mini|Germania-Handschrift „Codex Aesinas Latinus 8“ (Faksimile) mini|Germania Erstausgabe durch Wendelinus de Spira, Venedig 1472.Tacitus-Gesamtausgabe ohne Agricola. Gleichfalls die Erstausgabe für Annales 11–16, Historiae und Dialogus et Oratoribus.
Die Germania ist eine kurze ethnographische Schrift des römischen Historikers Tacitus (ca. 58–120 n. Chr.) über die Germanen. Sie wurde seit der Frühen Neuzeit verstärkt gelesen und entfaltete auf diese Weise eine erhebliche Breitenwirkung. In der neueren Forschung wird das Werk durchaus kritischer betrachtet und auf die problematische Rezeptionsgeschichte hingewiesen.
Datierung Die Germania wird in aller Regel in das Jahr 98 n. Chr. datiert, auf der Grundlage der Formulierung:
Das zweite Konsulat Trajans fiel in das Jahr 98 n. Chr. Jedoch handelt es sich bei dieser Zeitangabe lediglich um einen terminus post quem, an dem das Werk frühestens verfasst worden sein kann; ein absolutes Datum liegt somit nicht vor.Rudolf Much: Die Germania des Tacitus. 3. Auflage unter Bearbeitung durch Wolfgang Lange und Herbert Jankuhn, Winter, Heidelberg 1967, S. 420.
Ein Vorschlag von Roland SchuhmannRoland Schuhmann: Eine textkritische Anmerkung zu Tacitus, Germania c. 1,1 und ihre Bedeutung für die Datierung der Schrift, in: Glotta 80 (2004), S. 251–261. nimmt an, dass die Abfassung der Germania nach 103–106 n. Chr. anzusetzen ist, weil der Name Pannoniis im ersten Satz des Textes die Existenz zweier pannonischer Provinzen (Pannonia superior und inferior, entstanden durch Teilung der Provinz Pannonien) voraussetzt, wenn er als Ländername verstanden wird; die traditionelle Auffassung sieht ihn als Völkernamen.
Titel Die Schrift Germania ist ohne einen einheitlichen Titel überliefert. Die erste Erwähnung der Schrift findet sich in einem Brief des Humanisten Antonio Beccadelli an Guarino da Verona von April 1426: Compertus est Cor. Tacitus de origine et situ Germanorum („Cornelius Tacitus de origine et situ Germanorum ist in Erfahrung gebracht“). In einem Inventar von Niccolò Niccoli aus dem Jahre 1431 steht: Cornelii taciti de origine & situ germanorum liber incipit sic („de origine et situ Germanorum liber des Cornelius Tacitus fängt so an“). Pier Candido Decembrio, der den Codex Hersfeldensis (nach 1455, s. u. Rezeption) in Rom einsah, gibt den Titel als: Cornelii taciti liber … de Origine et situ Germaniae („von Cornelius Tacitus das Buch de Origine et situ Germaniae“).Vgl. auch Beck (1998), S. 100f. Beide Titelvarianten gehen auf den Hersfelder Codex zurück; die zweite Variante ist semantisch inkonsistent.
Aus der Antike ist kein Titel des Werks überliefert. Es gibt nur zwei Titel, die einigermaßen plausibel erscheinen: De origine et situ Germanorum („Über Ursprung und geographische Lage der Germanen“) und De origine et moribus Germanorum („Über Ursprung und Sitten der Germanen“). Für einen Werktitel De origine et situ Germanorum könnten zwei parallele Titelformulierungen Senecas sprechen: De situ Indiae („Die geographische Lage Indiens“) und De situ et sacris Aegyptiorum („Über die geographische Lage und die Heiligtümer der Ägypter“). Beide Titel bilden jedoch keine genauen Entsprechungen zur Germania. India ist anders als der Völkername Germani ein Ländername, während in Senecas zweitem Buch nicht vom Ursprung, sondern von den Heiligtümern der Ägypter die Rede ist. Der aus der Renaissance überlieferte Titel De origine et situ Germanorum erscheint gewissermaßen als Kombination aus den beiden Titeln Senecas. Für De origine et moribus Germanorum würde eine Passage im Text selbst sprechen, denn in Germania c. 27,2 heißt es: Haec in commune de omnium Germanorum origine ac moribus accepimus („Dies haben wir im Allgemeinen über Ursprung und Sitten aller Germanen vernommen“). Der Titel erweckt allerdings den Eindruck, dass er aus diesem Kapitel übernommen ist. Da keiner der beiden Titel über jeden Zweifel erhaben ist, hat man der Schrift den Arbeitstitel Germania gegeben.
mini|Rekonstruierter Wachturm des Limes nahe dem Kastell Zugmantel im Taunus
Zeitgeschichtliche Einordnung Zu Tacitus’ Lebzeiten befand sich das römische Reich auf seinem Höhepunkt. Geographisch hatte es fast seine größte Ausdehnung erreicht und erlebte auch kulturell eine Blüte. Die Grenzen zu Germanien waren gezogen und weitgehend gesichert worden. Nach der Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. waren die römischen Offensiven schließlich 16 n. Chr. eingestellt worden (siehe Germanicus); erst im späten 1. Jahrhundert hatten die Römer die Grenze unter Domitian leicht vorverschoben (siehe Agri decumates) und die beiden Rheinprovinzen (Germania inferior, Germania superior) eingerichtet. Einige germanische Stämme hatten sich mit dem neuen mächtigen Nachbarn durchaus arrangiert, andere standen Rom allerdings weiterhin feindlich gegenüber. Diese Situation erforderte lange Zeit eine hohe und kostspielige Truppenpräsenz an der Grenze des römischen Reiches zu den Germanen.Eine Siedlung der Ubier wurde sogar zur Keimzelle der römischen Stadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium (das spätere Köln). Die Chatten hingegen lieferten sich immer wieder Kämpfe mit römischen Truppen. Das Besondere an den germanisch-römischen Beziehungen ergibt sich daraus, dass im Unterschied zur anderen großen Grenzzone […] im Norden keine organisierte Großmacht Rom gegenüberstand.Bleckmann (2009), S. 45f.
Inhalt mini|Stämme der Germanen um 50 n. Chr. In der Germania, die sich in einen allgemeinen und einen besonderen Teil gliedert, beschreibt Tacitus Germanien, ansatzweise auch dessen Geographie und benennt verschiedene germanische Stämme vom Rhein bis zur Weichsel. Er stellt Sitten und Gebräuche der Germanen dar und hebt dabei ihre ihm zufolge sittliche Lebensweise hervor, wie ihr streng geregeltes Familienleben, ihren treuen und aufrichtigen Charakter, ihre Tapferkeit im Krieg und ihren Freiheitswillen. Er weist aber auch auf Schwächen hin, wie ihre Trägheit, ihren Hang zu Würfelspiel und übermäßigem Alkoholkonsum.
Allgemeiner Teil Kapitel 1–5: Allgemeine Beschreibung Tacitus beginnt mit den Grenzen Germaniens, seinem Volk, der Beschaffenheit des Landes und den Bodenschätzen. Dabei betrachtet er die Germanen als abgehärtet, ursprünglich und unvermischt mit anderen Völkern, als Urbevölkerung ihrer Heimat, da sie phänotypisch seinen Schilderungen nach keiner Ethnie der bekannten damaligen Welt ähnlich seien, und er sich auch nicht vorstellen könne, dass jemand freiwillig in solch eine Region, die seiner Ansicht nach sehr rau, unwirtlich und nur schwer überhaupt zu erreichen sei, einwandern könne. Er beschreibt Land und Klima als unfreundlich und trostlos,Tacitus, Germania 2. arm an fruchtbarem Boden und ohne wertvolle Bodenschätze.Tacitus, Germania 5.
Kapitel 6–15: Das öffentliche Leben Er fährt fort mit der Beschreibung der Kriegsführung, der Religion und Volksversammlungen, spricht dann über die germanische Rechtsprechung und die Rolle der Fürsten im Krieg. Dabei beschreibt er die Germanen als wilde Barbaren, schwach bewaffnet, aber tapfer im Kampf und voller Wertschätzung für ihre Frauen, als fromme Menschen, die auf Vorzeichen und Orakel vertrauen. Entscheidungen fielen, so Tacitus, in Versammlungen, die abhängig vom Stand des Mondes abgehalten würden. Hier kritisiert er aber eine gewisse Disziplinlosigkeit.Germania, 11: Ihre Ungebundenheit hat eine üble Folge: Sie finden sich nie gleichzeitig […] zur Versammlung ein. Der Kampf, meint Tacitus, sei bei den Germanen höher bewertet als die Mühe täglicher Arbeit. Er zeichnet sogar das Bild eines faulen, dem Müßiggang verfallenen Volkes, das lieber seine Frauen und Alten arbeiten lasse als sich selber um Haus, Hof und Feld zu kümmern.
Kapitel 16–27: Das private Leben Die nächsten Abschnitte beschäftigen sich mit den Behausungen der Germanen, ihrer Wohnweise und Kleidung; es folgen Exkurse über Ehe, Erziehung und Erbrecht, bis die Rede auf Gastfreundschaft, Feiern und Spiele kommt. Der allgemeine Teil endet schließlich in einer Beschreibung des Ackerbaus und der Totenbestattung. Tacitus zeichnet auch hier wieder das Bild eines wilden, nachlässig bekleideten Volkes, das sich allerdings, und dafür lobt er die Germanen ausdrücklich, durch hohe Sittsamkeit auszeichne. Die Germanen seien monogam und dem Ehepartner gegenüber treu ergeben. Besonders diese Bemerkung führte zur Annahme, die Germania stelle einen Sittenspiegel dar, der an die Adresse der römischen Gesellschaft gerichtet sei. An kaum einer anderen Stelle betont Tacitus eine Eigenart germanischen Lebens so nachdrücklich.
Die Gastfreundschaft der Germanen wird lobend hervorgehoben, die dabei auftretenden Ausschweifungen aber auch dargestellt. Ihre Feiern, so Tacitus, dauerten oft tagelang und endeten nicht selten in Schlägereien der Betrunkenen und Totschlag. Hier erwähnt der Autor auch ihr einfaches Essen und das ihm unbekannte alkoholische Getränk (Bier), das die Germanen im Übermaß konsumierten. Es überrascht, dass fast im selben Atemzug ihre absolute Ehrlichkeit gerühmt wird. Verwundert stellt Tacitus dann fest, dass so ziemlich das Einzige, was die Germanen nüchtern und ernsthaft betrieben, das Würfelspiel sei. Hier setzten sie sogar ihre persönliche Freiheit als letzten Einsatz ein und ließen sich als Sklaven verkaufen. Landwirtschaft betrieben sie zwar gemeinschaftlich, aber stets auf niedrigem Niveau. Letzter Punkt dieses Teils ist die Darstellung der Totenbestattung, die als einfach und prunklos beschrieben wird, jedoch in würdevoller Verehrung der Verstorbenen.
Besonderer Teil In den letzten elf Kapiteln beschreibt Tacitus Bräuche und Besonderheiten einzelner Stämme und kommt auch auf diejenigen zu sprechen, die Germanien verlassen und sich in Gallien angesiedelt haben.
Kapitel 28–29: Stämme im Westen und Süden Erwähnt werden hier anfangs gallische Stämme, Helvetier und Bojer (Boier), die nach Germanien gezogen seien. Dem stellt er Treverer und Nervier gegenüber, die, seiner Darstellung nach, als Germanen in Gallien leben. Diese Zuordnung ist allerdings nicht ganz unproblematisch, wenngleich schon Gaius Iulius Caesar vermerkte, dass ein großer Teil der Belger sich germanischer Abstammung rühmte.Caesar, de bello Gallico 2,4,1. Vgl. zu diesem Problem bei Tacitus auch Harald v. Petrikovits: Germani Cisrhenani. In: H. Beck (Hrsg.): Germanenprobleme aus heutiger Sicht. Berlin 1986. S. 88–106, hier S. 100. Tacitus erwähnt Vangionen, Triboker und Nemeter am Rhein, besonders hebt er die Ubier hervor, die dem römischen Reich treu ergeben seien. Als besonders tapfer werden die Bataver am Niederrhein beschrieben, die Rom ebenso treu zur Seite stünden wie die Mattiaker in der Gegend um das heutige Wiesbaden.
Kapitel 30–31: Die Chatten Den kräftigen und militärisch gut organisierten Chatten sagt Tacitus nach, sie schnitten Haupthaar und Bart erst nach der Tötung eines Feindes. Dies sei die Bestimmung ihres Daseins.
Kapitel 32–34: Weitere Stämme im Westen Die Tenkterer seien geschulte Reiter, deren Nachbarn, die Brukterer, von anderen Germanen vernichtet worden seien.Germania 33: Es bleibe, so flehe ich, und bestehe fort bei diesen Völkern, wenn nicht Liebe zu uns, so doch gegenseitiger Hass. Er erwähnt hier die Angrivarier und Chamaver, die Dulgubnier und Chasuarier, schließlich die Friesen am Rand des Weltmeeres.
Kapitel 35–37: Stämme im Norden Als Nachbarn der Friesen erwähnt Tacitus die Chauken, die von der Nordseeküste bis an das Gebiet der Chatten siedeln. Sie seien, frei von Habgier und Herrschsucht, bei den übrigen Germanen sehr angesehen. Er kommt auf die Cherusker zu sprechen, nennt sie Tölpel und Toren – vielleicht in einem Reflex auf die verlorene Schlacht im Teutoburger Wald gegen den Arminius – und endet mit der Erwähnung der ruhmreichen Kimbern und der für die Römer ebenfalls verlustreichen Kimbernkriege.
Kapitel 38–45: Die Sueben