Sozialstrukturanalyse ist die empirisch-sozialwissenschaftliche Analyse der Sozialstruktur von Gesellschaften. Wichtige Themen sind der soziale Wandel, strukturierte soziale Ungleichheit, Lebensstilforschung, die Analyse sozialer Milieus sowie der Vergleich von Sozialstrukturen mehrerer Gesellschaften. Als Mittel der Erforschung werden qualitative und quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung verwendet. Hinzu kommen Theoriegefüge zur Charakterisierung der einzelnen Strukturelemente. Eines ihrer wichtigsten Anwendungsgebiete ist die Politikberatung.

Leitbegriffe In der Soziologie werden sozialstrukturelle Leitbegriffe zur Aufschlüsselung einer Gesellschaft nach soziologischen Kriterien (beispielsweise Geschlechterrolle, Stand, Klasse, Schicht) und demografischen Kriterien verwendet (wie Alter, Geschlecht, höchster Ausbildungsstand, Einkommensgruppen, Einteilung Stadt-/Landbevölkerung).

Der deutsche Soziologe Georg Simmel hat 1908 in seinem Werk Soziologie die Bezeichnung „Sozialstruktur“ mit einer speziellen Bedeutung versehen. Beispielsweise gebraucht er im Exkurs über den Adel und in Zeitschriftenartikeln zur Soziologie der Familie und zur Soziologie der Konkurrenz die Bezeichnungen „soziologische Struktur“ oder „Struktur“, um die inneren Strukturmerkmale des jeweiligen Phänomens zu charakterisieren.

Der US-amerikanische Soziologe Robert Merton verfolgte 1949 in seinem Werk Social Theory and Social Structure ebenfalls einen eigenständigen Ansatz.

Im Folgenden werden unterschiedliche Leitbegriffe der Strukturierung vorgestellt. Zentrale Leitbegriffe sind hier die von Theodor Geiger und anderen in die Gesellschaftslehre eingeführten sozialen Schichten, die von Karl Marx analysierten Klassen, ethnologische Konzepte der Verwandtschaft und Heirat, die (indischen) Kasten oder die geschichtlichen Stände im Mittelalter.

Soziale Schichtung

Soziale Schichtung oder Stratifikation ist ein Grundbegriff der Soziologie, manchmal auch Bestandteil makroökonomischer Betrachtungen. Der Schichtbegriff ist verhältnismäßig neu, verglichen mit dem Klassen- und Standesbegriff. Als Begründer der Schichtungssoziologie gilt Theodor Geiger, dieser entwickelte 1932 Ansätze des Schichtenbegriffs für die Sozialstrukturanalyse des Deutschen Reiches als eine Auseinandersetzung mit dem Klassenbegriff vor allem der Marxistischen Theorie.

Im letzten Jahrhundert wurden verschiedene Schichtenmodelle entwickelt, beispielsweise die „Nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ von Helmut Schelsky (1953), das „Dahrendorfhäuschen“ nach Ralf Dahrendorf (1965) oder die „Bolte-Zwiebel“ nach Karl Martin Bolte (1967). Ein Schichtenmodell von Rainer Geißler (1967) ergänzt das Dahrendorfhäuschen mit horizontal einteilenden Schichtungs­merkmalen für spezielle Ausländer-Schichten.

Benutzt werden die hierarchischen Schichtenmodelle nicht nur, um Gesellschaften zu typologisieren und zu kategorisieren, sondern auch als Werkzeug, um komplexe Gesellschaften anhand einiger weniger Kriterien vereinfacht darzustellen und sie so untersuchen, vergleichen und erklären zu können. Die Forschung interessiert sich dabei insbesondere für die Beschreibung der (Macht-)Beziehungen zwischen den Schichten und ihren Angehörigen, für die Entstehung und Reproduktion dieser hierarchischen Strukturen, aber auch für ihre Veränderung (sozialer Wandel). Ebenfalls oft untersucht werden die Auswirkungen sozialer Schichtung auf die handelnden Akteure.

Soziale Klassen

Definition nach Marx Nach der ursprünglichen Definition von Claude Henri de Saint-Simon, die Karl Marx von ihm übernahm, sind „Klassen“ durch die Stellung der ihr Angehörigen im Produktionsprozess definiert. Er unterscheidet für jedes historische Produktionsverhältnis zwei alle anderen Klassen mit deren Spezialproblemen – mit deren „Nebenwidersprüchen“ – dominierende Klassen: die Nichtbesitzer und die Besitzer der vorwiegenden Produktionsmittel. Für die kapitalistische Produktionsweise sind das die Proletarier (auch Arbeiterklasse genannt) und Kapitalisten (auch Bourgeoisie genannt), in der antiken „Sklavenhaltergesellschaft“ aber beispielsweise sind dies die Sklaven und die Sklavenhalter.

Aus der Analyse der ökonomischen Verhältnisse wird deutlich, so Marx, dass die Mitglieder der kapitalistischen Gesellschaft, die rechtlich frei sind, jedoch einzig ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben, kontradiktorisch andere Interessen haben müssen als diejenigen, die über Produktionsmittel verfügen und Arbeitskräfte einstellen. Die einen wollen beispielsweise ihre Arbeitskraft möglichst teuer verkaufen und möglichst wenig dafür tun, die anderen die Arbeitskraft billigst einkaufen und möglichst lange und intensiv schaffen lassen. In der Volkswirtschaftslehre ist dies als das „Mini-Max-Prinzip“ bekannt, wonach beide Seiten einander ebenfalls kontradiktorisch gegenüberstehen. Dieser grundsätzliche Antagonismus bestehe unabhängig von den Vorstellungen der Menschen über ihre eigene Lage.

Sobald Mitglieder einer Klasse die Gemeinsamkeit ihrer Interessen erkennen und danach zu handeln beginnen, spricht Marx von einem Übergang von der „Klasse an sich“ (also einer Klasse, die nur begrifflich durch die Stellung im Produktionsprozess gekennzeichnet ist) zur „Klasse für sich“, also zu einer Klasse, die sich ihrer selbst bewusst und willens wird, für ihre Interessen gemeinsam zu kämpfen (Klassenbewusstsein). Bewusst oder unbewusst befänden sich demnach die beiden analytisch bestimmbaren Klassen „Lohnarbeit“ und „Kapital“ in einem permanenten Streit, dem so genannten „Klassenkampf“.

Ab den 1940er Jahren nahmen Analysen zu, die mit Hilfe eines an Marx angelehnten „Klassen“-Konzeptes den Realsozialismus des damaligen Ostblocks kritisierten (siehe Milovan Djilas oder Rudi Dutschke).

Definition nach Weber Der Begriff der sozialen Klasse wurde innerhalb der Soziologie von Max Weber differenziert und ausgeweitet. Er definierte „Klasse“ als die

Weber unterscheidet drei Formen von Klassen:

die Besitzklassen werden durch den Besitz bestimmt die Erwerbsklassen werden durch die Erwerbschancen bestimmt die sozialen Klassen werden durch ihre Chancen und Risiken des sozialen Auf- und Abstiegs bestimmt

Definition nach Dahrendorf Nach Ralf Dahrendorf (1956) sind „Klassen“ nicht nur durch Besitz oder Nichtbesitz speziell von „Produktionsmitteln“, sondern schlechthin von Machtmitteln zu definieren. Damit sind oft sogar Gewaltmittel einbezogen. Obwohl Macht überall wirkt, führen bei Dahrendorf ihre Gegensätze (Antagonismen) doch nicht zu einem universalen Bürgerkrieg, da alle sozialen Akteure unterschiedliche soziale Rollen innehaben (siehe „homo sociologicus“) und in jeder Rolle in einem anderen Klassen-Antagonismus stehen können. Dies erklärt, warum sie sich ggf. nirgends 100-prozentig engagieren, und warum auch ihre Klassengegner innerhalb eines Machtverhältnisses (so im Betrieb) Antagonisten, innerhalb eines anderen (in der Kirchengemeinde oder Partei) dagegen ihre Machtverbündeten sind, was die Gewaltsamkeit und Intensität sozialer Konflikte mildert.

Definition nach Wright Erik Wright unterteilt eine Gesellschaft in 12 Klassen und orientiert sich eng an dem marxschen Klassenbegriff. Es gibt ein älteres und ein jüngeres Klassenschema von Wright, hier soll nur die aktuelle Version (von 2005) erklärt werden. In diesem Schema gibt es eine Unterteilung in: Besitzer von Produktionsmitteln (Unternehmer), die Klassen 1–3 im Schema von Wright Nicht-Besitzer von Produktionsmitteln (Arbeitnehmer), die Klassen 4–12

Die Klassen 1–3 (bourgeoisie, small employers, petty bourgeoisie) dienen dazu, die Unternehmer (Besitzer von Produktionsmitteln) einzuteilen, hierbei gilt: Bourgeoisie: Unternehmer, die typischerweise mehr als 10 Mitarbeiter beschäftigen, sie besitzen ausreichend Kapital um Arbeiter einzustellen, sie selber müssen hierbei nicht arbeiten Small employers: Kleinunternehmer haben typischerweise weniger als 10 Mitarbeiter, können es sich leisten, Mitarbeiter einzustellen, müssen jedoch selber mitarbeiten Petty Bourgeoisie: Kleinbürgertum, sind eigenständige Unternehmer, die genügend Kapital besitzen, um ein eigenes Unternehmen zu gründen, es sich jedoch nicht leisten können, Mitarbeiter einzustellen, und daher gezwungen sind zu arbeiten.

Arbeitnehmer (Nicht-Besitzer von Produktionsmitteln), werden bei Wright anhand von zwei Merkmalen unterteilt: nach ihren Qualifikationsressourcen (Bildungsabschlüssen) und nach ihren organisatorische Ressourcen (Verfügungsgewalt über Material und Untergebene).

Goldthorpe-Klassenschema

Das häufig auch nur „Goldthorpe-Klassenschema“ genannte Schema nach Robert Erikson und John Goldthorpe ist mit Modifizierungen in der Soziologie, aber noch häufiger in der Marktforschung verbreitet. Die Begrifflichkeiten wie Schicht und Klasse haben heutzutage große Schnittmengen und müssen gemeinsam betrachtet, untersucht und gegeneinander wo möglich abgegrenzt werden. Dieses Klassenschema kann nach den Kriterien einiger Soziologen eher als Schichtungsschema mit milieubezogenen Merkmalen bezeichnet werden. Goldthorpe unterteilt die Bevölkerung in sieben Klassen (Schichten), die er teilweise noch feiner weiter untergliedert. Er unterscheidet seine Klassen anhand ihrer Einkommensquellen und ihrer Stellung im Wirtschaftsprozess.

Die Kategorien des Klassenschemas lauten: obere und mittlere Ränge der Dienstklasse (= höhere und mittlere Ränge der akademischen Berufe, der Verwaltungs- und Managementberufe; Großunternehmer) niedrige Ränge der Dienstklasse nicht-manuelle Berufe mit Routinetätigkeiten (vor allem Büroberufe, auch Verkaufsberufe) Selbständige mit 2–49 Mitarbeitern Kleine Selbständige mit 1 Mitarbeiter oder allein Selbständige Landwirte Techniker; Aufsichtskräfte der Beschäftigten im manuellen Bereich (Vorarbeiter, Meister) Facharbeiter un- und angelernte Arbeiter Landarbeiter Abspaltung von Klasse 3: Berufe ohne jegliche bürokratische Einbindung.

Dieses Messkriterium hat den Vorteil, dass es für empirische Marktforschung einfach zu operationalisieren ist. Da bei ihm auch die oberste Klasse als „Dienstklasse“ bezeichnet wird, fehlt ihm jedoch die für Massenmärkte unbedeutende Spitzenklasse, die empirisch auch in der Soziologie sehr schwer zu erforschen ist, jedoch in einer umfassenden Sozialstrukturanalyse nie fehlen darf: sehr reiche Selbständige (the super-rich), Spitzenpolitiker, Kirchenoberhäupter, Vertreter von Medien und Wissenschaft, die so genannte Elite. Soziologisch ist das Goldthorpsche Schema daher unvollständig, kann aber je nach Fragestellung ergänzt werden.

Hier sei darüber hinaus auf das ähnlich nach Konsumentengruppierungen operierende Klassenmodell nach Engel, Blackwell und Kollat verwiesen, das auch die Oberschichten berücksichtigt.

Die Verwendung eines modifizierten Goldthorpe-Schemas spielte eine Rolle bei Untersuchungen zum Individualisierungstheorem, denen zufolge der prägende Einfluss der Sozialstruktur auf Problemlagen, Interessen und Verhaltenstendenzen schwindet. Der Soziologe Walter Müller hat dagegen am Beispiel des Wahlverhaltens gezeigt, dass eine Aufspaltung der Dienstklasse in administrative Dienstklasse, soziale Dienste und Experten zu Ergebnissen führt, die diesen Aspekt des Individualisierungstheorems in Zweifel ziehen lassen.

Soziales Milieu

Als Soziales Milieu wird nach Émile Durkheim die soziale Umgebung beschrieben, in der ein Individuum aufwächst und lebt. Durkheim unterscheidet zwischen innerem und äußerem sozialen Milieu. Rainer Lepsius hat den Begriff später aufgegriffen um Wahlverhalten zu erklären, er unterscheidet innerhalb der Weimarer Republik drei große sozialmoralische Milieus, in welchen die Personen „von der Wiege bis zur Bahre“ umgeben waren, nämlich das liberal-protestantische Milieu das sozialdemokratische Milieu das katholische Milieu