Lebenslanges Lernen, auch als lebensbegleitendes Lernen bezeichnet, ist ein Konzept, das Menschen befähigen soll, während ihrer gesamten Lebensspanne zu lernen. Lebenslanges Lernen setzt wesentlich auf die Selbst- und Informationskompetenz des Einzelnen und hat Aufnahme in viele konservative sowie progressive bildungspolitische Programme gefunden.

Hintergrund 1962 wurde das lebenslange Lernen erstmals in den Dokumenten der internationalen Organisationen, unter dem englischsprachigen Bezeichner „“, als Thema eingeführt. Im Rahmen der damaligen UNESCO-Konferenz in Hamburg fand sich der Hinweis, dass das von der Pariser Zentrale eingesetzte International Committee for the Advancement of Adult Education die Forderung lifelong education for all thematisierte.Gottfried Hausmann: Einleitung Paul Lengrand: Permanente Erziehung. Verlag Dokumentation, München/Berlin 1972. S. 17. Trotz der vielfachen Verwendung des Ausdrucks existierte nie eine allgemeingültige Definition. Einzelne historiographische Arbeiten haben einschlägige Ideen von der éducation permanente, lifelong education, recurrent educationOECD/CERI: Recurrent Education. A Strategy for Lifelong Learning. A Clarifying Report. Paris 1973. hin zum lebenslangen Lernen,OECD (Hrsg.) Lifelong Learning for All. OECD Publishing, Paris 1996. entlang von Expertenpapieren sowie politischen ProgrammatikenKatrin Kraus: Lebenslanges Lernen – Karriere einer Leitidee. Bielefeld: W. Bertelsmann 2001.Willy Strzelewicz: Lebenslanges Lernen als Bildungsaufgabe in sozialhistorischer Sicht. In: Horst Ruprecht & Gerhard-H. Sitzmann (Hrsg.): Erwachsenenbildung als Wissenschaft (Akten des Kongresses der Weltenburger Akademie. Band 12, S. 29–53). Wellenberg 1984. und zum Teil auch bis weit in die Ideengeschichte nachverfolgt.Andreas Ledl: Eine Theologie des lebenslangen Lernens. Studien zum pädagogischen Epochenwandel bei Luther. Vol. Band 24. LIT Verlag, Berlin 2006.

Schlüsseldokumente der zunächst globalen Debatte waren der Faure-BerichtEdgar Faure, Felipe Herrera, Abdul-Razzak Kaddoura, Henri Lopes, Arthur V. Petrovsky, Majid Rahnema, Ward Rahnema, Frederik Champion: Learning to Be. The World of Education Today and Tomorrow. Paris 1972. und der Delors-Bericht,Jacques Delors: Learning: The Treasure within. Report to the UNESCO of the International Commission on Education for the Twenty-first Century Paris 1996. später wurde eine stärkere Akzentuierung im europäischen Raum vorgenommen.Europäische Kommission: Lehren und Lernen. Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft. Weißbuch zur allgemeinen und beruflichen Bildung. 1995.Europäische Kommission: Memorandum über Lebenslanges Lernen. Arbeitsdokument der Kommissionsdienststellen. SEK 2000. Die Europäische Union erklärte das Jahr 1996 zum „Europäischen Jahr des lebensbegleitenden Lernens“.Europäische Jahre sind stets bestimmten Themen gewidmet und sollen Diskussionen innerhalb einzelner Länder und zwischen den Ländern anstoßen. Auch der Bologna-Prozess dient der europäischen Freizügigkeit in der akademischen Weiterbildung, indem aufeinander aufbauende Hochschulabschlüsse der EU-Staaten untereinander harmonisiert und anerkannt werden.

Im Sinne der Vision, die den Organisationen der Vereinten Nationen zugrunde liegt, entstand in Zusammenarbeit mit der UNESCO eine Publikation.Christopher K. Knapper, Arthur J. Cropley: Lifelong Learning in Higher Education. 3rd ed. London: Kogan Page. 2000. Sie beruht auf der internationalen empirischen erziehungswissenschaftlichen und psychologischen Forschung. Darin wird ein Konzept für ein lebenslanges Lernen entwickelt und dargestellt mit dem Ziel, auf der Basis individueller Selbstbestimmung zur optimalen persönlichen Bewältigung aller Lebensherausforderungen zu befähigen. Dementsprechend geht es im Rahmen dieser Konzeption des lebenslangen Lernens vorrangig um die Förderung selbstbewussten intelligenten und kreativen Handelns im Sinne einer auf Wissenserwerb gerichteten schöpferischen Auseinandersetzung und nicht in erster Linie darum, fremdbestimmt den jeweils aktuellen und allzu oft kurzsichtig an bestimmten Leistungsparametern (Testergebnissen, Auslesekriterien, Profiten) ausgerichteten Erwartungen von Lehrenden, Ausbildern und Arbeitgebern gerecht zu werden.

Der Lobbyverband UNICE (später in Businesseurope umbenannt) bewertet lebenslanges Lernen primär als unternehmerischen und wirtschaftliche Gesichtspunkten als eine notwendige Vermittlung von Kompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt sind. Studentenverbände wie die European Students ́Union (ESU) kritisieren hingegen die ökonomische und betriebliche Ausrichtung der meisten Reformen und haben erklärt, dass sie für den Hochschulraum nicht geeignet seien. Abschnitt „6.2. Interessensverbände und ihre Möglichkeiten des ‚Agenda-Setting‘“, S. 26–29.

Deutschsprachige Bildungsdebatte und -politik Wissen und Fähigkeiten des (hoch)schulischen Lernens sowie der Berufsausbildung und der ersten Berufsjahre genügen – so die Annahme – zunehmend seltener, um eine dreißig bis vierzig Jahre lange Berufslaufbahn zu bewältigen und aktiv an der Gesellschaft zu partizipieren. Schon während und vielmehr noch nach der Schule und Berufsausbildung wird nicht nur durch Teilnahme an Veranstaltungen der Weiterbildung gelernt. Mit dem Lernen in der alltäglichen Lebensführung und durch die wechselnden Arbeitsbedingungen und -anforderungen sowie infolge der Ansprüche einer sich ständig im Wandel befindlichen Gesellschaft bilden sich darüber hinaus auch neue Formen des informellen Lernens sowie neue, weniger an die berufliche Erstausbildung, sondern an bestimmte formelle und informelle innerorganisatorische Lernprozesse geknüpfte Karrierepfade heraus. Auch der ehrenamtliche Bereich bzw. das Freiwilligenengagement sowie der private, familiäre Bereich wird als lern- oder kompetenzförderliche Umgebung benannt.

Lebenslanges Lernen hat in den letzten Jahrzehnten steigende Aufmerksamkeit erhalten und Einzug in viele bildungspolitische Forderungen und Konzepte (Curricula) gefunden. Die Europäische Kommission legte daraufhin ein „Memorandum über lebenslanges Lernen“ vor, das die Förderung der aktiven Staatsbürgerschaft und der Beschäftigungsfähigkeit hervorhebt. Auch im Regierungsprogramm Österreichs ist 2004 die Zielsetzung des „lebensbegleitenden Lernens“ ein Schwerpunkt und es wurde eine interministerielle Strategie bis 2020 ausgearbeitet. Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung schrieb 2004: „Lebenslanges Lernen hilft, den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken und Ausgrenzung so weit wie möglich zu vermeiden. Im Rahmen einer Gesamtstrategie soll das Ziel verfolgt werden, die Bildungsteilhabe zu erhöhen, allen Menschen mehr Chancen zur persönlichen, ihren Begabungen entsprechenden gesellschaftlichen und beruflichen Entwicklung zu ermöglichen und den Standort Europa mitzugestalten“. Bundesministerium für Bildung und Forschung, Stand November 2004

In diesem Zusammenhang ist das Projekt ProfilPASS zu sehen, das im Rahmen der Machbarkeitsstudie „Weiterbildungspass mit Zertifizierung informellen Lernens“ von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) zur Förderung des lebenslangen Lernens entwickelt wurde.

Trotz dieser vielfältigen Bezüge auf den Begriff des lebenslangen Lernens ist es nicht möglich, eine allgemein gültige Definition davon zu geben, was genau damit gemeint ist – zum Beispiel die Forderung nach einer größeren Durchlässigkeit des Bildungssystems oder die Möglichkeit der Zertifizierung informell erworbener Kenntnisse. Nach EU-Definition umfasst lebenslanges oder lebensbegleitendes Lernen „alles Lernen während des gesamten Lebens, das der Verbesserung von Wissen, Qualifikationen und Kompetenzen dient und im Rahmen einer persönlichen, bürgergesellschaftlichen, sozialen, bzw. beschäftigungsbezogenen Perspektive erfolgt“. Diese äußerst allgemeine, bis heute gültige Definition wurde im Dokument Einen europäischen Raum des lebenslangen Lernens schaffen im Jahr 2001 festgelegt.

Im Hinblick auf Menschen, die aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, stellte das deutsche Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2007 fest, dass für die Gruppe der über 65-Jährigen Lebenslanges Lernen nicht mehr für eine Erhöhung ihrer Beschäftigungsfähigkeit als vielmehr für die Erhaltung eines qualitativ hochwertigen persönlichen und sozialen Lebens wichtig sei. „So sollte die Erwachsenenbildung der über 65-Jährigen darauf abzielen, dass sie im Alter aktiv gesellschaftlich partizipieren können. Die Lerninhalte können sich auf allgemeine Kenntnis von Politik und Zeitgeschehen beziehen, darüber hinaus wird der Erwerb von Fähigkeiten zur freiwilligen bzw. ehrenamtlichen Ausübung von Tätigkeiten oder die Erlangung und Aufrechterhaltung von Medienkompetenz angestrebt“.Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Alternde Gesellschaften im Internationalen Vergleich. 2007, S. 82

Kritik Notwendigerweise unklare Begrifflichkeit Das österreichische Bundesministerium für Bildung stellt fest, dass der Sprachgebrauch im Wortfeld „Lebenslanges Lernen / Erwachsenenbildung“ unpräzise sei: „Lebenslanges, lebensbegleitendes Lernen ist seit seinen ersten bildungspolitischen Konzeptionen begrifflich und inhaltlich immer diffus geblieben. Es existieren unterschiedliche Vorstellungen und Interessen, die mit dem Konzept verbunden werden. Ebenso bleibt das Verhältnis von lebenslangem, lebensbegleitendem Lernen und der Erwachsenenbildung häufig undeutlich.“Bundesministerium für Bildung: Was ist LLL? Begriffe, Ausrichtungen, Grundlagen. erwachsenenbildung.at – das Portal für Lehren und Lernen Erwachsener

Der „Aktivierungs-Imperativ“ Der Kieler Soziologe Klaus R. Schroeter kritisiert an Versuchen, Menschen, insbesondere solche in der zweiten Lebenshälfte im Rahmen von Konzeptionen des Aktiven Alterns, zu mehr Aktivität anzuregen, sei es in Form einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit, sei es in Form ehrenamtlicher Aktivitäten oder in Form der Teilnahme an vorgegebenen Weiterbildungsmaßnahmen, dass diese einen „Aktivierungs-Imperativ“ darstellten, indem bei der Konzeption entsprechender Angebote die Betroffenen nicht nach ihren Wünschen und Bedürfnissen befragt würden und diese letztlich, wenn sie geäußert würden, nicht ernst genommen würden. Insbesondere werde der Ausdruck des Wunsches, mehr freie Zeit zu haben, oft als Forderung nach einem „Recht auf Faulheit“ (fehl-?)interpretiert.Klaus R. Schroeter: . Kiel 2010 (Referat des Autors auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin)

Betonung der Optimierung der menschlichen Arbeitskraft An der Forderung nach der „Bereitschaft zum lebenslangen Lernen“ kritisiert Erich Ribolits, dass ein Wirtschaftsinteressen verpflichteter Bildungsbegriff sich auf die „Optimierung von Lernprozessen im Hinblick auf deren Relevanz für ökonomisch verwertbare Arbeit“ konzentriere,Erich Ribolits: Die Arbeit hoch? Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus, München und Wien: Profil 1995. Seite 13a und Seite 168f.b der auch die Diskussion über die Ergebnisse der wiederholten Pisa-Studien präge. Welche Inhalte jeweils angeeignet werden sollten, entschieden Ribolits zufolge der Markt bzw. das Arbeitsamt. Letzteres bleibe in der Regel den Beweis schuldig, dass sich so die Chance auf einen neuen Arbeitsvertrag verbessere.