Bachkantate (auch „Bach-Kantate“) ist eine häufig verwendete Bezeichnung für die Kantaten von Johann Sebastian Bach (1685–1750). Von ihm sind – neben vielen anderen vokalen und instrumentalen Werken – 200 Kirchenkantaten und 25 weltliche Kantaten erhalten (siehe Liste). Das Wort „Cantata“ selbst wurde von Bach allerdings nur für rein solistische Werke verwendet; fast alle anderen geistlichen Kantaten überschrieb er mit „Concerto“ (und einige wenige mit „Dialogus“). Zur Entstehungszeit war eine Kantate in den größeren Städten Deutschlands regelmäßig Teil des lutherischen Sonntagsgottesdienstes.

Geistliche Kantaten Frühe Werke Von den erhaltenen Kantaten Bachs entstanden sechs in seiner Mühlhausener Zeit oder den ersten Weimarer Jahren. Sie sind Gelegenheitswerke und schon daher in Charakter und Besetzung sehr unterschiedlich. Die Kantaten BWV 71, BWV 131 und BWV 150 stehen eindeutig mit der Anstellung in Mühlhausen (1707 bis 1708) in Verbindung; die anderen drei (BWV 106, BWV 4 und BWV 196) sind zeitlich schwerer einzuordnen. Alle sechs folgen stilistisch noch der Tradition des „Geistlichen Konzerts“ eines Heinrich Schütz, Samuel Scheidt, Johann Hermann Schein, Johann Schelle oder Dietrich Buxtehude. Datierbar sind sie nach heutigem Wissen wohl nur mit Mitteln der Stilkritik.

Weimar Ab 1708 war Bach ein zweites Mal in Weimar angestellt – als Kammermusiker und Hoforganist. Anfang März 1714 wurde er zusätzlich zum Konzertmeister ernannt und erhielt den Auftrag, einmal im Monat ein neues Werk zu schreiben und aufzuführen. So entstanden in einem weitgehend regelmäßigen Turnus insgesamt etwa zwanzig Kantaten für den Sonntagsgottesdienst – bis im Dezember 1716, als Bach erfuhr, dass er nicht Nachfolger des Kapellmeisters Johann Samuel Drese werden würde, worauf er offenbar die Arbeit an Kirchenkantaten abbrach.

Fast allen Weimarer Kantaten liegt ein Text des Hofdichters Salomon Franck zugrunde. Dessen Texte und damit auch Bachs Vertonungen folgen einem neuen Typ, der bereits Rezitative und Da-capo-Arien kennt, als Übernahmen aus der italienischen Oper.

Für seine Kantatenaufführungen standen Bach in Weimar neben dem Kapell- und dem Vizekapellmeister vier Geiger und ein Fagottist zur Verfügung, sowie sieben Militärmusiker (die vermutlich nicht nur Trompete und Pauken spielten) und eine Anzahl von Pagen mit weiteren Instrumenten. Es gab sieben reguläre Sänger (zwei Diskantisten, ein Altist, zwei Tenöre und zwei Bassisten); hinzu kamen zwei weitere Sänger (ein Altist und ein Bassist) und acht Chorsänger aus dem Gymnasium.

Aufführungsort war die neu renovierte Weimarer Schlosskapelle, genannt „Himmelsburg“; diese hatte eine große Öffnung in der Decke mit einer Balustrade, wo sich die Orgel befand und die Musiker Platz nahmen. Die Sänger und Instrumentalisten waren daher für die Zuhörer unsichtbar. Wohl auch wegen der räumlichen Enge waren die Kantaten dieser Periode nicht so groß besetzt (mit zwei Ausnahmen, BWV 63 und BWV 31, die möglicherweise zur Aufführung in der Stadtkirche vorgesehen waren). Bach wird hier wohl nur einen solistisch besetzten Chor eingesetzt haben. Auch scheint es, dass er etwa ab Ostern 1715 kleinere Besetzungen verwendete – möglicherweise nach schlechter Erfahrung mit den Fähigkeiten seiner Musiker.

Köthen In Köthen, einem reformierten Hof, wurden im Gottesdienst grundsätzlich keine Kantaten aufgeführt – Bach hatte also während seiner Anstellung dort (1717 bis 1723) keinerlei regelmäßige kirchenmusikalische Verpflichtungen. Immerhin wurde mindestens einmal eine Kirchenkantate zum Geburtstag des Fürsten in Auftrag gegeben.

Im Jahr 1713 hatte der Hof sechs Musiker der gerade aufgelösten Berliner Hofkapelle engagiert, so dass dort 1717 bei Bachs Übernahme eine erstklassige Kapelle zur Verfügung stand. Sie umfasste 16 Mitglieder – hauptsächlich Streicher. Die wenigen, nur in Umarbeitungen erhaltenen weltlichen Kantaten scheinen alle den Streichern nur ein einzelnes Blasinstrument hinzugefügt zu haben. Auch gab es am Hof offenbar keine Sänger in Festanstellung – bei Bedarf wurden Gastmusiker verpflichtet, und Bach fordert in den Kantaten dieser Zeit immer nur einen oder (meist) zwei Solosänger. Erst 1720 wurden die Schwestern Monjou („zwei Singe-Jungfern“) für ein Jahr verpflichtet, anschließend dann Anna Magdalena Wilcke.

Erste Leipziger Jahre In Leipzig (ab 1723) gehörte die wöchentliche Aufführung einer Kantate im Sonntagsgottesdienst zu Bachs Dienstpflichten. In den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit versuchte er daher aktiv, sich ein umfangreiches Kantatenrepertoire zu schaffen; er führte mit kleinen Ausnahmen jede Woche eine neue Kantate auf und nahm sich erst für seinen dritten Jahrgang deutlich mehr Zeit. Geeignete Werke aus Weimar und Köthen arbeitete er im Parodieverfahren um, vor allem durch Anpassung der Texte. Nachdem Bach sich so in den ersten Jahren einen Vorrat an Werken für die sonntäglichen Aufführungen geschaffen hatte, schrieb er spätestens ab 1729 kaum noch neue Kirchenkantaten.

Für die wöchentlichen Aufführungen standen neben sieben Stadtpfeifern, deren Lehrlingen und einem Gesellen auch die Schüler der Thomasschule sowie möglicherweise die der Nicolaischule zur Verfügung. Hinzu kamen mehrere Gruppen von Freiwilligen: ehemalige Schüler („Alumni“), Externe (Schüler, die nicht im Internat wohnten, wie Bachs eigene Söhne), Studenten der Universität und Bachs Privatschüler. Geleitet wurden die Aufführungen durch Bach selbst oder einen Präfekten.

Für einen barocken Komponisten wie Bach war eine Kantate nicht ein „Werk“, das eine im heutigen strengen Sinne „finale Version“ erreicht haben könnte und in dieser Form dann „urtextgetreu“ aufzuführen gewesen wäre.Lydia Goehr: The Imaginary Museum of MUSICAL WORKS, Revised edition, 2007, ISBN 978-0-19532478-5, darin Kapitel 7 (S. 176–204): Musical Production without the Work-Concept Es war unmittelbar auf den Zweck der Aufführung gerichtet und wurde für die nächste Aufführung angepasst, wo notwendig. Bei jährlich wechselnden Schülern und Studenten in Leipzig konnte es leicht passieren, dass zwei oder drei Jahre später ein guter Altist oder ein Spieler für ein bestimmtes Instrument nicht zur Verfügung stand, so dass Bach entsprechend umdisponieren musste. Ohne dies in der Partitur zu vermerken, ließ er Stimmen für alternative Instrumente ausschreiben oder auch für andere Stimmlagen, setzte eine größere oder kleinere Zahl von Sängern für den Chor ein, ließ einen schwachen Sänger durch ein mitgehendes Instrument oder einen zweiten Sänger stützen oder fertigte für Blechbläser zusätzliche Füllstimmen an. Wollte er einen jungen Sänger auf größere Aufgaben vorbereiten, so musste er ihn zunächst einmal mit einem Rezitativ betrauen, das sein danebenstehender Mitschüler hätte besser machen können. Die Aufführungen mussten weitgehend ohne Proben auskommen, im Winter in einer ungeheizten Kirche, mit fehlerhaften und nie korrigierten Noten und manchmal auch mit alkoholisierten Spielern.

Nicht jedes Werk aus Bachs Leipziger Zeit muss auch unbedingt für Leipziger Verhältnisse geschrieben worden sein – Bachs enge Verbindung beispielsweise zum Dresdner Hof lässt zumindest für seine Messkompositionen und weltlichen Kantaten die Möglichkeit zu, dass sie zunächst für eine Aufführung dort vorgesehen waren.

Spätere Leipziger Zeit Nach 1726 scheint Bach nur noch vereinzelt neue Kantaten komponiert zu haben; er konzentrierte sich nun zunächst vor allem auf seine Clavierwerke. Für die regelmäßigen Kantatenaufführungen griff er auf den bestehenden Fundus zurück, aber auch auf Werke anderer Komponisten, darunter Johann Ludwig Bach und Gottfried Heinrich Stölzel. Auch Kantaten seiner Söhne könnten bei diesen Gelegenheiten aufgeführt worden sein.

1729 übernahm Bach das studentische Collegium musicum, mit dem er in der Messezeit ein- bis zweimal pro Woche auftrat, meist im Zimmermannschen Kaffeehaus oder dem zugehörigen Garten. Durch den intensiveren Kontakt mit Musikern wurde es Bach leichter, auch für seine sonntäglichen Kantatenaufführungen Instrumentalisten und Sänger zu gewinnen.

Eine bisher noch wenig erforschte Nebentätigkeit Bachs bestand aus dem Verleih von Partituren und Stimmen seiner geistlichen Vokalwerke, wohl zur Miete.

Weltliche Kantaten Bachs Nekrolog nennt in der Liste der Werke unter Punkt 2 einzelne „Dramata, Serenaden, Geburts-Namenstags- und Trauermusiken, Brautmessen, auch einige komische Singestücke“. Damit waren Kantaten und kantatenähnliche Werke für Einzelveranstaltungen gemeint, nicht für die sonntägliche Regelaufführung.

Diese Kompositionen entstanden zum allergrößten Teil als Auftragswerk für einen konkreten Anlass, so dass oft nur wenig Möglichkeit für eine zweite Aufführung bestand – daher Bachs Gewohnheit, Einzelsätze später immer wieder in geistliche Kantaten zu übernehmen. Andererseits erklärt dies die schlechte Überlieferung (die Zahl der belegten weltlichen Kantaten übersteigt bei weitem die der tatsächlich erhaltenen).

Anlass ist hier meist die Huldigung eines Fürsten; Textinhalt und Handlung sind häufig anspruchslos. Oft treten in diesen Fällen dem Zeitgeschmack entsprechend Gestalten der Mythologie als Handlungsträger auf.

Weltliche Kantaten vor Leipzig Die früheste, nur fragmentarisch erhaltene weltliche Vokalkomposition Bachs dürfte das Hochzeits-Quodlibet BWV 524 sein, das spätestens in die Jahre 1705 bis 1708 datiert wird – allerdings ist es noch keine Kantate. Eine echte Kantate ist dann „Was mir behagt, ist nur die muntre Jagd“, die 1713 in Weißenfels und später in Weimar aufgeführt wurde.

Von diesem Werk abgesehen, sind weltliche Kantaten erst für Bachs Köthener Zeit nachweisbar – dort bestand ein wesentlicher Teil von Bachs Amtspflichten in der Komposition und Aufführung je einer Huldigungskantate zum Geburtstag Fürst Leopolds (am 10. Dezember) sowie zu Neujahr. Bis auf eine einzige (BWV 173) ist keine dieser Kompositionen erhalten, und nur ein Teil davon ist belegt.

Weltliche Kantaten aus Bachs Leipziger Zeit Bachs Pflichten als städtischer Musikdirektor umfassten die regelmäßige Aufführung von Kirchenkantaten; zu weltlichen Kantaten war er in keiner Weise verpflichtet. Dennoch entstanden derartige Werke in seiner gesamten Leipziger Zeit immer wieder, fast ausschließlich als Auftragskompositionen. Einige davon besitzen eine ausgearbeitete Handlung und sind dann meist als „Dramma per Musica“ bezeichnet (Beispiele sind BWV 213 und BWV 214, deren Sätze später in das Weihnachtsoratorium eingingen).

Viele weltliche Kantaten der Leipziger Zeit haben eine eher große, repräsentative Besetzung und konnten von Bach eigentlich nur mit dem „Collegium musicum“ aufgeführt werden, so dass besonders viele dieser Werke wohl in den beiden Perioden entstanden sein dürften, wo ihm dieses zur Verfügung stand. Zu den Anlässen gehörten Festmusiken für das kurfürstlich-sächsische Herrscherhaus und Feiern der Universität Leipzig. Auch Leipziger Schulen, der Rat der Stadt, Adelige und einzelne Bürger gaben für ihre Veranstaltungen repräsentative Kantaten in Auftrag – zu letzteren gehört die „Bauernkantate“ (Bachs späteste datierbare Kantate überhaupt) sowie einige Hochzeitskantaten.

Einige wenige Kantaten könnte Bach ohne einen formellen Auftrag geschrieben haben, sozusagen in „eigener Sache“: BWV 201 und die „Kaffeekantate“ (BWV 211), für die Aufführungen in Zimmermanns Kaffeehaus naheliegend sind.

Auch in weltlichen Kantaten kommen immer wieder vierstimmige Chöre vor. Dass bei den Aufführungen des „Collegium musicum“ (das nur aus männlichen Studenten bestand) im Chor Frauen mitgesungen hätten, ist nur schwer vorstellbar, und ganz sicher nahmen hier nicht die Schüler des Gymnasiums teil. Die beiden Oberstimmen dürften also im Regelfall ausschließlich durch männliche Falsettisten ausgeführt worden sein – was auch ein Licht auf die starke Verbreitung dieser Gesangstechnik im Zeitalter des Barock wirft.

Erkenntnisse und offene Fragen der Bachforschung