mini|Hayao Miyazaki (2009) rahmenlos|zentriert|klasse=skin-invert notpageimage|160px|Miyazakis Unterschrift
Hayao Miyazaki (, * 5. Januar 1941 in Tokio) ist ein japanischer Anime-Regisseur, Drehbuchautor, Zeichner, Grafiker, Mangaka und Filmproduzent. Das von ihm und Isao Takahata 1985 gegründete Studio Ghibli ist weltweit bekannt und Karrieresprungbrett für einige andere Anime-Künstler. In den Jahren 2003 und 2024 wurde ihm für seine Filme Chihiros Reise ins Zauberland und Der Junge und der Reiher der Oscar für den besten animierten Film verliehen; seine Filme Das wandelnde Schloss (2004) und Wie der Wind sich hebt (2013) waren für den Oscar nominiert.
Biografie mini|Unweit des Studios Ghibli in Koganei befindet sich seit 1998 Miyazakis privates Atelier Butaya (; dt. etwa „Schweinehaus“)
Hayao Miyazaki wurde am 5. Januar 1941 als zweites Kind des Flugzeugunternehmers Katsuji Miyazaki (1915–1993) in Tokio geboren. Um den US-amerikanischen Bombardements zu entgehen, zog seine Familie in die Stadt Utsunomiya, 100 km nördlich von Tokio, wo er aufwuchs. Nach seiner Schulzeit studierte er zunächst vier Jahre Politikwissenschaften und Ökonomie, bevor er sich 1963 der Produktionsfirma Studio Toei anschloss. Dort begann er seine Karriere als Zeichner diverser Animationsfilme/-Serien, u. a. arbeitete er bei der Fernsehumsetzung der Zeichentrickserie Heidi (1974) mit. Bei Toei lernte er seinen späteren Geschäftspartner Isao Takahata kennen, mit dem er nach mehreren Studiowechseln die Ghibli-Studios gründete. Takahata war nicht nur Regisseur von Filmen wie Die letzten Glühwürmchen oder Pom Poko und Mitbegründer des Studio Ghibli, er gilt außerdem als Mentor Miyazakis und nahm großen Einfluss auf dessen Stil und Werdegang.
1979 realisierte Hayao Miyazaki mit Das Schloss des Cagliostro seinen ersten Spielfilm als Autorenfilmer. 1982 startete er sein bis dahin größtes Projekt mit dem Manga Nausicaä aus dem Tal der Winde, einer Geschichte, in dem eine junge Prinzessin in einer unwirtlichen Welt ums Überleben kämpft. Er avancierte, wie die zwei Jahre später erfolgte Leinwandadaption Nausicaä aus dem Tal der Winde, zu einem kommerziellen Erfolg und verschaffte ihm internationale Anerkennung. Dies ermöglichte ihm die Gründung von Studio Ghibli, in dem er fortan seine Filme produzierte, das aber auch Filme anderer talentierter Künstler veröffentlichte. Neben Kurzfilmen produzierte er sieben Spielfilmprojekte für die Ghibli-Studios, die ihn zu einem der wichtigsten Vertreter des japanischen Animationsfilms werden ließen.
Nach der Produktion von Prinzessin Mononoke als damals erfolgreichster japanischer Film aller Zeiten 1997 erklärte Miyazaki zunächst seinen Rücktritt als Regisseur, um jüngeren Talenten Platz zu machen. Er kehrte jedoch zurück und schuf unter anderem 2001 den Film Chihiros Reise ins Zauberland, der neue Verkaufsrekorde aufstellte und zum weltweit meistausgezeichneten Zeichentrickfilm wurde (u. a. Goldener Bär 2002, Oscar 2003).
Miyazakis nächster Film, Das wandelnde Schloss, kam 2004 in die Kinos und wurde ebenfalls mehrfach ausgezeichnet; im deutschsprachigen Raum lief eine synchronisierte Fassung im August 2005 an. Das nächste Projekt war der Film Ponyo – Das große Abenteuer am Meer, der im Juli 2008 in die japanischen Kinos kam und bereits am Startwochenende über 1,2 Millionen Besucher zählte.Anime News Network über den Erfolg von Gake no ue no Ponyo 2008 erhielt der Film eine Einladung in den Wettbewerb der 65. Filmfestspiele von Venedig. Am 1. September 2013 wurde anlässlich der Aufführung seines jüngsten Films Wie der Wind sich hebt bei den 70. Filmfestspielen von Venedig bekannt gegeben, dass Miyazaki in den Ruhestand gehe.Jan Knüsel: Miyazaki tritt ab. In: asienspiegel.ch, 3. September 2013. Im Oktober 2016 vermehrten sich die Gerüchte darüber, dass Miyazaki trotzdem einen neuen Animationsfilm in Spielfilmlänge plane. Im Oktober 2017 bestätigte er diese Gerüchte und gab bekannt, dass dieser Spielfilm anlehnend an das 1937 erschienene Kinderbuch Kimitachi Wa Dō Ikiruka (; dt. etwa „Wie werdet ihr leben?“) von Genzaburō Yoshino (1899–1981) denselben Titel wie das Buch tragen wird und die Produktionszeit auf drei bis vier Jahre angesetzt sei. Im Dezember des Jahres erklärte Toshio Suzuki zusätzlich, dass die Handlung des Films erheblich von der des Romans abweichen und es sich um einen Fantasy- und Actionfilm handeln werde.
Hayao Miyazaki ist seit 1965 mit der Animatorin Akemi Ōta verheiratet und hat mit ihr zwei Söhne, Gorō und Keisuke.
Wiederkehrende Themen und Motive Miyazakis Werke weisen eine Reihe von wiederkehrenden Themen und Motiven auf. So bestimmen die komplexen und eigenständigen Mädchen- und Frauencharaktere alle seine Werke. Die Darstellung von Frauen in Miyazakis Filmen weicht auffällig von der in anderen animierten Filmen – sowohl japanischen als auch internationalen – ab. Seine Heldinnen bedienen die gesamte Bandbreite menschlicher Persönlichkeit und nehmen zumeist die Hauptrolle ein (z. B. in Nausicaä aus dem Tal der Winde, Mein Nachbar Totoro, Kikis kleiner Lieferservice, Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise ins Zauberland, Ponyo – Das große Abenteuer am Meer und Arrietty – Die wundersame Welt der Borger). Sie übernehmen körperlich überlegene Führungsrollen wie Nausicaä als Regentin ihres Volkes in einer unwirtlichen Welt oder das Wolfsmädchen San in Prinzessin Mononoke, welche die Zuschauer kennenlernen, als sie blutverschmiert von der Schusswunde in der Schulter ihrer Adoptivmutter, einer Wolfsgötttin, aufblickt. Auch übernehmen Frauen häufig traditionelle Männerberufe, so wie die 17-jährige Fio in Porco Rosso, die als geniale Flugzeugkonstrukteurin in einem fiktiven Italien zur Zeit der Depression zwischen den beiden Weltkriegen ihre Familie wirtschaftlich rettet und später die Flugzeugfabrik übernimmt. Auch die oft ambivalent gezeichneten Antagonisten der Geschichten werden auffällig oft von Frauencharakteren besetzt. In Prinzessin Mononoke wird die naturzerstörende Eisenhütte als Gegenpol zu Sans Welt der Naturdämonen von Lady Eboshi geleitet. In der Eisenhütte arbeiten Männer und Frauen nebeneinander. Die weiblichen Arbeiterinnen der Eisenhütte sind ehemalige Prostituierte, die in der harten Arbeit der Eisenhütte eine Befreiung und Erlösung von ihrem vorherigen Dasein als Prostituierte finden. In Nausicaä aus dem Tal der Winde wird die Nation, die Nausicaäs Volk angreift, von einer harten und unerbittlichen Generälin geführt. Die Bandbreite der weiblichen Rollen beschränkt sich dennoch nicht auf traditionell männliche Rollenbilder. Auch eher dem traditionellen Frauenbild entsprechende Heldinnen haben ihren Raum und treten in dieser Form oft als Retterinnen auf. So wie die sanfte und bescheidene Sophie, die als Putzfrau in Das wandelnde Schloss den begabten wie eitlen Zauberer und Schlossherrn Howl von seinen inneren wie äußeren Dämonen befreit. Bemerkenswerterweise entwickelt sich die romantische Liebe der beiden, als Sophie in ihrem Alter Ego als ergraute und gekrümmt gehende Großmutter gefangen ist und nicht als die schöne, junge Frau, die sie eigentlich ist. So spielt Miyazaki konstant mit den klassischen Geschlechterrollen und Stereotypen und erlaubt so seinen weiblichen wie männlichen Charakteren die gesamte Bandbreite des menschlichen Daseins. Mit dieser insbesondere für animierte Filme völlig untypischen Darstellung eigenständiger Heldinnen gilt Miyazaki als Vorreiter, der den Weg für eigenständige Disney-Heldinnen wie Merida oder Elsa in Die Eiskönigin oder auch Pixars Alles steht Kopf bereitet hat.
Ein weiteres Thema in Miyazakis Filmen ist die Konfrontation von traditioneller Kultur auf der einen Seite, technisierter Moderne und Naturzerstörung auf der anderen Seite.Julia Nieder: Die Filme von Hayao Miyazaki. Marburg 2006, S. 121–122. Vgl. auch: Takashi Oshiguchi: Hayao Miyazaki – interviewed by Takashi Oshigichi. (1993). In: Trish Ledoux (Hrsg.): Anime Interviews. The First Five Years of Animerica, Anime & Manga Monthly (1992–1997). Cadence Books, San Francisco CA 1997, ISBN 1-56931-220-6, S. 33. Im gleichen Sinne: Helen McCarthy: Hayao Miyazaki. Master of Japanese Animation. Berkeley 2002, S. 101 ff. 1997 erklärte Miyazaki in einem Interview: „Ich bin an einen Punkt gelangt, an dem ich einfach keinen Film mehr machen kann, ohne das Problem der Menschheit als Teil eines Ökosystems anzusprechen.“Analysis. Digitization Zooms in on Japan’s Film Industry. In: Asia Pulse. 16. Mai 1997, . Miyazaki hat für die Darstellung dieser Thematik sowohl japanische (Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise ins Zauberland) wie europäische Settings als Hintergrund gewählt (Das Schloss im Himmel, Porco Rosso). Der Film Das wandelnde Schloss (2004) spielt beispielsweise in einer romantischen deutschen oder elsässischen Fachwerkstadt im Zeitalter der Industrialisierung. Die romantische Kulisse, basierend auf Colmar, wird zerstört, als die Stadt einem Bombenangriff aus der Luft zum Opfer fällt.Karl R. Kegler: Godzilla trifft Poelzig. Europäische Kulissen, Kopie und Collage im phantastischen Film Japans. In: archimaera. Heft 2, 2009, . Die drastischen Bilder der brennenden Stadt stellen die Leistungen der Moderne (Industrialisierung, Nationalismus und Militarismus) in Frage. Eine ähnliche Thematik spielt in Prinzessin Mononoke eine tragende Rolle. Hier fällt ein von mythischen Tieren bewohnter Wald dem Holz- bzw. Holzkohlebedarf einer Eisenhütte zum Opfer. Die Technik der Moderne wird mit mythischen oder magischen Gestalten und Kräften aus der traditionellen Überlieferung konfrontiert.Helen McCarthy: Hayao Miyazaki. Master of Japanese Animation. Berkeley 2002, S. 157 f., S. 199. Häufig wächst Kindern oder jungen Erwachsenen als Helden von Miyazakis Filmen eine vermittelnde Funktion zwischen diesen Polen zu.Julia Nieder: Die Filme von Hayao Miyazaki. Marburg 2006, S. 119–121.
Ein wiederholt auftauchendes Motiv in Miyazakis Filmen sind phantastische Flugmaschinen und Luftschiffe.Helen McCarthy: Hayao Miyazaki. Master of Japanese Animation. Berkeley 2002, S. 157 f., S. 160. Die Heldinnen und Helden treibt oft eine tiefe Faszination für das Fliegen an und für Maschinen, die den Traum vom Fliegen wahr werden lassen. Dies reicht von Filmen, in denen es explizit um das Fliegen und den Flugmaschinenbau geht wie z. B. Porco Rosso oder Wie der Wind sich hebt. In anderen Filmen wie Das Schloss im Himmel oder Kikis kleiner Lieferservice ist das Fliegen ein zentrales Element der Geschichte.
Auch Kriege, Konflikte und ihre Auswirkungen auf Menschen und Natur spielen in Miyazakis Filmen oft eine Zentrale Rolle. Z. B. In der Mohnblumenberg, die letzten Glühwürmchen und Porco Rosso schwingt der vergangene Krieg stets im Hintergrund mit. In Nausicäa, Prinzessin Mononoke, wie der Wind sich hebt, der Junge und der Reiher sowie das Wandelnde Schloss sind aktuelle Kriege und Konflikte zentrale Handlungselemente.
Vorbilder und Einflüsse Frühe Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg finden sich in Miyazakis Werk: die nachts von Brandbomben verursachten Feuer finden sich in Nausicaä, ein Haus, aus dem die Familie flüchtete, in Mein Nachbar Totoro und Chihiros Reise ins Zauberland. Miyazakis erste Vorbilder waren mit Osamu Tezuka, Yamakawa Sōji und Fukushima Tetsuji Mangaka, entsprechend wollte er diesen Beruf noch vor dem als Animator ergreifen. Sein Frühwerk, noch als Amateur gezeichnete Comics, war stark von Tezukas Stil geprägt, doch er vernichtete es, um sich davon zu lösen. Yamakawas Shōnen Oja und Fukushimas Sabaku no Maō prägten ihn aber längerfristig. Später beeinflusste ihn auch der französische Comickünstler Jean Giraud alias Mœbius.