mini|Schloss Rheda (Nordosten) mini|Schloss Rheda (Südosten) mini|Emswehr und Schlossmühle Rheda mini|Orangerie im Schlossgarten Rheda mini|Kutschenmuseum im Marstall (links) und Museum im Komödienhaus (rechts)

Das Schloss Rheda ist eine ehemalige Wasserburg in Rheda-Wiedenbrück, Kreis Gütersloh (Nordrhein-Westfalen). International bekannt ist Schloss Rheda wegen seiner Doppelkapelle aus der Stauferzeit und der wertvollen Musikbibliothek. Die Musikaliensammlung ist seit 1966 als Leihgabe in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster.

Schloss Rheda zählt zu den mächtigen frühen Wasserburgen in Westfalen, die zugleich Mittelpunkt einer reichsunmittelbaren Herrschaft waren und den Wandel vom Wehrbau des Mittelalters zur barocken Residenz des Landesherrn durchmachten. Im Schutze der Burg erfolgte im 14. Jahrhundert die Gründung der Stadt Rheda als wirtschaftlicher Mittelpunkt der kleinen Herrschaft Rheda.

Das Schloss ist seit 1557 Stammsitz des Fürstenhauses zu Bentheim-Tecklenburg.Schlosspark Rheda, Rheda-Wiedenbrück Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), Münster 2008 Die Schloss- und Parkanlage Rheda ist Teil der 100-Schlösser-Route.100-Schlösser-Route (Ostkurs)

Vorburg und Steinweg Die von der Ems umflossene Vorburg von Schloss Rheda bewahrt mit ihren Fachwerkbauten noch weitgehend das Bild des 18. Jahrhunderts.

Dem Ackergebäude (Ökonomie) von 1732 im Süden folgt auf der Westseite in einem langen zweigeschossigen geraden Trakt der Marstall von 1760 mit Pferdestall und Remise. Der zu Seiten der Auffahrt in Fachwerk errichteten Wache und Kanzlei von 1780/81 im Norden entspricht auf der Südseite das Komödienhaus, erbaut 1790 als Hoftheater. Mit dem weiten Überstand ihrer Dachwalme rahmen sie die Werksteinpfeiler mit den reichen schmiedeeisernen Flügeln des Schlosstores.

Die Kornmühle (Schlossmühle), ein stattlicher Fachwerkbau von 1772, und gegenüber einst die Ölmühle nutzen die Kraft des gestauten Wassers. Weiter westlich am Steinweg liegt die Orangerie inmitten des schon 1623 angelegten Schlossgartens. 1988 wurde er nach Plänen aus dem 19. Jahrhundert restauriert und spiegelt die neobarocke Gartenkunst wider. Der schlichte Backsteinbau der Orangerie in klassizistisch strengen Formen wird durch die zweiflügelige Tür im übergiebelten Risalit betont und beiderseits durch je drei hohe Fenster gegliedert.Franz Mühlen: Schloß und Residenz Rheda. (= Westfälische Kunststätten. Heft 6). Westfälischer Heimatbund, Münster 1979,

Im 1988 eröffneten Kutschenmuseum im Marstall sind eine stattliche Anzahl von Kutschwagen, Schlitten und die 1788 in Gütersloh für das Schloss Rheda gebaute Feuerwehrspritze ausgestellt. Das zeitgleich eröffnete Museum im Komödienhaus zeigt eine Spielzeug- und Kostümsammlung.

Baubeschreibung

Die Burg Rheda bzw. das heutige Schloss Rheda liegt auf einer Sanddüne inmitten der sumpfiger Niederung der oberen Ems nahe der Straße von Münster nach Paderborn. Die künstlich erhöhte Erdaufschüttung hebt die Kernburg mit dem zur Gräfte steil abgeböschten Burgplatz auf mehr als sechs Meter über dem Wasserspiegel der Ems. Höhe und Masse des Bodenaushubs deuten auf die Entwicklung aus einer mächtigen Hochmotte, einer besonders stattlichen Erdhügelburg. Sie bot den überhöht hinter Holz-Erde-Wällen oder Mauern stehenden Verteidigern sicheren Schutz gegen die Waffen der Zeit und war mit den damaligen Mitteln nur schwer zu erobern. Ihre große Fläche dürfte durch nachträgliche Abtragung des ursprünglich wesentlich höheren Erdkegels erweitert worden sein.

Als bedeutendes Zeugnis des 13. Jahrhunderts ist der Kapellenturm, die Vereinigung von Torturm, Doppelkapelle und Wohnturm in einem einzigen Bauwerk, bis heute erhalten. Dieser mächtige, nahezu quadratische Turm von etwa 16 Meter Seitenlänge steht am westlichen Rand der überhöhten Oberburg. Wie bei fast allen Wasserburgen schützt auch hier eine Vorburg mit Wirtschaftsgebäuden auf einer eigenen Insel in einer Schleife der Ems den Zugang zur Oberburg. Und das Wehr der Emsmühle (Schlossmühle) regelt die Wasserhaltung der zusätzlich ausgehobenen breiten Gräben. Die locker gruppierten Bauten mit der Mühle reichen nur bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zurück und lassen die einstige Sicherung der Zufahrt nur noch ahnen. Auch die Oberburg hat ihren wehrhaften Mauermantel abgelegt. An dem Kapellenturm schließen sich heute im weiten Bogen am Böschungsrand nach Südosten die neue Tordurchfahrt von 1719 und ein Renaissancetrakt von 1612 an. Im rechten Winkel nach Nordosten folgt ein langgestreckter zweigeschossiger barocker Schlossbau von 1745–47. Er lehnt sich an einen hohen Wohnturm (Bibliotheksturm) an, der dem Kapellenturm in seinen Ausmaßen entspricht. Hofseitig links am Wohnturm bzw. Bibliotheksturm angebaut ist der zweigeschossige barocke Küchentrakt. Damit bleiben der Kapellenturm und der Unterbau des zuletzt als Bibliotheksturm bezeichneten östlichen Wohnturmes die einzigen noch erhaltenen Bauwerke aus romanischer Zeit.

Das Schloss Rheda ist umgeben von einer weitläufigen historischen Parkanlage.

Oberburg Kapellenturm mini|links|Schloss Rheda – Auffahrt zur Oberburg mit Kapellenturm (links)

Der blockhaft hohe Bau des Tor- oder Kapellenturmes mit Lisenen aus Buckelquadern an der Außenfront ist auf drei Seiten mit Bruchsteinen verblendet, während die vierte Seite zum Hof Mauerflächen aus Backsteinen zeigt. Sowohl die Buckelquader als auch die Verwendung der Backsteine sind für Westfalen im 13. Jahrhundert außergewöhnlich.

Die ursprüngliche Durchfahrt ist heute an beiden Seiten vermauert. Sie birgt heute das Archiv. Stattliche Kreisfenster an den Stirnseiten des dritten Geschosses verdeutlichen einen Sakralbau. Doppelkapellen als Wehrkirchen und Kirchen mit profanem Obergeschoss gibt es auch andernorts, aber für Westfalen und als Kern einer Schlossanlage ist diese Kombination unüblich. Die Kapellengeschosse entstanden weitgehend im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts, belegt durch ein Fensterholz von 1223 (d). Darüber wurden noch im selben Jahrhundert zwei Wohngeschosse errichtet, belegt durch einen Abortsitz von 1273/1274 (d). Dort sind die Lisenen nicht mehr mit Buckelquadern verziert. Seine heutige Gestalt erhielt das jetzt nur noch eine Wohngeschoss allerdings erst durch einen Umbau Anfang des 17. Jahrhunderts (zusammen mit der calvinistischen Umgestaltung der Kapelle) und die Wiederherstellung nach einem Brand im frühen 18. Jahrhundert.

mini|Inneres der Kapelle, Blick vom Altar nach Westen mini|hochkant|Inneres der Kapelle, Aufgang zur Empore

Im Innern des Kapellenturmes wird das Erdgeschoss durch zwei Tonnengewölbe quer zur früheren Durchfahrt nach beiden Seiten räumlich erweitert. Die beiden folgenden Stockwerke nehmen die Burgkapelle auf. In ihrem Untergeschoss, dem zweiten des Turmes, ist sie nach Süden, Osten und Norden durch einen umlaufenden Verbindungsgang eingeengt. Von der Nordseite dieses Ganges her bietet ein reiches Portal mit flankierenden Säulen den Zugang zum Kapellenraum. Das entsprechende Außenportal gibt sich durch seine neuromanischen Formen als nachträgliche Zutat zu erkennen. Am Ende dieses nördlichen Ganges liegt eine Wendeltreppe in der Mauerecke zwischen Außen- und Innenportal als einziger Zugang zum vierten Geschoss. Im Innern rahmt eine Dreibogenstellung vor der Westwand auf hohen, schlanken, von Löwen getragenen Säulen die doppelläufige Treppe zum Obergeschoss der Kapelle, dem dritten des Turmes. Hier bietet der Platz über dem Umgang eine emporenartige Raumausweitung zu den Seiten und in geringerem Umfang nach Osten. Bündelpfeiler geben der Kapelle die innere hallenartige Untergliederung in zwei Mittelschiffjoche mit kuppeligen Kreuzrippengewölben, die durch rechteckig profilierte Längsgurte von den schmalen, tonnengewölbten Abseiten getrennt werden. Diese domikalen Kreuzrippengewölbe folgen dem Vorbild der angevinischen Gotik Westfrankreichs, das um 1200 in Westfalen übernommen wurde. Wie in der von 1184 bis 1222 errichteten Kirche des Zisterzienserklosters Marienfeld sind zwar die Bögen und Gewölberippen aus Sandstein, aber die Gewölbeschalen aus Backstein.

Die Tonnengewölbe unter den Emporen und über den Seitenschiffen gehören ebenso wie die berühmte Kapitellgruppe mit der Drachensäugerin noch der Romanik an, die spitzbogigen Rippengewölbe der Mitteljoche aber schon der Gotik. Derartige Kombinationen sind wiederum typisch für die Spätromanik. Zur ausklingenden Romanik wie zur beginnenden Gotik passen auch die beiden großen gelappten Kreisfenster, im Osten als Sechspass in besonders reicher Rahmung, im Westen als Vierpass. Dem bevorzugten Platz für den Burgherrn über der sog. Sakristei fehlt die architektonische Betonung, die andere Doppelkapellen in der Achse des oberen Raumes gegenüber dem Altar bieten. Das Portal und die obere Altarnische der Kapelle zeigen ähnliche flankierende Dreisäulengruppen wie die Klosterkirche von Marienfeld. Das heutige Fehlen von Heiligenbildnissen erklärt sich aus der Umgestaltung nach calvinistischen Prinzipien.

Schmale, vermauerte Öffnungen außen an der Südwand dieses Geschosses und der Ostwand können nur als Zugänge zu einem bis zu dieser Höhe reichenden Mauerkranz mit Wehrgang gedeutet werden.

Alle füllenden Mauern des Turmes sind wie die Gewölbeschalen aus Backsteinen gemauert, während die Mauerecken und Architekturglieder aus dem gelben Sandstein des nahen Teutoburger Waldes gearbeitet wurden. Diese für Westfalen auffallend frühe Verwendung des Backsteins und die Beschränkung seiner Anwendung auf verputzte Mauern hat der Kapellenturm zu Rheda mit der nahen Abteikirche zu Marienfeld gemeinsam. In Marienfeld war der Backstein allerdings zunächst, veredelt durch eine Farbfassung, sichtbar. Die gleichzeitig mit Marienfeld errichtete Große Marienkirche in Lippstadt besteht hingegen ganz aus Naturstein, auch ihre Gewölbeschalen. Die gleiche Materialkombination der Gewölbe wie Marienfeld und Rheda weisen die Bremer Liebfrauenkirche (deren Backsteinmauern bis in Traufenhöhe mit Sandstein verblendet sind) und St. Aegidius in Berne auf, wohingegen die etwa gleichzeitig entstandene Stiftskirche Bassum südlich von Bremen, abgesehen von den Portalen und ein paar Eckquadern, ganz aus Backstein errichtet wurde.

Angesichts der engen Beziehungen der Burgherrn in Rheda zum Kloster wird allgemein angenommen, dass er nach der Vollendung der Klosterkirche im Jahre 1222 die Bauleute von dort her übernommen und den Turm im dritten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts ausgeführt hat. In ihm sind Torbau und Kapelle, Wehrbau und Sakralraum in einem bis ins letzte durchdachten System von Grundriss und Aufriss miteinander vereint.

Der Kapellenturm zu Rheda gilt als eines der großen Bauwerke der späten Stauferzeit. Der Zugang erfolgt seit dem Frühjahr 2025 über einen Ticketautomaten mit Drehkreuz.Rheda: Nach Kapelle sollen Kutschen folgen auf die-glocke.de, 8. März 2026

Renaissancetrakt mini|Schloss Rheda (Renaissancetrakt) Gartenfestival „Frühling im Park“ Der schlichte Renaissancetrakt von 1612 ersetzt einen Vorgängerbau, der weiter westlich stand, wie an Spuren eines früheren Dachanschlusses am Kapellenturm zu erkennen ist. Die heutige Westwand hat etwa den Verlauf der früheren Ostwand, mit leichter Knickung parallel zur inneren Gräfte. Er reicht wohl über die einstige Wehrmauer hinaus, auf die Reste eines breiten Fundamentes im Keller deuten, und zeigt nach Süden einen Dreistaffelgiebel mit Kaminkopf in der Firststaffel. Die Bauzier konzentriert sich auf der Hofseite, wo ein kleiner zweigeschossiger Erker mit Wappenfries zwischen Unter- und Obergeschoss die mittlere Einknickung der Front betont. Sechs säulengerahmte Portale – die beiden südlich durch das barocke Schloss verdeckt – und die bandartig aufgereihten, abwechselnd breiten und schmaleren Fenstern gliedern die Front und betonen mit einem Sims zwischen den Geschossen die Horizontale.