Der Vierjahreszeitenfries ist ein Flachrelieffries in der Säulenhalle von Schloss Rosenstein in Stuttgart. Auf dem 1826–1828 von Conrad Weitbrecht geschaffenen Fries sind 38 Genreszenen aus dem Landleben im Lauf der Jahreszeiten dargestellt.

Standort mini|hochkant=1.2|links|Grundriss des Erdgeschosses von Schloss Rosenstein. – Rote Linie: Lage des Frieses. Rote Zahlen: Nummern der Friesszenen an den Raumecken.

Der Vierjahreszeitenfries ist im Mittelschiff der Säulenhalle (früher: Festsaal) von Schloss Rosenstein in Stuttgart angebracht. Dieser zentrale Raum des Schlosses stößt an den Schmalseiten an das Foyer und den ehemaligen Speisesaal im Mittelflügel. An den Längsseiten wird die Säulenhalle von den beiden ehemaligen Innenhöfen der Außenflügel eingeschlossen, dem heutigen Walsaal und dem Elefantensaal.

Der Architrav stützt sich auf je sechs ionische Säulen, die das Mittelschiff von den Seitenschiffen trennen, und je 2 ionische Säulen an den Schmalseiten. Darüber ist der Vierjahreszeitenfries angebracht. Der fast einen Meter hohe Fries hat eine Gesamtlänge von rund 65 Metern, die sich mit je 25 Meter auf die Längsseiten und je 7,5 Meter auf die Schmalseiten verteilt.#Wintterlin 1896, S. 14.

mini|hochkant=1.2|Vierjahreszeitenfries gegenüber dem Elefantensaal und dem Foyer. Beschreibung Conrad Weitbrecht entwarf den in Gips ausgeführten Fries gleichzeitig mit einem Grafikzyklus zwischen 1826 und 1828.#Wintterlin 1896, S. 17. Der Fries setzt sich aus 38 Einzelbildern zusammen, die Genreszenen aus dem Landleben im Lauf der Jahreszeiten zeigen. Die lebensnah dargestellten Szenen, in denen etwa 160 menschliche Figuren und 80 Tierzeichnungen vorkommen, entfalten vor dem Betrachter ein Panorama des ländlichen Lebens mit Bildern aus den Bereichen Viehzucht, Viehmarkt, Pferdemarkt, Weinbau, Ackerbau, Obstbau, Gartenbau, Handwerk, Freizeitbeschäftigung, bäuerliche Feste und häusliches Leben.

Der Grafikzyklus besteht aus 70 Blättern. Die Szenen des Frieses stimmen größtenteils in den wesentlichen Bestandteilen mit den entsprechenden Blättern des Grafikzyklus überein. Teilweise wurden im Fries auch Figuren weggelassen, und in einem Fall wurden zwei Blätter des Zyklus zu einer Szene kombiniert.

Einzelszenen Die Nummerierung der Einzelszenen des Frieses in der folgenden Galerie beginnt an der Seite des ehemaligen Speisesaals, wobei die Szenen von 1 bis 38 im Uhrzeigersinn durchnummeriert sind. Die Eckpunkte des Frieses sind zur besseren Orientierung in dem Grundriss des Erdgeschosses mit den entsprechenden Nummern versehen. In der Galerie bezeichnen die senkrechten Zwischentitel Speisesaal, Elefantensaal, Foyer bzw. Walsaal die Teilstücke des Frieses, die diesen Räumen benachbart sind.

Der Stuttgarter Bibliothekar und Kunstschriftsteller August Wintterlin merkte 1896 in einem Aufsatz über Conrad Weitbrecht an:

„Für unsere Arbeit ist noch viel mehr zu beklagen, daß wir keine photographische Wiedergabe des ganzen Frieses besitzen.“#Wintterlin 1896, S. 15.

Diese Bemerkung gilt für den vorliegenden Artikel unvermindert weiter. Mangels Fotos zeigen wir die Lithografien des Grafikzyklus, die größtenteils mit den Originalentwürfen übereinstimmen und von Weitbrecht ab 1829 ein Jahr nach der Anbringung der Friese veröffentlicht wurden.

Geschichte Conrad Weitbrecht Der 1796 geborene Conrad Weitbrecht besuchte als Jugendlicher ab 1813 zwei Jahre lang die Privatschule des berühmten Stuttgarter Bildhauers Johann Heinrich Dannecker und anschließend die Akademien in Mailand und Florenz.#Wintterlin 1896, S. 2–4. Von 1818 bis 1823 war er als Graveur in der Silberwarenfabrik Peter Bruckmann & Söhne in Heilbronn angestellt.#Wintterlin 1896, S. 6–8. Schon während seiner Lehrzeit an den Akademien hatte das „Dreschen auf mythologischem Boden“ der klassizistischen Modeströmung Weitbrechts Missfallen erregt. In Heilbronn fand er reichlichen Stoff aus dem volkstümlichen Leben, das er nunmehr zum Thema seines freien künstlerischen Schaffens machte. In den Jahren 1818–1822 zeichnete er einen Jahreszeitenzyklus, auf dessen Grundlage später der Vierjahreszeitenfries und der Grafikzyklus entstanden.#Schahl 1980, S. 124.

Ab 1824 arbeitete Weitbrecht als Zeichner, Modelleur und Ziseleur in den königlichen Hüttenwerken in Wasseralfingen. Schon ein Jahr später, im Jahr 1825 wurde er von König Wilhelm auf Grund seiner hervorragenden Leistungen zum Inspektor ernannt. Auch für seine Arbeit in der Eisengießerei verwendete Weitbrecht häufig Genremotive, deren Akteure zwar klassisch anmutende Putten und Genien waren, die der mythologisch nicht Geschulte aber auch einfach als „liebreizende Kinderfiguren“ und Engelchen ansehen konnte.#Wintterlin 1896, S. 9–14.

mini|hochkant=1.2|Vierjahreszeitenfries gegenüber dem ehemaligen Speisesaal.

Fries

König Wilhelm, der „König der Landwirte“ und Pferdeliebhaber, war von Weitbrechts 1818–1822 entstandenem Jahreszeitenzyklus begeistert und fand, dass sich die Zeichnungen bestens als Vorlage für einen Fries an seinem im Bau befindliches „Landhaus“ Rosenstein eignen würden. Die Genreszenen des Frieses passten zudem gut zu den 16 Rundmedaillons mit Genienfiguren von Theodor Wagner, die paarweise über den acht Nebenportiken am Attikafries angebracht wurden. König Wilhelm erteilte Weitbrecht Ende 1825 den Auftrag zur Ausführung des Frieses.#Wintterlin 1896, S. 15. Dieser begann im April 1826 mit dem Modellieren, das er allein durchführte, und ab September mit dem Abformen der Tonmodelle und dem Ausgießen in Gips, wobei ihm ein tüchtiger Gehilfe zur Seite stand. Der Transport der schwergewichtigen Friesplatten von Wasseralfingen nach Stuttgart zog sich ein Jahr lang hin, so dass die Platten erst im November 1827 in Stuttgart bereitstanden. Im Mai 1828 konnte Weitbrecht dem König die Erfüllung seines Auftrages und damit die Einhaltung der gesetzten Zweijahresfrist melden.#Schahl 1980, S. 26–28. König Wilhelm war mit Weitbrechts Arbeit hochzufrieden. Als Belohnung gewährte er ihm zur weiteren Ausbildung in Italien ein Jahr Urlaub unter Beibehaltung seiner BezügeWeitbrecht war 1823 mit einem Jahresgehalt von 800 Gulden eingestellt worden (#Wintterlin 1896, S. 10). und mit einer Zulage von 1000 Gulden.#Wintterlin 1896, S. 15.

Im Zweiten Weltkrieg wurden 1944 große Teile von Schloss Rosenstein zerstört. Die Säulenhalle blieb erhalten, und der Vierjahreszeitenfries war nur wenig beschädigt. Bis zu seiner Restaurierung 1956/1957 nahm er jedoch weiteren Schaden, wurde dann aber von dem Stuttgarter Bildhauer Julius Frick (1884–1964) sachgerecht wiederhergestellt. 1963 mussten an dem Fries blumenkohlartige Ausblühungen des zeitbedingt mangelhaften Gipses beseitigt werden.#Schahl 1980, S. 28–29. Heute ist der Fries ein Glanzstück von Schloss Rosenstein, das im Übrigen den größten Teil seiner künstlerischen Innenausstattung im Zweiten Weltkrieg verlor. Zu bemängeln ist wie schon im 19. Jahrhundert die schlechte Beleuchtung des Frieses, so dass die Reliefs auf Grund der Stumpfheit des Gipses ihre Wirkung nicht voll entfalten können.#Wintterlin 1896, S. 17.

mini|hochkant=1.1|Titelblatt der Buchausgabe des Grafikzyklus

Grafikzyklus Gleichzeitig mit den Entwürfen für den Fries schuf Weitbrecht Zeichnungen für einen Jahreszeitenzyklus, der fast doppelt so viel Blätter (70) wie Friesszenen (38) enthielt. Dabei griff er wie auch bei den Friesentwürfen auf seinen Jahreszeitenzyklus zurück, der bereits 1818–1822 entstanden war. Die Zeichnungen ließ Weitbrecht von Carl Heinrich Wenng lithografieren, der 1816–1827 Professor der Zeichenkunst an der Königlichen Lithographischen Anstalt in Stuttgart war und dann nach München ging. Weitbrecht war mit Wenngs Arbeit sehr zufrieden.#Wintterlin 1896, S. 35–36. Die einzelnen Blätter tragen rechts oben eine Nummer, die aus dem Anfangsbuchstaben der Jahreszeit und einer fortlaufenden römischen Zahl besteht (Beispiel: F VII = Frühling, Lithografie Nr. 7) und sind unten links mit „Weitbrecht inv.“ und rechts mit der des Lithographensignatur „Wenng sc. München 1828“ versehen (statt „sc.“ kann auch „gr.“ oder „gestochen“ stehen).#Wintterlin 1896, S. 37. – inv. = invenit (erfunden), sc. = sculpsit (gestochen), gr. = graviert.

1829 kamen die ersten beiden Doppelhefte (mit Frühling und Sommer) bei der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart heraus, 1833 die beiden Doppelhefte 3 und 4 (mit Herbst und Winter). Auch eine Mappe mit allen 70 Blättern und einem Titelblatt (siehe Abbildung) wurde herausgegeben und späterhin eine Ausgabe in Buchform als großer Querfolioband, ebenfalls mit Titelblatt.#Schahl 1980, S. 33–38. – Buchversion = #Weitbrecht 1850. Der Querfolioband war etwa 67 cm breit und 48 cm hoch. Ein achtseitiges Beiheft diente zur Erklärung der Frühlings- und Sommerszenen, für die beiden übrigen Jahreszeiten fehlt das entsprechende Beiheft.

Rezeption mini|hochkant=1.7|Festsaal von Schloss Rosenstein mit dem Vierjahreszeitenfries, um 1821

Der bedeutende Gemäldesammler und Kunsthistoriker Sulpiz Boisserée, der 1819–1827 in Stuttgart lebte und dort seine berühmte altdeutsche Gemäldesammlung ausstellte, hatte im Frühjahr 1826 die Gelegenheit, den 1818–1822 von Weitbrecht entworfenen Jahreszeitenzyklus in Augenschein zu nehmen, und schrieb begeistert an Goethe:

Nach der Fertigstellung des Frieses veröffentlichte 1830 der württembergische Pfarrer und Kunstkritiker Karl Grüneisen im Kunstblatt des Morgenblatts für gebildete Stände eine ausführliche Beschreibung, in der er den antiken Geist des Werks und die getreue Darstellung des Landlebens hervorhob:

In seiner 1890 erschienenen Geschichte der Deutschen Kunst widmete der einflussreiche Kunsthistoriker Wilhelm Lübke Weitbrechts Hauptwerk eine anerkennende Erwähnung:

Der Stuttgarter Bibliothekar und Kunstschriftsteller August Wintterlin bemerkte 1896 in einem biographischen Aufsatz über Weitbrecht zum Vierjahreszeitenfries:#Wintterlin 1896, S. 16.

Außer durch sein Hauptwerk, den Vierjahreszeitenfries, blieb Weitbrecht trotz seiner originären Abkehr vom reinen Klassizismus und seiner Hinwendung zu volkstümlichen Genrethemen weitgehend unbekannt. Dies mag auch daran liegen, dass sich Weitbrechts bildhauerisches Werk im Wesentlichen auf den Rosensteinfries beschränkte, während andere Zyklen nur gezeichnet vorliegen und nicht bildhauerisch ausgeführt wurden. August Wintterlin meint, der Fries hätte größere Aufmerksamkeit auf sich gezogen und eine glanzvollere Wirkung entfaltet, wenn er statt in stumpfem Gips in edlem Marmor ausgeführt worden wäre.#Wintterlin 1896, S. 17. Auch das umfangreiche zeichnerische Werk scheint nicht allzu sehr zu Weitbrechts Bekanntheit beigetragen zu haben. Wahrscheinlich wäre ihm als Maler oder mit einem größeren bildhauerischen Œuvre ein anderes Schicksal beschieden gewesen.

Literatur Karl Grüneisen: Ueber die Kunstwerke des königlichen Landhauses Rosenstein bey Stuttgart. In: Morgenblatt für gebildete Stände, Kunst-Blatt 11.1830, S. 289–308, hier: 293–294, digi.ub.uni-heidelberg.de. Wilhelm Lübke: Geschichte der Deutschen Kunst von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart. Stuttgart 1890, . Adolf Schahl: Das gute Land. Leben und Arbeit in Wuerttemberg in den zyklischen Bildfolgen von Konrad Weitbrecht (1796-1836). Stuttgart 1980. Hans Otto Schaller: Georg Konrad Weitbrecht 1796–1836. In: Kunst und Künstler 10.1912, S. 595–601, hier: 596–597; digizeitschriften.de Hans Otto Schaller: Zu den Kalenderbildern von Georg Konrad Weitbrecht. In: Von Schwäbischer Scholle. Kalender für Schwäbische Literatur und Kunst 1916, S. 85–89. Ernst Eberhard Friedrich von Seyffer: Das Königliche Landhaus Rosenstein. In: Württembergische Jahrbücher für vaterländische Geschichte, Geographie, Statistik und Topographie, 1830, S. 307–360, hier: S. 345–348. Ernst Eberhard Friedrich von Seyffer: Beschreibung des Königlichen Landhauses Rosenstein. Stuttgart 1831, S. 45–48, . – Nachdruck von #Seyffer 1830.