mini|Konstanter Steuerbetrag unabhängig vom Einkommen (allgemeines Beispiel) mini|Grenzsteuersatz ist gleich Null (allgemeines Beispiel) mini|Regressiver Tarifverlauf des Durchschnittsteuersatzes (allgemeines Beispiel) Die Kopfsteuer ist in der Finanzwissenschaft und in der Steuerlehre eine Steuergruppe und Personensteuer, die jeder Bürger unabhängig von seiner finanziellen Leistungsfähigkeit mit demselben feststehenden Steuerbetrag zu entrichten hat.

Allgemeines Die Steuererhebung ist für den Steuergläubiger einfach, weil der feste Steuerbetrag von jedem Bürger zu entrichten ist, ohne dass dessen persönliche finanzielle Verhältnisse (wie Einkommen, Vermögen, Familienstand usw.) berücksichtigt werden. Die Kopfsteuer ist die einzige Steuer ohne Zusatzlast ().Hanno Beck, Volkswirtschaftslehre, 2012, S. 87. ISBN 978-3-486716535 (google.de) Die Kopfsteuer besaß eine große geschichtliche Bedeutung, wird heute jedoch selten erhoben.

Geschichte Römisches Reich Bereits Lucius Licinius Lucullus – der besondere Berühmtheit wegen seiner grandiosen „lukullischen“ Gastmähler erlangte – führte 84 vor Christus nach dem Ersten Mithridatischen Krieg in der Provinz Asia eine Kopfsteuer () ein.Peter Roth, Die Steuergeschichte des Römischen Reiches, 2016, S. 20. (google.de) Als der spätere Kaiser Augustus im Jahre 30 v. u. Z. nach der Schlacht bei Actium das ptolemäische Ägypten zufiel, existierte dort eine von jedem Einwohner Ägyptens zu zahlende Kopfsteuer, die Augustus später auch im Römischen Reich übernahm. Auch die 70 nach Christus eingeführte Judensteuer () war als Kopfsteuer ausgelegt. Um 410 gab es zunächst zwei Steuerarten, die Grundsteuer () für Grundbesitz und die Kopfsteuer für alle.Wilhelm Adolf Becker, Handbuch der römischen Alterthümer: Die Verwaltung, 1851, S. 186. ( google.de) Bis zur Constitutio Antoniniana durch Kaiser Caracalla im Jahre 212 waren römische Bürger hiervon ausgenommen.Tertullian, Apologet 13, Dig. L. 15, 8, § 7

China Zur Zeit der Fünf Dynastien und Zehn Reiche in China (907–960) gab es eine in Geld zahlbare Kopfsteuer, die 1011 abgeschafft wurde.Angela Schottenhammer, Das songzeitliche Quanzhou im Spannungsfeld zwischen Zentralregierung und maritimem Handel, 2002, S. 168. ISBN 978-3-515079228 (google.de) Nach der Abschaffung gab es in Quanzhou, Zhangzhou und Xinghua eine in Reis zu entrichtende Kopfsteuer.

Deutschland Im Spätmittelalter erhoben ab 1489Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Mittelalter 1150-1550, 2014, S. 532. ISBN 978-3-412223588 (google.de) auch viele deutsche Städte den so genannten Schoss, eine direkte Steuer. Sie kam unter anderem in Goslar, Hildesheim, Köln, Lübeck, Quedlinburg oder Stendal in der Form des „Vorschosses“ als Kopfsteuer vor, während es sich beim „Nachschoss“ um eine proportionale Vermögensteuer handelte.Thomas Wozniak, Quedlinburg im 14. und 16. Jahrhundert, 2013, S. 15. ISBN 978-3-050060514 (google.de)

In Deutschland begannen inzwischen immer mehr Städte und Länder mit der Abschaffung der Kopfsteuer. Sie bestand um 1829 lediglich noch in Schleswig und Holstein.J. A. Schlosser Buchhandlung (Hrsg.), Allgemeines deutsches encyclopädisches Handwörterbuch oder wohlfeilstes Taschen-Conversations-Lexikon für Alle Stände, Band 20, 1829, S. 3085. (google.de) In Deutschland und Österreich galt die Judensteuer noch bis 1848, als auch alle Kopfsteuern abgeschafft wurden.

Frankreich Im Ancien Régime Frankreichs wurde eine Kopfsteuer () am 18. Januar 1695 von Ludwig XIV. („Sonnenkönig“) erlassenEugen Jaeger, Die französische Revolution und die Social-Bewegung, 1890, S. 85 (google.de) und sollte die vorangegangene wirtschaftliche Krise Frankreichs beenden sowie die Finanzierung des Pfälzischen Erbfolgekrieges ermöglichen. Die Capitation war vor allem eine Reaktion auf die gesunkenen Einnahmen durch die Taille. Die Bedeutung dieser war bis zum Ende des 17. Jahrhunderts durch zahlreiche Ausnahmen stark gesunken. Der Klerus wurde nicht erfasst, musste aber eine Ausgleichszahlung von 4 Millionen Livres im Jahr leisten. Auch die ärmsten Bevölkerungsschichten, die weniger als 40 Sous Taille zahlten, blieben von der Capitation ausgenommen. Die gesamte französische Bevölkerung wurde in 22 Steuerklassen eingeteilt. In der höchsten Klasse mussten 2.000 Livres pro Jahr, in der niedrigsten Klasse 1 Livre gezahlt werden.

Die Steuer war ursprünglich nur als Kriegssteuer gedacht und wurde nach dem Frieden von Rijswijk zunächst aufgehoben. Schon 1702 wurde die Capitation für den Spanischen Erbfolgekrieg wieder eingeführt. Statt der zentralen Erfassung trieben die Gemeinden die Steuer bei ihren Einwohnern ein. Das führte dazu, dass der Adel und einige hochstehende Bürgerliche sich weitgehend ihrer Zahlungspflicht entzogen. Dem reichen Hochadel am Hof zu Versailles dürfte dies jedoch weitestgehend nicht gelungen sein, da er sich im unmittelbaren Zugriffsbereich der königlichen Verwaltung befand. Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges 1714 blieb die Capitation bestehen. 1705 und 1747 wurde sie jeweils um 2 Sous je gezahltem Livre erhöht und 1760 für diejenigen verdoppelt, die nicht außerdem der Taille unterworfen waren. Dennoch war die anteilsmäßige Belastung für die Taille-Zahler deutlich höher als für die von der Taille befreiten Franzosen. 1789 entrichteten Taillepflichtige im Schnitt eine Capitation von einem Elftel ihres Einkommens, Taille-Befreite ein Neunzigstel. Insgesamt wurde in diesem Jahr eine Capitation von mehr als 41 Millionen Livres erhoben.

Russland In Russland wurde die Kopfsteuer (, „Seelensteuer“) im Rahmen einer Steuerreform 1724 eingeführtHans-Joachim Torke: Einführung in die Geschichte Russlands, 1997, S. 116. (google.de) und erreichte binnen kurzer Zeit 53 % der Staatseinnahmen. Der russische Innenminister Nikolai Pawlowitsch Ignatjew verfügte 1881 die Abschaffung der Kopfsteuer,Bibliographisches Institut (Hrsg.), Meyers Konversations-Lexikon, Band 15, 1897, S. 16. (google.de) die im Januar 1887 vollendet werden konnte.

Schweiz In der Schweiz wird in zehn Kantonen eine Kopfsteuer erhoben, die je nach Sprachregion „Personalsteuer“ bzw. „Kopfsteuer“, „impôt personnel“ oder „imposta personale“ genannt wird. Auf der Gemeindeebene wird sie in den Kantonen Zürich, Uri, Schaffhausen und Tessin obligatorisch erhoben; in den Kantonen Solothurn, Waadt und Wallis ist sie auf dieser Ebene fakultativ. Die Kantone Luzern, Nidwalden, Solothurn, Schaffhausen und Genf kennen eine Personalsteuer auf Kantonsebene. Je nach Kanton werden verschiedene Beträge eingefordert: Sie belaufen sich auf rund 24 bis 70 Schweizer Franken pro Jahr.

Der Kanton Aargau hat die Personalsteuer im Jahr 2001 abgeschafft. Im Kanton Freiburg wurde der entsprechende Art. 14 des Gesetzes über die Gemeindesteuer per 1. Januar 2009 aufgehoben.

Tschechien Von der 1724 in Böhmen eingeführten Kopfsteuer waren Adel und Klerus ausgenommen, seit 1775 auch die Kaufleute, ab Januar 1863 wurde sie nur noch auf dem Lande erhoben.Eugenie Trützschler von Falkenstein, Der Kampf der Tschechen um die historischen Rechte der böhmischen Krone im Spiegel der Presse 1861-1879, Band 50, 1994, S. 55. (google.de) Mit der Kopfsteuer sollte der Steuerflucht begegnet werden.

Vereinigtes Königreich In England wurde die Kopfsteuer () im November 1380 durch Richard II. eingeführt, um den Hundertjährigen Krieg gegen Frankreich finanzieren zu können. Die Einführung der Kopfsteuer löste den Bauernaufstand von 1381 in England aus.Stephan Kohl, Das englische Spätmittelalter. Kulturelle Normen, Lebenspraxis, Texte, 1986, S. 31. ISBN 978-3-110925890. (google.de)

Premierministerin Margaret Thatcher führte im Vereinigten Königreich (1989 in Schottland, 1990 in England und Wales) eine neue Kopfsteuer () – besser bekannt als – ein, die eine Ermäßigung nur für wenige besonders einkommensschwache Bürger vorsah. 18 Millionen Briten weigerten sich, die Steuer zu bezahlen. Die Proteste gipfelten am 31. März 1990 in einer Demonstration mit rund 70.000 Teilnehmern in London, wobei es auch zu gewalttätigen Ausschreitungen kam.1990: Violence flares in poll tax demonstration. In: BBC Letztlich war die community charge ausschlaggebend für die Krise und den Rücktritt der Regierung Thatcher. Die community charge wurde schließlich unter dem neuen Premierminister John Major im März 1991 abgeschafft.1991: Heseltine unveils new property tax. In: BBC

Vereinigte Staaten Die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika verbietet die Erhebung direkter Steuern durch die Bundesregierung. Als Reaktion auf den 15. Verfassungszusatz von 1870, der allen Bürgern unabhängig von ihrer Hautfarbe das Wahlrecht garantierte, machten zahlreiche Südstaaten die Zahlung einer Kopfsteuer zur Voraussetzung zur Teilnahme an der Wahl. Ausgenommen waren all jene, deren Vorfahren bereits gewählt hatten. Auf diese Weise wurden die meisten Nicht-Weißen weiterhin von der Wahl ausgeschlossen. Erst 1964 wurde diese Praxis mit dem 24. Zusatz zur Verfassung untersagt.

Vor- und Nachteile Vorteile Zu den wichtigsten Vorteilen der Kopfsteuer zählt neben der Einfachheit in der Ermittlung (und somit dem geringen bürokratischen Aufwand) die ökonomische Effizienz.Heinrich Wilhelm Kruse, Steuerreform, 1973, S. 60. ISBN 978-3-110903553 (google.de) Befürworter einer solchen Steuer sind der Meinung, sie würde die Volkswirtschaft begünstigen, da nur mit einem fixen Steuerbetrag wirtschaftliche Aktivität nicht steuerlich „bestraft“ würde. Zudem führen sie an, sie sei auch gerecht, weil – analog zu einem Mitgliedsbeitrag in Vereinen – jede Person nur so viel bezahlte, wie sie im Durchschnitt auch an Staatsleistungen zurückerhalte.

Auf kommunaler Ebene vermeidet die Kopfsteuer Ungleichheiten zwischen Gemeinden (Steuerwettbewerb); sie vermeidet, dass Kommunen mit weniger wohlhabenden Einwohnern selbst mit einem höheren Steuersatz weniger Einnahmen pro Kopf erwirtschaften und damit eine schlechtere öffentliche Daseinsfürsorge bereitstellen können bzw. umgekehrt. Dieser Umstand war für die Einführung der Poll Tax durch Margaret Thatcher in Großbritannien maßgeblich, die selbst aus einem weniger wohlhabenden Ort stammte. Wenn die Kommunalfinanzen vom Einkommensniveau der Bewohner unabhängig sind, werden nach Auffassung der Befürworter kommunale Entscheidungen vermieden, die die Ansiedlung wohlhabender Bürger und damit diese Bevölkerungsgruppe begünstigen, z. B. eine Bevorzugung mittelschicht-typischer Einfamilienhausstrukturen in der Bebauungsplanung.

Nachteile Eine Kopfsteuer ermöglicht keine Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit, weswegen sie als sozial ungerecht kritisiert wird. Bei einem auf der Kopfsteuer beruhenden Steuersystem würden die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen relativ zu ihrem Einkommen eine höhere Steuerlast aufweisen als die Bezieher hoher Einkommen.

Beträgt die Kopfsteuer zum Beispiel 1 Geldeinheit (GE), so muss eine Person, die ein Jahreseinkommen von 2 GE aufweist, 50 % des jährlichen Einkommens an Steuern abliefern und behält nur 1 GE für Konsum und Sparen zurück. Eine Person mit einem Jahreseinkommen von 100 GE muss dagegen lediglich 1 % des Einkommens abliefern und behält 99 GE zurück.

Eine Kopfsteuer ist somit in hohem Ausmaß regressiv, im Gegensatz zu einem linearen Steuertarif mit vom Einkommen unabhängiger prozentualer Steuerquote oder einem progressiven Steuertarif mit einer höheren prozentualen Steuerquote für höhere Einkommen (vgl. Einkommensteuer).

Durch den größeren Anteil von kleinen und mittleren Einkommen an der Gesamtzahl der Steuerpflichtigen würde die Hauptlast des Steueraufkommens von diesen Schichten getragen werden. Aus diesem Grund gilt die Kopfsteuer in Demokratien als kaum durchsetzbar und findet in modernen Steuersystemen kaum Anwendung.