mini|hochkant=1.5|Buchmalerei im Codex Buranus: Das Schicksalsrad (Rota Fortunae). Text neben dem Bild auf der Buchseite:links – regnabo (‚ich werde herrschen‘)oben – regno (‚ich herrsche‘)rechts – regnavi (‚ich habe geherrscht‘)unten – sum sine regno (‚ich bin ohne Herrschaft‘)
Carmina Burana ( für Beurer Lieder oder Lieder aus Benediktbeuern) ist der Name einer Anthologie von 254Carmina Burana. Die Lieder der Benediktbeurer Handschrift. Zweisprachige Ausgabe, hg. und übersetzt von Carl Fischer und Hugo Kuhn. dtv, München 1991; wenn man dagegen zum Beispiel CB 211 und 211a jeweils als zwei Lieder zählt, kommt man auf insgesamt 315 Texte in der Sammlung, so auch mittellateinischen, seltener mittelhochdeutschen, altfranzösischen oder provenzalischen Lied- und Dramentexten, die 1803 in der Bibliothek des Klosters Benediktbeuern gefunden wurde. Bei einem Teil der Lieder sind die Originalmelodien notiert, weltweit bekannt wurde die Sammlung allerdings durch Carl Orffs Vertonung von 1936.
Die Texte wurden im 11. und 12. Jahrhundert (einige auch erst im 13. Jahrhundert) von zumeist anonymen Dichtern verfasst. Die Carmina Burana gelten neben den älteren Carmina Cantabrigiensia als wichtigste Sammlung der Vagantendichtung.
Die Sammlung Die Handschrift und ihre Entstehung Die Carmina Burana sind in einer einzigen Handschrift überliefert, die um 1230 von zwei verschiedenen Schreibern in einer frühgotischen Minuskel auf 119 Blatt Pergament geschrieben wurde. Einige Gedichte wurden im 14. Jahrhundert auf freien Blättern sowie einer weiteren Lage Pergament von leicht abweichendem Zuschnitt in einem Anhang nachgetragen.Peter und Dorothe Diemer: Die Carmina Burana. In: Benedikt Konrad Vollmann (Hrsg.): Carmina Burana. Text und Übersetzung. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987, S. 898. Eine Bindung der Handschriftenblätter zu einem Kleinfolioband, dem sogenannten Codex Buranus, erfolgte im Spätmittelalter. Dadurch geriet der Text teilweise in Unordnung, ein Teil ging vermutlich auch verloren. Die Handschrift enthält acht Miniaturen: Das Rad der Fortuna, eigentlich eine Illustration zu den Liedern CB 14–18, die durch die Fehler bei der Bindung als Frontispiz erschien; ein phantastischer Wald, ein Liebespaar, Szenen aus der Geschichte von Dido und Aeneas, eine Trinkszene und drei Spielszenen: Gespielt werden Würfel, Wurfzabel und Schach.
mini|Buchmalerei im Codex Buranus: Der Wald
Die ältere Forschung nahm noch ganz selbstverständlich an, dass die Handschrift an ihrem Fundort in Benediktbeuern entstand.Max Manitius: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, Bd. 3: Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des 12. Jahrhunderts (= Handbuch der Altertumswissenschaft, neu hrsg. v. Walter Otto, Abt. IX, 2. Teil, Bd. 3). C.H. Beck, München 1931, S. 966. Heute ist man sich darüber einig, dass aus dem Dialekt der mittelhochdeutschen Strophen geschlossen werden muss, dass die Handschrift im bairischen Sprachraum entstand, und aus für Italien typischen Besonderheiten der Schrift, dass dies an seinem südlichen Rand geschah. Für den genauen Entstehungsort gibt es zwei Hypothesen: Die eine nennt den Bischofshof von Seckau in der Steiermark; darauf deute hin, dass ein Bischof Heinrich, der dort von 1232 bis 1243 amtierte, als Propst von Maria Saal in Kärnten in CB 6* des Anhangs erwähnt werde und insofern als Auftraggeber in Frage komme; dass die marchiones (‚Steiermärker‘) in CB 219,3 an erster Stelle vor Bayern, Sachsen und Österreichern genannt würden, deute auf eine räumliche Nähe hin; auch passe die Häufung von Hymnen an Katharina von Alexandrien (CB 12* und 19* – 22*) zur Seckauer Verehrung dieser Heiligen.Walter Bischoff (Hrsg.): Carmina Burana I/3. Heidelberg 1970, S. XII; Walther Lipphardt: Zur Herkunft der Carmina Burana. In: Egon Kühebacher (Hrsg.): Literatur und Bildende Kunst im Tiroler Mittelalter, Innsbruck 1982, S. 209–223. Nach der anderen Hypothese ist Kloster Neustift bei Brixen in Südtirol der Entstehungsort. Hierfür spreche ihre Weltoffenheit, die für ein Stift von Augustiner-Chorherren typisch sei, die Spracheigentümlichkeiten der beiden Schreiber, deren Muttersprache nicht das Deutsche gewesen sei, die Erwähnung von Briciavvia (= Brixen) in CB 95 und der Anfang einer sonst nirgends überlieferten Version des Tiroler Eckenliedes (CB 203a).Georg Steer: Carmina Burana in Südtirol. Zur Herkunft des clm 4660. In: Zeitschrift für deutsches Altertum 112 (1983), S. 1–37; Olive Sayce: Plurilingualim in the Carmina Burana. A Study of the Linguistic and Literary Influence on the Codex. Kümmerle, Göttingen, 1992; Fritz Peter Knapp: Die Literatur des Früh- und Hochmittelalters in den Bistümern Passau, Salzburg, Brixen und Trient von den Anfängen bis 1273 (= Herbert Zeman (Hrsg.): Geschichte der Literatur in Österreich von den Anfängen bis zur Gegenwart. Band 1). Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1994, S. 410 f. Die Frage ist bis heute nicht entschieden. Auch darüber, wie die Handschrift nach Benediktbeuern gelangte, gibt es keine Quellen.Carmina Burana. Die Lieder der Benediktbeurer Handschrift. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. und übersetzt von Carl Fischer und Hugo Kuhn. dtv, München 1991, S. 838. Der Germanist Fritz Peter Knapp vermutet, dass dies um 1350 geschah, als die bayerischen Wittelsbacher mit Tirol belehnt waren und somit Benediktbeuern und Neustift Vögte aus derselben Familie hatten.Fritz Peter Knapp: Die Literatur des Früh- und Hochmittelalters in den Bistümern Passau, Salzburg, Brixen und Trient von den Anfängen bis 1273 (= Herbert Zeman (Hrsg.): Geschichte der Literatur in Österreich von den Anfängen bis zur Gegenwart. Band 1). Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1994, S. 410.
Die Themen Die Carmina Burana sind in vier Gruppen unterteilt: 55 moralische und Spottgesänge (CB 1–55) Liebeslieder – mit 131 Beispielen die größte Gruppe (CB 56–186) 40 Trink- und Spielerlieder (CB 187–226) zwei längere geistliche Theaterstücke (CB 227 und 228)
Diese thematische Gliederung wird nicht streng durchgehalten: Bei CB 122–134, die eigentlich in der Gruppe der Liebeslieder stehen, handelt es sich um Klagelieder, eine Satire und zwei Lehrgedichte über Tiernamen. Es gilt als wahrscheinlich, dass es ursprünglich auch eine Gruppe mit geistlichen Liedern gab, die aber verloren sind.Peter und Dorothe Diemer: Die Carmina Burana. Deutscher Klassiker-Verlag, Frankfurt a. M. 1987, S. 898; Zweifel an dieser Vermutung bei Burghart Wachinger: Liebeslieder vom späten 12. bis zum frühen 16. Jahrhundert. In: Walter Haug (Hrsg.): Mittelalter und Frühe Neuzeit. Übergänge, Umbrüche und Neuansätze (= Fortuna vitrea. Bd. 16). Tübingen 1999, S. 10 f. Der Anhang enthält 21 vermischte Lieder teils geistlichen Inhalts, ein Prosagebet an den Heiligen Erasmus und vier weitere geistliche Spiele, die teils nur fragmentarisch überliefert sind. Innerhalb jeder dieser Gruppen sind die Carmina Burana nach thematischen Gesichtspunkten geordnet, zum Beispiel Abkehr von der Welt (CB 24–31), Kreuzzugslieder (CB 46–52) oder Bearbeitungen antiker Stoffe (CB 97–102), neben denen auch formal-metrische Ordnungskriterien bestehen.
Weitere häufig wiederkehrende Themen sind Kritik an Simonie und Geldgier in der Kirche, die mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft im 12. Jahrhundert rasch um sich gegriffen hatte (CB 1–11, 39, 41–45), Klagelieder (sogenannte Planctus), zum Beispiel über das Auf und Ab des menschlichen Schicksals (CB 14–18) oder über den Tod (CB 122–131), die hymnisch gefeierte Wiederkehr des Frühlings (CB 132, 135, 137, 138, 161 und öfter), die Vergewaltigung einer Schäferin durch einen Ritter („auch gewaltsame Verführung“ als zutiefst verharmlosender Ausdruck), Studenten oder Kleriker (die sogenannte Pastourelle, CB 79, 90, 157–158) und die Beschreibung der Liebe als Kriegsdienst (CB 60, 62 und 166), ein Topos, der aus den Liebeselegien des Ovid bekannt war. Dieser Dichter und besonders seine erotischen Elegien werden in den Carmina Burana rezipiert, imitiert oder übersteigert:Hermann Unger: De Ovidiana in carminibus Buranis quae dicuntur imitatione. Straßburg 1914. Dies zeigt sich in einer sehr offenherzigen und teilweise drastischen Darstellung sexueller Handlungen. In CB 76 etwa rühmt sich das lyrische Ich eines beinahe zehnstündigen Liebesaktes mit der Liebesgöttin Venus persönlich (sternens eam lectulo / fere decem horis). Homosexualität, die, antiken Vorbildern folgend, der klerikalen Dichtung des Mittelalters nicht fremd ist, fehlt in den Carmina Burana allerdings ganz.Fritz Peter Knapp: Die Literatur des Früh- und Hochmittelalters in den Bistümern Passau, Salzburg, Brixen und Trient von den Anfängen bis 1273 (= Herbert Zeman (Hrsg.): Geschichte der Literatur in Österreich von den Anfängen bis zur Gegenwart. Band 1). Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1994, S. 416.
mini|hochkant=1.5|Buchmalerei im Codex Buranus: Wurfzabelspieler Typisch sind auch die zahlreichen Schilderungen eines nachgerade paradiesischen Wohllebens (CB 195–207, 211, 217, 219), für das sogar die Autorität des antiken Philosophen Epikur in Anspruch genommen wird (CB 211). CB 219 beschreibt zum Beispiel den ordo vagorum, den „Vagantenorden“, zu dem Menschen aus allen Ländern und Kleriker unterschiedlichsten Ranges eingeladen werden – auch der presbyter cum sua matrona darf kommen, der „Pfarrer mit seiner Ehefrau“, die er aufgrund des Zölibats eigentlich gar nicht haben darf. Die parodistischen Ordensregeln befehlen spätes Aufstehen, reichliches Essen und Trinken sowie regelmäßiges Würfelspiel. Sie sind so detailliert beschrieben, dass die ältere Forschung tatsächlich an die reale Existenz eines solchen Faulenzer- und Schlemmerordens glaubte.Belege bei Helga Schüppert: Kirchenkritik in der lateinischen Lyrik des 12. und 13. Jahrhunderts. Wilhelm Fink, München 1972, S. 185. In dieser ausgesprochenen Diesseitigkeit und Freiheit von sittlichen und standesmäßigen Bindungen zeigt sich „ein Welt- und Lebensgefühl, das in krassem Gegensatz zu der mittelalterlichen Welt festgefügter Ordnungen steht“.Rainer Nickel: Carmina Burana. In: Wilhelm Höhn und Norbert Zink (Hrsg.): Handbuch für den Lateinunterricht. Sekundarstufe II. Diesterweg, Frankfurt am Main 1979, S. 342. Hier ist eine utopische Gegenwelt zu erkennen, die die Literaturwissenschaftlerin Christine Kasper in die Vorgeschichte der europäischen Idee des Schlaraffenlandes einordnet. Diese findet sich erstmals etwa zeitgleich in einem altfranzösischen Fabliau, in der das Land „Kokanien“ beschrieben wird; und in CB 222 wird ein abbas Cucaniensis erwähnt, ein „Abt von Kukanien“, der einer Gruppe von Würfelspielern vorsteht.Christine Kasper: Das Schlaraffenland zieht in die Stadt. Vom Land des Überflusses zum Paradies für Sozialschmarotzer. In: Jahrbuch der Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft 7 (1992/93), S. 255–291.