mini|Adolf Muschg auf der Leipziger Buchmesse, 2017 Friedrich Adolf Muschg (* 13. Mai 1934 in Zollikon, Kanton Zürich; heimatberechtigt in Zollikon und Männedorf) ist ein Schweizer Dichter, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler.

Leben Adolf Muschg wurde 1934 als Sohn des Primarlehrers Adolf Muschg senior (1872–1948Beckassets.) und dessen zweiter Ehefrau geboren. Sein Halbbruder Walter Muschg war damals Mitte dreissig. Seine Halbschwester Elsa (1899–1976) war eine erfolgreiche Kinderbuchautorin.

Von 1946 bis 1953 besuchte Muschg ein Gymnasium in Zürich. Er verbrachte zwei Jahre auf einem Internat in Schiers und legte die Matura am Literargymnasium Rämibühl in Zürich ab. Anschliessend studierte er Germanistik, Anglistik sowie Philosophie in Zürich und Cambridge und promovierte 1959 bei Emil Staiger über Ernst Barlach.

Von 1959 bis 1962 unterrichtete er als Hauptlehrer für Deutsch an der Kantonalen Oberrealschule in Zürich, dann folgten verschiedene Stellen als Hochschullehrer: von 1962 bis 1964 an der International Christian University in Tokio, von 1964 bis 1967 als Assistent von Walther Killy an der Universität Göttingen, von 1967 bis 1969 als Assistenzprofessor an der Cornell University und 1969/70 an der Universität Genf. Aus einer ersten Ehe mit Charlotte Iklé ging der 1964 in Tokio geborene Sohn Konrad hervor.Kamila Schtitkovcova: Walter Muschg und sein Werk. Diplomarbeit, eingereicht bei der Masaryk-Universität in Brünn, Tschechien 2017, S. 11 (PDF). 1967 heiratete Muschg die Schriftstellerin Hanna Johansen, mit ihr hatte er zwei weitere Söhne, Philipp Muschg und Benjamin Muschg.Denise Marquard: Beim Klavierlernen spielt das ganze Leben mit. In: Tages-Anzeiger. 17. Januar 2015. 1969 gehörte er mit Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Peter Bichsel und anderen zu den Sezessionisten, die aus dem Schweizer Schriftstellerverband austraten und die Gruppe Olten ins Leben riefen, die formal am 25. April 1971 in Biel gegründet wurde. Während seines Aufenthalts in Tokio entstand sein erster Roman unter dem Titel Im Sommer des Hasen.

mini|Adolf Muschg (1985)

Von 1970 bis 1999 war er Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Der Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit lag dabei auf der Vermittlung von Gegenwartsliteratur. Er hielt regelmässig auch ein Kolloquium für literarisches Schreiben ab, an dem unter anderem Ruth Schweikert und Melinda Nadj Abonji teilnahmen.Siehe Film Adolf Muschg – der Andere von Erich Schmid (2021). 1997 war er Gründungsleiter des Collegium Helveticum.

1975 war Muschg Kandidat der Zürcher Sozialdemokratischen Partei für den Ständerat. Er wurde nicht gewählt, äusserte sich aber auch in der Folge regelmässig zu politischen Zeitfragen. Von 1974 bis 1977 gehörte er einer Kommission an, die die Totalrevision der Bundesverfassung vorbereitete. Von 1988 bis 1993 moderierte er im Fernsehprogramm Südwest 3 die Sendung Baden-Badener Disput. Anschliessend übernahm Gertrud Höhler die Moderation.

Gemeinsam mit Siegfried Unseld, Peter Bichsel und Peter von Matt war er 1979 Mitbegründer der Max-Frisch-Stiftung.

1991 heiratete er in dritter Ehe die Japanerin Atsuko Kanto.. In: St. Galler Tagblatt. 13. Mai 2014. 1994 erhielt er den Georg-Büchner-Preis als erst dritter Schweizer Schriftsteller nach Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Die Begründung lautete, dass er „in seinen Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und Essays der Gesellschaft einen untrüglichen Spiegel vorhält. Auch in seinem letzten großen Roman ›Der Rote Ritter‹, der das Mittelalter mit der Gegenwart parabelhaft verbindet, bleibt dies - ob Vorsatz oder nicht - wirksam. Gefaßt in eine Sprache von psychologischer Sensibilität und zugleich von kritischer Klarsicht beschwören die Bücher Adolf Muschgs die Hoffnung, daß den Menschen noch zu helfen sei.“ In seiner Dankrede sprach er darüber, was es heißt, als Mensch dem Medusenhaupt des Menschlichen ins Antlitz zu blicken. 1997 hielt er die Rede zur Eröffnung des Deutschen Germanistentages in Bonn.

Seit 1976 ist er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, daneben ist er Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in MainzAdolf Muschg bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und der Freien Akademie der Künste Hamburg. 2003 wurde er zum Präsidenten der Akademie der Künste in Berlin gewählt. Von diesem Amt trat er am 15. Dezember 2005 überraschend zurück. Grund für diese Entscheidung seien «unüberbrückbare Differenzen mit dem Senat der Akademie» gewesen. Er befand, der Umzug in den Neubau am Pariser Platz sei nicht dafür genutzt worden, die Aktivitäten der Akademie stärker in die Öffentlichkeit zu tragen.

Im Februar 2009 verkündete Muschg nach 35 Jahren das Ende der Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag und den Wechsel zum Verlag C. H. Beck.Adolf Muschg verlässt Suhrkamp-Verlag. in: Spiegel Online. 9. Februar 2009.

Muschg lebt in Männedorf bei Zürich. Seit 2014 ist er Ehrenbürger der Gemeinde. Sein Archiv befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

2021 kam der Dokumentarfilm Adolf Muschg – der Andere (Schweiz, 86 min) in die Kinos. Der Regisseur Erich Schmid führte mit Muschg Gespräche zu Leben und Werk des Autors.Website zum Film Adolf Muschg – der Andere (Schweiz, 2021), Regie Erich Schmid.

Muschg schrieb ein ausführliches Vorwort zum autobiografischen Bericht Mars von Fritz Zorn, das 1977 kurz nach dem Tod des Autors herausgegeben wurde.

Causa Becker Am 15. März 2010 veröffentlichte er in der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel und im Zürcher Tages-Anzeiger einen Beitrag, in dem er Gerold Becker, den ehemaligen Direktor der Odenwaldschule, gegen den Vorwurf des Missbrauchs mehrerer seiner Schüler verteidigte. Die Berichterstattung über die Missbrauchsvorwürfe bezeichnete er als «Kampagne» und «Heuchelei». Er stellte vielmehr eine Verbindung zwischen dem von dem griechischen Philosophen Platon formulierten «pädagogischen Eros» und den von Becker nicht bestrittenen sexuellen Handlungen an mehreren seiner Schüler her. Am Tag darauf distanzierte sich der Chefredaktor des Tagesspiegels Lorenz Maroldt im Leitartikel von Muschgs Beitrag.

Muschg distanzierte sich später von seinem Artikel. Er würde «ihn nicht mehr schreiben». Er sei aus einem Impuls für seinen Freund Hartmut von Hentig, den Lebenspartner von Becker, entstanden und dies am Vorabend einer ernsthaften Operation. Er bezeichnet Becker als «Übeltäter».Adolf Muschg: Sternstunde Philosophie, Adolf Muschg: Wie geht Lebenskunst? In: Schweizer Fernsehen SRF 1. 25. April 2021.

Hypochondrie Bis ins Alter von etwa 40 Jahren litt Muschg unter einer extremen Form der Hypochondrie, die so weit ging, dass er sich einmal einer Gehirnoperation unterzog, um von einem nicht vorhandenen Tumor geheilt zu werden, und einmal einer Blinddarmoperation, zu der er aus den Vereinigten Staaten nach Zürich flog.Manfred Dierks: Adolf Muschg: Lebensrettende Phantasie. C. H. Beck, 2014. Mit Selbstironie erzählt er von seiner nachgeholten Hochzeitsreise 1968 auf einem Frachtschiff, auf der er zum Schrecken des Kapitäns wurde, indem er, einige Tage vom nächsten Hafen (und Krankenhaus) entfernt, behauptete, er habe einen vereiterten Blinddarm, der sofort operiert werden müsste.

Das Thema der Hypochondrie erscheint auch in seinem Werk, zum Beispiel in der Erzählung Ihr Herr Bruder.Adolf Muschg: Leib und Leben. Erzählungen. Suhrkamp 1982. In den Frankfurter Vorlesungen wird die Entstehung dieser Geschichte unter der Überschrift «Wie ich Raimund für mich sterben ließ» analysiert. Im Theaterstück Rumpelstilz (uraufgeführt 1968) hat der Protagonist, der Gymnasialprofessor Viktor Leu, Schluckbeschwerden und bildet sich Kehlkopfkrebs ein. In seinem Essay Was mir fehlt – Plädoyer eines «Psychosomatikers» für die Heilkunst (1985) bekannte er sich zu seiner «ansehnlichen hypochondrischen Karriere» und betrachtete «jede Episode als zugleich notwendig und überflüssig».

Auszeichnungen 1968: Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis 1974: Hermann-Hesse-Preis 1984: Zürcher Literaturpreis 1990: Carl-Zuckmayer-Medaille 1993: Ricarda-Huch-Preis 1994: Georg-Büchner-Preis 2001: Grimmelshausen-Preis 2004: Grosses Bundesverdienstkreuz (4. Oktober 2004)Bundespräsidialamt. 2006: Wilhelm-von-Schadow-Medaille Schadow-Gesellschaft e. V. 2015: Schweizer «Grand Prix Literatur» 2017: Preis der Internationalen Hermann Hesse Gesellschaft 2018: Longlist Deutscher Buchpreis mit Heimkehr nach Fukushima 2019: Gottfried-Keller-Preis 2025: Ehrendoktorat der Universität Athen 2025: Europapreis für politische Kultur der Hans-Ringier-Stiftung

Rezeption Muschgs erster Roman Im Sommer des Hasen erschien 1965 und fand viel Beachtung. Er basiert auf Wahrnehmungen und Beobachtungen, die der Autor während seines zweijährigen Japan-Aufenthalts von 1962 bis 1964 zusammengetragen hatte. Der Roman ist in der Ich-Form erzählt. Darin werden in Briefform Berichte von sechs Schweizer Männern wiedergegeben, die sich aufgrund eines Stipendiums während eines halben Jahres – einen Sommer lang – in Japan aufgehalten haben. Alle sechs sind von der Insel und ihrer Andersartigkeit zwar fasziniert, aber auch stark verunsichert.Der Eidgenosse als roter Ritter – Zur Person: Adolf Muschg. In: Ö1. 11. April 2020.

Der Roman Albissers Grund (1974) handelt von dem Gymnasiallehrer Albisser, der scheinbar grundlos auf seinen Therapeuten Zerrutt schiesst, was er auch gar nicht bestreitet. Doch der Anlass dazu bleibt lange unklar. Was sich zunächst wie ein packender Kriminalroman liest, entpuppt sich mehr und mehr als Entwicklungsroman und Gesellschaftsroman. Im Gymnasiallehrer Albisser porträtiert der Autor einen Hypochonder, der aus Frustration über die für ihn unbefriedigend verlaufende Therapie zur Waffe greift. Die Kritik attestierte dem Roman eine «raffinierte Auffädelung der Schicksale» sowie eine «ironische Distanzierung des Autors von seinen Figuren».Herbert A. Frenzel, Elisabeth Frenzel: Daten deutscher Dichtung. dtv Verlag München, 18. Aufl. Mai 1981 (1. Aufl. Köln 1953), S. 768. Der Journalist Peter Mohr hält ihn gar für Muschgs gelungenstes literarisches Werk.

Als Muschgs Hauptwerk gilt gemeinhin sein 1000-seitiges Opus Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzivâl (1993). Es handelt sich, wie im Titel angedeutet, um eine Adaptation des mittelalterlichen Parzivalepos. Sowohl im mittelalterlichen Vorbild wie in Muschgs Adaptation geht es um den exemplarischen Reifungsprozess eines jungen Mannes. Wird der Parzival Wolframs von Eschenbach als Rollenträger vorgeführt, wird Muschgs Hauptfigur als Individuum spürbar, mit all seinen psychologischen Facetten und Ambivalenzen. Die Idee der Erlösung, die im Original eine tragende Rolle spielt, wird bei Muschg postmodern aufgelöst. Der Mediävist Peter Wapnewski bescheinigte Muschg „eminente Kenntnis des Stoffs“, der dem „Menschenversuch aus so panischer wie egoistischer Mutterliebe“ mit einer „Sprache wie zu Prosa geronnener Lyrik“ eine neue Wendung gebe.

Im Mittelpunkt des Romans Eikan, du bist spät (2005) steht der Cellovirtuose Andreas Leuchter. Zunehmend wird dem Künstler in seiner zweiten Lebenshälfte bewusst, dass ihm weder beruflich noch privat Erfolg vergönnt ist. Alles scheint im Sand zu verlaufen.

Im Roman Heimkehr nach Fukushima (2018) geht es vordergründig um eine Liebesbeziehung zwischen dem Architekten Paul Neuhaus und seiner deutlich jüngeren japanischen Gefährtin Mitsu. Gemeinsam wollen sie eine Künstlerkolonie ins Leben rufen. In die Beschreibung des verseuchten Gebiets um das Kernkraftwerk Fukushima sind Zitate von Adalbert Stifter eingeflochten.Felix Münger: «Heimkehr nach Fukushima». Adolf Muschg: Kirschbäume und Geigerzähler. In: SRF Kultur. 20. Juli 2018, abgerufen am 6. Juni 2023. Der Dokumentarfilm Adolf Muschg, der Andere von Erich Schmid stellt diesen Roman ins Zentrum.