mini|Lastenfahrräder als Teil einer städtischen Fahrradkultur mini|Die vier Dimensionen der Fahrradkultur. Sie sind durch eine Vielzahl komplexer Mechanismen miteinander verknüpft.Peter Pelzer: S. 2 ff. (PDF; 136 kB). Fahrradkultur (auch Radkultur, Kultur des Fahrrad(fahren)s, in der Schweiz Velokultur) ist ein Begriff, mit dem sowohl soziokulturelle als auch materielle Aspekte zum Thema Fahrrad beschrieben werden.
In der soziologischen Betrachtung ist die Fahrradkultur ein Teil der Alltagskultur und der Mobilitätskultur. Sie beinhaltet damit Gebräuche, Gewohnheiten und gesellschaftliche Entwicklungen in Bezug auf das Fahrrad(fahren).
In der materiellen Betrachtung gehören zur Fahrradkultur die (Gebrauchs-)Gegenstände des Alltags, die im Zusammenhang mit dem Fahrradfahren wahrgenommen werden, die Verkehrsinfrastruktur und Topografie einer Stadt, einer Region oder eines Landes sowie die Verfügbarkeit und der Zugang zu Gütern und Dienstleistungen. Ein Beispiel dafür sind Fahrradstationen.
Geschichte der Fahrradkultur
Eine erste Blüte erlebte die Fahrradkultur Ende des 19. Jahrhunderts. Um 1880 entsprach der Preis für ein Hochrad noch dem Jahreslohn eines Arbeiters, bzw. einer Arbeiterin, was es zu einem Statussymbol machte. Als mit dem Niederrad ein günstigeres Modell auf den Markt kommt, demokratisiert sich die Fahrradmobilität enorm. Sie verhalf der Arbeiterklasse zu höherer Mobilität und im Besonderen Frauen aus bürgerlichen Verhältnissen zu größerer Unabhängigkeit im Alltag. H. Müller-Baur: Arbeiterbewegung und Fahrradkultur. Zur Geschichte des Arbeiter-Rad- und Kraftfahrervereins „Wanderlust“ in Kirchheim/Teck, edition vulpes, 2002 Diese neu gewonnene Mobilität übte direkten Einfluss auf die Mode aus. Der Hosenrock entstand als Kompromiss zwischen dem Rock als üblicher weiblicher Beinkleidung und der Hose als praktikabler Bekleidung für das Fahren auf einem Rad. Das 1889 von John Kemp Starley entwickelte „Damenrad“ mit niedrigem Durchstieg und Kettenschutz erschien, konnte schließlich auch mit langem Rock gefahren werden. Radfahrende Frauen werden Ende des 19. Jahrhunderts zum Sinnbild der weiblichen Emanzipation. So beschreibt die deutsche Journalistin Lily Braun das Fahrrad 1901 als „starken Emanzipator“.
Heute ist die Fahrradkultur auch zum Teil der Stadtentwicklung und von Nachbarschaftsinitiativen geworden. Dazu gehören der Bau von Freakbikes (z. B. Tallbikes), die Bikekitchens, die Critical-Mass-Bewegung sowie die Szene rund um Fahrradkuriere und Hipster. Fahrradkultur ist zum Teil der Lebenseinstellung geworden, zum Beispiel für alternative Verbraucher oder Geschäftsleute in Anzügen. Fahrradfahren wird dadurch zum politischen und gesellschaftlichen Thema. Lifestyle-Magazine und Tageszeitungen zeigen Fahrradfahrer auf ihren Titelseiten, Einzelhändler benutzen Fahrräder als Dekorationselemente in Schaufenstern.https://a2011.wordpress.com/2013/09/17/ca-cycle-chic/ Städtische Verwaltungen und Politik interessieren sich nicht mehr nur für das Fahrrad als Fortbewegungsmittel, sondern auch für die Menschen auf den Fahrrädern und die verschiedenen damit verbundenen Kulturen.Andrea Weninger, Ulla Thamm:
Fahrradkultur in der Wissenschaft Fahrradkultur ist Gegenstand in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Forschungen zur Fahrradkultur beschäftigen sich mit Themen wie Mobilität, Infrastruktur, Körperpraktiken, sozialen Bewegungen, Umwelt- und Klimafragen sowie sozio-historischen Fragen von Geschlecht, Klasse und Öffentlichkeit. Einige Studien befassen sich dabei mit dem Fahrradfahren als kulturellem Phänomen und Symbol (z. B. für weibliche Emanzipation), andere mit den konkreten kulturellen Praktiken des Fahrrad/-fahrens. Neben philosophischen Untersuchungen gibt es Arbeiten zur Fahrradkultur auch aus der Urbanistik, Geografie, Soziologie, Verkehrswissenschaften sowie den Medien- und Kulturwissenschaften.Franziska Neyer:
In der Mobilitäts- und Verkehrsforschung wird Fahrradkultur insbesondere im Zusammenhang mit Verkehrsplanung untersucht. Dabei stehen etwa die gesellschaftliche Bedeutung des Radverkehrs, die Gestaltung fahrradfreundlicher Infrastruktur, Sicherheitsfragen sowie das Verhältnis von Fahrrad-, Füßgänger- und Autoverkehr im Mittelpunkt. Auch die Ingenieurwissenschaften, speziell das Verkehrsbauwesen, befassen sich indirekt mit Kulturen des Fahrrad/-fahrens. Bekannte Verkehrswissenschaftler und Verkehrswissenschaftlerinnen für den deutschsprachigen Raum sind beispielsweise Hermann KnoflacherHermann Knoflacher: Fußgeher- und Fahrradverkehr. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 1995, ISBN 3-205-98308-4, Angela Francke und Heiner Monheim.Monheim, Heiner, Glodzinski, Alexander: „Radlust. Informationen zur Fahrradkommunikation“, Univ. Trier, Fachbereich VI – Abteilung Raumentwicklung und Landesplanung (Herausgeber), 2007.
In der medienwissenschaftlichen Literatur wird hervorgehoben, dass Fahrradkulturen eigene visuelle und kommunikative Formen hervorbringen. So heißt es beispielsweise im Buch Fahrradutopien, dass das Fahrrad „ein Medium [sozialer Veränderung ist], das unsere Wahrnehmung durch die Art der Bewegung und der Geschwindigkeit verändert. Es ist eine Kulturtechnik, die gleichermaßen Körperlichkeit, Kraftübertragung und spontane kollektive Organisation erfahren lässt.“ Dazu zählen etwa Szenen rund um Fixie- oder Rennradkulturen, Fahrradmagazine, Vlogs sowie kollaborative Praktiken wie Critical Mass oder DIY-Fahrradwerkstätten.
Einflüsse und Förderung Den größten und wichtigsten Einfluss auf die Fahrradkultur haben die Alltagsradfahrer, vom Freizeitradler bis zum Pendler. Sie sind die zahlenmäßig größte Gruppe und setzten sich zusammen aus 35 Millionen Radausflüglern, 5,6 Millionen Radurlaubern und 2 Millionen Berufspendlern.
Städte mit einem hohen Anteil an Fußgängern und Radfahrern wirken belebt und einladend. Somit bestimmen die am häufigsten vertretenen Verkehrsgruppen zum einen die Außendarstellung der Stadt, haben aber zum anderen auch einen großen Einfluss auf die Stadtidentität und tragen damit auch ein Stück weit zur Stadtkultur bei.Susanne Eisenbarth:
An zweiter Stelle steht der Radsport in der Summe seiner Disziplinen.http://de.statista.com/statistik/daten/studie/171045/umfrage/interesse-am-radsport/ Ein Teil der Fahrradfahrer sind in Sportvereinen organisiert.http://www.radsport-aktiv.de/vereine/vereine.htm Bei Trendsportarten überwiegt die freie Szene.
Auf regionaler Ebene wirken zudem Städte, Regionen und deren Verwaltungen. Mit Programmen wie der „Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen in Bayern e. V.“ (AGFK Bayern)https://www.agfk-bayern.de/ soll der Anteil des Fahrradverkehrs gesteigert werden. Städtische Fahrradbeauftragte sollen als Ansprechpartner und Problemlöser für Bürger fungieren. Unter dem Titel „RadKULTUR in Baden-Württemberg“ fördert der Landesradverkehrsplan Baden-Württemberg Infrastrukturprojekte im Fahrradverkehr und eine fahrradfreundliche Mobilitätskultur. mini|Goldsprint auf dem Internationalen Festival des Fahrrad-Films
Tourismusverbände versuchen gezielt, Radreisende und Radsportler in ihre Region zu ziehen. Fahrradtourismus ist eine weit verbreitete Art der Urlaubsgestaltung mit Fahrrädern.
Freie Fahrradclubs und Fahrrad-Selbsthilfewerkstätten, z. B. Bikekitchens, fördern die Fahrradkultur unter anderem durch den Bau von Spezialfahrrädern (z. B. Tallbikes), die besondere Aufmerksamkeit erregen.http://www.bikekitchen-augsburg.de/unsere-eigenbauten/
In der urbanen Fahrradkultur sorgen die Fahrradkuriere für die meisten Impulse: Fixies (Bahnfahrräder für die öffentliche Straße) Bekleidung (Messenger-Bags, Radrennfahrer-Mützen) Mode (Schnurr- und Vollbärte, Tätowierungen) Veranstaltungen (Alleycat, Goldsprint) Filme, Dokumentationen und Bücher
Das Segment der Lastenfahrräder erlebt derzeit einen spürbaren Zuwachs. Neben privaten Nutzern testen auch Unternehmen verstärkt den Einsatz von Transportfahrrädern für den Warentransport auf kurzen Strecken.
Fahrradkultur in den Medien In den Medien spielt die Fahrradkultur eine zunehmende Rolle. Große Onlineportale wie Spiegel Online und Zeit Onlinehttps://blog.zeit.de/fahrrad/ unterhalten eigene Rubriken für Fahrradthemen. Wichtige überregionale Themen wie die Diskussion über die Einführung der Helmpflicht werden in der ARD-Tagesschau behandelt.
Über 100 deutschsprachige Blogger beschäftigen sich hauptsächlich mit Fahrradthemen.
Unter dem Begriff Cycle Chic entsteht eine neue Form der Radverkehrsförderung. Der dänische Blogger Mikael Colville-Andersen hat seinen Blog Copenhagen Cycle Chic zu einer weltweiten Marke ausgebaut. Jede Stadt kann unter ihrem Städtenamen mit dem Zusatz „Cycle Chic“ einen Blog eröffnen. Kennzeichen aller Beiträge ist die Verknüpfung von Mode und Fahrradfahren. Veröffentlicht werden ausnahmslos Fotos von Fahrradfahrern ohne Helm und ohne Funktionskleidung. Durch die Hervorhebung des modernen urbanen Stils, den das Fahrradfahren vermitteln kann, sollen die Leser zum Fahrradfahren animiert werden.
Auszüge aus Medienberichten, die sich mit Fahrradkultur beschäftigen: „Ramsauer lobt neue Fahrradkultur“ (Die Welt, 3. Juni 2012) „Fahrradkultur: Träumen von Kopenhagen“ (Der Standard, 14. Januar 2013) „Der Spaziergang durch die Fahrradblogs zeigt mal wieder, dass Deutschland Entwicklungsland ist, was Fahrradkultur angeht…“ (Rad-Spannerei Blog, 14. Januar 2010)https://www.rad-spannerei.de/blog/2010/01/14/fahrradkultur-in-deutschland/ „Verkehrsminister Peter Ramsauer sprach kürzlich von ‚kriegsähnlichen Zuständen‘ auf Deutschlands Straßen und einer verrohten Fahrradkultur.“ (Berliner Morgenpost, 19. Juli 2012)
Messen, Konferenzen und Veranstaltungen
In vielen Städten existieren monatliche, nicht organisierte Fahrradprotestfahrten unter dem Namen Critical Mass. In einigen Städten werden Fahrrad-Sternfahrtenhttps://bayern.adfc.de/neuigkeit/grosse-muenchner-adfc-radsternfahrt-am-sonntag-2142024, „Radlnächte“" (z. B. die Augsburger Radlnacht), Naked Bike Rides oder andere Großveranstaltungen organisiert, bei denen teilweise Straßen für den restlichen Verkehr gesperrt werden.
mini|Bühne des 7. Internationalen Festivals des Fahrrad-Films, 2012 mini|Plakat zum 8. Internationalen Festival des Fahrrad-Films in Częstochowa und Herne Im deutschsprachigen Raum haben sich in der Vergangenheit verschiedene Filmfestivals zum Thema Fahrrad etabliert. Das älteste ist das International Cycling Film Festival, das sich als Brücke zwischen Filmkunst und Fahrradkultur versteht. Es wurde 2006 in Bochum gegründet und findet inzwischen an verschiedenen Standorten in Polen, den Niederlanden und Deutschland statt. Das Festival vergibt jährlich die Goldene Kurbel als Filmpreis für den besten Fahrradfilm.
In Deutschland gibt es mehrere Messen, die ganz oder teilweise auf das Fahrrad ausgerichtet sind:
Eurobike in Friedrichshafen Radmesse Franken in FürthRADMESSE FRANKEN auf messen.de, abgerufen am 10. Juni 2020 f.re.e Reise- und Freizeitmesse München (ehemals ISPO Bike) Berliner Fahrrad Schau VELOBerlinhttps://www.veloberlin.com/
Die European Cyclists’ Federation ECF veranstaltet seit 1980 „Velo-city“-Konferenzen, mit dem Ziel, das Fahrrad als Teil des täglichen Transports und der Erholung zu fördern. Die Velo-city 2013 in Wien stand unter dem Motto “The Sound of Cycling – Urban Cycling Cultures”. Die drei Hauptthemen waren Fahrradkulturen, Fahrradstädte, sowie Nutzen und Vorteile des Fahrradfahrens.
Seit 2011 findet jährlich an wechselnden Orten das „Cyclocamp“ statt, ein internationales Festival für Fahrrad-Kultur (2011 Linz, 2012 Leipzig, 2013 Rom, 2014 Timișoara, 2015 Notre-Dame-des-Landes).