mini|hochkant|Zbigniew Brzeziński (1977)

Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft (englischer Titel: The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, 1997, neuaufgelegt 2016) ist der deutsche Titel einer geopolitischen Abhandlung Zbigniew Brzezińskis. Die erste deutschsprachige Ausgabe erschien 1999 mit einem Vorwort Hans-Dietrich Genschers.

Ziel des Autors ist, „im Hinblick auf Eurasien eine umfassende und in sich geschlossene Geostrategie zu entwerfen“. Er plädiert dabei für eine bestimmte außenpolitische Ausrichtung und Zielsetzung der USA: Die Vereinigten Staaten als „erste, einzige wirkliche und letzte Weltmacht“ nach dem Zerfall der Sowjetunion müssten ihre Vorherrschaft auf dem „großen Schachbrett“ Eurasien kurz- und mittelfristig sichern, um so in fernerer Zukunft eine neue mehrpolige Weltordnung zu ermöglichen.

Die Hauptideen des Werks sind auch in Brzezińskis Entwurf A Geostrategy for Eurasia (1997) enthalten.

Brzezińskis Geostrategie gehört in Hinsicht auf die theoretischen Grundlagen zur „klassischen Geopolitik“ in der Tradition Halford Mackinders, wobei der Fokus vom Britischen Empire auf die USA verlegt wird.

Das Werk Brzezińskis wird kontrovers rezipiert. Während es zum einen, vor allem hinsichtlich Osteuropas und der NATO-Osterweiterung, für eine Blaupause der tatsächlichen amerikanischen Außenpolitik gehalten wird, steht es auch in der Kritik, nur eine für die neuere Außenpolitik der USA unbedeutende Einzelmeinung oder eine irrige Auffassung der weltpolitischen Lage darzustellen. In der Rezeption wird die Unterschätzung der Rolle Chinas und Europas, der unipolare Ansatz und der exzeptionalistische weltpolitische Gestaltungsanspruch kritisch hervorgehoben.

Im Nachwort der Neuauflage von 2016 betont Brzeziński, die einzigartige Vorherrschaft der USA als erster und letzter Weltmacht werde aus inneren wie externen Gründen auf einen Moment der Weltgeschichte beschränkt sein. Die USA werden zunehmend als unwillig und unfähig wahrgenommen, die bisherige Rolle zu übernehmen. Das Amerika überflügelnde China solle in einer neuen multipolaren Ordnung von der Großmacht USA auf einen friedlichen Weg geführt werden. In der Zukunft sollten China, ein europäisiertes Russland und die USA zur Schaffung einer neuen gemeinsamen Ordnungsvision für die Weltgemeinschaft zusammenarbeiten.

Einleitung – Supermachtpolitik In der Einleitung skizziert Brzeziński seine Gesamtkonzeption. Die derzeitige globale Vormachtstellung der USA, die er bejaht, hänge davon ab, wie sie mit den komplexen Machtverhältnissen auf dem eurasischen Kontinent fertig werde. Ein stabiles kontinentales Gleichgewicht mit den Vereinigten Staaten als politischem Schiedsrichter solle das stufenweise Erreichen übergeordneter Ziele ermöglichen. Als letztes Ziel sieht er seine Vorstellung einer „Weltgemeinschaft“.

mini|EurasienDabei sollte „amerikanische Politik … letzten Endes von der Vision einer besseren Welt getragen sein: der Vision, im Einklang mit langfristigen Trends sowie den fundamentalen Interessen der Menschheit eine auf wirksame Zusammenarbeit beruhende Weltgemeinschaft zu gestalten. Aber bis es soweit ist, lautet das Gebot, keinen eurasischen Herausforderer aufkommen zu lassen, der den eurasischen Kontinent unter seine Herrschaft bringen und damit auch für Amerika eine Bedrohung darstellen könnte.“ (S. 16)

Eine Hegemonie neuen Typs (S. 17–52) Brzeziński vergleicht zunächst die Vorherrschaft der USA mit früher bestehenden Hegemonien:

„Hegemonie ist so alt wie die Menschheit. Die gegenwärtige globale Vorherrschaft der USA unterscheidet sich jedoch von allen früheren historischen Beispielen durch ihr plötzliches Zustandekommen, ihr weltweites Ausmaß und die Art und Weise, auf die sie ausgeübt wird.“ (S. 17)

Der kurze Weg zur globalen Vorherrschaft

In diesem Unterkapitel (S. 17–26) stellt Brzeziński den Weg der USA zur globalen Vorherrschaft dar: Dieser war ungewöhnlich kurz und führte schrittweise vom Spanisch-Amerikanischen Krieg über zwei Weltkriege und den Kalten Krieg bis zum Auseinanderbrechen der Sowjetunion. Brzeziński resümiert im Vorspann des Unterkapitels die danach ausführlicher dargestellten Einzelschritte:

„Bedingt durch die Dynamik internationaler Prozesse hat sich Amerika im Laufe eines einzigen Jahrhunderts von einem relativ isolierten Land der westlichen Hemisphäre in einen Staat von nie dagewesener Ausdehnung und beispielloser Macht verwandelt.“ (S. 17)

Die einzige Weltmacht Als erste und einzige wirklich globale und wahrscheinlich letzte Weltmacht betrachtet Brzeziński die USA als „beispiellos“: Dies macht er im Vergleich deutlich: Die Macht des Römischen Reiches habe auf Militärorganisation und kultureller Attraktivität beruht. China habe sich auf eine effiziente Verwaltung, die gemeinsame ethnische Identität und das Bewusstsein kultureller Überlegenheit gestützt. Das Mongolenreich sei durch Militärtaktik und Assimilation an die Kultur der eroberten Länder entstanden. Das Britische Weltreich habe sich auf Handelsniederlassungen, eine überlegene Militärorganisation und seine allseits geachtete kulturelle Überlegenheit gestützt. Im Gegensatz zu den früheren eurasischen Imperien sei die Macht der Vereinigten Staaten erstmals weltbeherrschend, wobei Eurasien erstmals von einer außereurasischen Macht dominiert werde:

Der gesamte (eurasische) Kontinent ist von amerikanischen Vasallen und tributpflichtigen Staaten übersät, von denen einige allzu gern noch fester an Washington gebunden wären. (S. 41)

In vier Bereichen sieht Brzeziński die USA als allen anderen Mächten überlegen an: militärisch, wirtschaftlich, technologisch und kulturell. Im Zusammenspiel dieser Kriterien sieht er die Erklärung dafür, dass die USA die einzige globale Supermacht „im umfassenden Sinne“ seien (S. 44).„Amerika steht in den vier entscheidenden Domänen globaler Macht unangefochten da: seine weltweite Militärpräsenz hat nicht ihresgleichen, wirtschaftlich gesehen bleibt es die Lokomotive weltweiten Wachstums, selbst wenn Japan und Deutschland in einigen Bereichen eine Herausforderung darstellen mögen (wobei freilich keines der beiden Länder sich der anderen Merkmale einer Weltmacht erfreut); es hält seinen technologischen Vorsprung in den bahnbrechenden Innovationsbereichen, und seine Kultur findet trotz einiger Missgriffe nach wie vor weltweit, vor allem bei der Jugend, unübertroffen Anklang. All das verleiht den Vereinigten Staaten von Amerika eine politische Schlagkraft, mit der es kein anderer Staat auch nur annähernd aufnehmen könnte. Das Zusammenspiel dieser vier Kriterien ist es, was Amerika zu der einzigen globalen Supermacht im umfassenden Sinne macht.“ (S. 44)

Das globale Ordnungssystem der USA Aufgrund der besonderen innenpolitischen Faktoren der USA – der pluralistischen Kräfte der Demokratie und der Rolle der öffentlichen Meinung – ist nach Brzezińskis Auffassung die Einbindung anderer Länder in ihr Ordnungssystem wichtiger, als es für frühere Hegemonien war, die aristokratisch, hierarchisch und autoritär geprägt waren. Die Einflussnahme auf abhängige ausländische Eliten sei somit eher indirekt. Sie liege vor allem auf kulturellem Gebiet und in der Wirkung demokratischer Prinzipien und Institutionen. Der Einfluss verstärke sich durch Kommunikationssysteme, Unterhaltungsindustrie und Massenkultur. Dazu komme der Effekt politischer Vorbilder und ihrer PR-Techniken sowie die Vorbildwirkung des wettbewerbsorientierten Unternehmertums.

Die Vormachtstellung Amerikas habe eine neue internationale Ordnung hervorgebracht, die, so Brzeziński, viele Merkmale der amerikanischen politischen Ordnung im Bereich der internationalen Politik institutionalisiere:

Die NATO als kollektives Sicherheitssystem einschließlich integrierter Kommando- und Streitkräftestrukturen verleihe den Vereinigten Staaten selbst in innereuropäischen Angelegenheiten eine wichtige Stimme. Japan bleibe (zumindest vorerst) im Grunde genommen ein amerikanisches Protektorat. Über regionale Wirtschaftskooperationen (APEC, NAFTA) und spezialisierte Institutionen zu weltweiter Zusammenarbeit (Weltbank, IWF, Welthandelsorganisation) übe die USA Einfluss aus. „Offiziell vertreten der Internationale Währungsfond (IWF) und die Weltbank globale Interessen und tragen weltweit Verantwortung. In Wirklichkeit werden sie jedoch von den USA dominiert, die sie mit der Konferenz von Bretton Woods im Jahre 1944 aus der Taufe hoben.“ Die USA vermittelten Verfahrensweisen, die auf konsensorientierte Entscheidungsfindung abzielen, selbst wenn die USA darin den Ton angeben, und bevorzugten eine demokratische Mitgliedschaft innerhalb der wichtigsten Bündnisse. Sie förderten eine rudimentäre weltweite Verfassungs- und Rechtsstruktur (angefangen mit dem Internationalen Gerichtshof IGH bis hin zu einem Sondertribunal zur Ahndung bosnischer Kriegsverbrechen).

Brzeziński fasst den Unterschied in Organisation und politischem Stil im Vergleich zu bisherigen Imperien zusammen:

Über Lobbyisten, ethnische Gruppierungen und Interessengruppen bemühen sich, so Brzeziński, ausländische Regierungen, Einfluss auf die amerikanische Politik zu nehmen, hierbei stechen seiner Meinung nach die jüdische, griechische und armenische Lobby als die am besten organisierten hervor.

Das beschriebene Ordnungssystem entstand nach Brzezińskis Darstellung im Kalten Krieg als Teil der Bemühungen, die Sowjetunion „in Schach zu halten“.

Das eurasische Schachbrett (S. 53–88) Die Vormachtstellung der USA hängt in der geostrategischen Konzeption Brzezińskis davon ab, inwiefern die USA sich in Eurasien, dem insgesamt überlegenen und geopolitisch „axialen“ Kontinent, behaupten können:

„Eurasien ist somit das Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird.“ (S. 16) „Dieses riesige, merkwürdig geformte eurasische Schachbrett – das sich von Lissabon bis Wladiwostok erstreckt – ist der Schauplatz des global play.“ (S. 58)

Ohne die Vormachtstellung der USA gäbe es laut Brzeziński weltweit Anarchie. Um diese zu verhindern, müssen sich die USA in drei geographischen Zonen durchsetzen:

„Wenn der mittlere Bereich immer stärker in den expandierenden Einflussbereich des Westens (wo Amerika das Übergewicht hat) gezogen werden kann, wenn die südliche Region nicht unter die Herrschaft eines einzigen Akteurs gerät und eine eventuelle Vereinigung der Länder in Fernost nicht die Vertreibung Amerikas von seinen Seebasen vor der ostasiatischen Küste nach sich zieht, dürften sich die USA behaupten können.“ (S. 58)

mini|Mackinders „Pivot Area“. Laut Mackinder ist die Pivot Area entscheidend für die globale Dominanz.

Amerikas Vorrangstellung in Eurasien würde nach Brzezińskis Folgerung dramatisch schwinden, wenn die Staaten im mittleren Raum (das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion„Zwischen den westlichen und östlichen Randgebieten dehnt sich ein gewaltiger, dünnbesiedelter, derzeit politisch instabiler und in organisatorischer Auflösung begriffener mittlerer Raum, der früher von einem mächtigen Konkurrenten der USA okkupiert wurde – einem Gegner, der sich einst dem Ziel verschrieben hatte, Amerika aus Eurasien herauszudrängen. Südlich von diesem großen zentraleurasischen Plateau liegt eine politisch anarchische, aber an Energievorräten reiche Region, die sowohl für die europäischen als auch die ostasiatischen Staaten sehr wichtig werden könnte und die im äußersten Süden einen bevölkerungsreichen Staat aufweist, der regionale Hegemonie anstrebt.“ (S. 57f., Hervorhebungen von Gabel1960)) dem Westen eine „Abfuhr“ erteilten, sich zu einer politischen Einheit zusammenschlössen und die Kontrolle über den Süden (Zentralasien) erlangten oder mit dem großen östlichen Mitspieler (China) ein Bündnis eingingen. Ähnlich gefährlich wäre ein Zusammenschluss Japans und Chinas oder eine Politik der Staaten Westeuropas, die die USA von ihren Stützpunkten an der westlichen Peripherie vertreiben würde.