mini|Brustkrebszelle unter einem Rasterelektronenmikroskop
Krebs bezeichnet in der Medizin die unkontrollierte Vermehrung und das wuchernde Wachstum von Zellen, d. h. eine bösartige Gewebeneubildung (maligne Neoplasie) bzw. einen auch Krebsgeschwulst oder Malignom genannten malignen (bösartigen) Tumor. Bösartig bedeutet, dass neben der Zellwucherung auch Absiedelung (Metastasierung) und Invasion in gesundes Gewebe stattfindet. Im engeren Sinn sind die malignen epithelialen Tumoren (Karzinome), dann auch die malignen mesenchymalen Tumoren (Sarkome) gemeint. Im weiteren Sinne werden auch die bösartigen Hämoblastosen als Krebs bezeichnet, wie beispielsweise Leukämie als „Blutkrebs“.
Gutartige Tumoren wie Muttermale und Fettgeschwülste (Lipome) werden in der Fachsprache nicht als Krebs bezeichnet, aber sie können trotzdem gefährlich werden, da sie entarten können oder lebenswichtige Organe in deren Funktion beeinträchtigen (etwa der Kleinhirn-Brückenwinkeltumor). Krebs ist im allgemeinen Sprachgebrauch ein Sammelbegriff für eine Vielzahl verwandter Krankheiten, bei denen Körperzellen unkontrolliert wachsen, sich teilen und gesundes Gewebe verdrängen und zerstören können. Nach aktuellem Stand des Wissens entwickeln Plazenta-Säugetiere häufiger aggressive Epitheltumoren im Vergleich zu anderen Spezies, der Grund hierfür könnte die Evolution der feto-maternalen Immuntoleranz sein.ecancer.org An sich kann unkontrolliertes Zellwachstum aber in allen mehrzelligen Lebewesen vorkommen. Krebs hat unterschiedliche Auslöser, die alle zu einer Störung des genetisch geregelten Gleichgewichts zwischen Zellzyklus (Wachstum und Teilung) und Zelltod (Apoptose) führen.
Die sich den Krebserkrankungen widmende medizinische Fachdisziplin ist die Onkologie.
Vorkommen und Verlauf + Standardisierte Inzidenz (Neuerkrankungen)/100.000 Einwohner (Europastandard)und relative fünfjährige Überlebensraten in Deutschland 2016 Art Inzidenz/100.000 Einwohner 5-Jahres-Überlebensrate [%] aktuell 1980er ♀ ♂ ♀ ♂ ♀ ♂Insgesamt348,3422,9 65 59 50–53 38–40bei Kindern17 ca. 85 ca. 67Mundhöhle und Rachen6,517,6 58–68 42–50 Speiseröhre2,49,4 11–36 14–31 <10Magen7,214,8 29–40 24–42 Darm31,850,7 60–66 58–66 ca. 50Pankreas10,414,4 4–19 5–14 Kehlkopf0,85,4 63 50–69 Lunge31,457,5 17–26 10–19 Malignes Melanom19,921,0 89–96 83–94 Brustdrüse112,21,1 86–90 77 Gebärmutterhals8,7 – 62–70 – Gebärmutterkörper16,5 – 75–82 – Eierstöcke11,1 – 38–50 – Prostata – 91,6 – 86–91 Hoden – 10,2 – 99–100 Niere7,515,7 73–82 69–81 ca. 50Harnblase9,034,7 36–53 48–63 Nervensystem5,97,6 15–32 14–38 Schilddrüse11,15,1 90–97 71–93 ca. 77 ca. 67Hodgkin-Lymphom2,43,2 75–92 78–94 Non-Hodgkin-Lymphome12,016,4 67–74 59–76 Leukämien8,613,5 53–63 52–60 Quelle:
Prinzipiell kann jedes Organ des menschlichen Körpers von Krebs befallen werden. Es gibt jedoch erhebliche Häufigkeitsunterschiede nach Alter, Geschlecht, kollektiver Zugehörigkeit, geographischer RegionGaryfallos Konstantinoudis, Dominic Schuhmacher, Roland A. Ammann, Tamara Diesch, Claudia E. Kuehni, Ben D. Spycher: Bayesian spatial modelling of childhood cancer incidence in Switzerland using exact point data: a nationwide study during 1985–2015. In: International Journal of Health Geographics. 19, 2020, doi:10.1186/s12942-020-00211-7., Ernährungsgewohnheiten und ähnlichen Faktoren. Es gibt über 100 verschiedene Krebsformen. In Deutschland treten Krebserkrankungen gehäuft in Organen wie Brustdrüse (Frauen), Prostata (Männer), Lunge und Dickdarm auf.
mini|links|Krebs (in Rot dargestellt) ist in Deutschland bei Männern und Frauen die zweithäufigste Todesursache (2012). mini|links|Zellteilung im gesunden Gewebe gegenüber der bei Krebs Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache. Dennoch ist nicht jeder Krebsverlauf tödlich, falls rechtzeitig eine Therapie begonnen wird oder ein langsam wachsender Krebs erst in so hohem Lebensalter auftritt, dass der Patient an einer anderen Todesursache verstirbt. Die aktuellen von der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e. V. (GEKID) 2017 veröffentlichten relativen 5-Jahres-Überlebensraten über alle Krebsarten beziehen sich auf Patienten, die 2013 und 2014 erkrankten. Für Frauen lag der Wert bei 65 %, für Männer bei 59 %.Krebs in Deutschland 2013/2014 – Häufigkeiten und Trends. Eine gemeinsame Veröffentlichung des Robert Koch-Instituts und der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e. V., 11. Ausgabe, 2017, abgerufen am 20. November 2018. In nordeuropäischen Ländern gibt es noch günstigere Werte. In Finnland lagen beispielsweise die 5-Jahres-Überlebensraten von Frauen und Männern, die 2014–2016 erkrankten, bei 68,6 % bzw. 66,3 %. Als geheilt wird in der Onkologie ein Patient bezeichnet, der mindestens fünf Jahre lang ohne Rückfall (Rezidiv) überlebt. Diese Definition von „geheilt“ ist problematisch, weil viele Rückfälle erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Es fließen mithin Patienten in die Krebs-Erfolgsstatistik ein, die später an den Folgen von Krebs sterben. Allerdings nähert sich bei den meisten Krebsarten innerhalb rezidivfrei überlebten fünf Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung derjenigen von Gleichaltrigen an.
Eine Krebserkrankung äußert sich in verschiedenen Ausprägungen und Krankheitsbildern. Aus diesem Grund können keine generellen Aussagen bezüglich Lebenserwartung und Heilungschancen getroffen werden. Es sind gegenwärtig etwa 100 verschiedene Krebserkrankungen bekannt, die sich in Überlebenschance, Behandlungsmöglichkeiten und der Neigung zur Bildung von Metastasen teilweise stark unterscheiden.
Die Häufigkeit der meisten Krebserkrankungen nimmt mit dem Alter deutlich zu, sodass man Krebs auch als eine Alterserkrankung des Zellwachstums ansehen kann. Daneben sind das Rauchen, andere karzinogene Noxen, familiäre Disposition (Veranlagung) und Virusinfektionen die Hauptursachen für Krebserkrankungen. Der Nobelpreisträger Harald zur Hausen führt gut 20 Prozent aller Krebserkrankungen auf Infektionen zurück (Humane Papillomviren (HPV), Hepatitis B und C, Helicobacter pylori, EBV, Humanes Herpesvirus 8 (HHV-8), Humanes T-lymphotropes Virus 1 (HTLV-1), bestimmte Parasiten (Blasenkrebs im Nildelta) und Merkelzell-Polyoma-Virus).Gut 20 Prozent aller Krebserkrankungen sind auf Infektionen zurückzuführen. In: Ärzte Zeitung. 8. Oktober 2008. In Deutschland und den Vereinigten Staaten wird dieser Anteil als deutlich geringer eingeschätzt und mit etwa 5 Prozent angenommen.krebsatlas.de: 6. November 2007, abgerufen am 27. Februar 2010.
Durch Krebsvorbeugung und Früherkennung kann das Krebsrisiko unter bestimmten Umständen (abhängig vom Diagnosezeitpunkt, der Krebsart und einem dafür optimalen Alter des Patienten) deutlich verringert werden.
Krebs ist keinesfalls eine Erkrankung der Neuzeit. Es ist eine evolutionsgeschichtlich gesehen sehr alte Erkrankung, die prinzipiell zumindest alle Säugetiere betreffen kann. Der älteste Krebsbefund wurde bei einem etwa dreieinhalb Meter großen Edmontosaurus gefunden.
Krebs kommt im humanmedizinischen Sinne bei anderen Organismengruppen wie Pflanzen oder Reptilien wahrscheinlich nicht vor; Gewebswucherungen sind hier eher als benigne Tumoren anzusehen. Auch die unmittelbaren Vorfahren des Menschen (Homo), wie beispielsweise der Australopithecus (vor 2 bis 4,2 Millionen Jahren), hatten Krebs.M. Greaves: Krebs – der blinde Passagier der Evolution. Verlag Springer, 2002, ISBN 3-540-43669-3, S. 9. () Krebserkrankungen haben die Menschheit während der gesamten Evolution begleitet.M. Reitz: Hautkrebs bei Hochkulturen. In: Kleine Kulturgeschichte der Haut. 2007, ISBN 978-3-7985-1757-8, S. 78–83. Im Papyrus Ebers aus der Zeit 1550 vor Christus werden Krebserkrankungen erwähnt.S. A. Hoption Cann et al.: Dr William Coley and tumour regression: a place in history or in the future. In: Postgraduate Medical Journal. 79, 2003, S. 672–680. PMID 14707241 (Review)
Namensgeschichte Die deutsche Bezeichnung von bestimmten Tumoren (Geschwülsten) und Geschwüren als „Krebs“ (von mittelhochdeutsch krëbez „fressendes Geschwür, Karzinom, Krebs“, gelegentlich auch krebiz und krebschOtto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 167 (in Bezug auf den „Edelkrebs“, lateinisch Cancer). geschrieben), eine Übersetzung von mittellateinisch cancer,Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 410 (zu kreps, krebs: nicht heilendes, eventuell bösartiges Geschwür; zu krebse: Arten schwer heilender Geschwüre; bei Paracelsus gleichbedeutend mit Karzinom). stammt aus dem Altgriechischen, wo als karkínos (καρκίνος) ebenfalls sowohl das Tier (Krebs bzw. Krabbe)Vgl. auch Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch. 3. Auflage (neubearbeitet von Johann Baptist Hofmann). 2 Bände. Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung, Heidelberg 1938–1954 (= Indogermanische Bibliothek. Erste Abteilung, II. Reihe, 1), ergänzt um einen Registerband von Elsbeth Berger, 1956; Neudrucke ebenda. Band 1 (A–L), S. 151 (cancer). als auch die Krankheit (Krebsgeschwür, Karzinom) benannt wurde. Als Bezeichnung für Geschwüre taucht der Name zuerst im Corpus Hippocraticum auf. Im 2. Jahrhundert n. Chr. erläutert Galenos die Herkunft des Namens nach der Ähnlichkeit von geschwollenen Adern eines äußerlichen Tumors mit Krebsbeinen:Johannes Steudel: Woher kommt der Name Krebs? In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 78, 1953, S. 1574.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit beschrieb er damit das an einen Krebs erinnernde Bild der Lymphangitis carcinomatosa beim Scirrhus mammae (harte Schwellung der Brust).J. Kraus: Brustdrüse. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 192–199, hier: S. 192.
Aristoteles bezeichnete als Krebs oberflächlich feststellbare, in benachbarte Organe infiltrierende und einwachsende Geschwüre (etwa fortgeschrittener Hautkrebs oder Brustkrebs).
Die Bezeichnung „Krebs“ (lateinisch cancer) findet sich beispielsweise auch für Geschwüre bei Geschlechtskrankheiten („Schanker“) und im Wort „Wasserkrebs“ für Noma.Felix Georg Brunner: Pathologie und Therapie der Geschwülste in der antiken Medizin bei Celsus und Galen. (= Zürcher medizingeschichtliche Abhandlungen. Neue Folge. Band 118). Zugleich Medizinische Dissertation. Zürich 1977.
Im Mittelalter galt der Brustbereich dem Tierkreiszeichen Krebs zugehörig (vgl. Homo signorum).
Geschichte Ein als Krebs ansehbarer geschwüriger Prozess der Haut wurde im 15. Jahrhundert v. Chr. im Papyrus Ebers erwähnt. Hippokrates bzw. das Corpus Hippocraticum unterschied Tumoren der Haut von „Krebs“ der Brustdrüse und der inneren Organe. Ein tieferes Verständnis der Natur des Krebses und der ontogenetischen Zusammenhänge findet sich bei Galen im 2. Jahrhundert n. Chr. Galen differenzierte die Tumoren in „naturgemäße“ (physiologische) Hyperplasien, „die Natur übertreibende“ granulierende Entzündungen und „widernatürliche“ (gut- und bösartige) Wucherungen.