mini|Ramush Haradinaj (2018) Ramush Haradinaj (* 3. Juli 1968 in Glođane bei Dečani, SFR Jugoslawien, heute Kosovo) ist ein kosovarischer Politiker (AAK). Während des Kosovokrieges war Haradinaj Unterkommandant der paramilitärischen Organisation UÇK.
Vom 9. September 2017 bis zum 19. Juli 2019 war er 3. Premierminister des Kosovo.
Leben Jugend Haradinaj wuchs auf dem Land als Sohn von Bauern auf. Er stammt aus einer muslimischen Familie, führt jedoch ein säkulares Leben.„Like most Albanian families, his was nominally Muslim, but secular in fact.“ William Langewiesche: House of War, Vanity Fair, Dezember 2008 Bei einem Vortrag, den er am 23. September 2013 an der Columbia-Universität hielt, sagte er sinngemäß, dass die Angehörigen seiner Familie über Generationen Katholiken gewesen seien und er selbst im Grunde nicht wisse, warum er eigentlich Moslem sei. Er sei auch noch nie in einer Moschee gewesen, weder zum Gebet noch zu irgendetwas anderem. Er führt seine Religionszugehörigkeit auf die Zeit der osmanischen Herrschaft in Albanien zurück.Kosovë, videoja e Ramush Haradinaj: Unë nuk e di pse jam musliman, shqiptarja.com, 25. November 2013 (auf Albanisch)I don't know why I am Muslim – Ramush Haradinaj, Video mit Haradinajs Stellungnahme an der Columbia-Universität vom September 2013.
Nach der Grundschule besuchte er weiterführende Schulen in Deçan und Gjakova. Nach dem Abschluss des Gymnasiums 1987 diente er 1988 als Freiwilliger in der Jugoslawischen Volksarmee an den Standorten Pirot und Dimitrovgrad im Osten Serbiens. Dort brachte er es innerhalb von drei Monaten zum Unteroffizier und Spezialisten für chemische Kampfstoffe.
Emigration und Exil Nach dem Wehrdienst zog Haradinaj 1989 nach Luzern (Schweiz), wo ein Onkel ein Bauunternehmen leitete. In den neun Jahren dort wechselte er mehrmals den Wohnsitz, arbeitete in verschiedenen Jobs, unter anderem als Türsteher einer Disco und als Sicherheitskraft bei Sportveranstaltungen und Popkonzerten.
Bei einem Besuch im Kosovo im März 1991 wurde er wegen seiner Teilnahme an Demonstrationen von der jugoslawischen Polizei vorübergehend festgenommen und verhört. Nach der Freilassung kehrte er in die Schweiz zurück, wo ihm politisches Asyl gewährt wurde.
Familie und Persönliches Im Dezember 2002 wurde Haradinajs Bruder Daut Haradinaj von einem UN-Gericht im Kosovo wegen seiner Beteiligung an der Entführung und Ermordung von vier Kosovo-Albanern, die der FARK angehörten – einer mit der UÇK rivalisierenden bewaffneten Formation der Kosovo-Albaner – zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Daut Haradinaj einen hohen Posten im Kosovo-Schutzkorps inne. Ein weiterer Bruder Haradinajs wurde im April 2005 im Kosovo ermordet, nach Angaben von UN-Sicherheitskräften bei einer Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Clans.
Seit 2003 ist Ramush Haradinaj mit der TV-Moderatorin Anita Muçaj-Haradinaj verheiratet., epokaere.com, 12. Jan. 2017 (auf Albanisch)Ramush, balkanupdate.com, 21. Oktober 2005 Aus der Beziehung gingen insgesamt drei Kinder hervor.
Er spricht neben Albanisch und Serbokroatisch auch Englisch, Französisch und Deutsch.
Militärische und politische Laufbahn Mitgliedschaft in der UÇK In der Schweiz schloss Haradinaj sich der Lëvizja Popullore e Kosovës (Volksbewegung des Kosovo, kurz LPK) an, einer Organisation, die mit bewaffneten Mitteln für die Unabhängigkeit des Kosovo kämpfen wollte. Die LPK gilt als eine Vorläuferorganisation der UÇK. Seine Heimat besuchte er in dieser Zeit mehrfach illegal; er reiste von Albanien über Bergpfade ein. Als im März 1997 in Albanien während des Lotterieaufstands die Armeebestände geplündert wurden und Millionen Waffen auf den freien Markt kamen, flog er nach Albanien und begann, systematisch Waffen für die zukünftige UÇK aufzukaufen.
Im Sommer 1997 kehrte er nach Kosovo zurück und baute von dort aus die regionale Gruppe der UÇK auf. Im März 1998 wurde seine UÇK-Gruppe in seinem Geburtsort Gllogjan in Kämpfe mit serbischen Streitkräften verwickelt, wobei zwei seiner Brüder starben. Haradinaj wurden gute Beziehungen zu US-Offiziellen nachgesagt, mit denen er während des Kosovokriegs militärisch und nachrichtendienstlich zusammengearbeitet haben soll.
Politische Karriere im Nachkriegs-Kosovo Nach dem Krieg wurde er stellvertretender Kommandant des Kosovo-Schutzkorps (TMK), einer als Auffangorganisation für ehemalige UÇK-Mitglieder von den Vereinten Nationen gegründeten Nationalgarde. Im selben Zeitraum begann er ein Studium des Rechtswesens an der Universität Prishtina, das er als Diplom-Jurist abschloss.
Seine politische Karriere begann er in der Demokratischen Partei des Kosovo des ehemaligen UÇK-Kommandanten Hashim Thaçi. Diese verließ er im März 2000; im Monat darauf trat er von seinem Posten als Kommandant des TMK zurück. Am 29. April gründete er dann die Allianz für die Zukunft Kosovos (AAK) als Bündnis von fünf nationalistischen Parteien. Im Juni 2002 wurde aus dem Bündnis eine reguläre politische Partei, deren Vorsitzender er seitdem ist.
Die AAK wurde in der Folgezeit drittstärkste Partei der Kosovo-Albaner – hinter der von Ibrahim Rugova gegründeten Demokratischen Liga des Kosovo (LDK) und Hashim Thaçis PDK, einer anderen Nachfolgepartei der UÇK.
Nach der Parlamentswahl am 24. Oktober 2004 bildete die AAK eine Koalition mit der Wahlsiegerin LDK und Haradinaj wurde am 3. Dezember 2004 mit einer Zweidrittelmehrheit zum Premierminister gewählt. Einem Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel zufolge ging es bei der Koalition zwischen beiden Parteien auch um die Befriedung der Rivalität zwischen LDK und AAK: In der Region von Deçan, Klina und Peć sei es von Kriegsende bis zur Regierungsbildung zwischen LDK und AAK zu über 70 Morden gekommen; die Mehrzahl der Opfer seien Mitglieder beider Parteien gewesen.
Im Amt setzte er umstrittene Projekte, wie eine begrenzte Autonomie für ein mehrheitlich von Serben bewohntes Gebiet in der Nähe von Priština, durch. Nachdem die Anklage vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) bekannt geworden war, trat er am 8. März 2005 zurück. Sein Nachfolger im Amt des Premierministers wurde Bajram Kosumi (AAK).
Anklage wegen Kriegsverbrechen Im März 2005 erhob der Internationale Strafgerichtshof Anklage gegen Haradinaj. Er habe vor und während des Kosovokriegs schwere Verbrechen an der Bevölkerung des Kosovo (Serben, Albaner und Roma) begangen, befohlen oder geduldet.
Haradinaj stellte sich dem Gericht und plädierte auf „nicht schuldig“. Er wurde in Untersuchungshaft genommen, aber nach drei Monaten bis zum Prozessbeginn wieder entlassen. Er kehrte ins Kosovo zurück, wo ihm das UN-Tribunal gestattete, sich wieder politisch zu betätigen. Haradinaj musste sich allerdings, so die Auflage des Gerichts, seine Aktivitäten von der UNMIK genehmigen lassen. Ende Februar 2007 kehrte Haradinaj ins Den Haager Gefängnis zurück. Am 5. März begann der Prozess gegen Haradinaj vor dem Tribunal.
Die Anklage gegen Haradinaj und seine Mitangeklagten, den Chef der Sondereinheit „Schwarzer Adler“, Idriz Balaj, und UÇK-Unterkommandant Lahi Brahimaj, umfasste 37 Punkte, darunter Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstöße gegen das Kriegsrecht. Es ging dabei um Gewalttaten, die zwischen dem 1. März und dem 30. September 1998 begangen worden seien. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, an einer verbrecherischen Organisation beteiligt gewesen zu sein. Deren Ziel sei es gewesen, die Region Metochien im Westen Kosovos unter ihrer Kontrolle zu bringen. Als Mittel habe ihnen dabei die „ungesetzliche Vertreibung und Misshandlung von Serben“ gedient, sowie die Misshandlung von anderen Zivilisten, die sie verdächtigten, mit den serbischen Ordnungskräften zusammenzuarbeiten, serbenfreundlich zu sein oder die UÇK nicht zu unterstützen. Zu den in der Anklage aufgeführten Straftaten, an denen Haradinaj beteiligt gewesen sei, gehörten unter anderem gewaltsame Verschleppung von Zivilisten, Entführung, Freiheitsberaubung, Folter, Mord und Vergewaltigung.
Bei der Eröffnung des Verfahrens wies die Chefanklägerin Carla Del Ponte auf die Probleme der Ankläger hin. Die Einschüchterung von Zeugen sei ein großes Problem bei den Ermittlungen gewesen. Haradinajs Verteidiger, Ben Emmerson, erklärte, die Anklagepunkte seien nicht hinreichend fundiert; der Vorwurf der Teilnahme an einer verbrecherischen Organisation sei der Versuch, Haradinaj verantwortlich zu machen „für die Verbrechen aller bewaffneten Albaner im Westkosovo“.
Am 3. April 2008 wurden Ramush Haradinaj und Idriz Balaj vom Den Haager Gericht freigesprochen. Im Verfahren fehlten die Beweise, da von den ursprünglich zehn Zeugen, die gegen Haradinaj aussagen sollten, nur noch einer lebte.Eine von Leotrime Osaj angefertigte Liste getöteter Zeugen enthält sogar mehr als 10 Opfer: O Ramush familja Osaj po e pret rrëfimin tënd për Rexhën e vrarë!, botasot.info, 21. Mai 2017 Dieser zog seine Aussage zurück, nachdem er ein Attentat knapp überlebt hatte. Die übrigen Zeugen waren Kujtim Berisha, der am 16. Februar 2007 in Podgorica, Montenegro von einem Jeep überfahren wurde, b92.net, 17. Februar 2007. Archiviert am 19. Februar 2007., Ilir Selimaj, der nach einer provozierten Kneipenschlägerei erstochen wurde,, shqiptari.eu, 27. Jan. 2017 (auf Albanisch) Sadik, Sinan und Xheladin (Gjeladin) Musaj, die alle im Jahr 2005 starben (Sadik wurde bei einem Attentat am 1. Februar 2005 auf offener Straße in der Gegend von Peja erschossen,Flet Sadik Musaj: Ramushi erdhi me ‘ushtri’ dhe na sulmoj, botasot.info, 15. Februar 2016 (auf Albanisch)Si filloj konflikti Haradinaj – Musaj?, botasot.info, 29. Januar 2016 Sinan und Xheladin Musaj wurden im Juni 2005 im Dorf Raushiq bei Peja getötet), Sebahate Tolaj und Isuf Haklaj, zwei Beamte der Kosovo-Polizei, die gegen Haradinaj aussagen wollten und im November 2003 starben, nachdem sie in einen Hinterhalt in der Nähe von Peja gelockt worden waren,Vrasësi i policëve Tolaj e Haklaj radikalizohet brenda burgut të Gërdovcit, lajmpress.com, 4. Nov. 2016 Bekim Mustafa und Avni Elezaj, die bereits im Jahr 2002 erschossen worden waren, sowie Sadik Muriçi und Vesel Muriçi, der zunächst entkommen konnte. Diese „stark beschützten Zeugen“ starben im Jahr 2002 bei professionell organisierten Attentaten in der Gegend von Peja.
Der Mitangeklagte Lahi Brahimaj wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. In Serbien stieß Haradinajs Freispruch auf Unverständnis. Auch die langjährige Chefanklägerin des Haager Tribunals Carla Del Ponte schrieb in ihrer Autobiographie von 2008, das Haager Tribunal habe sein Augenmerk einseitig auf von serbischer Seite begangene Verbrechen gerichtet, während es Verbrechen, in die Kosovo-Albaner verwickelt waren, trotz hinreichend vorliegender Beweise nicht verfolgt habe. Haradinaj sei in den Verkauf von Organen im Kosovo involviert, die exekutierten Gefangenen aus dem Kosovo entnommen wurden.https://web.archive.org/web/20080415102924/http://en.rian.ru/world/20080414/105052868.html (englisch). RIA Novosti, 14. April 2008.
Die Verfahren gegen Haradinaj, Lahi Brahimaj und Idriz Balaj wurden am 21. Juli 2010 wieder aufgenommen, die Gerichtsverhandlung begann am 18. August 2011. Zugunsten der Freilassung von Haradinaj wurde die Kampagne „U bo boll“ (Es reicht) gestartet. Im neu aufgerollten Prozess forderte die Staatsanwaltschaft des UN-Tribunals eine mindestens 20 Jahre lange Haftstrafe, am 29. November 2012 sprach das UN-Kriegsverbrechertribunal aber Haradinaj, Balaj und sogar Brahimaj in allen Anklagepunkten frei.