mini|250px|Joseph Meyer (Gemälde, ca. 1840)
Carl Joseph Meyer (geboren am 9. Mai 1796 in Gotha; gestorben am 27. Juni 1856 in Hildburghausen) war ein deutscher Kaufmann, Industrieller, Publizist und Verleger. Er gründete das Bibliographische Institut.
Leben mini|Geburtshaus von Joseph Meyer (Querstraße 5 in Gotha) mini|Joseph Meyer (nach einem Foto gestochen von G. Wolf, ca. 1840) mini|Joseph Meyer (Ölgemälde von Gerhard Renner (1990) nach einer Daguerreotypie um 1850)
Herkunft und Kindheit Die Vorfahren Joseph Meyers väterlicherseits sind hauptberuflich Handwerker gewesen: Büttner, Zimmerleute und Schuhmacher. Der Vater, Johann Nicolaus Meyer, 1759 in Rügheim geboren, suchte sich um 1780 ein Wirkungsfeld als Schuhmacher in Gotha und weitete sein Unternehmen zu einer industriellen Fertigung aus. Die Mutter Joseph Meyers, Maria Juliane, geborene Leinhos, war Tochter eines Strumpfwirkers in Gotha.
Joseph verlebte seine Kindheit zusammen mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder August in einem kleinen Haus in der Stadtmitte Gothas, wo der Vater im Erdgeschoss seine Schuhmacherwerkstatt betrieb. Er wuchs in einfachen, aber nicht armen Verhältnissen auf. Der Vater schickte beide Söhne auf das renommierte Gothaer Gymnasium Illustre. Joseph sollte später das väterliche Geschäft übernehmen, August sollte ein theologisches Studium ermöglicht werden. Am Gymnasium fiel Joseph durch sein ungestümes Wesen auf. Als er seinen jüngeren Bruder rächen wollte, fügte er dem Kontrahenten einen gebrochenen Arm bei und wurde 1807 der Schule verwiesen – mit der Beurteilung: „Aus dem Jungen wird sein Lebtag nichts.“
Die Eltern schickten den inzwischen Elfjährigen in die kleine Gemeinde Weilar in der Rhön (damals Herzogtum Sachsen-Weimar) zum Pfarrer und Schulinspektor Salomo Grobe, der dort ein Schulpensionat nach philanthropischen Grundsätzen leitete. Hier wurde Joseph nach humanistischen, progressiven und liberalen Wertvorstellungen erzogen.
Die frühen Jahre Ausbildung zum Kaufmann Noch nicht vierzehn Jahre alt, begann für Joseph Meyer im Jahre 1809 die Lehre zum Kaufmann. Die Ausbildung nahm er bei einem Geschäftsfreund des Vaters in einer Kolonialwarenhandlung in Frankfurt am Main auf. Die harte Arbeitswoche von manchmal über achtzig Stunden hielt ihn jedoch nicht davon ab, die Wochenenden für seine Bildung zu verwenden. Hier zeigten sich schon früh sein Ehrgeiz und der unbändige Wille zum Lernen und zur Arbeit an sich.
Nach dem Ende der Ausbildung 1813 kehrte Meyer nach Gotha zurück. Er erlebte den Abzug der napoleonischen Truppen und erwartete wie viele andere Deutsche vom Wiener Kongress positive Ergebnisse für die Völker Europas. In Gotha hatte der Vater sein Geschäft inzwischen erheblich vergrößert. Doch Meyers jugendlicher Tatendrang war mit der Arbeit im väterlichen Geschäft keinesfalls befriedigt.
Aufenthalt in London Auf den Siebzehnjährigen wurde schließlich Ernst Wilhelm Arnoldi aufmerksam, der später die „Gothaer Feuerversicherungsbank“ und die „Gothaer Lebensversicherungsbank“ gründete. Arnoldi förderte Meyer in seinen Bestrebungen, eine Kontorstelle in einem großen Handelshaus zu erringen. Durch Arnoldis Vermittlung wurde Meyer dem Herzog August von Sachsen-Gotha vorgestellt. Er erwarb sich die Sympathien des Landesfürsten, der sich für die Pläne des jungen Mannes interessierte. Meyer erhielt eine Volontärstelle bei dem Londoner Ex- und Importgeschäft von „Eybe und Schmaeck“ und wurde vom Herzog beauftragt, aus den Versteigerungen der Ostindischen Kompanie Seltenheiten für dessen orientalisches Kabinett zu erwerben. Im Sommer 1817 begann er seine Tätigkeit in London.
In London beschritt er den Weg des kapitalistischen Großkaufmanns. Sein Wirken war vor allem auf Spekulationsgeschäfte ausgerichtet. In seiner besten Zeit verfügte Meyer über etwa 100.000 Taler, verlor aber alles bei einer Kaffeespekulation und trieb sein Unternehmen in den Bankrott. Völlig ruiniert floh er 1820 aus London, um dem Schuldturm zu entkommen. Herzog August war ebenfalls in finanzielle Bedrängnis geraten, nicht zuletzt durch das Versagen Meyers in London. Der Herzog zog das Vermögen von Meyers Vater ein, dieser starb 1823, ohne seinen Sohn je wiedergesehen zu haben.
Der Jungunternehmer in Thüringen Joseph Meyer ging 1820 wiederum nach Weilar zu Salomo Grobe, wo er Unterricht in den neueren Sprachen erteilte. Hier erwachte seine Liebe zu der 16-jährigen Tochter des Pfarrers und Freundes, Hermine „Minna“ Grobe. Im Herbst 1820 wurde die Verlobung gefeiert. Salomo Grobe wurde im selben Jahr in das Pfarramt Maßbach berufen. Meyer blieb in Weilar und befreundete sich mit Christoph Freiherr von Boyneburg-Lengsfeld, mit dem er 1821 die „Freiherrlich von Boyneburgische Gewerbs- und Hülfsanstalt“ gründete. Boyneburg streckte das Geld vor und überließ Meyer die Unternehmensführung. Meyer förderte die ortsansässige Garnbleiche und Färberei und versuchte hier industrielle Strukturen einzuführen. Doch erneut verstrickte er sich in Spekulationsgeschäfte und fuhr hohe Verluste ein. Zudem erkrankte der Großteil der Arbeiter 1822 an den eingesetzten Chemikalien. Boyneburg griff ein und gestattete Meyer die Weiterführung des Unternehmens bis zur Tilgung der Schulden. Als dies 1824 geschafft war, löste Boyneburg die Fabrik auf.
Meyer kehrte zum zweiten Mal gescheitert 1824 nach Gotha zurück. Er entschloss sich, den Beruf des Literaten auszuüben. Schon vorher hatten sich seine schriftstellerischen Fähigkeiten gezeigt. Bekannt geworden waren vor allem seine volkswirtschaftliche Studie Über Papiergeld (1823), in der er sich in die Debatte über die Einführung des Papiergeldes im Herzogtum Sachsen-Weimar einmischte, als deren Hauptgegner Johann Wolfgang von Goethe aufgetreten war. In der Henningschen Buchhandlung in Gotha wurde er schließlich aufgrund seiner unternehmerischen Erfahrungen und Englischkenntnisse angestellt und mit der Herausgabe eines laut Hohlfeld bereits 1818 geplanten Korrespondenzblattes für KaufleuteCorrespondenzblatt für Kaufleute. Wöchentlicher Bericht von London, Amsterdam, Hamburg, Paris, Berlin etc. über Waaren-, Staatspapier-, Geld- und Wechsel-Handel. beauftragt, das ab dem 1. Mai 1824 wöchentlich erschien und ein großer Erfolg wurde. Für das Korrespondenzblatt veranstaltete Meyer deutsch-englische Übersetzungen von Werken Shakespeares und Scotts.Rolf Engelsing: Ein bibliographischer Plan aus dem Jahr 1826. 1968, S. 2869. Die Herausgabe der Shakespeare-Ausgaben als Serie bereitete allerdings Schwierigkeiten, da Meyers Übersetzungen kritisiert wurden.
Das Bibliographische Institut mini|Gedenktafel am ehemaligen Standort des Bibliographischen Instituts in Hildburghausen mini|Ehemaliger Verlagssitz des Bibliographischen Instituts (Obere Marktstraße 44, Hildburghausen) mini|Joseph-Meyer-Denkmal in Hildburghausen (von Harald Stieding nach einem Entwurf von Joachim Matz)
Die Geburt des Sohnes hatte Meyer beflügelt, ein eigenes Verlagsunternehmen zu gründen. Am 1. August 1826 wurde das Bibliographische Institut in Gotha eröffnet. Eigentümerin war Hermine Meyer; Joseph Meyer begnügte sich mit der Bezeichnung Geschäftsführer. Seine gescheiterten Spekulationsgeschäfte hatten ihn vorsichtig gemacht und er wollte mit diesem Schritt seiner Familie Sicherheit bieten.
Meyer zählte zu den Kämpfern, die dem Volke eine universelle Bildung ermöglichen wollten. Er betrachtete den aktiven bürgerlichen Menschen als jenen, der den feudalstaatlichen Hemmnissen entgegentrat und diese beseitigen konnte. Gemeint waren damit jene Hemmnisse, die der raschen Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise entgegenstanden.
1826 gab er die Bibliothek der deutschen Klassiker heraus (150 Bändchen), zu bis dahin kaum erreicht niedrigen Preisen und mit hohen Absatzzahlen. Kurz darauf folgte eine ebenso erfolgreiche Atlanten-Serie. Als einer der ersten Verleger in Deutschland verkaufte Meyer seine Bücher über das Subskriptionsverfahren.
Bald erkannte Meyer, dass das Unternehmen in Gotha zu klein war für seine weitschweifenden Pläne. Er plante dem eigentlichen Verlag einen technischen Betrieb mit Druckerei und Buchbinderei anzufügen und schaute sich nach geeigneten Gebäuden um. Der Kaufmann Johann Erdmann Scheller aus Hildburghausen, der sich als Teilhaber angeboten hatte, verhandelte mit dem Herzog von Sachsen-Meiningen und seiner Regierung. Meyer schrieb am 30. Oktober 1828 an den Meininger Herzog, dass sein Institut mit Sicherheit ein Unternehmen mit Weltgeltung werden könne. Bernhard II. gehörte zu den Fürsten, die progressiven Strömungen im Kultur- und Geistesleben aufgeschlossen gegenüberstanden. Der Regierungsrat Schenk konnte schließlich den Vertrag „Se. Herzoglichen Durchlaucht“ mit „Frau Minna Meyer“ abschließen.
Das Bibliographische Institut siedelte im Dezember 1828 nach Hildburghausen und bezog das damals so genannte Brunnquellsche Palais. Meyer verlegte hier die Cabinettsbibliothek und die Miniaturbibliothek der deutschen Klassiker. Hier erfuhr auch die dritte Ausgabe der billigsten Klassiker-Hefte in den Jahren 1848–1854 eine einzigartige Neuauflage, deren politische Bedeutung unter dem Eindruck der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49 nicht von der Hand zu weisen ist. Diese dritte Ausgabe der billigen Reihe erschien unter dem Namen Meyers Groschenbibliothek (in 365 Bändchen). Die Ankündigung erfolgte unter der Losung „Bildung macht frei“. Diese Losung blieb für viele Jahrzehnte der Wahlspruch des Bibliographischen Institutes.
Meyers Verlegertätigkeit imponiert durch weitere bedeutende und bahnbrechende Leistungen: Einführung des Zweispaltensystems – welches bei der Herausgabe der Meyerschen Lexika für erheblichere Übersichtlichkeit sorgte und Stichworte leichter zu finden waren. Reiche Illustrierung – vor allem im Meyers Universum wurden zahlreiche Stahl- und Kupferstiche verwendet, Kenner hielten das Bibliographische Institut auch für einen Kunstverlag. Einführung der Subskription – der finanzielle Vorteil, dass der Käufer beim Erwerb eines Bandes gleich den nächsten zu bezahlen hatte, sicherte die Herstellungskosten.
Das Unternehmen wurde außerordentlich erfolgreich; Hauptfilialen in Amsterdam, New York und Philadelphia wurden eingerichtet. Meyers bildungspolitischer Einfluss ist nicht zu unterschätzen. Sein bildungspolitisches Aufklärertum erfasste die Masse des Volkes, seine Ausgaben gingen in hohen Auflagen um die Welt.
Meyers klare parteiliche Haltung drückte sich auch darin aus, dass er am Jahrestag der Völkerschlacht, am 18. Oktober 1830, all seinen Angestellten freigab. Kein anderer Unternehmer in Sachsen-Meiningen hatte so etwas in seinem Betrieb eingeführt.
Joseph Meyers Wirken machte das Bibliographische Institut zu einem bedeutenden geistigen Zentrum in ganz Mitteldeutschland. Meyer zählt ohne Zweifel zu den bedeutendsten Verlegern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Insgesamt gehört sein Verlagsprogramm zu den progressiven kulturellen Taten der zur Macht drängenden Bourgeoisie, an deren Herausbildung eines bürgerlich-oppositionellen Bewusstseins Meyer aktiv mitgewirkt hat. Trotz feudalstaatlicher Behinderung hat Meyer einen entscheidenden Beitrag geleistet das Volk an Bildung und Kultur heranzuführen.
Meyers Lexikon mini|„Ur-Meyer“ (1840–1852/1855) im Stadtmuseum Hildburghausen