miniatur|hochkant|Nabokov-Denkmal in Montreux Der Zauberer, auch Der Bezauberer (russisch: Волшебник Wolschebnik) ist eine Erzählung des russisch-amerikanischen Schriftstellers Vladimir Nabokov, die dieser während seines Exils in Paris auf Russisch im Oktober und November 1939 verfasste. Die Erzählung weist einzelne Elemente auf, die Parallelen zu Nabokovs bedeutendstem Werk Lolita haben. Während Lolita bereits 1955 erstmals veröffentlicht wurde, erschien die Erzählung 1986 posthum unter dem Titel The Enchanter.Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 95. Es wurde von Vladimir und Véra Nabokovs Sohn Dmitri ins Englische übersetzt, das russische Original wurde erstmals 1991 veröffentlicht. Graham Vickers: Chasing Lolita: How Popular Culture Corrupted Nabokov's Little Girl All Over Again. Chicago Review Press, 2008, ISBN 978-1-556-52682-4. S. 33

Inhalt Die Erzählung hat wie Lolita als Hauptfigur einen Mann im mittleren Lebensalter, hier mit Namen Arthur, der pädophile Neigungen hat. Der Protagonist beobachtet in einem Park ein veilchenblau gekleidetes, präpubertäres Mädchen und fühlt sich zu diesem hingezogen. Kurze Zeit später heiratet er die als ein wenig abstoßend beschriebene verwitwete Mutter des kindlichen Mädchens, um es täglich sehen zu können. Nach dem Tod der Mutter an den Folgen einer Operation misslingt eine sexuelle Annäherung in einem Hotelzimmer, und Arthur wirft sich vor einen Lastwagen.

Entstehung Als erste Inspiration für diese Novelle nennt Nabokov in einem 1956 verfassten Nachwort zu seinem Roman Lolita eine Zeitungsmeldung über einen Affen im Jardin des Plantes, der die Gitterstäbe seines Käfigs gezeichnet haben soll:

Er gibt in dem gleichen Nachwort an, diese Erzählung bald nach seiner Übersiedlung in die Vereinigten Staaten 1940 vernichtet zu haben.Vladimir Nabokov: Über ein Buch mit dem Titel »Lolita«. In: Derselbe: Lolita. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1959, S. 330. Darin täuschte sich Nabokov allerdings. Die Erzählung wurde im Februar 1959 unter anderen Papieren wiedergefunden. Wenig später schrieb er an den Verlagsleiter von G.P. Putnams, dem US-amerikanischen Verlag, in dem nach langer Kontroverse 1958 die US-amerikanische Ausgabe seines Romans Lolita erschien.

Der die Gitterstäbe seines Käfigs darstellende Menschenaffe gilt allgemein als Metapher sowohl für die Geistesverfassung von Arthur, der Hauptperson der Erzählung als auch von Humbert Humbert, der Hauptperson des Romans Lolita. Sie sind beide gefangen in ihrer eigenen Obsession, während sie parallel die normale freie Welt vor sich liegen sehen. Ein Ausbruch aus dem Käfig macht sie zum Verbrecher. Wie der Nabokov-Experte Dieter E. Zimmer jedoch ausführlich nachweist, täuscht sich Nabokov in seinem erläuternden Nachwort mehrfach. Dessen Zeitangabe kann nicht zutreffend sein, weil Nabokov die Arbeiten an der Erzählung im November 1939 abschloss. Zudem war dies weder die erste bekannt gewordene Zeichnung eines Menschenaffens noch kann diese Käfigstäbe zeigen.Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 95 bis S. 103. Über Kritzelzeichnungen von Menschenaffen wurde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mehrfach berichtet. Es sind sich heute jedoch alle Primatenforscher einig, dass trotz ihrer motorischen Fähigkeiten Menschenaffen nicht im Stande sind, ein malerisches Abbild von etwas hervorzubringen, da sie nicht in der Lage sind, komplexe Gegenstände in ihre Teile zu zerlegen und die Relation zwischen ihnen zu zerlegen.Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 97. Es gab in Berlin jedoch gegen Ende der 1930er Jahre einen Schimpansen, der fotografierte und dabei auch vor den Gitterstäben stehende Menschen fotografierte. Über diese Fotos wurde in der Presse ausführlich berichtet. Es gibt glaubhafte Indizien, dass Nabokov entweder diese Fotos sah oder 1949 in Nachbarschaft eines von ihm verfassten Leserbriefes ein solches Foto sah, das in Zusammenhang mit einer anderen Erzählung dort abgedruckt war.

Kritische Würdigung Marcel Reich-Ranicki bezeichnete die Erzählung Der Zauberer als ein vor allem psychologisches Porträt, eine scharfsinnige poetische Studie der sexuellen Obsession, gezeigt am Beispiel eines pathologisch veranlagten Mannes. Marcel Reich-Ranicki: Vladimir Nabokov - Aufsätze. Ammann Verlag & Co, Zürich 1995. ISBN 3-250-10277-6. S. 66 Er nennt es auch ein nachdenkliches und vielschichtiges Prosastück von beängstigender Intensität, bei dem man Gefahr laufe, die Qualität der Erzählung zu unterschätzen, weil auf ihm der Schatten von Nabokovs unvergleichbarem Werk Lolita liege. Marcel Reich-Ranicki: Vladimir Nabokov - Aufsätze. Ammann Verlag & Co, Zürich 1995. ISBN 3-250-10277-6. S. 67

Literatur Marcel Reich-Ranicki: Vladimir Nabokov – Aufsätze. Ammann Verlag & Co, Zürich 1995. ISBN 3-250-10277-6. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, ISBN 978-3-498-07666-5. Graham Vickers: Chasing Lolita: How Popular Culture Corrupted Nabokov's Little Girl All Over Again. Chicago Review Press, 2008, ISBN 978-1-556-52682-4.

Einzelbelege

Kategorie:Werk von Vladimir Nabokov Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Russisch) Kategorie:Erzählung