuttgart 1987, S. 2 (pdf, 140 kB, abgerufen am 20. Mai 2012). Die beiden Brüder Lyman (1840–1923) und Milton Stewart (1838–1923) waren nach einer Predigt in der Moody Memorial Church in Chicago, die gegen die zunehmende Kritik an der Bibel unter protestantischen Geistlichen gerichtet war, bewegt und wollten etwas dagegen tun.Stephan Holthaus: Fundamentalismus in Deutschland: Der Kampf um die Bibel im Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 1993. Von diesen Schriften wurden über drei Millionen Exemplare verteilt. Autoren waren verschiedene amerikanische Geistliche und der Schweizer Theologe Frédéric Bettex (1837–1915). In den Schriften wurden die Grundlehren des Apostolischen Glaubensbekenntnisses aus dem 5. Jahrhundert verteidigt, zu denen alle Kirchen weltweit über 1500 Jahre lang gestanden hätten. Die Schriften grenzten sich zudem gegen die Evolutionstheorie und verschiedene Sekten ab. Propagiert wurde auch der Dispensationalismus.Philipp Flammer: Lernen im protestantischen Fundamentalismus der USA von 1930 bis 1950. Verein Infosekta, Zürich 1995, S. 8 (pdf, 396 kB, abgerufen am 13. März 2012).

Auslöser der kritischen Betrachtung durch die Presse war die Bekämpfung der Evolutionstheorie. Dazu hat wesentlich der Scopes-Prozess von 1925 beigetragen. Als Folge dieses Prozesses war die Mehrheit der auflagenstarken Presse gegen die christlichen Positionen gerichtet. Dadurch wurde die Entflechtung zwischen konservativen und liberalen Christen gefördert.

Sowohl die protestantisch-fundamentalistisch wie auch die evangelikal geprägten Kirchen lehnen die liberale Theologie ab. Gute und sinnvolle Teilerkenntnisse der historisch-kritischen Methode werden besonders in der evangelikalen Tradition jedoch unangetastet gelassen, zum Beispiel Ergebnisse aus der formalen Textkritik an der Bibel.

Im deutschsprachigen Europa wurde die fundamentalistische Bewegung im Unterschied zu den USA nie stark. Dort ist die Geschichte anders verlaufen: Zwischen der pietistischen Bewegung und der neo-evangelikalen Bewegung gibt es viele verschiedene Zwischenformen. Der Neo-Calvinismus ist marginal, in seinen Bekenntnissen und Praktiken heterogen und von den anderen beiden Richtungen nur um Nuancen unterscheidbar.

Nach den Angaben der Autoren William MacDonald und Dean Sherman ist der Übergang zum Fundamentalismus auch bei der Charismatischen Bewegung bzw. Neocharismatischen Bewegung, je nach Hintergrund der Gruppe oder Gemeinde, fließend.Dean Sherman: Geistliche Kampfführung – Wie Christen siegreich leben. Wuppertal 1991.William MacDonald: Achte auf den Unterschied. Dillenburg 1975, S. 54 ff. Letztere betreiben umstrittene Praktiken wie „Geistheilungen“: Gläubigen wird suggeriert, dass der Geistliche in der Lage sei, Krankheiten durch Handauflegen oder Ähnliches zu heilen. Die brasilianische Sekte Deus é Amor wirbt beispielsweise mit Abbildungen von leeren Rollstühlen und suggeriert damit, dass durch ihre Hilfe Gelähmte wieder laufen lernen. In Afrika geben Prediger wie Chris Oyakhilome und T. B. Joshua gegenüber ihrer Anhängerschaft vor, durch Gottes Hilfe Krankheiten wie AIDS heilen zu können.

Verbreitet ist außerdem das von C. Peter Wagner entworfene Konzept der „Geistlichen Kriegsführung“, in welchem behauptet wird, dass die Welt durch „Dämonen“ besetzt sei und durch christliches Handeln gereinigt werden müsse. Als „dämonisch“ werden dabei oft den Veranstaltern politisch missliebige Orte, Handlungen oder Weltanschauungen gewählt. „Viele Gebetsinitiativen versprechen sich gesellschaftliche Veränderungen durch geistliches Bezwingen der Mächte, die ‚Böses‘ verursachen (zum Beispiel Homosexualität, Abtreibung, auch Pluralismus und Humanismus) und ein ‚In-Existenz-Beten‘ der von Gott gewollten Ordnung.“Handbuch Weltanschauungen, religiöse Gemeinschaften, Freikirchen. Gütersloh 2015, S. 233. Trotz der militanten Rhetorik handelt es sich bei der geistlichen Kriegsführung aber um friedliche Märsche oder Gebete, nicht um gewalttätige Ausschreitungen.

Ein Merkmal des radikalen Flügels des protestantischen Fundamentalismus ist die doppelte Trennung: Fundamentalisten lehnen nicht nur jede Zusammenarbeit mit Menschen ab, die aus ihrer Sicht falsche Lehren vertreten, sie lehnen auch die Zusammenarbeit mit aus ihrer Sicht rechtgläubigen Menschen ab, die ihrerseits mit Vertretern einer falschen Lehre zusammenarbeiten. Diese Rigidität führte später zur organisatorischen Entflechtung von separatistischen Fundamentalisten und gemäßigten Evangelikalen, die theologisch aber genauso in apostolischer Tradition im Sinne des apostolischen Glaubensbekenntnisses stehen.Eckhard J. Schnabel: Sind Evangelikale Fundamentalisten? R. Brockhaus, Wuppertal/Zürich 1995.

Die Auftrennung von radikalen, oft calvinistisch geprägten Fundamentalisten und gemäßigten Evangelikalen hatte auch innerkirchliche Folgen.Iain Murray: Evangelicalism divided. A Record of Crucial Change in the Years of 1950 to 2000. Banner of Truth, Edinburgh 2000. Die beiden Richtungen entflochten sich in den USA, teilweise auch anderswo, in einem über Jahrzehnte dauernden Prozess in unterschiedliche Kirchen und Kirchenbünde. Die christlichen Fundamentalisten in den USA gründeten 1941 den nationalen Dachverband ACCC, die Evangelikalen 1942 den Dachverband NAE. Die Fundamentalisten hatten das Motto „keine Zusammenarbeit und keine Kompromisse“, die Evangelikalen „Zusammenarbeit ohne Kompromisse“ in wichtigen Lehrfragen.Philipp Flammer: Lernen im protestantischen Fundamentalismus der USA von 1930 bis 1950. Verein Infosekta, Zürich 1995, S. 10 (pdf, 396 kB, abgerufen am: 13. März 2012).

Die Fundamentalisten sind kirchlich hierarchischer gegliedert, die Evangelikalen haben einen starken innerkirchlichen Pluralismus mit demokratisch geprägtem Laien-Priestertum und freier Meinungsäußerung, wobei es alle denkbaren Zwischenformen gibt. Die calvinistisch geprägten Christen innerhalb der radikalen Fundamentalisten der USA bezeichnen die Evangelikalen als Arminianer und ordnen sie aus ihrer Sicht damit der gleichen großen Denkfamilie zu, zu der auch die theologisch Liberalen gehören. Ein Beispiel: Die Zusammenarbeit des bekannten evangelikalen Evangelisten Billy Graham mit Katholiken, Orthodoxen und Vertretern der theologisch liberal geprägten Mainstream Churches hat zur Entflechtung zwischen Fundamentalisten und Evangelikalen beigetragen.Gregory Marsden: Fundamentalism and American Culture. Oxford University Press, 2006, S. XXXIV.