mini|Hauptansicht, Eingang mini|Innenansicht der Schinkelkirche

Die Evangelische Kirche Bischmisheim (auch: Schinkelkirche Bischmisheim) in der Kirchstraße 1 im Saarbrücker Stadtteil Bischmisheim steht als Einzeldenkmal unter Denkmalschutz und gilt als herausragendes Werk des Klassizismus in Südwestdeutschland. , S. 39

Dieser achteckige Kirchenbau fällt aus dem Rahmen der üblichen längsrechteckigen Dorfkirchen im Saarland. Der oktogonale Entwurf von 1821 stammt von Karl Friedrich Schinkel, dem Baumeister des Königs Friedrich Wilhelm III. von Preußen und Oberbaurat in der Oberbaudeputation in Berlin, zuständig für die Überprüfung von Bauanträgen u. a. auf ihre Ästhetik. Gegen den Widerstand der Gemeinde entstand der Bau zwischen 1823 und 1824, die Einweihung erfolgte am 3. August 1824 (Geburtstag des Königs).

Dieser klassizistische Kirchenbau entstand in Schinkels fruchtbarster Schaffensphase: Neue Wache (1816–1818), Schauspielhaus (1818–1821), Altes Museum (1822 geplant, 1824–1830 ausgeführt). Anhand von Schinkels eigenen Kriterien aus seinen Lehrtexten kann man diesen Kirchenbau als Idealbau einer evangelischen Dorfkirche bezeichnen.Alfred Freiherr von Wolzogen, Aus Schinkels Nachlass. Reisetagebücher, Brief, und Aphorismen, 1862, Bd. II. S. 208 Goerd Peschken, Das Architektonische Lehrbuch, (Schinkel Lebenswerk, SLW) 1979. Diese Hochphase seines Wirkens bezeichnete gleichzeitig aber auch einen Kipp-Punkt, denn in dieser Phase begann er bei König Friedrich Wilhelm III. in Ungnade zu fallen. So ist die Dorfkirche von Bischmisheim als „Idealbau“ dieses Genres aufgrund eines Verbots durch den König, künftig Dorfkirchen als Zentralbauten zu konzipieren, gleichzeitig auch sein letzter Kirchenbau dieser Art.Hans Giessen, Ein neues Medium, eine alte Botschaft. Karl Friedrich Schinkel und die Kirche zu Bischmisheim: Persönlichkeit des Architekten, gesellschaftliche Zwänge, semiotische Wechselwirkungen. In: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend. Ausgabe 69, 2021, Seite 77.

Geschichte Die erste Kirche des Ortes gehörte den Bischöfen von Reims. Im 12. Jahrhundert übertrug die Abtei St. Remi die Reimser Ostgebiete, darunter auch Bischmisheim, zunächst an das Kloster Kusel und dann an die Propstei St. Remigiusberg; sie blieb aber in Reimser Besitz, wie aus dem Faktum abgeleitet werden kann, dass die Abtei St. Remi in einem Weistum aus dem 15. Jahrhundert immer noch als Besitzer des Remigiuslandes und somit auch von Bischmisheim erscheint. 1524 kam der Ort dann zur Grafschaft Nassau-Saarbrücken, das Recht zur Kollatur erhielten die Junker von Kerpen in Illingen.

Vorgängerkirche Belegt ist eine Kirche erst im Jahr 1332 in Bischmisheim, es muss sich um eine mittelalterliche Wehrkirche mit einem vorgelagerten Turm gehandelt haben.Werner Karg: Die Geschichte des Dorfes Bischmisheim im Mittelalter; Bischmisheim 2006, 2., überarbeitete Auflage, S. 25 Aus einer 1763 neu angefertigten Flurkarte geht hervor, dass es eine Rechteckkirche mit einem angebauten Turm gegeben hat. Diese Kirche war zu Beginn des 19. Jahrhunderts so baufällig, dass die Gemeinde sich 1809 an das unter französischer Verwaltung stehende Locale Consistorium in Saarbrücken wandte und um den Neubau einer Kirche ersuchte.

Im Jahr 1813 war das Gebäude derart baufällig, dass es polizeilich geschlossen werden musste. Daraufhin reparierte man es notdürftig.

1818 hatte sich nach der schweren Kriegszeit die politische Lage geändert, Preußen hatte die Herrschaft über einen Teil des Saarlandes übernommen. 1819 fertigte der Baumeister Johann Adam Knipper der Jüngere einen neuen Entwurf an, der der alten Kirche ähnlich war: Ein Langhaus mit angebautem Turm.

Der Antrag zur Genehmigung durchlief verschiedene behördliche Stationen, bis er letztlich durch geringe Änderung akzeptiert wurde. Da mit dem Finanzierungsbeitrag der Kommune und zusätzlichen Eigenleistungen der Kirchenmitglieder die Kosten noch nicht gedeckt werden konnten, wurde ein Gesuch an den König von Preußen gerichtet, mit der Bitte um finanzielle Hilfe. Dieser stellte einen Betrag von 1500 Talern in Aussicht, knüpfte daran die Bedingung zur Einsichtnahme der Bau- und Finanzierungspläne sowie ein Gutachten hinsichtlich der Notwendigkeit des Kirchenneubaus.Rudolf Saam: Die Schinkelkirche zu Bischmisheim, in: Saarbrücker Hefte Nr. 23; 1966, S. 31 ff. Letztlich erhielt die Gemeinde nur 1200 Taler. Landeshauptarchiv (LHA) Koblenz, Bestand 403, Nr. 4478.

Neubau der Kirche in Bischmisheim Die Pläne Knippers wurden am 26. Mai 1821 nach Berlin eingereicht und gelangten so in der entsprechenden Behörde, der Oberbaudeputation, in die Hände von Karl Friedrich Schinkel.

Schinkel, zuständig u. a. für die Ästhetik, verwarf den Entwurf Knippers und entwickelte einen eigenen, völlig neuen Plan mit dem Datum vom 17. Juli 1821, nachdem er bereits 1814 einen Entwurf für einen oktogonalen Kirchenbau, die Dorfkirche Glienicke (Heiligengrabe) angefertigt hatte. mini|Entwurf von K. F. Schinkel Er zeichnete einen Bauplan mit Aufriss, Schnitt und GrundrissBerlin, Kupferstichkabinett Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz (StMPK), SM 44c.102; SM44c.103 , dazu erläuterte er ausführlich in einem Brief seine Entscheidungen für diesen ungewöhnlichen achteckigen Kirchenbau.Berlin, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStAPK), Rep. 93D, Nr. 634. Seine Kriterien waren vor allem ökonomische, gottesdienstbedeutsame und ästhetische.

Aufgrund einer unverständlich langen Zeit, die Schinkels Antwort mit seinen Plänen nahm, wurde die Gemeinde in Bischmisheim unruhig und begann Anfang Februar 1822, die baufällige Kirche abzureißen und die Fundamentierung der neuen Kirche nach Knipperplänen vorzunehmen, in der Annahme, dass der Bau schon nahezu von den zuständigen örtlichen Behörden genehmigt war.

Als Anfang März die Unterlagen aus Berlin endlich eintrafen, löste das einen Sturm der Entrüstung in Bischmisheim aus. Eine solch ungewöhnliche Kirche, die es nirgendwo in der näheren und weiteren Umgebung gab, lehnte man vehement ab.

Der zuständige Landrat in Saarbrücken hatte den Beteiligten erklärt, dass man ohne die Billigung der Pläne aus Berlin weder das königliche Geldgeschenk noch eine neue Kirche bekommen würde. Er befürwortete das „achteckige, weit schönere und zweckmäßigere Project“.

Knipper arbeitete die Schinkelpläne aus: Anstelle des Putzbaus mit Ziegeldeckung schlug er den heimischen Buntsandstein als Baumaterial und eine Schieferdeckung für das Dach vor, weil das hochwertigere Material in der Umgebung vorhanden war. Das wurde von Schinkel begrüßt, sofern die Finanzierung es erlaube. alternativtext=Dachkonstruktion Zusatzplan von Schinkel, 13. Mai 1822, Kupferstichkabinett, SM 44.c 103|mini|Dachkonstruktion, Zusatzzeichnung von Schinkel Zur Dachkonstruktion reichte Schinkel noch eine weitere Skizze mit einem Erläuterungsschreiben nach (13. Mai 1822). Diese Anweisungen sind dann sehr wahrscheinlich von Knipper nicht umgesetzt worden, wie sich aus Unterlagen aus den 1920er Jahren herausstellen sollte. Düsseldorf Landeskirchenarchiv (LKA), Ortsakte Bischmisheim, 14, Bd.I, 1879–1929, Bericht vom 17. 12. 1927, 23. 6. 1928.

Als eigene Entwürfe brachte J. A. Knipper den Altar und die Kanzel ein.

In dem Schreiben vom 4. Januar 1823 erteilte Schinkel die letzte Genehmigung zu dem mit 8021 Talern, 21 Groschen und 4 Pfennigen veranschlagten Bauvorhaben mit der Bemerkung: „fleißig bearbeitet und... weiter nichts zu erinnern.“Berlin, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStAPK), Rep. 93D, Nr. 634. Im Frühjahr 1823 konnte mit dem Bau der Kirche begonnen werden, am 3. August 1824 wurde sie eingeweiht.

Restaurierungsgeschichte

Seit ihrer Entstehung hat die Kirche viele Instandsetzungsarbeiten überstehen müssen, bedingt durch den ungewöhnlichen Zentralbau und durch besondere Sparmaßnahmen seitens des ausführenden Bauunternehmers Knipper, wie aus den erhaltenen Akten in den verschiedenen Archiven ersichtlich wird. Insbesondere war das Dach aufgrund seiner Konstruktion besonders schadensanfällig. Letztlich konnten jedoch die Mängel erst durch den Einsatz verbesserter technischer Mittel dauerhaft beseitigt werden.

Kaum ein halbes Jahr nach Fertigstellung der Kirche gab es schon erhebliche Schäden am Dach, wodurch auch die Orgel in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Immer wieder musste sie repariert werden, bis sie schließlich 1888 durch eine neue Orgel von dem Orgelbauer Euler aus Gottesbüren ersetzt wurde.

Der Dachreiter mit dem Geläut stellte gleichermaßen ein ständig wiederkehrendes Problem dar, das man zwischenzeitlich mit einem separaten Glockenturm neben der Kirche hatte lösen wollen. Diese Idee gelangte nicht zur Ausführung.

1896 war der Innenraum verputzt und weiß gestrichen worden, er wird zuvor nur steinsichtig gewesen sein, Säulen und Emporen hatten einen zeittypisch marmorisierten Anstrich.

1898/99 Renovierung durch Bauinspektor Hausmann, vier der acht Eichensäulen im Kirchenraum wurden durch Sandsteinsäulen ersetzt, jeweils die beiden hinter dem Altar und am Eingang.

1904 kam es statt einer die Kirche verunstaltenden Umgestaltung des Portals zum Einbau eines Windfangs hinter der Eingangstür. Windfang, Treppen, der Wandsockel und die Bänke wurden braun gestrichen.

In der Mitte der 1920er Jahre begann allgemein eine Sensibilisierung für den Denkmalschutzgedanken. In dieser Zeit hatte man 1926 die Baupläne von Karl Friedrich Schinkel zur Bischmisheimer Kirche in Berlin wiederentdeckt, nachdem sie in den hundert Jahren zuvor in Vergessenheit geraten waren. Damit wurde in Bischmisheim der Architekt der Kirche – Karl Friedrich Schinkel, inzwischen einer der berühmtesten Baumeister des 19. Jahrhunderts – bekannt. Gleichzeitig erfuhr man in Berlin erst jetzt, dass Schinkels Baupläne umgesetzt worden waren.Staatliche Museen Berlin, Zentralarchiv SMB, ZA I/NG 1076.

Als 1927 Reparaturen anstanden, sollte das Gebäude – mittlerweile unter Denkmalschutz – nach den Originalplänen von Schinkel restauriert werden. Aus den Arbeiten für ein neues Läutewerk entwickelten sich umfangreiche Reparaturen an Dach, Turm, Fenstern, Orgel und Heizung. Architekt C. Schlück aus Saarlouis wurde mit den Arbeiten betraut. In seinen Gutachten traten die Mängel zutage, die wohl auf die Einsparungen Knippers zurückzuführen waren. Es stellte sich heraus, dass die Dachkonstruktion nicht nach Schinkels Zusatzzeichnung und dazugehörigem Erläuterungsschreiben errichtet worden war, außerdem, dass Knipper die Kapitelle aus der Schinkelzeichnung nur als einfache Zimmerkonstruktion hatte herstellen lassen.Düsseldorf LKA, Ortsakte Bischmisheim, 14, Bd. I, Bauamtsarchiv, Untere Baubehörde, Akte 1927–1929. mini|Innenansicht um 1930 mit Schwenkedel-Orgel

In der Technik vorangeschritten, erhielt das Kirchendach mit dem Dachreiter eine Stahlkonstruktion unter Wahrung der alten Dachform. Damit wurde die gesamte Dachkonstruktion freitragend; sie lag nur noch auf den Außenmauern auf, und die Säulen verloren somit ihre tragende Funktion. Der Kern der Decke wurde aus Stahlträgern hergestellt, die Oberseite mit Zementdielen abgedeckt, und zum Kirchenraum wurde sie mit Holzprofil verkleidet.Saarbrücken, Landesdenkmalamt des Saarlandes, Akte ab 1948. Diese Veränderungen führten bei dem Dachproblem zu einer sicheren Lösung. Während dieser Arbeiten wurden die Schinkelzeichnungen sehr genau studiert, so dass der Dachreiter und alle anderen Elemente, die man auf der Zeichnung erkennen konnte, jetzt z. T. wohl erstmals die von Schinkel vorgesehene Gestalt erhielten.Düsseldorf LKA, Ortsakte Bischmisheim, 14, Bd. I. Die Farbfassung des Innenraums erfolgte in Stahlblau. Da die Reparatur der alten Orgel zu teuer geworden wäre, bestellte man bei der Firma Schwenkedel eine neue, die dritte seit der Erbauung. Am 23. Juni 1929 wurde die Kirche neu eingeweiht.