Tourismuspolitik (von französisch „tour“ = Reise und nach politiká = Angelegenheiten des Gemeinwesens) bezeichnet die zielgerichtete Planung und Gestaltung der touristischen Realität und Zukunft durch verschiedene staatliche, private und übergeordnete Träger.Walter Freyer: Tourismus – Einführung in die Fremdenverkehrsökonomie. 2011, ISBN 978-3-486-59673-1, S. 362 f. Gegenstand der wissenschaftlichen Betrachtung sind die politischen Inhalte, Prozesse und Strukturen im Tourismusbereich.

Legitimation Im Allgemeinen ist das tourismuspolitische Engagement des Staates damit zu begründen, dass Tourismus eine hoheitliche Aufgabe, ein Wirtschaftsfaktor, ein Umweltproblem und ein soziales und kulturelles Phänomen ist. Zudem gilt die Reisefreiheit als Teil des Menschenrechts auf Freizügigkeit, das eine Schutzpflicht des Staates impliziert.

Spezifischere Gründe, die tourismuspolitische Interventionen rechtfertigen, sind:Hansruedi Müller: Tourismuspolitik – Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung. Rüegger Verlag, 2010, ISBN 978-3-7253-0971-9, S. 87 ff.Thomas Bieger: Tourismuslehre – ein Grundriss. 2010, S. 269 ff. Marktversagen: Asymmetrische Informationen, Externalitäten, Monopolstrukturen und öffentliche Güter können ein Funktionieren des Marktes im Sinne der Wohlfahrtsökonomie verhindern. Ein Beispiel für negative Externalitäten im Tourismus sind Fluggesellschaften, die als Treibhausgasemittenten wesentlich zur globalen Erwärmung beitragen, aber nicht im Sinne des Verursacherprinzips an den Folgekosten beteiligt werden.Klimawandel als externer Effekt. forschungsinformationssystem.de, 25. März 2011, abgerufen am 25. Januar 2014. Öffentliches Interesse: Tourismus übernimmt wichtige gesellschaftspolitische Funktionen (z. B. Völkerverständigung) und kommerzialisiert öffentliche Güter – also setzt diese in Wert – wie z. B. das Landschaftsbild. Regionalpolitische Bedeutung und die integrierte Standortförderung: Tourismus ist ein Leitsektor in strukturschwachen Regionen und wird daher als Wohlstandsfaktor gefördert. Transaktionskosten: Der hohe Koordinationsaufwand bei der Gestaltung des Tourismusprodukts (d. h. der Reise) als Dienstleistungsbündel führt zu Transaktionskosten, die vom Staat getragen werden (bspw. durch Einrichtung und Finanzierung einer Destinationsmanagementorganisation). Gefangenendilemma: Destinationen konkurrieren um Touristen und diesbezügliche Werbeausgaben werden i. d. R. aus öffentlichen Haushalten bestritten. Bspw. wird die Deutsche Zentrale für Tourismus mit jährlich über 28 Mio. € aus dem Bundeshaushalt durch das Bundeswirtschaftsministerium gefördert, um Deutschland als Destination international zu vermarkten.Akteure. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, abgerufen am 25. Januar 2014. Wenn nun eine Destination ihre Bemühungen verstärkt (durch Erhöhung der Werbebudgets) müssen andere Destinationen (insbes. deren Exekutive) nachziehen, um Wettbewerbsnachteile zu verhindern.

Aufgabe Grundlegende Aufgabe der Tourismuspolitik ist es, ökonomische, ökologische und soziale Nutzeffekte des Tourismus zu maximieren und seine negativen Auswirkungen zu minimieren. Das Leitbild einer nachhaltigen Tourismusentwicklung hat sich in der Branche mittlerweile weitgehend durchgesetzt.DTV-Positionspapier Tourismus und nachhaltige Entwicklung in Deutschland, abgerufen am 25. Januar 2014. (PDF; 1020 kB) Tourismuspolitik soll insbesondere unternehmerische Eigenverantwortung stärken und durch die Verbesserung der Rahmenbedingungen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sichern.Tourismuspolitik Deutschland. E-travel-pedia, 12/2011, abgerufen am 25. Januar 2014. Des Weiteren strebt sie die Integration der touristischen Anliegen in die allgemeine Wirtschaftspolitik an und soll Entscheidungsgrundlagen und strategische Zielsetzungen (Statistik, Forschung, Leitbilder, Konzepte) erarbeiten. Die Tourismuspolitik soll den Tourismus im Rahmen der Produktgestaltung, des Destinationsmarketings und der Regionalentwicklung fördern. Außerdem soll touristische Infrastruktur wie Verkehrsanlagen, Bildungs-, Sport-, Unterhaltungs- und Kongresseinrichtungen erhalten und ausgebaut werden.

Gestaltungskonzepte der Tourismuspolitik Es gibt verschiedene Gestaltungskonzepte der Tourismuspolitik. FreyerWalter Freyer: Tourismus – Einführung in die Fremdenverkehrsökonomie. 2011, ISBN 978-3-486-59673-1, S. 369 ff. unterscheidet marktorientierte Tourismuspolitik, wobei diese sowohl in Ordnungs- als auch in die Gestaltungspolitik unterteilt werden kann, konzeptionell-dogmatische Tourismuspolitik, pragmatische Tourismuspolitik und Tourismuspolitik als Marketing-Aufgabe. Während diese Konzepte alle marktwirtschaftlich ausgerichtet seien, liege der Tourismuspolitik als universelle Planungsaufgabe ein planwirtschaftlicher Ansatz zugrunde. Von einem übergeordneten Blickpunkt ließen sich eine ganzheitliche Tourismuspolitik und Tourismuspolitik als dynamische Zukunftspolitik differenzieren.

Ziele Die vielen verschiedenen tourismuspolitischen Akteure setzen sich ihre Ziele je nach institutionellem Mandat und je nach politischer Handlungsebene (lokal bis global). Bei konträren Interessen treten Zielkonflikte auf. Ein gängiges Beispiel aus der Tourismuspolitik ist das staatlicherseits unterstützte Bestreben (fast) aller Destinationen, die Zahl (internationaler) Touristenankünfte zu steigern, um Tourismus als Wirtschaftsfaktor zu stärken. Dies unterminiert Bestrebungen zum Klimaschutz, da insbesondere Flugverkehr einen wesentlichen Beitrag zur globalen Erwärmung leistet, NFI, abgerufen am 25. Januar 2014. der wiederum Tourismusdestinationen vor existenzielle Herausforderungen stellt.Klimawandel und Tourismus: Wohin geht die Reise? Deutsche Bank Research, abgerufen am 25. Januar 2014.

Tourismuspolitische Ziele der deutschen Bundesregierung Die Bundesregierung hat 2009 „Tourismuspolitische Leitlinien“ verabschiedet.Tourismuspolitische Leitlinien der Bundesregierung. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, 2009. Diese sehen vor, die Bedeutung des Tourismus als Wirtschafts- und Imagefaktor für Deutschland stärker in das Bewusstsein von Bevölkerung, Politik und Wirtschaft zu tragen und die Rahmenbedingungen für die Tourismuswirtschaft weiter zu verbessern. Außerdem steht Deutschland für nachhaltigen Tourismus und die Chancen, die sich durch den demographischen Wandel für den Tourismus ergeben, sollen optimal genutzt werden. Deutschland soll für hervorragende Qualität der touristischen Leistungen stehen und die im Tourismussektor Beschäftigten sollen besser qualifiziert werden. Ebenso soll auch das touristische „Produkt Deutschland“ weiter verbessert werden. Die Bundesregierung strebt die Teilhabe aller am Tourismus an und auch die Zusammenarbeit von Tourismuspolitik und Tourismuswirtschaft soll verbessert werden.

Der Koalitionsvertrag für die 18. Legislaturperiode besagt,Koalitionsvertrag 18. Legislaturperiode. CDU, abgerufen am 25. Januar 2014. dass der Tourismus ein „gutes Preis-Leistungsverhältnis, Qualität und Freundlichkeit im Service und weitere Anstrengungen im Tourismusbereich“ benötigt. „Um qualifizierte Fachkräfte muss sich das Gastgewerbe, etwa durch verbesserte Ausbildungsanstrengungen, verstärkt bemühen. Der Ausbau der touristischen Infrastruktur muss mit den vorhandenen und bewährten Förderinstrumentarien weiter unterstützt werden. Die Deutsche Zentrale für Tourismus soll die internationale Vermarktung des Reiselandes Deutschlands auf dem bisherigen Niveau weiter unterstützen und auch dazu beitragen, die Bekanntheit von bislang weniger frequentierten Tourismusgebieten zu erhöhen. Wir wollen eine ‚Initiative Kulturtourismus‘ ins Leben rufen und in Zusammenarbeit mit den Ressorts Kultur und Wirtschaft gestalten. Wesentliche Ziele sind Akteure aus den Feldern Kultur und Tourismus in ihrem Zusammenwirken zu qualifizieren sowie Modellprojekte und innovative Kooperationsformen zu fördern.“

Instrumente Je nach Gestaltungskonzept und Zielsetzung bringen staatliche Akteure folgendes Instrumentarium in der Tourismuspolitik zum Einsatz:Florian Carius Staatliche Freizeit- und Tourismuspolitik – Materialien zur Lehrveranstaltung. Unveröffentlichtes Manuskript, 2013, Hochschule Bremen.

Ordnungspolitische Instrumente Hoheitliche oder private Rechtssetzung (Abkommen, Gesetze, Verordnungen, Vorschriften, Verträge) Rechtspflege (Rechtsprechung/Gerichtsurteile, Auslegung) Verwaltungsvollstreckung bzw. Rechtsdurchsetzung Finanzpolitische Instrumente Budgetrecht (Verabschiedung der Haushaltspläne durch Parlamente) Abgaben inkl. Sanktionen (Steuern, Beiträge, Gebühren, Nutzungsentgelte, Geldbußen) Subventionen Wirtschaftsförderung Förderung von Wissenschaft und Technik Ausbildungsförderung Wettbewerbspolitische Instrumente Kartellverbot und Fusionskontrolle Liberalisierung Ausgabe von Emissionszertifikaten Konzessionen Evaluation Umweltmanagement Innovationsförderung und Identifizierung von Best practice Sicherheitspolitische Instrumente Konsularische Unterstützung Notrufnummern Sicherheitskontrollen Katastrophenvorsorge Einberufung von Krisenstäben zur Koordination der Hilfsmaßnahmen und Erarbeitung von Krisenplänen Evakuierungen Technische und finanzielle Wiederaufbauhilfen nach Katastrophenereignissen Einsätze von Sicherheitskräften und Militär Organisations- und Kooperationsstrukturen (u. a. konstitutive Instrumente) Bildung neuer Organisations- und Trägerstrukturen Budgethilfen Koordination Gremienarbeit und Interessenvertretung in Dachorganisationen Bi- und multilaterale Zusammenarbeit Kooperationsallianzen Selbstverpflichtungen Infrastrukturpolitische Instrumente Planung Flächenerwerb Bau Prüfungen der Umweltverträglichkeit und der Betriebssicherheit Pflege von grüner Infrastruktur und Instandhaltung von technischer Infrastruktur Management von Schutzgebieten zu Erholungszwecken Informations- und Kommunikationspolitische Instrumente Qualifizierung von Fachkräften (Aus-, Weiter- & Fortbildung) Bewusstseinsbildung bei Verbrauchern (u. a. Aufklärungskampagnen) Werbekampagnen Informations- und Beratungsangebote Appelle und Handlungsempfehlungen/-vorschläge Öffentlichkeitsarbeit Öffentliche Konsultationen und Volksentscheide Anerkennung und Würdigung Formelle Anerkennung (bspw. Gemeinnützigkeit, schwere Behinderung, Arbeitsbelastung) Würdigungen, Auszeichnungen und Ehrungen

Die Instrumente können nach Eingriffsintensität der dazugehörigen Maßnahmen graduell in harte bis weiche Instrumente eingeteilt werden. Zudem können sie nach den jeweiligen Beeinflussten (Anbieter, Nachfrager, Märkte) kategorisiert werden.

Strukturen Die tourismuspolitischen Strukturen variieren stark: In Ländern mit großer wirtschaftlicher Abhängigkeit vom internationalen Tourismus ist Tourismuspolitik oft als Sektoralpolitik mit einem eigenen Tourismusministerium angelegt. Da Tourismus grundsätzlich diverse Politikbereiche berührt, kann Tourismuspolitik in anderen Ländern als Querschnittsaufgabe verstanden und organisiert werden. Es ist daher erforderlich, dass Tourismuspolitik integrierend zu den verschiedenen Sektoren wirkt.

In Deutschland herrscht zwischen dem Bund und den Bundesländern eine Kompetenzverteilung, die durch Art. 30 und 70 ff. des Grundgesetzes geregelt ist. Die wesentlichen Kompetenzen für die konkretere politische Gestaltung des Tourismus liegen bei den Ländern. Zwischen Bund und Ländern wirkt der Bund-Länder-Ausschuss Tourismus als Koordinationsgremium.Kahlenborn, Kraak, Carius: Tourismus- und Umweltpolitik. 1999, Springer-Verlag, ISBN 978-3-540-64873-4, S. 61 f.Tourismuspolitischer Bericht der Bundesregierung, 17. Legislaturperiode Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, abgerufen am 25. Januar 2014. (PDF)

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