mini|Gaston La Touche, Langeweile (1893) - Die Langeweile rückt alle Dinge, Menschen und einen selbst mit ihnen in eine merkwürdige Gleichgültigkeit zusammen. Martin Heidegger verstand das In-der-Welt-Sein u. a. als räumliche Existentialität. Integration stellt Dasein als Möglichkeit von In-der-Welt-sein her. Integrationsraum (abgeleitet von lat. integer = ganz, „Integration“) ist ein Konzept der psychosomatischen Medizin und geht auf Thure von Uexküll zurück. Es handelt sich um ein Modell der Einheit von Seele und Körper. In kürzester Form definiert ist Integration die Verschmelzung von zwei oder mehr Teilen zu einem Ganzen. Damit diese Verschmelzung zu einem organischen Ganzen auf höherer Ebene führt, ist eine gewisse Differenzierung der Teile unerlässlich. Gegenüberzustellen ist der Integrationsraum den reduktionistischen und z. T. auch den analytischen Modellen. Unabhängig vom Begriff des Integrationsraums haben sich in synonymer Bedeutung die Begriffe Integrationspsychologie und Integrationstypologie eingebürgert, mit denen die Einheit von Persönlichkeit und Umwelt bezeichnet wird, einer Einheit, die natürlich auch gestört sein kann, siehe Abb.F. A. Brockhaus: Das große Fremdwörterbuch. Brockhaus Enzyklopädie, Leipzig 2001, ISBN 3-7653-1270-3, S. 628. Auch der Begriff der ›Umwelt‹ hat eine mit ›Integrationsraum‹ gemeinsame topologische Bedeutung, auf die Thure von Uexküll im Zusammenhang mit der biostrukturellen Eigenwelt (Anatomie, Histologie, Biochemie) hinweist.

Räumliche Modelle als Organisationsprinzipien oder als Mittel metaphorischer Veranschaulichung miniatur|320px|Schichtenlehre des Aristoteles (um 384–322 v. Chr.)

In der Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatik haben spezielle körperliche Modellvorstellungen automatisch auch räumliche Dimension zum Gegenstand. Die Neurologen John Hughlings Jackson (1835–1911) und Charles Scott Sherrington (1857–1952) haben sich mit einzelnen Funktionen und ihrem Zusammenwirken insbesondere von psychischen (höheren) und rein körperlichen (niedrigeren) zentralnervösen Zentren bzw. Schaltstellen befasst, vgl. a. → Niveauschema der Reizbeantwortung. Sie haben damit eine räumliche psychophysische Kontinuität zum Ausdruck gebracht. Sherrington sprach von einer integrativen Leistung des Nervensystems.Charles Scott Sherrington: The Integrative Action of the Nervous System. Scribner, New York 1906; Cambridge University Press, London 1947. Damit reduzierte sich die Unterscheidung zwischen einfacher physiologischer und komplexer psychologischer Reaktion auf die Frage unterschiedlicher Lokalisation dieser Schaltzentren. - Bestimmte analytische Modelle Sigmund Freuds (1856–1939), die damit scheinbar eine begriffliche Trennung von Leib und Seele enthielten, setzten konkrete körperliche Begrifflichkeit und physiologisches Verständnis voraus. Als solche Modelle sind z. B. das Konversionsmodell, die Hypochondrie oder das Modell der Organneurose anzusehen.

Räumliche Dimension weisen in der Psychosomatik zunächst spezielle körperliche Modellvorstellungen auf wie etwa bestimmte analytische Modelle Sigmund Freuds, die eine konkrete körperliche Begrifflichkeit und damit scheinbar auch eine begriffliche Trennung von Leib und Seele voraussetzen. Als solche Modelle sind z. B. das Konversionsmodell, die Hypochondrie oder das Modell der Organneurose anzusehen. Räumliche Modelle wie das des Integrationsraums wollen jedoch mehr als nur über konkrete biostrukturelle (z. B. anatomische) Gegebenheiten informieren. Sie dienen als metaphorische Schemata zur besseren Veranschaulichung komplexer psychischer Sachverhalte, aber stellen oft nicht nur bloße Metaphern dar. Oft ist festzustellen, dass die gleichen Gesetzmäßigkeiten auf verschiedenen Integrationsstufen vorhanden sind, siehe auch Kap. Integrationsstufen. Ebenso wie das Körperschema als Quelle der Orientierung in spezieller neuropsychologischer Hinsicht dient und zugleich als Mittel der Koordination, ist der allgemeine Begriff des Integrationsraums als ein Kraftfeld zu verstehen, das für jede menschliche Aktivität im Einzelfall bestimmend ist, jedoch auch über den jeweils einzelnen Körper hinausgeht. Der Integrationsraum entspricht ebenso wie der Homunkulus im Falle des Körperschemas nicht den exakten anatomischen Gegebenheiten. Diese Organisationsprinzipien stellen nur ein körperliches Schema dar, das stellvertretend für den Körper steht und ihn in ein übergreifendes Konzept einbezieht. Die Somatotopie ist ein vergleichbares biologisches Organisationsprinzip. Auch hierbei geht es nicht um exakte Abbildungen von Organsystemen, sondern um die topische Vertretung dieser Systeme im Nervensystem, wo sie zu funktionellen Einheiten nach jeweils unterschiedlichen funktionellen Gesichtspunkten zusammengefasst werden. Ähnlich verhält es sich mit der klinischen Symptomatik des Hysterikers. Sie ist nicht von der objektiven Anatomie bestimmt, wie sie das Lehrbuch darstellt. Daher wird von Thure von Uexküll die Forderung nach einer dynamischen Anatomie als Basis des Integrationsraums aufgestellt. Die Rechtfertigung, von einer „Anatomie“ zu sprechen, ergibt sich aus der Tatsache, dass viele der als psychisch qualifizierten Tatsachen keine metaphysischen Sachverhalte darstellen, sondern sich auf körperliche Grundlagen zurückführen lassen. Eine strikte Trennung von rein körperlichen und rein psychischen Tatbeständen erscheint somit als nicht sachgerecht. Die Unterscheidung stellt vielmehr ein gegliedertes Kontinuum dar. Die Forderung nach einer dynamischen oder subjektiven Anatomie ist auch von anderen Autoren aufgegriffen worden.Kurt Eissler: Medical Orthodoxy and the Future of Psychoanalysis. New York 1965, Seite 138 Auf Aristoteles geht die Schichtenlehre zurück. Auch das sog. Strukturmodell Freuds vom Über-Ich, Ich und Es ist als ein solches räumliches biostrukturelles Modell zu bewerten. Es besteht eine gewisse körperliche Analogie mit dem seit der Antike bekannten Körperschema von Kopf, Herz und Bauch.Richard Reitzenstein: Die hellenistischen Mysterienreligionen: nach ihren Grundgedanken u. Wirkungen. Unveränd. reprograph. Nachdr. d. 3., erw. u. umgearb. Aufl. Leipzig 1927; Wiss. Buchges., Darmstadt 1977, 438 S. DNB Freud ging grundsätzlich von einer Topik bei psychischen Symptomen aus auch in solchen Fällen, in denen konkrete körperliche Störungen nicht vorhanden waren. Vielfach wird durch die Bezeichnung Organmedizin die Trennung von Seele und Körper zum Ausdruck gebracht oder das Fehlen von psychophysischer Kontinuität bzw. die Mängel in der vereinfachenden Betrachtung gegenüber der Komplexität psychischer Betrachtungsweisen zu verstehen gegeben.

Vergleich mit anderen Wissenschaften Anschauungsräume gibt es auch in der Mathematik, als Beispiel einer reinen Wissenschaft, in der man z. B. von Vektorräumen oder von topologischen Räumen spricht. In der Physik und vielen anderen Wissenschaftszweigen spricht man z. B. von und Feldern. Ausgehend von solchen Analogien hat es zahlreiche Konzepte auch in der Psychologie und Psychiatrie gegeben. Auch hier dienen entsprechende räumliche Konzepte dem besseren Verständnis psychischer Phänomene, siehe auch die → Feldpsychologie. Freuds Begriff der Erregungssummen z. B. schließt die Vorstellung solcher Räume ein, in denen Affekte und die mit ihnen einhergehenden psychodynamischen Kräfte nach einem angenommenen mathematisch-vektoriellen bzw. „algebraischen“ Verfahren summiert werden („Affektbetrag“). Thure von Üexküll spricht von topologischen Feststellungen, wenn es um begriffliche Unterscheidung von psychischen und körperlichen Krankheiten wie in genanntem Beispiel einer Schluckstörung geht. Damit ist jedoch nicht in notwendiger Art und Weise der dreidimensionale Raum der Naturwissenschaften gemeint. Gemeint ist ein topologischer Raum.Kurt Lewin: Principles of topological psychology. 1936.Roy Richard Grinker (Senior): The Psychosomatic Concept in Psychoanalysis. New York 1953. Integration kann auch Angleichung an Wertstrukturen und Verhaltensmuster bedeuten.Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 410). 4., überarbeitete und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-41004-4, S. 377 f. zu Stw. „Integration“.

Spaltung und Integration Wenn ein Arzt z. B. sagt, eine diphtherische Schluckstörung sei eine körperliche Erkrankung, eine hysterische Schluckstörung aber eine psychische, so spricht er nach Thure von Uexküll damit ein für die Medizin grundlegendes Begriffsschema an. Dieses Leib-Seele-Problem stelle im Grunde einen Bezugsrahmen für beide Arten von Störungen, psychische und körperliche, dar. Um dies zu verstehen und zu veranschaulichen, sei es sinnvoll, in Analogie zum physikalischen Raum, an den wir körperlich gebunden sind, uns auch einen (metaphorischen) Raum für die Beziehungen zwischen körperlichem und psychischem Bereich vorzustellen, den Integrationsraum.

Dass es sich hierbei nicht um eine bloße Begriffskonstruktion, sondern um etwas primär Gegebenes und somit empirisch Erfahrbares handle, beweise die Tatsache, dass uns solche unterschiedliche Bereiche oder Räume z. B. erst durch eine Erkrankung bewusst werden. Erst durch Erkrankung erweise sich eine Spaltung solcher ursprünglich intakter Integrationsräume als offensichtlich. Eine körperlich ausgelöste Schluckstörung z. B. könne zur Folge haben, dass der Betroffene etwa seinen bisherigen Essgewohnheiten im familiären Rahmen nicht mehr nachkommen könne. Dies sei bekanntlich eine soziale Beeinträchtigung, die ggf. sogar zu weiteren psychischen Rückwirkungen führen könne. Sie löse ggf. vorher bestehende, als selbstverständlich erachtete Zusammenhänge auf, in die der Erkrankte zuvor integriert war. Dies werde besser als Spaltung benannt, weil die Bruchstücke der Realität nach wie vor weiter bestehen, nur der Zusammenhalt aufgelöst erscheint., siehe auch → KohärenzgefühlAaron Antonovsky, Alexa Franke: Salutogenese, zur Entmystifizierung der Gesundheit. Dgvt-Verlag, Tübingen 1997, ISBN 3-87159-136-X.

Integrationsstufen miniatur|320px|Psychophysische Korrelation oder Regelkreis zwischen der höheren animalischen Ebene und der niedrigeren vegetativen Ebene