Ghusl () ist die allgemeine Waschung des gesamten Körpers im Islam, die zu verrichten ist, um den Zustand der rituellen Unreinheit (ǧanāba) zu beseitigen. Es ist nicht mit der rituellen Waschung Wudū' vor dem Gebet zu verwechseln.

Etymologie Das Wort ist aus dem Verb ġ-s-l bzw. ġasala (sich (gründlich) waschenFriedrich Heinrich Dieterici: Arabisches Handwörterbuch zum Koran und Thier und Mensch vor dem König der Genien, zweite vermehrte und verbesserte Auflage, Leipzig: Hinrichs’sche Buchhandlung, 1894, S. 115, reinigen, putzen) abgeleitetHans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart, V. Ausgabe, Wiesbaden: Harrassowitz, 1985, S. 915 und kommt zwar mit seiner Wurzelsiehe z. B. Sura 38:42, 5:6, jedoch nicht als Nomen im Koran vor. Ghusl ist vielmehr in der Sunna und Rechtsliteratur zu finden; dort ist auch die abgeleitete Form iġtisāl üblich.

Zustand der rituellen Unreinheit Für den Begriff Ṭahāra (rituelle Reinheit), der auch im Judentum verwendet wird, gibt es im islamischen Recht (Fiqh) einen Gegenspieler, nämlich Ḥadat̲h̲, der für die rituelle Unreinheit steht. Im islamischen Recht wird zwischen der kleinen und der großen Unreinheit unterschieden, die erstere wird durch die Gebetswaschung (Wudū') beseitigt, während für die Beseitigung der großen Unreinheit, auch d̲j̲anāba, die Ganzkörperwaschung (ghusl) notwendig ist.Bousquet, G.-H., “Ḥadat̲h̲”, in: Encyclopaedia of Islam, Second Edition, Edited by: P. Bearman, Th. Bianquis, C.E. Bosworth, E. van Donzel, W.P. Heinrichs. Abgerufen online am 16. November 2023. Online-Vorschau verfügbar auf der Website von Brill online.Reinhart, A.K., “Ṭahāra”, in: Encyclopaedia of Islam, Second Edition, Edited by: P. Bearman, Th. Bianquis, C.E. Bosworth, E. van Donzel, W.P. Heinrichs. Abgerufen online am 16. November 2023. Online-Vorschau verfügbar auf der Website von Brill online

Der Zustand der großen rituellen Unreinheit ( oder Dschanāba) tritt nach dem Eindringen mit dem Penis in die weibliche Scheide (mit oder ohne Samenerguss),Ali, Abdullah bin Hamid Prayer and purification according to the Maaliki school of Islamic jurisprudence, Philadelphia: Lamppost Education Initiative, 2011; Halle (Saale) : Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, 2011, S. 44 Lubrikation bzw. weiblicher Ejakulation (mit oder ohne Geschlechtsverkehr), im Schlaf oder im wachen Zustand ein. Dies gilt jedoch nicht im Falle einer Krankheit, beispielsweise mit Ausfluss aus der Vagina. Nach der Menstruation (ḥayḍ) ist der Geschlechtsverkehr erst nach vollzogenem Ghusl der Frau zulässig. Die Anweisung hierzu findet sich im Koran, Sure 2 Vers 222:Ibrahim, Celene, “Menstruation”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE, Edited by: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart. Abgerufen am 10. November 2023. Online-Vorschau verfügbar auf Brill Online.

Ghusl ist dann obligatorisch, um das Gebet vollziehen zu können, während nach dem Toilettengang oder Flatulenzen nur die kleine Waschung (Wudū) notwendig ist.

Ein weiterer Grund für die Durchführung des Ghusl ist die Konversion zum Islam. Nach einer Überlieferung trat ein Gefangener zur Zeit des Propheten zum Islam über, dieser befahl ihm dann, sich zum Garten von Abu Talha zu begeben und dort die Gesamtwaschung durchzuführen.Muhammad Sa'id Dabas, Jamal al-Din Zarabozo (Übersetzer): Fiqh us Sunnah, At-Tahara and As-Salah, American trust Publications, Indianapolis, 1991, S. 52f.

Konsequenzen und Vorschriften bezüglich der rituellen Unreinheit in den islamischen Quellen Dazu finden sich zahlreiche Erwähnungen im Koran, beispielsweise in der 4. Sure im Vers 43 heißt es:

Auch in Sure 5 Vers 6 wird die Anordnung wiederholt, sich im Zustand der rituellen Unreinheit zu waschen:

Im Fiqh wird dies auf die rituelle Reinigung mittels Ghusl bezogen.Katz, Marion Holmes, “Cleanliness and Ablution”, in: Encyclopaedia of the Qurʾān, General Editor: Johanna Pink, University of Freiburg. Abgerufen online am 4. November 2023 (Vorschau verfügbar auf Brill online)

Praktisches Die Waschung wird mit rituell reinem Wasser am ganzen Körper vollzogen, dazu wird vorher eine entsprechende Willenserklärung oder Absicht (Nīya) gefasst; wie alle Handlungen des Menschen, muss auch die rituelle Waschung mit der Basmala beginnen. Für Personen, die sich im Zustand der großen rituellen Unreinheit befinden, gelten dieselben Tabus wie für diejenigen, die sich im Zustand der kleinen rituellen Unreinheit befinden: Der Quran darf nicht berührt oder rezitiert und Moscheen nicht betreten werden. Wöchnerinnen und menstruierende Frauen dürfen abweichend davon den Koran rezitieren, aber ihre Gebete und ihr Fasten werden nicht angenommen. Außerdem ist es nicht erlaubt, die Umrundung der Kaaba (Tawāf) durchzuführen. Es besteht auch beim Ghusl die Möglichkeit, diesen durch Tayammum zu vollziehen, falls kein Wasser vorhanden istTheodor Nöldeke: Die Geschichte des Qooran), 2. Auflage, erster Teil (Über den Ursprung des Qorāns, Leipzig: Dieterich’sche Buchhandlung Theodor Weicher (1909), S. 199Ali, Abdullah bin Hamid: Prayer and purification according to the Maaliki school of Islamic jurisprudence, Philadelphia: Lamppost Education Initiative, 2011; Halle (Saale) : Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, 2011, S. 55; dies ist eine von den meisten Rechtsschulen anerkannte, wenn gleich auch diskutierte Praxis. Die Waschung wird oft im Hamam durchgeführt. Wird im Falle einer Erkrankung wie eines Abszesses oder eines Hautausschlags befürchtet, dass Wasser diesen Zustand verschlimmern würde, so kann die Stelle mit einem Pad abgeklebt und im Zuge des Ghusl darüber gestrichen werden.Ali, Abdullah bin Hamid: Prayer and purification according to the Maaliki school of Islamic jurisprudence, Philadelphia: Lamppost Education Initiative, 2011; Halle (Saale) : Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, 2011, S. 59 Für Frauen gilt, dass diese, sofern sie geflochtene Haare haben, diese nicht zum Zwecke des Ghusl öffnen müssen. Frauen, die sich nach ihrer Menstruation waschen wird vom Propheten befohlen, vorher ihren Intimbereich separat zu reinigen. Hierfür soll Wasser verwendet werden, in das Lotusblätter gegeben werden. Im Anschluss daran soll sie ihre Haare gründlich befeuchten, sodass auch die darunter liegende Kopfhaut nass wird. Dann wird ein mit Moschus bestrichener Wattebausch verwendet und damit der Intimbereich abermals gesäubert.

Ausführung Das Waschen der Hände (drei Mal) Waschen der Geschlechtsteile Durchführung der Schritte, wie sie beim Wudū' vorgeschrieben sind (außer der Füße, die erst am Schluss gewaschen werden)Muhammad Muhsin Khan (Übersetzer): The Translation of the Meanings of Sahîh al-Buchâri (Arabisch-Englisch), Band 1, Riyadh: Darussalam Publishers and Distributors (1997) S. 187 und Folgende. Die Haare mit Wasser einreiben (drei Mal). Dabei soll das Wasser bis zur Kopfhaut (wörtl.: Den Haarwurzeln) vordringen Wasser über den Körper gießen, angefangen von der rechten Seite (Prinzip von tayyamūn, bei der immer mit Rechts begonnen oder Handlungen mit der rechten Hand ausgeführt werden). Gleichzeitig: Waschen der Achselhöhlen und des Bauchnabels, der Ohren, in den Zehenzwischenräumen und alle Bereiche, die leicht erreicht werden können.

Diese Vorgehensweise geht auf einen von Aischa überlieferten Hadith zurück:

Die Vorgehensweise für Frauen ist bis auf die bereits erwähnten Unterschiede dieselbe wie bei Männern.

Beachtenswertes Wird Ghusl in einem öffentlichen Bad durchgeführt, so ist darauf zu achten, dass der Intimbereich nicht entblößt wird (außer vor nahen Verwandten). Ghusl ersetzt Wudū', es ist nicht notwendig, vor oder nach dem Ghusl separat eine kleine Waschung zu vollziehen. Im Zustand der großen Unreinheit ist es gemäß einer Überlieferung von al-Buchārī statthaft, sich die Haare schneiden zu lassen oder die Fingernägel zu kürzen. Es ist gestattet, sich mit einem Handtuch abzutrocknen, insbesondere in den kalten Monaten. Wasser soll nicht verschwendet werden, es ist auch nicht erwünscht, die Waschung in stehenden Gewässern oder an einem unreinen Ort durchzuführen. Tayamumm ist auch dann zulässig, wenn Verletzungen, die nicht abgedeckt werden können, sich durch Wasser verschlimmern würden oder wenn man befürchtet, durch das kalte Wasser krank zu werden und keine Möglichkeit besteht, das Wasser zu erhitzen.Saalih ibn Ghaanim al-Sadlaan (Übersetzt von J. Zarabozo): Fiqh made easy. A Basic Textbook on Fiqh, Al-Basheer Publications and Translations (1999), S. 31. ISBN 978-1-891540-07-3. Informationen zum Buch auf Google Books sind hier abrufbar.

Arten von Ghusl Es wird unterschieden zwischen Ghusl tartībī, der Waschung, die in drei vorgeschriebenen Phasen vollzogen wird, während Ghusl ightimās durch vollständiges Eintauchen des Körpers ins Wasser (in einen Pool, See etc.) durchgeführt wird.Tornauw, Nicolaus: Das Moslemische Recht: aus den Quellen dargestellt, Leipzig : Dyk’sche Buchhandlung, 1855, S. 30

Anlässe

Generell wird unterschieden zwischen Anlässen, bei denen die Durchführung der Gesamtwaschung Pflicht ist oder gemäß der verschiedenen Rechtsschulen empfohlen wird. Beispielsweise ist vor dem Freitagsgebet die allgemeine Waschung des Körpers ritualrechtlich empfohlen (mustaḥabb)Katz, Marion H., “Friday prayer”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE, Edited by: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart. Abgerufen online am 3. November 2023. Online-Vorschau verfügbar auf Brill online, ebenso wie zu den beiden islamischen Festen und vor dem Vollziehen der Haddsch. Allgemein ist es bevorzugt, vor dem Betreten von Makka sowie beim Stehen am Berg ʿArafāt Ghusl durchzuführen. Bei den Schia gibt es noch weitere kuriose Anlässe, wie zum Beispiel nach dem freiwilligen Betrachten einer gehängten Person oder wenn man ein Neugeborenes berührt hat.

Einstufung des Reinheitsgehalts von Wasser Wie oben bereits erwähnt, darf für die Waschung nur mit rituell reinem Wasser durchgeführt werden, das gilt sowohl für die kleine Gebetswaschung (Wudū') als auch für die Gesamtwaschung (Ghusl). Hierbei wird zwischen drei Arten von Wasser unterschieden, wobei die Details sich in anderen Rechtsschulen als der hier zitierten (mālikitischen) Rechtsschule unterscheiden können. Unterschieden wird:

Natürliches Wasser (mutlaq) Reines, aber nicht natürliches Wasser Unreines Wasser

Natürliches Mutlaq-Wasser selbst wird unterschieden in reines und nahezu reines Wasser, wobei der Charakter (Farbe, Aussehen) bei letzterem durch Stoffe verändert sein können, die selbst jedoch als rein gelten. Das Wasser wird durch diese Stoffe also nicht unrein (z. B. Laub). Wasser der zweiten Kategorie rein, aber nicht natürlich ist Wasser, das beispielsweise mit Zucker, Milch oder Seife vermischt wurde. Dieses Wasser darf nicht für Ghusl verwendet werden, jedoch zum Beispiel zum Spülen von Geschirr etc.

Unreines Wasser ist Wasser, das durch Stoffe verunreinigt wurde, die selbst als unrein gelten, wie zum Beispiel Blut, Sperma, Urin oder Kot. Für die Waschung kommt also folglich nur Wasser der ersten Kategorie in Frage, das entweder rein oder nahezu rein ist.Ali, Abdullah bin Hamid Mālikī Fiqh : introduction to purification and prayer, Philadelphia : Lamppost Education Initiative, 2014; Halle (Saale): Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, 2014, S. 2

Segen durch das Vollziehen des Ghusl an Freitagen