mini|Besetztes Haus in Stuttgart (2005)

Eine Hausbesetzung ist eine rechtlich nicht zulässige Inbesitznahme eines leerstehenden Gebäudes und seine Verwendung als Wohnraum oder Veranstaltungsraum. Dies wird aus verschiedenen Gründen praktiziert, in den 1960er bis 1980er Jahren zum Beispiel, um aktiven Widerstand gegen die Eigentümer und deren Immobilienspekulation zu zeigen.

Allgemeines In den meisten Fällen erfolgt eine Hausbesetzung gegen den Willen des Eigentümers (oder ohne diesen zu berücksichtigen). Der damit vorliegende Rechtsbruch, der sich in der Bundesrepublik Deutschland von der Gewährleistung von Eigentum in Artikel 14 (1) der Grundrechte im Grundgesetzes ableitet, wird von den Besetzern bewusst in Kauf genommen. Diese beziehen sich – insbesondere im Rahmen von Sozialen Bewegungen – im Allgemeinen auf einen Missbrauch durch Eigentümer (zumeist Gesellschaften) und damit auf Artikel 14 (2) des Grundgesetzes: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“Hrsg.: Deutscher Bundestag: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Berlin 2010, S. 22 und 23. Außerdem sehen sie sich oftmals eng verbunden mit anderen Bewegungen, welche sich mit öffentlichem Wohnraum auseinandersetzen, beispielsweise dem Mietshäuser Syndikat.

Es gibt auch Fälle geduldeter Hausbesetzungen, vor allem wenn es sich um sehr marode Gebäude handelt. Vor allem in der frühen Zeit (1970er und 1980er) wurden Hausbesetzungen oft länger als ein Jahrzehnt geduldet. Kooperatives Verhalten der Hausbesetzer begünstigte in einigen Fällen eine solche Duldung, aber auch der zum Teil militante Druck von größeren Unterstützungsgruppen führte oft dazu, dass sich Eigentümer und/oder staatliche Stellen gegen eine Räumung einer besetzten Immobilie entschieden (zumal eine Wahrscheinlichkeit bestand, dass die geräumten oder andere Hausbesetzer die Immobilie früher oder später „zurückerobern“ würden, wenn sie nach der Räumung wieder leer stand). Ein bekanntes Beispiel für einen solchen militanten Druck war die Hafenstraße in Hamburg. Städte und Kommunen hatten auch ein gewisses Eigeninteresse: Jugendliche und junge Erwachsene, die sonst vermutlich obdachlos gewesen wären, hatten als Hausbesetzer ein „Dach über dem Kopf“.

Besetzte Häuser werden in einigen Ländern, zum Beispiel Frankreich, Großbritannien, Polen, Tschechien und Ungarn, als Squats bezeichnet. Als Beweggründe gaben und geben Hausbesetzer häufig an, dass Wohnraum (oder Räume für soziale und kulturelle Veranstaltungen) fehle oder nicht bezahlbar sei. Zwischennutzungen fallen nicht unter diese Definition, da sie einvernehmlich und zeitlich begrenzt stattfinden.

Ursachen und Unterscheidungen mini|hochkant|Symbol der Hausbesetzer

Hausbesetzungen werden aus verschiedenen, sich oftmals überlappenden Motiven durchgeführt: Diese sind der Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum, eigener Wohnungsmangel oder sogar Obdachlosigkeit, Protest gegen spekulativen Leerstand und Protest gegen hohe Mieten. Viele Hausbesetzer grenzen sich bewusst von gesellschaftlichen Normen ab und versuchen bzw. praktizieren alternative Formen des Zusammenlebens.

Das selbst erklärte Ziel von Instandbesetzungen ist es, verfallene Häuser vor dem Abriss zu retten und wieder bewohnbar zu machen.

Bei den Hausbesetzungen gibt es grundsätzlich zwei Klassen: „offene besetzte Häuser“, bei denen die Öffentlichkeit wissen darf – und soll –, dass das Haus besetzt ist. Häufig hängen Transparente an der Fassade, es werden Flugblätter verteilt etc. „stille Besetzungen“: Hierbei ziehen die Menschen ein und versuchen, die Besetzung nicht öffentlich zu machen.

Das Symbol der Hausbesetzerbewegung ist ein Kreis, durch den ein N-förmiger Blitz von links unten nach rechts oben verläuft. Das Zeichen entstand um 1970 in der Amsterdamer Hausbesetzerszene und verbreitete sich schnell über Westeuropa.Uwe Fleckner, Martin Warnke, Hendrik Ziegler (Hrsg.): Handbuch der politischen Ikonographie. Bd. 1, Verlag C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-57765-9, S. 27. ()A. G. Grauwacke (Hrsg.): Autonome in Bewegung. Aus den ersten 23 Jahren. Assoziation A, Berlin 2003, ISBN 3-935936-13-3, S. 10. ()

Eine andere Erklärung ist die Herkunft aus dem nordamerikanischen Indianersymbolschatz: ein im Kreis liegender, nach oben zeigender Pfeil bedeutet „Der Kampf geht weiter“. Ein Blitzsymbol bedeutet „schnell“.

Chronik von Hausbesetzungen in verschiedenen Ländern und Städten Viele der in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren in Deutschland und den Niederlanden durchgeführten Hausbesetzungen sind heute legalisiert. Dies bedeutet, dass die Bewohner mit den Eigentümern Duldungs-, Miet- oder Nutzungsverträge abgeschlossen haben. Einige Mietverhältnisse sind nicht formell legalisiert, haben aber einen inoffiziellen Status durch Duldung. In der Schweiz haben besetzte Häuser häufig einen „Gebrauchsleihevertrag“, der sichert, dass die Hausbesetzer Strom und Wasser bezahlen.

Dänemark Die seit 1971 bestehende Freistadt Christiania, eine autonome Wohnsiedlung auf einem ehemaligen Militärgelände in Kopenhagen, gilt als eine der ältesten und am längsten existierenden Besetzungen Europas. Eine weitere bekannte Hausbesetzung war das Haus an der Ryesgade 58, das 1986 neun Tage lang Schauplatz heftiger Straßenkämpfe und mit Barrikaden völlig abgesperrt war. Zentrum der Hausbesetzerszene Kopenhagens war für Jahrzehnte das Ungdomshuset (Jugendhaus). Das Haus, das nur die letzten drei Monate besetzt war, bestand von 1982 bis 2007, bis es, begleitet von Krawallen, geräumt wurde. In den Jahren 1981 bis 1990 gab es eine Reihe von Besetzungen insbesondere im Nørrebro-Viertel – unter anderem das Haus Allotria, das durch ein spektakuläres Manöver bekannt wurde, indem die Besetzer am Räumungstag durch einen 20 Meter langen eigenhändig gegrabenen Tunnel flüchteten. Auf einem hinterlassenen Banner stand auf Dänisch: „Wir entscheiden selber, wann wir kämpfen wollen!“

Deutschland Westdeutschland Die frühen Hausbesetzungen Ende der 1960er Jahre waren meist sporadische, Gelegenheiten nutzende Aktionen, die auf lokale, auch soziale Problemsituationen zurückzuführen waren und mehrfach im Zusammenhang mit Stadtzerstörung und geplanten Abrissen von Altbauten standen.

Ende der 60er setzten sich unter anderem Rainer Kippe, Lothar Gothe und andere zusammen und planten die Sozialistische Selbsthilfe Köln (SSK). Dafür brauchten sie einen Raum und fanden ein Haus in Köln-Mitte am Salierring 39, das sie 1969 besetzten. Im damaligen Westdeutschland bekannte Hausbesetzungen sind die 1973 besetzte und 1981 legalisierte Frauenstraße 24 in Münster,Peter Maxwill: die 1980 besetzte ehemalige Stollwerck-Schokoladenfabrik in Köln, das 1987 in Hannover besetzte Sprengelgelände, die 1989 besetzte Rote Flora in Hamburg, das im selben Jahr besetzte und 1991 legalisierte Wohnprojekt Köpi, die Hafenstraße in Hamburg, die Kiefernstraße in Düsseldorf, die Besetzung des Topf-und-Söhne-Geländes in Erfurt von 2001 bis 2009 und auch in kleineren Städten gab es spektakuläre und langjährige Hausbesetzungen. In Hanau ist seit 1986 das Haus in der Metzgerstraße 8 besetzt und wird als autonomes Kulturzentrum genutzt, und in Weimar die Gerberstraße I und III.mini|Solidaritätsplakat an der Ruhr-Universität Bochum

In Paderborn gab es ab den 1970er-Jahren einige Hausbesetzungen (zuletzt mehrere Wochen im Herbst 2007 und im April 2015), in Leipzig die Häuser in der Stockartstraße in der Nähe des Conne Islands und in Potsdam das Boumans. Im Zusammenhang mit der (wenig erfolgreichen) Hausbesetzerbewegung in München standen die Gruppen Freizeit 81 und Robin Haus (Rob in House).

In Nürnberg stellte das Olaf Ritzmann Kollektiv, dessen Stützpunkt das selbstverwaltete Kulturzentrum KOMM war, den Kern verschiedener Hausbesetzungen, beispielsweise der Johannisstraße 70 oder der Veillodterstraße 33 dar. Unter anderem diese führten im März 1981 zu der medial so bekannt gewordenen „Massenverhaftung von Nürnberg“.

Die Besetzung einer Villa im Bochumer Stadtteil Werne 1981 wurde nach Instandsetzung des Gebäudes legalisiert. Außerdem wurde in Bochum von Mai bis Juni 2017 ein jahrelang leerstehendes Haus an der Herner Straße 131 besetzt.

In Göttingen sollten in den 1970er Jahren die Gebäude an der Roten Straße 1-5 / Burgstraße 52 abgerissen werden, um Raum für ein neues Studierendenwohnheim zu schaffen. Durch die Besetzung der Häuser seitens der militanten Hausbesetzerszene Göttingens konnten sie jedoch vor dem drohenden Abriss bewahrt werden. Sie wurden in der Folge zu selbstverwalteten Studentenhäusern und werden heute inoffiziell „Rote Straße“ genannt. Im Jahr 2015 besetzen Menschen das leer stehende DGB Haus in Göttingen in der Oberen-Masch-Straße 10 (OM10). In der Folge kauften die Besetzer dem DGB das Gebäude für einen symbolischen Preis ab.

Tübingen In Tübingen kam es seit 1968 zu verschiedenen Hausbesetzungen. Bedeutend war vor allem nach einem Konzert der Agitprop-Band Ton Steine Scherben die Besetzung des Epplehauses, welches bis heute als selbstverwaltetes Jugendzentrum besteht. Ehemals besetzte Gebäude wie die Münzgasse 13, die Ludwigstraße 15 oder die Schellingstraße 6 existieren bis heute als alternative Wohn- und Lebensprojekte. Von Juli 2019 bis August 2021 war die Gartenstraße 7 besetzt, Verhandlungen über einen Kauf des Hauses sind gescheitert.

Die Autoren Marc Amann und Elias Raatz veröffentlichten in einem Kapitel des Sachbuchs Wir hol'n jetzt unser Haus! über das Jugendzentrum Epplehaus eine ausführliche Chronologie aller Tübinger Hausbesetzungen von 1969 bis 2025.

Köln Am 10. April 1970 wurde das leer stehende Verwaltungsgebäude der ehemaligen Schokoladenfabrik Kwatta in der Roßstraße 16, Köln-Ehrenfeld besetzt (siehe: Kölner Stadt-Anzeiger vom 11. April 1970).Besetzerbericht: „Es wurde beschlossen ein leer stehendes Haus zu besetzen. Es sollte unter der Verwaltung der Stadt Köln stehen. Als das am meisten geeignete Objekt wählten wir das Gebäude Roßstr. 16 aus. Unter Rücksprache mit dem damaligen Kulturdezernenten der Stadt Köln Herrn Hackenberg und der Zusicherung, dass wir die Werkshallen (ehem. Kwatta Schokoladenfabrik) nicht betreten würden, da diese Requisiten der Bühnen der Stadt Köln beherbergten, vereinbarten wir Tag und Uhrzeit, Redaktionsschluss der Medien für das Wochenende und den frühen Büroschluss am Freitag der Stadtverwaltung berücksichtigend.“

Führend bei der Hausbesetzung war die SSK (erst: Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Köln; später: Sozialistische Selbsthilfe Köln). Die SSK war im November 1969 im Franziskanerkloster, Ulrichgasse, Köln gegründet worden. Gründungsmitglieder waren fünf Sozialarbeiter der Stadt Köln, der frühere Hausgeistliche des örtlichen Don-Bosco-Heims und vier weitere Kölner Bürger.

Die SSK kümmerte sich vor allem um obdachlose Kinder und Jugendliche in Köln. Starken Zuwachs der zur Betreuenden erhielt er, nachdem Günter Wallraff für eine ZDF-Dokumentation mit einem Kamerateam, unter Begleitung von SSK-Mitgliedern, das Rheinische Landesjugendheim Erlenhof bei Euskirchen aufgesucht hatte. 16 Jugendliche aus dem Erlenhof kamen zur SSK.

1977 wurde das älteste bis heute autonom bewohnte und damals leerstehende Gebäude in der Marienstraße 19, 21 und 23 besetzt. Das feministische Projekt entstand aus dem Angebot billiger Wohnungen, wodurch sich eine diverse Gruppe bildete, die nach einer bevorstehenden Mieterhöhung die Wohnungen besetzte. Das Projekt setzte sich trotz innerlinken Auseinandersetzungen und Druck von außen durch und ist heute immer noch besetzt. 2018 feierte das Kollektiv 40 Jahre Besetzung.

1980 wurde der Karthäuserwall 18 besetzt und erlebte seitdem mehrere Räumungsversuche, zuletzt 2020 durch eine Räumungsaufforderung der Hausbesitzerin LEG Immobilien, das jedoch zeitweise aufgehoben wurde. Das Projekt beherbergt heute eine Fahrradwerkstatt, ein feministisches selbstverwaltetes Zentrum sowie das Kunsthaus KAT18.