mini|Der Lotustempel in Delhi ist der meistbesuchte Sakralbau der Bahai. mini|Schrein des Bāb in Haifa mini|Schrein Bahāʾullāhs in Westgaliläa. Die Schreine der beiden Religionsstifter (siehe oben) sind die wichtigsten Pilgerstätten der Bahai und gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Das Bahaitum (auch Bahaismus oder Bahai-Religion) ist eine weltweit verbreitete und universale Religion, die von Bahāʾullāh Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet wurde. Bahāʾullāh ruft dazu auf, die Erde als „nur ein Land und alle Menschen [als] seine Bürger“ zu betrachten. Der tiefgreifende gesellschaftliche Wandel, den die Umsetzung dieses Prinzips der Einheit der Menschheit in ihrer Vielfalt erfordere, werde auf Grundlage der Lehren Bahāʾullāhs möglich. Diese vermitteln unter anderem den Glauben an einen allwissenden und allliebenden Gott, dessen Wesen für den Menschen jedoch unergründlich ist. Die Stifter der Weltreligionen, wie Mose, Jesus Christus, Mohammed oder zuletzt Bahāʾullāh selbst, werden als Boten desselben Gottes angesehen. Durch deren Wirken werde die Entwicklung der Menschheit entsprechend den Nöten der jeweiligen Zeit gefördert.

Geschichte Die Geschichte des Bahai-Glaubens begann in Iran mit dem Wirken Bahāʾullāhs (1817–1892) und seines Vorläufers, des Bāb (1819–1850). Beide erklärten, Boten Gottes zu sein. Die Nachfolge Bahāʾullāhs als Oberhaupt der Religion ging auf Basis seiner Vorgaben zunächst auf seinen (ältesten) Sohn ʿAbdul-Bahāʾ (1844–1921), von diesem auf dessen (ältesten) Enkel Shoghi Effendi (1897–1957) und schließlich (seit 1963) auf ein international gewähltes Gremium, das Universale Haus der Gerechtigkeit, über.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 1–6

Der Bāb

mini|Dass sich die Grabstätte des aus Shiraz (Iran) stammenden Bāb heute in Haifa (Israel) befindet, hat historische Gründe.

Der Bāb (arabisch für „das Tor“, mit bürgerlichem Namen Siyyid ʿAli Muhammad Schirāzi) wurde am 20. Oktober 1819 in Schiras, Iran, geboren. Am 22. Mai 1844 verkündete er dort erstmals, Träger einer Offenbarung Gottes zu sein.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 55–56 Er sprach in seinen Schriften vom Anbruch eines Zeitalters des weltweiten Friedens und der Gerechtigkeit, das durch das kurz bevorstehende Auftreten des Verheißenen aller Religionen – „Dessen, den Gott offenbaren wird“Báb: Eine Auswahl aus seinen Schriften. Baháʾí-Verl., Hofheim-Langenhain 1991, ISBN 978-3-87037-247-7. 6:7:1 – eingeleitet werde. Seine erklärte Absicht war, den Weg für diesen verheißenen Gottesboten zu bereiten. Er widmete sich unter anderem der Stärkung der gesellschaftlichen Stellung von Frauen und der geistigen Ermächtigung benachteiligter Bevölkerungsgruppen.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 77–79

Dass die Lehre des Bāb einen Bruch mit den religiösen und sozialen Traditionen des Islam darstellte, wurde bei einer Versammlung einiger seiner Anhänger im Juni 1848 im Dorf Badascht offenkundig. Die Dichterin und Gelehrte Tahere demonstrierte die Unabhängigkeit der neuen Religion, indem sie während dieser Konferenz ohne Verschleierung erschien.Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin, Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0. S. 158–159 Abbas Amanat: Qurrat al-'Ayn: The Remover of the Veil. In: Resurrection and Renewal. The Making of the Babi Movement in Iran, 1844–1850. Kap. 7.

Innerhalb weniger Jahre schlossen sich bis zu 100.000 Personen der Bābī-Bewegung an.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 77–79Abbas Amanat: . Cornell University Press, Ithaca/London 1988, ISBN 0-8014-2098-9. Die religiöse und politische Führung des Iran reagierte darauf mit brutaler Repression, im Zuge derer Tausende gefoltert und ermordet wurden. Der Bāb selbst wurde verhaftet, wiederholt innerhalb des Landes verbannt und am 9. Juli 1850 in Täbris von einem Soldatenregiment vor einigen tausend Zuschauern erschossen.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 84–85Gunnar Heinsohn: Lexikon der Völkermorde. Rowohlt, 1998, ISBN 3-499-22338-4, S. 87.

Für die Bābī war die Hinrichtung des Bāb, gemeinsam mit dem gewaltsamen Tod der meisten seiner angesehensten Unterstützer, ein verheerender Schlag, der sie ohne moralische Führungsinstanz überwiegend zerstreut und demoralisiert zurückließ.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 88 Der jüngere Halbbruder Bahāʾullāhs, Mirzā Yahyā (auch bekannt als Subh-e Azal), war vom Bāb eingesetzt worden, bis zum kurz bevorstehenden Auftreten des Verheißenen der Gemeinde nominell vorzustehen. Einer tatsächlichen Führungsrolle war er jedoch nicht gewachsen.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 86 Später sollte Yahya den Anspruch Bahāʾullāhs, dieser vom Bāb angekündigte Bote Gottes zu sein, nicht anerkennen, sondern sich gegen seinen Bruder und dessen Anhänger wenden.Moojan Momen: Baha'u'llah. A Short Biography. Oneworld Publications, New York 2014, ISBN 978-1-78074-668-5. S. 79–85

Bahāʾullāh

mini|Bahāʾullāhs Verbannungsweg

Bahāʾullāh (arabisch für „Herrlichkeit Gottes“, mit bürgerlichem Namen Mirzā Husain-ʿAli Nuri) wurde am 12. November 1817 in Teheran, Iran, geboren. 1844 nahm er die Religion des Bāb an und begann, diese zu fördern. Bei der Versammlung in Badascht spielte er eine zentrale Rolle, um die Unabhängigkeit des Bābī-Glaubens zu bekräftigen. Nach der Hinrichtung des Bāb wurde er verstärkt als führender Vertreter der Gemeinde wahrgenommen.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 81–82Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 73Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin, Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0. S. 158–159 1852 wurde Bahāʾullāh fälschlicherweise der Mittäterschaft am Attentat auf den Schah angeklagt und in einem berüchtigten Verlies, dem Siyāh-Tschāl („Schwarzes Loch“), eingekerkert und in schwere Ketten gelegt. Später berichtete Bahāʾullāh, dort den Beginn seiner göttlichen Offenbarung erfahren zu haben:Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 73Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 88–89Manfred Hutter: Handbuch Bahāʼī. Geschichte, Theologie, Gesellschaftsbezug. W. Kohlhammer, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-17-019421-2. S. 32.

Bagdad, Istanbul und Edirne Nach vier Monaten der Einkerkerung wurde Bahāʾullāh, mittlerweile schwer erkrankt, nach Bagdad verbannt und kam dort am 8. April 1853 an.Moojan Momen: Baha'u'llah. A Short Biography. Oneworld Publications, New York 2014, ISBN 978-1-78074-668-5. S. 42–44.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 74. In Bagdad wandte sich die Bābī-Gemeinde zunehmend Bahāʾullāh zu, der nun begann, sie moralisch und organisatorisch zu stärken. Um einen in der Gemeinde angestachelten Streit zu beenden, verließ Bahāʾullāh Bagdad am 10. April 1854 und zog sich für eine Zeit des Gebets und der Meditation ins Bergland der kurdischen Provinz Silêmanî zurück.Manfred Hutter: Handbuch Bahāʼī. Geschichte, Theologie, Gesellschaftsbezug. W. Kohlhammer, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-17-019421-2. S. 33.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 16–17, 74.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith, Violence, and Non-violence. Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom, New York, NY 2020, ISBN 1-108-70627-4. S. 9. Am 19. März 1856 kehrte er nach Bitten seiner Anhänger zurück. Durch seinen Einsatz für den Aufbau der Bābī-Gemeinde gewann er wiederum an Ansehen.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 90–92.Moojan Momen: Baha'u'llah. A Short Biography. Oneworld Publications, New York 2014, ISBN 978-1-78074-668-5. S. 44–56.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 74.Fereydun Vahman: Baha’ismus. In: Gerhard Krause und Gerhard Müller (Hrsg.). Theologische Realenzyklopädie. W. de Gruyter, Berlin, New York 1980, ISBN 3-11-007739-6, S. 115–132. Um Bahāʾullāhs Einfluss einzudämmen, bewog Nāser ad-Din Schāh den osmanischen Sultan Abdülaziz dazu, Bahāʾullāh nach Istanbul zu beordern.Moojan Momen: Baha'u'llah. A Short Biography. Oneworld Publications, New York 2014, ISBN 978-1-78074-668-5. S. 56–62.

Aus der Zeit in Bagdad stammen wichtige mystische Werke Bahāʾullāhs, wie die Sieben Täler oder die Verborgenen Worte, sowie das Buch der Gewissheit (Kitab-i-Iqan). Mit letzterem führt Bahāʾullāh unter anderem seine Lehre von der Einzigkeit Gottes, der Einheit seiner Propheten, der Kontinuität göttlicher Offenbarung sowie von der Relativität religiöser Wahrheit aus.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 90–93.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 80–82, 203–204.

mini|Istanbul 1868

Unmittelbar vor seiner Weiterverbannung verbrachte Bahāʾullāh gemeinsam mit ausgewählten Begleitern und Anhängern ab dem 21. April 1863 zwölf Tage am Ufer des Tigris in einem Garten, den er Ridvān („Paradies“) nannte. Dort erklärte Bahāʾullāh, der vom Bāb Verheißene zu sein – der Bote Gottes für die heutige Zeit.Moojan Momen: Baha'u'llah. A Short Biography. Oneworld Publications, New York 2014, ISBN 978-1-78074-668-5. S. 65–70.Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin, Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0. S. 159–160.Robert H. Stockman: Bahá'í Faith. A guide for the perplexed. Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4411-8781-9. S. 92–93.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1, S. 297.