Kleopatra VII. Thea PhilopatorNach Zählung der ptolemäischen Könige und Königinnen gemäß Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001 werden Kleopatra VII. als Kleopatra VIII. sowie ihr Bruder Ptolemaios XIII. als Ptolemaios XII. geführt. (; * 69 v. Chr. in Alexandria; † 12. August 30 v. Chr.Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002, S. 147. ebenda) herrschte als letzter Pharao der makedonisch-griechischen Dynastie der Ptolemäer von 51 v. Chr. bis 30 v. Chr. über Ägypten. In den ersten vier Jahren regierte sie zunächst gemeinsam mit ihrem Bruder Ptolemaios XIII., der 47 v. Chr. im Alter von 14 Jahren starb, später mit anderen männlichen Mitregenten, da unter der Garantie Roms gesetzliche Regelungen eine Doppelbesetzung des Thrones vorsahen.Hermann A. Schlögl: Das Alte Ägypten. Geschichte und Kultur von der Frühzeit bis zu Kleopatra. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54988-8, S. 367.
Kleopatra wollte ihr Reich konsolidieren und ausbauen, konnte dieses Ziel aber gegen die Großmacht Rom nicht durchsetzen. Zwar gewann sie die beiden mächtigsten Römer ihrer Zeit, zuerst Gaius Iulius Caesar und nach dessen Ermordung Marcus Antonius, zu Geliebten und konnte mit deren Hilfe für einige Zeit die Machtstellung des Ptolemäerreichs deutlich verbessern; Antonius’ Niederlage gegen den späteren Kaiser Augustus bedeutete jedoch das Ende ihrer Herrschaft. Kleopatra und Antonius begingen Suizid und Ägypten wurde zur römischen Provinz.
Erzählungen und Weiterführungen reduzierten Königin Kleopatra oft auf ihre besagte Schönheit und unterstellten ihr eine hohe Verführungskunst, ohne zu erwähnen, wie erfolgreich und strategisch sie in ihrer Regierung war. Das Liebesdrama von Antonius und Kleopatra, das Verhältnis der ägyptischen Königin zu Caesar sowie die mysteriösen Umstände ihres Todes beflügeln die Fantasie der Menschen seit der Antike und inspirierten zahlreiche bedeutende Schriftsteller, Komponisten, Maler und seit dem 20. Jahrhundert auch Filmproduzenten. Als literarisches Hauptwerk zu diesem Thema gilt die Tragödie Antonius und Cleopatra (um 1606/07) von William Shakespeare.
Leben Abstammung mini|hochkant|Ptolemaios XII. Neos Dionysos, Vater Kleopatras VII. Porträtkopf aus Marmor; Louvre, Paris
Durch ihren Vater Ptolemaios XII. Neos Dionysos († 51 v. Chr.) entstammte Kleopatra VII. in gerader Linie altmakedonischem Adel; ihr Vorfahre Ptolemaios I. war ein Offizier Alexanders des Großen gewesen. Ihr Geburtsjahr – 69 v. Chr. – wird abgeleitet aus der Angabe Plutarchs, dass sie im Alter von 39 Jahren starb.Plutarch, Antonius 86,8 Sie war eines von fünf Kindern Ptolemaios’ XII. Dessen ältestes Kind war Berenike IV., die von 58 bis 55 v. Chr. als Ptolemäerkönigin regierte. Dann folgte Kleopatra und als dritte Tochter Arsinoë IV., die etwa zwischen 68 und 65 v. Chr. zur Welt kam. Die letzten Kinder waren die späteren Ehemänner und Mitregenten Kleopatras, Ptolemaios XIII. und Ptolemaios XIV., die 61 und 59 v. Chr. geboren wurden.
Die Mutter Kleopatras VII. wird von den Quellen nicht erwähnt. Nach neueren ForschungenW. Huß: Die Herkunft der Kleopatra Philopator. In: Aegyptus. Band 70, 1990, S. 191–203; Manfred Clauss: Kleopatra. München 2000, S. 15–16. dürfte die Gattin Ptolemaios’ XII., Kleopatra VI. Tryphaina, ausscheiden. Da sie erst 69 v. Chr. verstoßen wurde, könnte sie zwar die Mutter Kleopatras VII. gewesen sein, aber nach StrabonStrabon, Geographie 17,1,11,796 war nur die älteste der drei Töchter von Ptolemaios XII. (also Berenike IV.) ein Kind aus einer legitimen Beziehung. Daher dürften Kleopatra und ihre jüngeren Geschwister einer zweiten Ehe ihres Vaters entstammen, für die es allerdings keine Zeugnisse gibt und die von den Griechen als illegitim betrachtet worden wäre. Als zweite Gattin des Neos Dionysos wird eine vornehme Ägypterin vermutet, möglicherweise eine Angehörige der Hohepriesterfamilie aus Memphis. Dann wäre auch verständlich, dass Kleopatra VII. laut einer Behauptung Plutarchs im Gegensatz zu den früheren Ptolemäern die ägyptische Sprache beherrschte. In diesem Fall wäre sie also von makedonischer und ägyptischer Herkunft gewesen.
Kindheit und Jugend Über Kleopatras Jugendjahre liegen nur wenige Angaben vor. Sie wurde in Alexandria geboren und dürfte eine gute Erziehung genossen haben. Hierfür sprechen die Neigungen ihres Vaters, der trotz vieler Untugenden sehr an Kultur und Musik interessiert war. Er holte Wissenschaftler und Philosophen an seinen Hof und diskutierte mit ihnen. Daher wird er auch für eine standesgemäße Ausbildung seiner Kinder gesorgt haben.Joachim Brambach: Kleopatra. München 1996, S. 46. Plutarch berichtet, dass Kleopatra außer Ägyptisch auch Äthiopisch, die Sprache der Troglodyten, Hebräisch, Arabisch, Syrisch, Medisch, Parthisch und weitere Sprachen beherrscht habe.Plutarch, Antonius 27,4–5 Ihre Muttersprache war wie die der gesamten ptolemäischen Führungsschicht Griechisch.
Machtpolitisch war Ägypten damals stark von Rom abhängig. Daher ging Ptolemaios XII., als er 58 v. Chr. durch einen Aufstand aus Alexandria vertrieben wurde, nach Rom, um dort Unterstützung für seine Wiedereinsetzung als Herrscher zu erlangen. Es ist ungewiss, ob Kleopatra ihren Vater nach Rom begleitete oder – wie ihre Geschwister – in Ägypten blieb. Vielleicht ist sie mit jener „elfjährigen libyschen Königstochter“ zu identifizieren, die um 58 v. Chr. ihrer verstorbenen Zofe in Athen ein Grab errichten ließ.Inscriptiones Graecae 3,1309; dazu Manfred Clauss: Kleopatra. München 2000, S. 19; Michael Grant: Kleopatra. Eine Biographie. Bergisch Gladbach 1998, S. 31. Dann wäre sie mit ihrem Vater über Athen nach Rom gereist. Sicher war sie jedenfalls nicht an der Entmachtung ihres Vaters durch Berenike IV. und deren Mutter Kleopatra VI. beteiligt. Sonst hätte Ptolemaios XII., der Berenike IV. nach seiner 55 v. Chr. mit römischer Militärhilfe erfolgten Rückkehr nach Ägypten hinrichten ließ,Strabon 17,1,11,796; Cassius Dio 39,58,3; Porphyrios, FGrH 260 F 2,14 Kleopatra nicht zu seiner Nachfolgerin bestimmt. Dass sie eine gute Beziehung zu ihrem Vater hatte, legt auch der von ihr nach ihrer Machtübernahme gewählte Beiname Philopator – „die Vaterliebende“ – nahe.Joachim Brambach: Kleopatra. München 1996, S. 58.
Als römischer Kavallerieführer trug Kleopatras späterer Geliebter Marcus Antonius wesentlich zur gewaltsamen Wiedereinsetzung von Ptolemaios XII. bei und sah dabei wohl erstmals die 15-jährige Kleopatra, die ihn schon damals fasziniert haben soll.Plutarch, Antonius 3,4–7; Appian, Bürgerkriege 5,8 Um seine Rückführung zu finanzieren, hatte Ptolemaios XII. hohe Kredite aufgenommen, und besonders sein zum Finanzminister beförderter Hauptgläubiger Gaius Rabirius Postumus beutete Ägypten derart aus, dass er schließlich flüchten musste.Cicero, Pro Rabirio Postumo 22; 28–32; 39–40 und öfter. Das gierige und herrische Benehmen der Römer dürfte die frühreife und stolze Kleopatra sicher nicht unberührt gelassen haben.
Ptolemaios XII. gab seinen vier noch lebenden Kindern den Titel „Neue Geschwisterliebende Götter“Wilhelm Dittenberger: Orientis Graeci Inscriptiones Selectae. 741, datiert am 31. Mai 52 v. Chr. und ernannte wahrscheinlich 52 v. Chr., kurz vor seinem Tod, Kleopatra zur Mitregentin. Sie bestieg gemäß dem Testament ihres Vaters nach dessen Ableben etwa im März 51 v. Chr.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 697 setzt den Tod von Ptolemaios XII. Ende Juni 51 v. Chr. zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Ptolemaios XIII. den Thron. Das Geschwisterpaar ging nach diesem letzten Willen auch eine Geschwisterehe ein, was ptolemäischer Tradition entsprach.
Kampf um den Thron Innerptolemäischer Machtkampf mini|hochkant|Ein ägyptisches Porträt einer ptolemäischen Königin, möglicherweise Kleopatra, ca. 51–30 v. Chr., befindet sich im Brooklyn MuseumSusan Walker, Peter Higgs (Hrsg.): Cleopatra of Egypt. From History to Myth. British Museum Press, London 2001, ISBN 0-7141-1938-5, S. 164 (online)
Der von den Ägyptern zu Hermonthis (südlich von Theben) göttlich verehrte Buchisstier war Anfang 51 v. Chr. gestorben; daraufhin wurde laut einer Inschrift des Buchis-Heiligtums (Bucheum) in Hermonthis am 22. März 51 v. Chr. ein neuer Stier inthronisiert.R. Mond, O. H. Myers (Hrsg.): The Bucheum. Band 2, 1934, S. 11–13, Nr. 13. Die Datierung der Inschrift erfolgte nach einem nicht namentlich genannten König und nach einer Königin mit dem Beinamen Thea Philopator. Nach diesem Zeugnis regierte Kleopatra damals bereits und war bei der rituellen Fahrt des neuen Buchisstieres auf dem Nil nach Hermonthis im Beisein der Priester persönlich anwesend, während frühere Ptolemäer vermutlich nur Funktionäre zu dieser Zeremonie entsandten.Joachim Brambach: Kleopatra. München 1996, S. 60; Michael Grant: Kleopatra. Eine Biographie. Bergisch Gladbach 1998, S. 72.
Von Anfang an dürfte Kleopatra versucht haben, allein zu regieren. Sie hatte die harten Machtkämpfe zwischen ihrem Vater und ihrer älteren Schwester miterlebt und aufgrund ihrer Bildung sicher auch Einblick in die Praxis ptolemäischer Politik und Machtkonsolidierung erhalten, die bis zu Verwandtenmorden reichte. Jedenfalls ging sie zum Erhalt ihrer Herrscherstellung immer rücksichtslos gegen ihre Geschwister vor. Offenbar gleich bei ihrer Thronbesteigung nahm die 18-jährige Kleopatra den Machtkampf mit drei einflussreichen Hofleuten auf, welche die Interessen ihres erst zehnjährigen Brudergemahls Ptolemaios XIII. vertraten und als dessen Vormünder fungierten. Der mächtigste dieser Männer war der Minister und Eunuch Potheinos, dann folgten der Truppenbefehlshaber Achillas und der Rhetoriklehrer des jungen Königs, Theodotos von Chios. Die willensstarke Kleopatra wollte sicher nicht das ptolemäische Recht akzeptieren, das jedem König einer Gemeinschaftsregierung eine Vorrangstellung vor seiner Mitregentin einräumte und damit den hinter Ptolemaios XIII. stehenden Männern die eigentliche Macht in die Hand gegeben hätte.Christoph Schäfer: Kleopatra. Darmstadt 2006, S. 31–35.
mini|hochkant|Von Onnophris geweihte Stele zu Ehren einer Königin Kleopatra Thea Philopator, vermutlich Kleopatra VII., heute im Louvre, Paris
Aus einigen Urkunden scheint ersichtlich zu sein, dass sich Kleopatra anfangs durchsetzte und etwa 18 Monate eine Alleinherrschaft ausübte. Sie setzte – wohl um eine dynastische Kontinuität zu signalisieren – in Urkunden ihr erstes Regierungsjahr mit dem 30. ihres Vaters gleich und verheimlichte dessen Tod vielleicht einige Zeit, um ihre Position zu festigen, da in Rom erst Ende Juni 51 v. Chr. das Ableben Ptolemaios’ XII. bekannt wurde. Anfang Juli 51 v. Chr. verschwindet die Doppeldatierung in den Dokumenten und Kleopatra wird allein, ohne Erwähnung ihres Bruders, genannt. So weihte der Isis-Priester Onnophris, wohl in Hawara, anscheinend am 2. Juli 51 v. Chr. eine Stele für Kleopatra, ohne ihren Bruder zu erwähnen (die Deutung der Inschrift ist allerdings nicht ganz sicher). Jedenfalls regierte die junge Königin nun noch unabhängiger von ihrem männlichen Mitherrscher, als dies schon frühere Ptolemäerinnen in immer größerem Maß praktiziert hatten, wobei ihr diese Frauen sicher als Vorbilder dienten. Dies zeigt sich auch an ihren Münzprägungen, auf denen sie – im Gegensatz zu früheren Königinnen – nur ihr Porträt und ihren Namen darstellen ließ, aber nicht ihren jeweiligen Mitregenten.Christoph Schäfer: Kleopatra. Darmstadt 2006, S. 36; Michael Grant: Kleopatra. Eine Biographie. Bergisch Gladbach 1998, S. 72–73. Zur Stele des Onnophris und den damit verbundenen Unsicherheiten siehe Stefan Pfeiffer: Griechische und lateinische Inschriften zum Ptolemäerreich und zur römischen Provinz Aegyptus (= Einführungen und Quellentexte zur Ägyptologie. Band 9). Lit, Berlin / Münster 2015, ISBN 978-3-643-13096-9, S. 177–181.