Der African National Congress (kurz ANC), , ist eine 1912 gegründete südafrikanische Organisation. Von 1960 bis 1990 waren ihre Aktivitäten in Südafrika per Gesetz als „unrechtmäßig“ eingestuft und damit illegal, der ANC hatte jedoch als führende Bewegung gegen die Apartheid aus dem Exil großen Einfluss auf das Geschehen in Südafrika. Seit 1994 stellt er die Regierung. Sein bekanntester Politiker war Nelson Mandela.
Geschichte Gründung und Etablierung als Protestbewegung Gründungsphase mini|links|Delegation des SANNC in London, Juni 1914. Links nach rechts: Thomas Mapike, Walter Rubusana, John Dube, Saul Msane, Sol Plaatje
Am 8. Januar 1912, zwei Jahre nach der Errichtung der Südafrikanischen Union, wurde der ANC als South African Native National Congress (SANNC) in Bloemfontein gegründet. (englisch). Zu den Gründungsmitgliedern zählten der Anwalt Pixley ka Isaka Seme, die Geistlichen John Langalibalele Dube und Walter Benson Rubusana sowie der Autor Sol Plaatje. Diese Gruppe aus der gebildeten schwarzen Mittelschicht orientierte sich stark an den Idealen der britischen Weißen. Sie erwartete somit auch von anderen Schwarzen, sich an diesen Werten (zum Beispiel dem Christentum) zu orientieren, und agierte dementsprechend als Lobbygruppe für eine kleine schwarze Minderheit.Christoph Marx: Südafrika. Geschichte und Gegenwart. Kohlhammer, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-17-021146-9, S. 191ff. Ein Mitspracherecht für alle Schwarzen in Südafrika gehörte in den ersten 40 Jahren nicht zu den Zielen des SANNC und späteren ANC.
Anlass für die Gründung des SANNC war der Natives Land Act (etwa: „Eingeborenen-Landgesetz“) von 1913, dessen Entwurf schon kurz nach der Unionsgründung diskutiert wurde.Christoph Marx: Südafrika. Geschichte und Gegenwart. Kohlhammer, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-17-021146-9, S. 190. Das Wahlrecht in den vier Kolonien war vor der Unionsgründung unterschiedlich geregelt. Während in den beiden burischen Republiken Oranje-Freistaat und Transvaal Schwarze kein Wahlrecht besaßen,Jörg Fisch: Geschichte Südafrikas. 2. Auflage. dtv, München 1991, ISBN 3-423-04550-7, S. 220. hatten sie in den britischen Republiken Kapkolonie und theoretisch auch in Natal ein an Landbesitz gebundenes Zensuswahlrecht.Jörg Fisch: Geschichte Südafrikas. 2. Auflage. dtv, München 1991, ISBN 3-423-04550-7, S. 222. Der bevorstehende Natives Land Act sah nun aber vor, dass Schwarze nur noch Land in festgelegten Gebieten (knapp 7 % der Fläche Südafrikas) erwerben durften.Jörg Fisch: Geschichte Südafrikas. 2. Auflage. dtv, München 1991, ISBN 3-423-04550-7, S. 238. Damit wäre aber auch das „farbenblinde“ Kapwahlrecht der „zivilisierten“ Schwarzen gefährdet gewesen, das neben dem Landbesitz auch noch einen Schreibtest voraussetzte. Zudem wurde mit der Unionsgründung die Hoffnung der Schwarzen getrübt, dass sich das Kapwahlrecht auf die anderen Provinzen ausdehnen würde. Stattdessen blieben die Wahlrechte der einzelnen Provinzen bestehen und die durchgängig burisch dominierten Regierungen betrieben keine Mühen, der schwarzen Bevölkerung gleichwertige Bürgerrechte einzuräumen.Jörg Fisch: Geschichte Südafrikas. 2. Auflage. dtv, München 1991, ISBN 3-423-04550-7, S. 235. Die Reaktionen des SANNC waren den üblichen Handlungsformen im Britischen Weltreich angepasst. Der SANNC schickte Protestnoten, Beschwerdebriefe und Delegationen. 1919 reiste sogar eine Delegation nach Großbritannien und zur Pariser Friedenskonferenz 1919; sie wurde dort aber nicht angehört, da Premierminister Jan Christiaan Smuts dies zu verhindern wusste.Peter Walshe: The rise of African Nationalism in South Africa. The African National Congress 1912–1952. University of California Press, London/Berkeley/Los Angeles 1970, ISBN 0-520-01810-9, S. 61ff. So blieben die meisten Proteste des SANNC bzw. ANC erfolglosChristoph Marx: Südafrika. Geschichte und Gegenwart. Kohlhammer, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-17-021146-9, S. 193. und friedlich.Sheridan Johns III: From Protest to Challenge. Band 1: Protest and Hope 1882–1934. Hoover Institution Publishing, Stanford 1972, S. 67f.
Die 1920er und 1930er Jahre Im Mai 1923Sheridan Johns III: From Protest to Challenge. Band 1: Protest and Hope 1882–1934. Hoover Institution Publishing, Stanford 1972, S. 152. oder 1925Christoph Marx: Südafrika. Geschichte und Gegenwart. Kohlhammer, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-17-021146-9. benannte sich der SANNC in African National Congress um. In den 1920er Jahren wurde der ANC immer mehr von aktionsbereiten linken Gruppierungen wie der Industrial and Commercial Workers Union (ICU, „Industrie- und Handelsgewerkschaft“) als schwarze Protestgruppierung überflügelt, da sie es im Gegensatz zum elitären und zurückhaltenden ANC verstanden, die Massen und auch die Landbevölkerung zu mobilisieren.Saul Dubow: The African National Congress. Sutton Publishing, Reading 2000, ISBN 1-86842-097-3, S. 11.Helen Bradford: A taste of freedom. The ICU in rural South Africa 1924–1930. Yale University Press, New Haven/London 1987, ISBN 0-300-03873-9, S. 13ff. Mit der Wahl Josiah Tshangana Gumedes zum ANC-Präsidenten 1927 gab es zwar einen Linksruck im ANC, dieser spaltete den ANC nun aber in einen linken Flügel, der mit der Communist Party of South Africa (CPSA) zusammenarbeitete und den ANC in eine Massenbewegung transformieren wollte, und einen konservativen Flügel, der sich 1930 mit der Wahl Pixley ka Isaka Semes zum ANC-Präsidenten durchsetzte. Dies bedeutete aber das Verharren des ANC in der Bedeutungslosigkeit während der 1930er Jahre.Sheridan Johns III: From Protest to Challenge. Band 1: Protest and Hope 1882–1934. Hoover Institution Publishing, Stanford 1972, S. 153ff.
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise vereinigten sich die Nationale Partei General James Barry Munnick Hertzogs und die Südafrikanische Partei Smuts’ unter Hertzogs Führung 1934 zur Vereinigten Partei.Jörg Fisch: Geschichte Südafrikas. 2. Auflage. dtv, München 1991, ISBN 3-423-04550-7, S. 268f. So konnte Hertzog nun mit einer Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern weitere Rechte der Schwarzen beschneiden. 1936 wurde auch das Wahlrecht der Schwarzen in der Kapprovinz abgeschafft. Zum Ausgleich erhielten die Schwarzen aller Provinzen zwar das Wahlrecht zum Natives’ Representative Council (etwa: „Eingeborenen-Abgeordnetenrat“), dieser hatte aber rein beratende Funktion und war somit wirkungslos.Thomas Karis: From Protest to Challenge. Band 2: Hope and Challenge 1935–1952. Hoover Institution Publishing, Stanford 1973, S. 3f. Dagegen formierte sich nun Protest unter der Führung von Davidson Don Tengo Jabavu in der All African Convention (AAC), die dem ANC ab 1935 den Rang als politische Protestgruppe ablief, wobei aber gleichzeitig viele ANC-Mitglieder in der AAC Führungspositionen übernahmen.Thomas Karis: From Protest to Challenge. Band 2: Hope and Challenge 1935–1952. Hoover Institution Publishing, Stanford 1973, S. 6ff.
1936 wurde James Arthur Calata neuer Generalsekretär des ANC. Er bereiste auf eigene Kosten verschiedene Ortsgruppen des ANC in Südafrika und stellte fest, dass Interesse bestand, den ANC wiederzubeleben. So kam es zu dem Beschluss, 1937 das Silberjubiläum zu begehen. Dennoch blieb der ANC bis Ende der 1930er Jahre eine Randorganisation.Thomas Karis: From Protest to Challenge. Band 2: Hope and Challenge 1935–1952. Hoover Institution Publishing, Stanford 1973, S. 81ff.
Entwicklung seit 1940 mini|hochkant|Albert Luthuli, früherer Präsident des ANC
Dies änderte sich erst mit der Wahl Alfred Bitini Xumas zum ANC-Präsidenten 1940. Er führte bessere Kommunikationsstrukturen zwischen den lokalen Ablegern des ANC und der zentralen Spitze ein, schaffte das Zwei-Kammersystem des ANC ab, in dem bis dato im sogenannten Oberhaus bedeutende Chiefs und im Unterhaus die Delegierten gesessen hatten, führte verbindliche Mitgliedsbeiträge ein, welche die finanziell schwierige Situation des ANC verbessern sollten, und schuf ein Komitee, das im Umkreis von 50 Meilen vom ANC-Präsidenten wohnte, damit die ANC-Spitze sich wöchentlich und nicht nur zu den jährlichen Versammlungen treffen konnte. Wichtigste Neuerung war allerdings die Einführung der ANC Youth League 1944, aus der Personen wie Oliver Tambo und Nelson Mandela hervorgingen. Die Neuerungen führten nicht sofort zu den gewünschten Effekten, aber die neuen Strukturen konnten später aufgegriffen werden. Die Africans’ Claims in South Africa von 1943 wurden unter Xumas Führung formuliert und griffen Aspekte der Atlantik-Charta auf. In ihnen forderte der ANC erstmals die Abschaffung aller diskriminierender Gesetze gegenüber Schwarzen. Ab diesem Zeitpunkt konnte jeder Schwarze Mitglied im ANC werden, während dies zuvor nur gebildeten Schwarzen möglich gewesen war. Zwar versuchte Xuma so auch die schwarze Bevölkerungsmehrheit zu erreichen, aber es war doch vor allem die schwarze Elite, die sich angesprochen fühlte.Thomas Karis: From Protest to Challenge. Band 2: Hope and Challenge 1935–1952. Hoover Institution Publishing, Stanford 1973, S. 84ff.
Zur Massenorganisation wurde der ANC aber erst mit der 1952 bis 1953 organisierten Defiance Campaign (deutsch etwa: „Missachtungskampagne“) gegen die diskriminierenden Gesetze des Apartheidsregimes. Diese wurde getragen von den Mitgliedern der Youth League, die deutlich radikalere Protestformen als die bis dahin üblichen Petitionen und Delegationen befürwortete.Thomas Karis: From Protest to Challenge. Band 2: Hope and Challenge 1935–1952. Hoover Institution Publishing, Stanford 1973, S. 98ff. Erst jetzt entstanden festere Kooperationen mit Vertretern farbiger (etwa South African Coloured People’s Organisation) und indischer Organisationen (zum Beispiel South African Indian Congress), wohl auch, weil diese erst im Apartheidsstaat durch die Gesetzgebung der Weißen stärker unterdrückt wurden.Saul Dubow: The African National Congress. Sutton Publishing, Reading 2000, ISBN 0-7509-2193-5, S. 34ff. 1955 war der ANC an der Verabschiedung der Freiheitscharta beteiligt, die ein friedliches, gleichberechtigtes Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen erreichen sollte. 1956 wurden zahlreiche ranghohe ANC-Politiker und weitere Apartheidgegner, die an der Unterzeichnung der Freiheitscharta beteiligt gewesen waren, festgenommen. Das anschließende Treason Trial dauerte bis 1961 und endete mit dem Freispruch aller 156 Angeklagten. Gegen die sogenannten Passgesetze, nach denen die Schwarzen außerhalb der Homelands jederzeit ein Personaldokument mit sich tragen mussten, um sich als registrierte Arbeitnehmer am zugewiesenen Ort ausweisen zu können, protestierte der ANC durch Demonstrationen und durch das Verbrennen der umstrittenen „Pässe“. Der damalige ANC-Vorsitzende Albert Luthuli wurde 1960 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, von der Apartheidregierung jedoch mehrfach nach dem Suppression of Communism Act mit den Restriktionen des Banns belegt.
Abspaltung des Pan Africanist Congress 1959 und Verbot 1960 Einigen Mitgliedern gingen die meist friedlichen Aktionen des ANC nicht weit genug. Sie gründeten 1959 eine weitere Widerstandsorganisation, den Pan Africanist Congress (PAC). Im Gegensatz zum ANC verwarf der PAC die offene Haltung gegenüber allen Rassen. Er positionierte sich als reine Schwarzen-Organisation und lehnte jegliche Zusammenarbeit mit den Weißen ab.
Eine vom PAC organisierte Demonstration im Township Sharpeville endete in einem von der Polizei angerichteten Blutbad, dem Sharpeville-Massaker. 69 Afrikaner fanden dabei den Tod. Dieses Ereignis löste nationale Unruhen aus, welche die südafrikanische Regierung mit Härte bekämpfte. Rund 20.000 Demonstranten wurden verhaftet.