Die Ausdrücke Kolonisation und Kolonisierung, seltener auch Kolonismus bezeichnen in der Geschichts- und Politikwissenschaft die Gründung und Entwicklung von Kolonien (), das heißt die Landnahme und Besiedlung von Land durch Kolonisatoren beziehungsweise Kolonisten. Das kolonisierte Gebiet kann bisher unbewohnt oder bereits von Menschen besiedelt gewesen sein. In jedem Fall ist Kolonisation die Expansion einer Gesellschaft über ihren angestammten Lebensraum hinaus.

Die Begriffe werden sowohl für frühe Kulturen verwendet als auch für Entwicklungen in der Neuzeit. Kolonisation in der Neuzeit kann die Urbarmachung, Besiedelung und Entwicklung bisher ungenutzter Gebiete eines Staates bedeuten. In diesen Fällen wird auch von Binnenkolonisation (-kolonisierung) oder „innerer Kolonisation“ gesprochen. Kolonisation kann aber auch expansive und aggressive Usurpation und anschließende Fremdherrschaft durch ein Volk aus einer anderen Kultur oder durch eine fremde Staatsmacht bedeuten, also Kolonialismus. Nach Wolfgang Reinhard „ist historisch Kolonisation ohne Kolonialismus wohl nur selten möglich gewesen“.Wolfgang Reinhard: Kleine Geschichte des Kolonialismus (= Kröners Taschenausgabe. Band 475). Kröner, Stuttgart 1996, ISBN 3-520-47501-4, S. 3.

Einordnung und begriffliche Abgrenzung Landnahme gab es bereits in der Steinzeit. Kolonisationen gibt es seit der Entstehung von Hochkulturen. Kolonisatoren konnten außer Staaten auch Gebietskörperschaften (Teilstaaten) oder Institutionen (Kaufleute, Orden, Freibeuter, Piraten) sein.

Diese frühe Kolonisation ist nicht an den neuzeitlichen Begriff der Schaffung eines überseeischen Gebietes eines zentralistischen Staates gebunden, sondern war mit sehr unterschiedlichen Begleiterscheinungen verbunden. Kolonisation ist grundsätzlich von Kolonialismus als Herrschaftsprinzip zu unterscheiden. Die Kolonisation aus Expansionsstreben bezeichnet man als Imperialismus. Kolonisation hat, auch wenn offiziell andere Gründe genannt werden oder in der Diskussion sind, primär wirtschaftliche Gründe. Man sicherte sich zum Beispiel den Zugriff auf Ressourcen (Menschen, Waren) in einem fremden Gebiet oder Staat. Damit ging mitunter eine Entvölkerung des eroberten Landes (etwa durch Zwangsumsiedlung) einher. Anlass war die Absicherung der Macht und des Wohlstandes. Schließlich wurden schon in römischer Zeit durch Kolonien ein Absatzmarkt sowie billige Arbeitskräfte in Form von Sklaven und wichtige Rohstoffe erschlossen. Dabei spielt die Tatsache, dass sich viele als Kolonien eroberte Gebiete – oft sogar sehr schnell – verselbständigen, in Bezug auf die Ausgangsmotivation keine Rolle. Kolonien sind, obwohl sie mitunter eingegliedert erscheinen, nicht vollumfängliche Teile ihres jeweiligen Mutterlandes. Zum Teil werden sie auch verpfändet (Orkney), verkauft (Estland, Alaska) oder getauscht (Helgoland gegen Sansibar).

Antike Die ältesten belegten Beispiele für die Schaffung abhängiger Gebiete stammen vom Ende des 3. und der Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends aus Hochkulturen rund um die Levante. Vermutlich eroberte bereits Sargon von Akkad ganz Mesopotamien. Sowohl Sargon als auch das minoische Kreta (erste Thalassokratie) und Ägypten unter Pharao Thutmosis III., der als erster Feldherr in die Geschichte einging und in 20 Jahren 16 Kriege geführt haben soll, schafften sich Vasallenstaaten.

In der Antike gab es vielfältige und in ihren konkreten Formen sehr unterschiedliche Kolonisationsbewegungen. An Europa tangierenden Kolonialmächten sind vor allem die Minoer, die Phönizier, die Griechen und das Römische Reich, eventuell auch die Etrusker zu nennen.

Minoische und Mykenische Kolonisation Den Minoern ging es nicht um Landnahme, sondern die Sicherung ihres Handelsmonopols und damit um die Hegemonie in der Ägäis. Während die Kykladen ohne Besetzung beherrscht wurden und in Ägypten Handelsstützpunkte errichtet wurden, ist offen, ob auch Zypern unter minoische Herrschaft geriet. Mykenische Griechen vom Festland, das kulturell zunächst unter starkem minoischen Einfluss war, strebten ihrerseits im 15. Jahrhundert v. Chr. offenbar die Hegemonie in der Ägäis an, eroberten Kreta und nahmen die Kykladen sowie ehemals minoische Siedlungen auf Rhodos und in Westkleinasien (Milet, Iasos) in Besitz. Ab dem 14. Jahrhundert bestehen Handelsbeziehungen mit fast dem gesamten Mittelmeerraum. Die mykenische Kultur erhielt im Zuge der Umwälzungen um 1200 v. Chr., die viele Regionen des östlichen Mittelmeers trafen (siehe auch Seevölkerinvasion), einen empfindlichen Schlag: vor allem auf dem Festland wurden viele Zentren und Siedlungen zerstört, der Handel war in der Folge eingeschränkt. Trotzdem betrieben zumindest einige Regionen der mykenischen Kultur im 12. Jahrhundert weiterhin Fernhandel, wie Funde beispielsweise mykenischer Keramik im syrischen und kanaanitischen Raum, in Italien und auf Sardinien beweisen. Es ist umstritten, ob es mykenische Kolonien gab. Eindeutige Belege für Kolonien fehlen, wenn man von der Besetzung Kretas und der Übernahme von der bereits minoisch besiedelten Gebieten, zum Beispiel Milet absieht. Außerhalb der Ägäis nehmen einige Forscher mykenische Viertel bzw. Händlerniederlassungen oder Faktoreien für Ugarit in Nordsyrien, Tell Abu-Hawam in Palästina und in Süditalien (Scoglio del Tonno bei Tarent) sowie auf Sizilien (Thapsos im Osten und CannatelloErnesto de Miro: Archai della Sicilia greca. Presenze egeo-cipriote sulla costa meridionale dell'isola. L'emporio miceneo di Cannatello. In: Actes de la rencontre scientifique en hommage à Georges Vallet organisée par le Centre Jean-Bérard, l'École française de Rome, l'Istituto universitario orientale et l'Università degli studi di Napoli «Federico II» (Rome-Naples, 15-18 novembre 1995). Rom 1999, S. 71–81. im Süden) an.

Im frühen 12. Jahrhundert siedelte sich mykenische Bevölkerung möglicherweise in Tarsos und Mersin in Kilikien, (Südost-Anatolien) sowie recht wahrscheinlich auf Zypern an. Der Bruch zu den vorangegangenen Phasen ist an diesen Orten eklatant, denn auf massive Zerstörungen folgen jeweils Schichten, die einen sehr hohen Anstieg mykenischer Funde offenbaren.

Phönizisch-Punische Kolonisation Anfang des 1. Jahrtausend v. Chr. übernahmen die Phönizier noch vor den Griechen die Nachfolge der Minoer und strebten das Handelsmonopol im Mittelmeer an. Phönizische Händler errichteten an der nordafrikanischen Küste Niederlassungen. Später stießen sie bis zur Straße von Gibraltar vor. Bekannteste Gründung war die Stadt Karthago im heutigen Tunesien. Karthago machte sich selbständig und sollte mehrere Jahrhunderte führende Macht im westlichen Mittelmeer werden. Eine gewaltsame Besetzung entfällt zunächst zugunsten einer vertraglichen Vereinbarung mit lokalen (davon profitierenden) absoluten Herrschern, führt aber letztlich doch zur großflächigen Landnahme der Punier auf Sardinien (Sulci, Tharros etc.) und in West-Sizilien. Karthago besetzte Ibiza, Sizilien, dehnt später seine Handelsstützpunkte auf Sardinien auf das Hinterland aus und ist im Kampf gegen Rom gezwungen große Gebiete in Spanien zu erobern.

Griechische Kolonisation

Die „ionische Kolonisation“, bei der – nach antiken Quellen – ab etwa 1050 v. Chr. die Städte an der Westküste Kleinasiens von Ioniern (wieder-)besiedelt wurden, ist eine Landnahme. Dass sie stattgefunden hat, gilt als wahrscheinlich, wann genau und aus welchen Motiven, ist allerdings umstritten. Das früheste überlieferte Datum ist das Jahr 1053 v. Chr. für Milet. Die zuvor dort existierende mykenische Stadt wurde – nach Angaben des Ausgräbers Wolf-Dietrich Niemeier – um 1100 zerstört. Funde protogeometrischer Keramik deuten darauf hin, dass um 1000 v. Chr. Ionier dort siedelten. Möglicherweise wurde Milet um 1100 v. Chr. von Griechen verlassen und einige Jahrzehnte später von ionischen Siedlern wiederbesiedelt. Bei den antiken Griechen gab es nach dem Ende der Dunklen Jahrhunderte mehrere Kolonisationswellen. Die erste wurde wahrscheinlich ausgelöst durch eine demographische Verdrängung als Spätfolge der Dorischen Zuwanderung.

Die „Große Griechische Kolonisation“ fand etwa zwischen 750 und 550 v. Chr. statt. Es handelte sich dabei nicht um eine zentral gesteuerte Kolonisationsbewegung, sondern um zahlreiche Einzelexpeditionen, die von je einer Stadtgemeinde (Polis) entsandt wurden. Die dabei gegründeten Tochterstädte lagen hauptsächlich an den Küsten des Mittelmeeres und seiner Nebenmeere: In Nordafrika, Kleinasien, Spanien, Südfrankreich, Dalmatien, Sizilien, Süditalien und dem Vorderen Orient, aber auch an der Nordküste der Ägäis, etwa in Thrakien und auf der Chalkidiki entstanden griechische Siedlungen. Auch die Küstenlinie des Schwarzen Meeres wurden besiedelt, etwa Pontos oder die Krim. Die ersten Siedler fühlten sich als Griechen bzw. als Angehörige ihrer Heimatpolis. Es gab Konflikte mit den Einheimischen, die Kolonien waren aber nicht auf Ausbeutung angelegt, so dass auch hier primär Landnahme vorliegt. Die griechischen Kolonisten standen im Wettstreit mit den Phöniziern. Auf Korsika vereitelten die Phönizier zusammen mit den verbündeten Etruskern griechische Kolonisationsversuche, dafür drangen die Griechen an die Rhone-Mündung und nach Spanien vor.

Das früheste Datum, das der griechische Historiker Thukydides nennt, ist 734 v. Chr. In diesem Jahr soll Naxos auf Sizilien durch Bewohner der Stadt Chalkis gegründet worden sein. Bereits ein Jahr später gründete Korinth die Kolonie Syrakus, ebenfalls auf Sizilien. In den folgenden Jahrzehnten wurden in Unteritalien und auf Sizilien durch unterschiedliche griechische Poleis weitere Kolonien gegründet. Die archäologische Forschung konnte die Angaben des Thukydides im Großen und Ganzen bestätigen; die Keramikfunde aus den frühesten griechischen Ansiedlungen werden auf die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts datiert. Zu den wichtigsten Ausgangspunkten der Kolonisation gehörten zunächst die beiden auf Euböa liegenden Städte Chalkis und Eretria, später Korinth, Megara, Milet und Phokaia. Die beiden mächtigsten Städte Griechenlands spielten eine geringere Rolle, Sparta gründete nur eine einzige Tochterstadt (Tarent) und Athen begann erst spät mit der Gründung von Kolonien. Als Grund dafür wird vermutet, dass Athen zunächst vor allem eine „Binnenkolonisation“ in Attika betrieb und Sparta durch kriegerische Mittel sein Territorium ausdehnte.

Die Gründe für die „große griechische Kolonisation“ waren mannigfaltig und müssen differenziert betrachtet werden. Vereinfacht lässt sich sagen, dass folgende Komponenten – in unterschiedlicher Gewichtung – eine Rolle spielten: Überbevölkerung in einigen Mutterstädten (in der Forschung strittig!) Politische Rivalität, die dazu führte, dass eine der verfeindeten Gruppen auswanderte. Sicherung von Handelswegen (spielte vor allem bei den Gründungen Milets eine Rolle).

Vielfach scheinen Orakel, insbesondere das Orakel von Delphi, eine wichtige Rolle bei der Gründung einer Kolonie gespielt zu haben. Oftmals gaben die Orakelpriester Rat, wann und wo genau eine Kolonie zu gründen sei. Wenngleich die Kolonien von einer Mutterstadt gegründet wurden, stammten in der Regel nicht alle Siedler aus dieser Stadt. Es haben sich meist Menschen aus anderen Städten auf der Suche nach einer neuen Heimat angeschlossen. Oft wurde die erste Siedlung in der Fremde auf einer küstennahen Insel oder auf einer Halbinsel errichtet. Hatte die Kolonisten ihre Stellung gesichert, dehnten sie sich auf das Festland bzw. Hinterland aus. Die gegründeten Ortschaften waren meist als griechische Planstädte angelegt.

Militärkolonien im Hellenismus