Der Libertarismus (von französisch libertaire „freiheitsliebend“; von lateinisch libertas „Freiheit“) ist eine politische Philosophie und Bewegung, die in der individuellen Freiheit den höchsten politischen Wert sieht. Libertäre versuchen, Autonomie und politische Freiheit zu maximieren, und betonen freie Assoziation, Wahlfreiheit, Individualismus und freiwillige Vereinigung.

Sie sind grundsätzlich skeptisch gegenüber Autorität und staatlicher Macht, unterscheiden sich aber untereinander hinsichtlich der Intensität ihrer Opposition zu bestehenden wirtschaftlichen und politischen Systemen.Long, Joseph. W (1996). "Toward a Libertarian Theory of Class". Social Philosophy and Policy. 15 (2): 310. "When I speak of 'libertarianism' […] I mean all three of these very different movements. It might be protested that LibCap [libertarian capitalism], LibSoc [libertarian socialism] and LibPop [libertarian populism] are too different from one another to be treated as aspects of a single point of view. But they do share a common—or at least an overlapping—intellectual ancestry."Carlson, Jennifer D. (2012). "Libertarianism". In Miller, Wilburn R., ed. The Social History of Crime and Punishment in America. London: Sage Publications. S. 1006. ISBN 1-4129-8876-4. "There exist three major camps in libertarian thought: right-libertarianism, socialist libertarianism, and left-libertarianism; the extent to which these represent distinct ideologies as opposed to variations on a theme is contested by scholars." Libertäre Denkschulen vertreten zudem voneinander abweichende Ansichten bezüglich der Legitimität staatlicher und privater Macht sowie zur Einschränkung oder Auflösung sozialer Institutionen. Dabei geht es vor allem darum, bis zu welchem Grad ein Staat seinen Bürgern Regeln setzen darf.Hermann Adam: Bausteine der Politik: Eine Einführung. Springer VS, ISBN 978-3-531-15486-2, S. 115.

Verschiedene Formen des Libertarismus werden nach bestimmten Kategorien unterschieden. Manche Autoren sehen den Gegensatz Libertarismus – Autoritarismus, ohne eine ideologische Trennlinie zwischen linkem, sozialistischem und rechtem, kapitalistischem Libertarismus zu ziehen.Herbert Kitschelt: The Transformation of European Social Democracy. Cambridge University Press, 1994, S. 27. Zwischen diesen beiden Richtungen herrscht vor allem Uneinigkeit über Eigentumsrechte sowie in der naturrechtlichen oder utilitaristischen Begründung individueller Freiheit. Linke und rechte Strömungen innerhalb des Libertarismus unterschieden sich also durch ihre Auffassungen über die Grenzen und den Erwerb von Eigentumsrechten.

Innerhalb des Libertarismus existieren minarchistische und anarchistische Strömungen.Bodo Knoll: Minimalstaat: Eine Auseinandersetzung mit Robert Nozicks Argumenten. Mohr Siebeck Verlag, S. 16, Fn. 25. Libertäre, die einen strikten Minimalstaat befürworten, unterscheiden sich von zwei weiteren Gruppen, die eine mehr oder weniger große Rolle der Regierung fordern: den Anarcho-Kapitalisten, denen selbst der Minimalstaat zu groß ist, und den Klassisch-Liberalen, die eine gewisse Offenheit für die Bereitstellung öffentlicher Güter seitens des Staates einräumen. Der um 1860 in Frankreich entstandene Ausdruck libertär für Anarcho-Kommunisten konnte sich vor allem im englischen Sprachraum durchsetzen und gilt heute als ein etwas weiter gefasstes, im Grunde aber gleichwertiges Synonym für anarchistisch.Horst Stowasser: Freiheit Pur. Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main, Juli 1995, Kapitel 2, S. 20.

Geschichte Mitte des 19. Jahrhunderts wurde unter Libertarismus (libertarianism) in England die philosophische Auffassung von der Willensfreiheit verstanden.Henry George Collins: Libertarianism. In: A new universal etymological technological, and pronouncing dictionary of the English language. 1849. mini|Titelblatt Joseph Déjacques Zeitschrift n° 25, 17. August 1860. Der Titel lautet deutsch Der Libertäre. Zeitschrift der sozialen Bewegung. Die erste politische Verwendung des Ausdrucks „libertär“ stammt von dem Anarchisten Joseph Déjacque. In einem Brief an Pierre-Joseph Proudhon warf er den bürgerlichen Anarchisten Frauenverachtung und Wirtschaftsliberalismus vor () und gründete ein Jahr später die anarcho-kommunistische Zeitschrift Le Libertaire.

Seit Mitte der 1950er Jahre wurde der Begriff insbesondere in den Vereinigten Staaten von Eigentumsverfechtern benutzt.Karl Widerquist: Libertarianism. In: The International Encyclopedia of Public Policy. 2008. Mit der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den 1950er Jahren wurde der Fokus bei der Verfassungsentwicklung von negativen Abwehrrechten und bürgerlicher Privatautonomie hin zu Emanzipation von Minderheiten und Sozialstaatlichkeit gelegt. Anders als im 19. Jahrhundert sollte die Regierung sich nicht länger nur auf die bloße Sicherstellung der Rechte beschränken („Nachtwächterstaat“), sondern aktiv in die Gesellschaft eingreifen. Das Wort „liberal“ wird in den USA daher mit linker Politik in Verbindung gebracht, welche die liberale Minimalstaatsphilosophie ablehnte und Freiheit im Sinne positiver Freiheit stärker auf soziale und kulturelle Emanzipation von Benachteiligten abzielte.

Im Gegensatz dazu stehen die Libertären in den USA, die sich weiterhin auf Vertreter des Klassischen Liberalismus der Aufklärung berufen. Zentral sind die Arbeitstheorie von John Locke,Julian Nida-Rümelin: Philosophie und Lebensform. Vandenhoeck & Ruprecht, 2010, S. 26. nach der rechtmäßiges Eigentum auf menschlicher Arbeit beruht, sowie die moralische und ökonomische Lehre von Adam Smith. In den USA als libertarian bezeichnete Positionen wären im deutschen Kontext daher oft schlicht als „wirtschaftsliberal“ zu übersetzen.Heinrich Bedford-Strohm: Kontinuität und Umbruch im deutschen Wirtschafts- und Sozialmodell. Gütersloher Verlagshaus, 2007, ISBN 978-3-579-08050-5, S. 131.

Der amerikanische Sprachwissenschaftler und Philosoph Noam Chomsky bezeichnete sich zur Abgrenzung deshalb wiederholt als libertarian socialist, wobei er den Bedeutungswandel des Begriffs libertarian kritisiert.Question Period: Noam Chomsky on being censored, CHRC censorship, Ayn Rand, Robert Nozick and libertarianism. In: Western Standard. vom 8. Dezember 2008.

„Libertär“ wurde als Adjektiv für anarchistische und sozialistische Utopien verwendet und erst später im klassisch-liberalen Kontext aufgegriffen.Bodo Knoll: Minimalstaat: Eine Auseinandersetzung mit Robert Nozicks Argumenten. Mohr Siebeck Verlag, S. 10. Im Französischen hielt die amerikanische Neudeutung als libertarianisme einen eigenen, von libertaire abgegrenzten Begriff. Auch im Deutschen findet sich mit Libertarianismus ein Lehnwort zum amerikanischen Libertarianism.

Zusätzlich flossen Positionen der Österreichischen Schule der Ökonomie auf die Begriffsbildung ein. Ludwig von Mises grenzte hierbei allerdings den LibertarianismusFrieder Neumann: Gerechtigkeit und Grundeinkommen, LIT Verlag Münster, 2009, S. 72. von anarchistischen Motiven ab, weswegen Liberale eine anarchistische Bezugnahme kritisieren.Ingo Pies: Theoretische Grundlagen demokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik – Der Ansatz von Ludwig von Mises. Diskussionspapier Nr. 2009–9 des Lehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Fn. 6. Auch Friedrich August von Hayek hat auf die freiheitswahrende Funktion des Rechtsstaates (rule of law) verwiesen, die in einer anarcho-libertären Gesellschaft nicht mehr erfüllt werden könnte.Drieu Godefridi: In: Ordo. Band 56, 2005, S. 123 ff.

Durch die Vernetzung zwischen Technologie und Popkultur ist libertäre Ideologie besonders sichtbar; so sorgte die Libertarian Futurist Society für jährlich vergebene libertäre und klassisch-freiheitliche Literaturpreise. Es gibt libertäre Weltraumprojekte. Transhumanisten zielen auf eine künstliche Veränderung des menschlichen Körpers, auch im Hinblick auf die Unsterblichkeit. Bionomik beschreibt ökonomische Prozesse mit biologischen Metaphern, wobei die Ergebnisse zu einer libertären Sichtweise kommen. Ebenso ist in der Informatik der libertäre Geist verbreitet, wie auch bei Waffenbesitzern.Peter Mühlbauer: Es klingt wie eine Mischung aus ‚liberal‘ und ‚pubertär‘. In: Telepolis. 8. November 2000.

Überblick Wegen der zahlreichen unterschiedlichen Strömungen und Positionen lässt sich eine einheitliche Theorie des Libertarismus nicht aufstellen; man kann diese Varianten lediglich beschreiben.Artikel „Libertarianism“. In: Internet Encyclopedia of Philosophy. Die verschiedenen Richtungen erkennen einander zum Teil nicht als „libertär“ an. Gemeinsame Leitnorm ist die Idee der negativen Handlungsfreiheit. Der libertäre Philosoph Roderick T. Long unterscheidet grundsätzlich zwischen libertärem Kapitalismus, libertärem Sozialismus und libertärem Populismus, drei unterschiedlichen sozialen Bewegungen, deren Gemeinsamkeit in erster Linie in der Bezugnahme auf ein zusammenhängendes oder zumindest überlappendes intellektuelles Erbe besteht.Roderick T. Long: Toward a Libertarian Theory of Class. In: Ellen Frankel Paul, Fred D. Miller, Jr., Jeffrey Paul (Hrsg.): Problems of Market Liberalism. Band 15, Social Philosophy and Policy, Teil 2, Cambridge University Press, 1998, ISBN 0-521-64991-9, S. 304.

Wirtschaftslibertäre Richtungen Ein von allen Gruppen des Wirtschaftslibertarismus geteiltes grundsätzliches Postulat ist, dass der einzelne Mensch keiner Gemeinschaft gehört, sondern nur sich selbst, und dass er ein unveräußerliches Recht auf dieses Selbsteigentum hat. Das Individuum steht dabei immer vor dem Staat, hat Abwehrrechte gegenüber gewaltsamen Eingriffen anderer und kann seinerseits von anderen nur Freiheit einfordern. Zentral dafür sind robuste Eigentumsrechte und wirtschaftliche Freiheit, woraus sich eine aus der freien Entwicklung getragene soziale Ordnung ergeben soll. Aktuelle Staatsaufgaben will man aufgeben oder privaten Anbietern anvertrauen.

Es gibt aber keine allumfassende Einigkeit über konkrete Eigentumsrechte sowie die naturrechtliche oder utilitaristische Begründung individueller Freiheit. Insbesondere wird deshalb innerhalb des Libertarismus zwischen linken und rechten Strömungen unterschieden, die sich durch unterschiedliche Auffassungen über die Grenzen und den Erwerb von Eigentumsrechten unterscheiden.Peter Vallentyne: Libertarianism. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy.

Bekannte historische Vertreter sind Friedrich August von Hayek, Ayn Rand, Rose Wilder Lane, Isabel Paterson, Milton Friedman, Roland Baader, Ludwig von Mises und Murray Rothbard.

Anarchokapitalismus

mini|Einige anarchokapitalistische Gruppen verwenden die gold-schwarze Flagge als Symbol (z. B. AnarkoKapitalistisk Front Schwedens)

Der Anarchokapitalismus wird hauptsächlich von Murray Rothbard und David Friedman vertreten.Edward P. Stringham: Anarchy and the Law: The Political Economy of Choice. Hrsg.: The Independent Institute. Transaction Publishers, New Brunswick 2007, S. 3.

Rothbard zieht dabei den Schluss, dass alle dem Staat übertragenen, auch traditionellen Aufgaben wie innere und äußere Sicherheit dem Markt überlassen werden sollten. Im Gegensatz zum klassischen Liberalismus, der eine Mindestausstattung staatlicher Institutionen als erforderlich ansieht, ist damit für diesen Libertarismus die Verwischung der Grenzen zwischen Liberalismus und Anarchismus kennzeichnend.Hermann May, Claudia Wiepcke: Lexikon der ökonomischen Bildung. Oldenbourg Verlag, 2012, S. 529.