Cyrus Overbeck (* 1. Juni 1970 in Duisburg) ist ein deutscher bildender Künstler.
Leben und Wirken mini| „Alte Brotfabrik“ in Duisburg Cyrus Overbeck verlebte seine Kindheit als Sohn seines iranischen Vaters und seiner deutschen aus einer jüdischen Familie stammenden MutterAnne Horstmeier: bis 1979 in Teheran.
Im Jahr 1986 richtete er sein erstes Atelier in Duisburg, in der stillgelegten Brotfabrik Overbeck, dem denkmalgeschützten identifikationsstiftenden Jugendstil Ensemble, die von seinem Urgroßvater gegründet worden war, ein. Im Jahre 1989 erlangte er in Duisburg sein Abitur. Von 1990 bis 1995 schloss er ein Lehramtsstudium Sekundarstufe I und II an. Seit 1995 arbeitet Cyrus Overbeck freischaffend in seinem Atelier, der „Alten Brotfabrik“ in Duisburg-Beeck. 1997 war eine Schau seiner expressiven Arbeiten in Gestalt von 40 Monotypien zu sehen, in der er den Herstellungsprozess einer Farbmonotypie zeigte. Kurz darauf organisierte Overbeck in seinem Atelier eine Ausstellung des afrikanischen Ebenholzkünstlers Dastani. Im Jahr darauf folgte eine Schau mit eigenen Werken. Die Ausstellung Formen der Angst wurde durch einen Konzertabend musikalisch begleitet. Nach 1999 verlagerte Overbeck mehrfach seinen Lebensmittelpunkt. Im Jahr 2007 bezog er wieder sein Atelier in der Brotfabrik. Bei einer Kooperation zwischen Overbeck und dem Lions-Club Duisburg-Hamborn konnten im Jahr 2008 Werke des Künstlers im Rahmen einer Charity-Aktion erworben werden. Der Erlös der Kunstauktion, bei der auch Werke von Hans Sieverding und Dietrich Andreas ersteigert werden konnten, kam sozialen Projekten im Duisburger Norden zugute. Ab 2018 nutzte er die Brotfabrik wieder dauerhaft als Atelier und Ort für Kulturveranstaltungen. Bis 1997 war Overbeck auf großformatige Radierungen und Holzschnitte spezialisiert. Diese Arbeiten mit eher düsteren Motiven (vgl. etwa den Druck „Ausflug ins Melatenhaus“) dominierten auch seine Werkschau, die im Jahr 1999 in der Brotfabrik gezeigt wurde. Ein Großteil der in dieser Zeit geschaffenen Werke waren säkulare Passionsbilder, welche in verschiedenen grafischen Techniken umgesetzt wurden. Ab 2000 traten zu den eher dunklen Grafiken im expressiven Stil vermehrt auch großformatige farbenfreudigere Ölgemälde. Ein Charakteristikum der neuen Phase ist die bildliche Zerstörung der großformatigen Ölmalerei durch Stempelaufdrucke „mit Hilfe einer Tiefdruckplatte, die ursprünglich für Radierungen gedacht ist“. Das dabei verwendete Schmetterlingsmotiv steht hier sinnbildlich für die Metamorphose und ist Teil einer neuartigen Komposition von formalen Lösungen und Farbe. Overbeck versteht sich als narrativer Realist, der als Künstler von dem erzählt, was er sieht und erlebt und das Erfahrene „in Holz, in Bronze, auf Öl, auf Leinwand, Metall und auf Stein ausdrückt.“ Gelegentlich wurde er auch als „Philosoph unter den Malern“ charakterisiert. Schon früh werden Krieg und Holocaust zu den Leitthemen seiner Kunst. So entstand 1998 in Kooperation mit Yad Vashem die soziale Plastik „Der Alltag jüdischer Kinder während des Holocausts - 60 Jahre Leben mit dem Reichspogrom“, die ab dem 30. September des Jahres in der Brotfabrik gezeigt wurde. Im Folgejahr schloss sich eine Ausstellung an, die anlässlich des Beginns des Zweiten Weltkriegs vor 60 Jahren am 1. September 1999 in der Galerie des Hamborner Rathauses eröffnet wurde. Ebenfalls im Jahr 1999 organisierte er aus Anlass zum 66. Jahrestag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler die Kunstaktion „Zum Frieden geschaffen“ in der Kirche der evangelischen Gemeinde in Beeck. Während der Aktion malte er vor Zuschauern ein Triptychon, dessen zentrales Mittelbild durch ein Skelett dominiert wurde, der rechte Flügel eine Mutter mit ihrem toten Kind vor eine leeren Brotschale zeigte und der linke Flügel eine von Leibern überquellende Brotschale präsentierte, die den aber bereits verhungerten Menschen nicht mehr helfen konnte. Zu der Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex gesellte sich eine kritische Beschäftigung mit der mangelnden Aufarbeitung des Holocausts und dem Demokratieverständnis in weiten Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft.
Overbeck und Otto Pankok in den 1990er-Jahren Die Faszination Overbecks für die druckgrafischen Werke Otto Pankoks begann früh. Als er 1989 Pankoks Tochter Eva kennenlernen konnte, fasste er noch während seines Studiums zusammen mit seinem Kommilitonen Oliver Müller den Entschluss eine erste umfassende Biographie über Pankok zu verfassen. Vgl. dazu etwa: Brüche im Leben des Künstlers Pankok. Studenten schrieben erste umfassende Biographie (Westdeutsche Allgemeine Zeitung Oktober 1995). Mit der Genehmigung und der Unterstützung Eva Pankoks, die auch ein Geleitwort zur Biografie beisteuerte, konnten die Autoren dazu erstmals den umfänglichen Nachlass des Künstlers auswerten. und: Neue Otto-Pankok-Biographie wurde im Ibach-Saal vorgestellt. In: Rheinische Post. Düsseldorfer Feuilleton. Nr. 243, 19. Oktober 1995. Noch im selben Jahr zeigte das Museum Alte Post in Mülheim auf Anregung Overbecks eine Gegenüberstellung von frühen Kohlezeichnungen und Holzschnitten mit später entstandenen Plastiken Pankoks.
Von 1997 bis 1999 hatte Overbeck einen Lehrauftrag für Druckgraphik an der Universität Duisburg.
mini|Das denkmalgeschützte „Becker-Haus“ in Esens war von 2003 bis 2020 Wohn- und Arbeitsort Cyrus Overbecks.
Künstlerische Tätigkeiten seit dem Jahr 2000 Im April 2000 präsentierte Overbeck mit der Ausstellung Fluss der Asche in der evangelischen Kirche in Beeck Holzschnitte zu den Themen „Krieg“, „Not“, „Widerstand“ und „Tod“. Den Widerstand von Einzelpersonen gegen den Nationalsozialismus griff er in der Person Georg Elsers auf und widmete diesem den Holzschnitt „würdigt Georg Elser“.
Im Jahre 2000 eröffnete Cyrus Overbeck Ateliers in Neulouisendorf und in Dornum. 2003 erwarb Cyrus Overbeck das Bürgermeister-Becker-Haus in Esens und baute es zu einem Atelier um. Das neue Atelierhaus entwickelte sich in der Folge zu einem kulturellen Anziehungspunkt für die gesamte Region, in dem Konzertabende und öffentliche Druckwerkstätten stattfanden. Von 2004 bis 2007 arbeitete er als Lehrer für die Fächer Deutsch, Evangelische Theologie, Kunst und Geschichte am Niedersächsischen Internatsgymnasium, der Haupt- und Realschule Westerholt, und der Carl-Gittermann-Realschule in Esens.
Seit 2010 kooperiert Cyrus Overbeck mit dem Forschungsschwerpunkt Medienkonvergenz der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Aus dieser Zusammenarbeit erwuchs auch eine intensivere Beschäftigung mit der Katze in der Kunst, wobei sich der Blick auf die Comicfigur Fritz the Cat richtete. Für seine großformatigen Holzschnitte mit Frauengestalten und Hundedarstellungen wählte er einen ornamenthaft gestalteten Hintergrund. Vgl. dazu auch Christian Vahl: "Women, Dogs and Ornaments" Zuckersüße schwere leichte Kunst für Kunstliebhaber. In: Cyrus Overbeck: Neue Arbeiten, Düsseldorf 2013, S. 31–33 2011 eröffnete er sein offenes Atelier in der Mainzer Neustadt. Es folgte eine akademische Auseinandersetzung mit dem Thema Künstler und Kulturindustrie. 2013 wurde das Atelier in Düsseldorf-Flingern eröffnet und mit dem Bau der neuen Radierpresse begonnen, auf der Formate bis 240 cm Länge gedruckt werden können. Im Jahr 2015 setzte er die Arbeit an großformatigen Holzschnitten aus seinem Rosenzyklus fort, wobei hier erstmals die Verbindung von Spraying und klassischem Hochdruck zum Einsatz kam. Zugleich beschäftigte er sich mit dem Dichter Heinrich Heine. Diese künstlerische Auseinandersetzung brachte Heine-Interpretationen in Holzschnitt, Radierung und Plastik hervor. 2016 erfolgte die Einrichtung einer weiteren Galerie am Stau in Oldenburg. 2018 wurde Overbeck in die Jury des Gutenberg-Museums Mainz berufen. Im gleichen Jahr wurde seine Jesus-Darstellung Ecce Homo in die Dauerausstellung im Mainzer Dommuseum aufgenommen. Mit der Darstellung der Passion Christi stellt sich Overbeck einerseits in die Tradition der klassischen Christus-Ikonographie in der Kunst, andererseits drückt seine Darstellung mit dem Fraktur-Schriftzug „Deutsche Holzschnitte“ aber gleichzeitig ihre „Pervertierung durch den Rassenwahn der Nationalsozialisten“ aus.
Als die Universitätsmedizin im Jahr 2017 den Mainzer Medienpreis stiftete, wurde festgelegt, dass „für das Preisgeld von 4.000 Euro“ ein „international sichtbarer Künstler eine Druckgraphik des Preisträgers“ anfertigt. Der Holzschnitt für den ersten Preisträger, den Kabarettisten Herbert Bonewitz, wurde von Overbeck geschaffen.
Am Reformationstag 2018 löste Overbeck in einer umstrittenen Gastpredigt in der Esenser St.-Magnus-Kirche eine Debatte um Hans-Christian Petersen, den Sohn des Wilhelm Petersen, aus. Die anschließende Auseinandersetzung über die NS-Vergangenheit von Petersen erregte nicht nur die „Gemüter in Esens“ und sorgte in der Kleinstadt für heftige Diskussionen bei den Bürgern, die im Juni 2019 zu einer öffentlichen Debatte im Rat der Samtgemeinde führte und 2022 in einer juristischen Auseinandersetzung gipfelte. In der Verhandlung ging es um die Vorwürfe, die Overbeck gegen den Esenser Stadtrat vorbrachte. Zudem berichtete Overbeck über die Anfeindungen und Angriffe, denen er sich ausgesetzt sah, nachdem er die "ideologische Nähe Petersens zu seinem Vater, dessen Kunstwerke Adolf Hitler persönlich kaufte, angeprangert hatte. 2026 berichtete darüber auch der WDR. Der Richter am zuständigen Amtsgericht in Duisburg-Ruhrort gab im Juli des Jahres 2022 bekannt, ein historisches Gutachten in Auftrag geben zu wollen, das Klarheit über die rechtsextremen Verstrickungen, die Petersen vorgeworfen werden, bringen soll. Am 21. November 2022 wurde Overbeck vom Amtsgericht Duisburg-Ruhrort freigesprochen und die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe wurden als unbegründet und haltlos festgestellt.
Im Mai 2019 wurde der Künstler in einer Esenser Gaststätte aus antisemitischen Motiven heraus angegriffen. Der Übergriff führte letztlich dazu, dass Overbeck Esens verließ und nach Duisburg zurückkehrte, wo er seither lebt. Kurz darauf veranstaltete er mit dem Lions-Club Duisburg-Hamborn ein Kunst-Happening, bei dem zahlreiche seiner Werke zu Gunsten Duisburger Sozialprojekte verkauft wurden.Heid, Ludger: "Nationalsozialismus und Kunst: Der Angriff auf die geistige Freiheit (Teil2)", in: Jüdische Rundschau Nr. 3 (139), März 2026, Frankfurt, Seite 36 und 37
Seit 2018 setzt sich der Künstler in den Grafiken aus seinem Zyklus Album der Erinnerung mit der Virulenz von Nationalismus, Antisemitismus und Neofaschismus auseinander. Zu diesem Zyklus zeigte die Duisburger cubus-Kunsthalle im Jahr 2019 eine große Einzelausstellung mit Holzschnitten und Bronzen, wobei Holzschnitt-Porträts von Felix Nussbaum im Mittelpunkt der Schau standen. Im Zusammenhang des Zyklus entstand im Oktober 2019 als soziale Plastik die Grafikinstallation „THE WAR. Zeitgenössische Kunst zwischen kollektiv medialem und individuellem Erinnern“. Mit der Schau zur Erinnerung an den 75. Jahrestag der Bombardierung Duisburgs wollte Overbeck einen Beitrag zum aktuellen Umgang mit Tätern und Opfern des nationalsozialistischen Terrorregimes kritisch hinterfragen und einen Beitrag zur städtischen Erinnerungskultur leisten. Unter dem Motto Kunst trifft Geschichte erfuhren die im Atelier Alte Brotfabrik präsentierten Werke zur Ausstellungseröffnung durch den Duisburger Historiker Thorsten Fischer eine historische Einordnung. Als „narrativer Realist“ tritt Overbeck „erzählend“ für grundlegende Werte ein. So geht es ihm nicht nur um Glaubwürdigkeit im gesellschaftlichen Miteinander, sondern auch um die „Aufdeckung und Aufarbeitung nationalsozialistischer Kontinuitäten“.