mini|hochkant|König Chulalongkorn Chulalongkorn (Aussprache: ) oder Rama V. (* 20. September 1853 in Bangkok; † 23. Oktober 1910 ebenda) war von 1868 bis zu seinem Tod König von Siam, dem heutigen Thailand. Während seiner 42-jährigen Regierungszeit öffnete sich Siam weiter dem Westen, modernisierte sein Militär, Verwaltungssystem, Bildungs- und Rechtswesen, baute die Infrastruktur aus und schaffte die Leibeigenschaft ab. Im Jahre 1873 schaffte er auch die bis dahin übliche Niederwerfung auf den Boden vor Angehörigen des Königshauses ab, sie mussten sich als Zeichen des Respekts nur noch verbeugen. Er ist neben Bhumibol Adulyadej der in der Bevölkerung bis heute meist verehrte Monarch in Thailand.

Name mini|hochkant|Nachbildung eines Phra-Kiao-Krönchens (oder cuḷālaṅkaraṇa), auf das der Name Chulalongkorn zurückgeht. Wie andere thailändische Könige wird auch dieser mit verschiedenen Namen bezeichnet, was zu Verwirrungen führen kann. Chulalongkorn ist der Name bzw. Namensbestandteil, den er ab seiner Geburt führte. ‚Chulalongkorn‘ (Pali cuḷālaṅkaraṇa, von cūḷa ‚Haarknoten‘ oder ‚Kopfschmuck‘ und alaṅkaraṇa ‚Ornament‘) bezeichnet eine Art Krone, die junge hochrangige Prinzen trugen (thailändisch Phra Kiao genannt). Eine solche Krone machte Chulalongkorn zu seinem persönlichen Symbol, sie findet sich bis heute etwa stilisiert im Logo der Chulalongkorn-Universität. Website der Chulalongkorn-Universität; abgerufen am 9. Oktober 2015. Bereits als Prinz wurden ihm aber von seinem Vater mehrfach weitere Titel verliehen, mit denen er dann angeredet bzw. bezeichnet wurde.

Als König nahm er den Thronnamen Phra Bat Somdet (Phra Paraminthara Maha Chulalongkorn) Phra Chunlachom Klao Chao Yu Hua an, unter dem er bis heute in thailändischen Dokumenten, Veröffentlichungen und Geschichtswerken bezeichnet wird (der Teil in Klammern kann abgekürzt werden). Er unterschrieb aber selbst mit Chulalongkorn Po.Ro., wobei das Po.Ro. für ParamaRachathirat (etwa „höchster König der Könige“) steht. Auch im Ausland ließ er sich weiterhin Chulalongkorn nennen, weshalb dies in westlicher Literatur der verbreitetste Name für diesen König ist. So heißen auch die nach ihm benannten Universitäten Chulalongkorn-Universität und Maha-Chulalongkorn-rajavidyalaya. Der Thronname wird dagegen im Namen des ebenfalls nach ihm benannten Orden von Chula Chom Klao und der Chulachomklao-Militärakademie verwendet.

Postum verlieh sein Sohn Vajiravudh ihm den Beinamen Piyamaharat ( „geliebter großer König“), der sich auch im Namen des Feiertags Wan Piyamaharat (englisch dagegen meist Chulalongkorn Day) am 23. Oktober (seinem Todestag) findet. Westlichen Ausländern empfahl Vajiravudh, der Einfachheit halber alle Könige der Chakri-Dynastie mit Rama sowie der jeweiligen Ordnungszahl zu bezeichnen. Demnach ist Chulalongkorn Rama V. Weitere, informelle Bezeichnungen, die viele Thailänder vor allem in der mündlichen Kommunikation verwenden, sind Ratchakan thi Ha („die fünfte Regierungszeit“), Ro. Ha („R. fünf“), Sadet Pho („Königlicher Vater“) oder Phra Piya („geliebter Herrscher“).Irene Stengs: Worshipping the Great Moderniser. 2009, S. 87, 141, 162.

Jugend mini|hochkant|Prinz Chulalongkorn mit seinem Vater König Mongkut Chulalongkorn war der älteste Sohn von König Mongkut (Rama IV.) mit dessen Hauptfrau Königin Debsirindra. Er hatte drei Voll- und zahlreiche Halbgeschwister. Der Prinz bekam im Alter von acht Jahren den Titel Krommamuen Pikhanesuan Surasangkat verliehen. Er erhielt eine breitgefächerte Bildung, teils nach siamesischem, teils nach westlichem Modell. Unter anderem wurde er von Anna Leonowens in englischer Sprache unterrichtet. Mit 11 Jahren wurde er für sechs Monate Novize im Wat Bowonniwet. Anschließend bekam er einen neuen Titel: Krommakhun Phinit Prachanat. Schon früh ließ ihn Mongkut gewissermaßen als Lehrling an den Regierungsgeschäften teilnehmen.David K. Wyatt: Thailand. A Short History. 2. Auflage. Silkworm Books, Chiang Mai 2004, S. 175–176.

Beginn der Regierungszeit Phase unter Regentschaft mini|hochkant|Chulalongkorn bei seiner zweiten Krönung, 1873 mini|hochkant|Der junge König Chulalongkorn Bei der Beobachtung der Sonnenfinsternis vom 18. August 1868 im Dschungel Südthailands infizierten sich der Vater und der 15-jährige Chulalongkorn mit Malaria. König Mongkut starb am 18. Oktober desselben Jahres. Dass ihm sein ältester überlebender standesgemäßer Sohn auf dem Thron folgen würde, wurde von vielen Beobachtern erwartet – insbesondere europäischen Ausländern erschien dies selbstverständlich. Es war aber nicht zwingend, da Siam weder über eine gesetzliche noch eine gewohnheitsrechtliche Thronfolgeregelung verfügte und sein Vater nach dem Tod seines Bruders und „zweiten Königs“ (Uparat) Pinklao keinen Nachfolger bestimmt hatte. Stattdessen entschied ein Großer Rat aus Prinzen, hohen Beamten und Klerikern, wer neuer König würde. Neben Chulalongkorn kam auch sein wesentlich älterer Cousin Prinz Wichaichan, der Sohn Pinklaos, in Betracht.

Auf Betreiben des Kalahom (Chefminister der Südprovinzen und des Militärs) Chaophraya Si Suriyawong (Chuang Bunnag), des höchstrangigen und mächtigsten Ministers seines Vaters, wurde Chulalongkorn zum König gewählt, Si Suriyawong zu seinem Regenten und Wichaichan zum neuen Uparat ernannt. Mit der Bestimmung eines „zweiten Königs“ nahmen der Rat und Si Suriyawong eine Entscheidung vorweg, die eigentlich dem König selbst zukam. Chulalongkorns Gesundheit war zu dieser Zeit noch sehr labil, er erholte sich jedoch wieder. Bis zu seiner Volljährigkeit und eigentlichen Krönung im November 1873 lag die Macht bei dem Regenten.Wyatt: Thailand. 2004, S. 177.

Schon früh interessierte sich Chulalongkorn für die Situation im Ausland. Im März und April 1871 besuchte er die zum niederländischen Kolonialreich gehörende Insel Java und die britische Kolonie Singapur, im Dezember desselben Jahres führte ihn eine Reise nach Britisch-Indien und Birma, um dort die europäisch geprägte Verwaltung kennenzulernen. Der britische Generalkonsul Thomas George Knox begleitete ihn dabei,A dark tragedy in Siam. (PDF) In: The New York Times, 12. April 1880. ebenso wie eine vom König handverlesene Gruppe junger Prinzen und Aristokraten. Diese bildeten später den Kern von Chulalongkorns politischem Unterstützerkreis, der als Partei „Junges Siam“ bezeichnet wird.Kullada Kesboonchoo Mead: The Rise and Decline of Thai Absolutism. RoutledgeCurzon, Abingdon (Oxon) / New York 2004, S. 48, 192 (Fn. 30).

Erste Reformen Noch während er unter Regentschaft stand, bemühte sich Chulalongkorn, das siamesische Finanzwesen zu modernisieren und zentralisieren. Bis dahin gingen viele staatliche Einnahmen an verschiedene Behörden und Ministerien, die unter Kontrolle mächtiger aristokratischer Familien (zum Beispiel der Bunnags) standen, nicht aber an den königlichen Haushalt. Auch das System der Steuerpacht erwies sich als ineffizient, viele Steuerpächter erbrachten nicht die geschuldeten Zahlungen. Noch 1870 gründete der junge König ein Amt für Rechnungsprüfung. Nach seiner Volljährigkeit 1873 errichtete er die nach europäischem Vorbild organisierte Finanzbehörde Ho Ratsadakon Phiphat (; wörtlich: „Halle der Steueraufkommensentwicklung“), Vorläuferin des heutigen thailändischen Finanzministeriums. Dieses unterstellte die Steuerpächter einer strengeren Aufsicht und sollte Absprachen zwischen den Pächtern und ihren Aufsehern zulasten der Kasse des Königs verhindern.Kullada Kesboonchoo Mead: The Rise and Decline of Thai Absolutism. 2004, S. 52–54.

Eine weitere einschneidende Veränderung in der Staatsorganisation war die Gründung des „Staatsrats“ (, Sapha thi prueksa ratchakan phaen din, wörtlich: „Rat zur Beratung bei der Regierung des Reiches“) im Mai 1874. Dieser sollte offiziell nur Vorschläge für Reformen erarbeiten, wurde aber zum zentralen gesetzgeberischen und administrativen Organ der absolutistischen Herrschaft Chulalongkorns. Vorbild war vermutlich der französische Conseil d’État zur Zeit Napoleon Bonapartes. Die wichtigsten Punkte auf der Agenda des Rats waren die Abschaffung der Fronarbeit und Sklaverei sowie das Verbot des Glücksspiels, das der häufigste Grund für den Fall in Schuldknechtschaft war.Kullada Kesboonchoo Mead: The Rise and Decline of Thai Absolutism. 2004, S. 54. Im August 1874 folgte die Einführung eines Kronrats, dessen (zunächst 49) Mitglieder den König persönlich beraten sollten.Terwiel: Thailand’s Political History. 2005, S. 180.

Zwischenfall vom Vorderpalast Diese radikalen Reformen stießen auf Ablehnung und Unmut traditioneller aristokratischer Eliten, die um ihre angestammten Pfründen fürchteten. Bereits ein Jahr nach der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Chulalongkorn kam es zu einer politischen Krise. Sie wird nach der Residenz des Uparat („zweiten Königs“) als „Zwischenfall vom Vorderpalast“ bezeichnet. Der Uparat unterhielt zu dieser Zeit seine eigene Garde, die auf dem Gelände seines Palasts Quartier bezog. Nach der Explosion eines Pulverturms und dem Ausbruch eines Feuers auf dem Gelände des Großen Palasts, der Residenz Chulalongkorns, marschierten die bewaffneten Truppen des Vizekönigs vor dessen Mauern auf, vorgeblich um beim Löschen zu helfen. Der König befürchtete jedoch eine Palastrevolte zugunsten Wichaichans, seine Garde wies die Einheiten des Uparats ab und löschte den Brand selbst. Wichaichan, der eine Vergeltungsaktion von Seiten Chulalongkorns fürchtete, floh in das britische Konsulat. Siam stand kurz vor einem Bürgerkrieg. Nach Vermittlung des britischen Gouverneurs der Straits Settlements konnte Wichaichan in den Vorderpalast zurückkehren, musste jedoch die Vorrechte eines „zweiten Königs“ aufgeben. Hintergrund der Krise war vermutlich der Konflikt zwischen den Anhängern Chulalongkorns, die seine Reformen befürworteten, und konservativen Eliten, die Wichaichan unterstützten.Wyatt: Thailand. 2004, S. 178.

Obwohl der König scheinbar als Sieger aus dem Konflikt hervorgegangen war, zeigte er ihm, wie dünn seine Machtbasis und wie riskant seine rasche Reformpolitik war. In der Folge verschob er viele seiner Umgestaltungsprojekte auf lange Zeit. Die Räte hörten zunächst auf zu tagen, die fiskalischen Reformen wurden vorerst nicht umgesetzt und auch die Sklaverei bestand noch über zwei Jahrzehnte fort. Chulalongkorn forderte seine jungen Unterstützer auf, den etablierten Notabeln mit mehr Respekt zu begegnen, ihre „Gesellschaft des Jungen Siam“ und die dazugehörige Zeitung zu schließen.Wyatt: Thailand. 2004, S. 179.

Politik mini|hochkant|Offizielles Porträt Ramas V. im Großen Palast

Bei der 100-Jahr-Feier zum Bestehen der Chakri-Dynastie im Jahr 1882, nur 14 Jahre nach dem Tod seines Vaters, wurden fünf bedeutende Errungenschaften König Chulalongkorns für Siam bis zu diesem Zeitpunkt erwähnt:Terwiel: Thailand’s Political History. 2005, S. 194. die allmähliche Gleichberechtigung bestimmter Klassen von Sklaven (im Jahr 1905 wurde die Sklaverei endgültig abgeschafft und verboten), die Abschaffung der Niederwerfung vor dem König, die Garantie für Regierungsbeamte, dem König schriftlich ihre Meinung zukommen lassen zu dürfen, die Verbesserung der Beziehungen zum Ausland, die Erweiterung des Wat Phra Kaeo. Des Weiteren hatte er bereits eine Bildungsreform angestoßen, das Anlegen neuer Reisfelder unterstützt und die Wirtschaft durch das Graben neuer Kanäle angekurbelt.

Außenpolitik mini|Chulalongkorn im August 1907 mit dem braunschweigischen Regenten Johann Albrecht vor dem Bahnhof in Braunschweig.