Der Steinadler (Aquila chrysaetos) ist eine große Greifvogelart innerhalb der Familie der Habichtartigen (Accipitridae). Steinadler besiedeln offene und halboffene Landschaften in der gesamten Holarktis. Sie ernähren sich meist von mittelgroßen, bodenbewohnenden Säugetieren. Die Art war früher in Europa weit verbreitet, wurde aber systematisch verfolgt, so dass sie heute in vielen Teilen Europas nur noch in Gebirgsgegenden vorkommt. In Deutschland brüten Steinadler nur noch in den Alpen.
Beschreibung Steinadler zählen zu den größten Vertretern der Gattung Aquila. Die Geschlechter des Steinadlers unterscheiden sich deutlich in Größe und Gewicht. Das Weibchen kann eine Körperlänge von 90–100 cm erreichen; das Männchen ist im Mittel rund 10 cm kleiner. Die Flügelspannweite variiert zwischen 190 und 210 cm beim Männchen und zwischen 200 und 230 cm beim Weibchen. Weibchen wiegen 3,8 bis 6,7 kg, die leichteren Männchen 2,8 bis 4,6 kg. Steinadler haben 11 Handschwingen, die äußerste (11.) Handschwinge ist jedoch sehr klein. Die sechste Handschwinge ist mit knapp 60 cm die längste. Die 17 Armschwingen sind zwischen 35 und 40 cm lang. Der Schwanz wird aus 12 Steuerfedern gebildet, die 34 bis 42 cm lang sind.
Grundfarbe des Gefieders ist ein einheitliches dunkles Braun. Der Nacken ist goldgelb. Der Schwanz der adulten Tiere ist braun und mehr oder weniger deutlich mit einigen helleren Bändern durchsetzt. Der Schnabel ist dunkelgrau, die Iris der Augen dunkelbraun. Wie bei allen Arten der Unterfamilie Aquilinae sind die Beine bis zu den sehr kräftigen gelben Zehen befiedert.
mini|links|Kopf eines Steinadlers alternativtext=Wilder Steinadler im Flug bei Pfyn-Finges, Schweiz|mini|Wilder Steinadler im Flug bei Pfyn-Finges, Schweiz mini|Steinadler im Jugendkleid. Die weißen Flügelfelder sind gut erkennbar.
Steinadler im ersten Lebensjahr sind insgesamt dunkler braun und haben auffallende, weiße Federpartien auf den inneren Handschwingen und den äußeren Armschwingen. Der Schwanz ist weiß und zeigt eine scharf abgesetzte, breite schwarze Endbinde. Steinadler sind erst ab dem 5. bis 7. Lebensjahr voll ausgefärbt.
Auf Grund der unterschiedlichen Färbung war bis ca. 1900 auch die Bezeichnung Goldadler ( und ) für ausgewachsene Steinadler gebräuchlich. Jungtiere wurden für eine andere Art gehalten.
Im Flug wirkt der Steinadler trotz seiner Größe meist sehr leicht und elegant.R. F. Porter, I. Willis, S. Christensen, B. P. Nielsen: Flight Identification of European Raptors. T. & A. D. Poyser London 1981: S. 45 Auffallend ist neben der für Adler typischen starken Fingerung der Handschwingen der relativ lange, nur leicht gerundete Schwanz. Im Gegensatz zu allen anderen Vertretern der Gattung hebt der Steinadler seine Flügel im Segelflug leicht an, so dass ein leicht V-förmiges Flugbild zustande kommt.Dick Forsman: The Raptors of Europe and the Middle East. Poyser, London 1999, ISBN 0-85661-098-4: S. 391
Verbreitung und Lebensraum miniatur|hochkant=2|Verbreitung des Steinadlers:
Der Steinadler besiedelt die borealen, die gemäßigten sowie die mediterranen Zonen der gesamten Holarktis. Er ist damit der am weitesten verbreitete Vertreter der Gattung Aquila. In der Paläarktis erstreckt sich die Verbreitung im Westen von Irland über Schottland in einem breiten Streifen durch Europa und Asien bis Kamtschatka und Japan. Außerdem ist der Norden und Westen Nordamerikas von der Art besiedelt. Durch jahrhundertelange massive Verfolgung ist die Verbreitung in Europa heute stark zersplittert. In Mitteleuropa sind die Vorkommen des Steinadlers im Wesentlichen auf den Alpenbogen und die Karpaten beschränkt, in Deutschland lebt er nur in den Bayerischen Alpen. Abseits der Alpen liegen die Vorkommen in Dänemark und im Osten Polens Deutschland am nächsten.
Steinadler besiedeln offene und halboffene Landschaften aller Art, die ein ausreichendes Nahrungsangebot bieten und Felswände oder ältere Baumbestände für die Nestanlage aufweisen. Sein Lebensraum reicht von alpinen Matten über große Moore mit kleinen Wäldern im Baltikum bis zu Halbwüsten im Norden Afrikas. Große, geschlossene Wälder werden nur randlich besiedelt. Die heutige starke Konzentration auf gebirgige Landschaften ist zumindest in Europa eine Folge der intensiven Verfolgung.
Systematik mini|Amerikanischer Steinadler (A. c. canadensis) alternativtext=Ein Steinadler im Zoo von San Francisco|mini|Ein Steinadler im Zoo von San Francisco Der Artstatus des Steinadlers ist unumstritten, nach neueren molekulargenetischen Untersuchungen ist der nächste Verwandte der afrikanische Klippenadler. Je nach Autor werden fünf bis sechs Unterarten anerkannt, die Abgrenzung erfolgt anhand geringer Größen- und Färbungsunterschiede und die Übergänge sind fließend:
A. c. chrysaetos (, 1758): Europa ohne Iberische Halbinsel, Westsibirien. mini|Aquila chrysaetos chrysaetos A. c. homeyeri , 1888: Etwas kleiner und dunkler als Nominatform. Südlich an Nominatform anschließend; Iberische Halbinsel, Nordafrika, Kleinasien, Kaukasus, Arabische Halbinsel, von dort bis in den Iran. A. c. daphanea , 1888: Noch dunkler als A. c. homeyeri, größte Unterart; vom Osten des Iran über Afghanistan, Pakistan, den Norden Indiens und Nepal bis West- und Zentralchina und die Mongolei. A. c. kamtschatica , 1888: Dunkelste Unterart, Nackenfleck eher rotbraun; Mittelsibirien bis Kamtschatka. Manche Autoren erkennen diese Unterart nicht an, sondern vereinigen sie mit A. c. canadensis. A. c. japonica , 1888: Ebenso dunkel wie A. c. kamtschatica, aber wesentlich kleiner, kleinste Unterart; Japan und Korea. A. c. canadensis (, 1758): Färbung wie A. c. kamtschatica, aber etwas kleiner; Nordamerika.
Jagdweise
Steinadler jagen meist in offenen oder halboffenen Landschaften im bodennahen Flug unter optimaler Ausnutzung jeglicher Deckung. Sie gleiten dabei dicht an Hängen entlang, über Kuppen und kleine Hügel und versuchen ihre Beute auf kurze Distanz zu überraschen. Häufig jagen sie auch von einem Ansitz aus. Die Beute greifen die Adler meist auf dem Boden oder im bodennahen Luftraum und töten sie mit den außerordentlich kräftigen Zehen und Krallen. Sehr große Beutetiere wie Kitze des Steinbocks oder junge Gämsen greifen sie am Kopf. Der Steinadler schlägt dabei seine Krallen durch die Schädeldecke in das Gehirn. In den wenigen beobachteten Fällen wurden diese großen Beutetiere innerhalb von Sekunden getötet.
Weniger häufig ist die Jagd im freien Luftraum; die Erbeutung von ziehenden Kormoranen ist jedoch zum Beispiel schon mehrfach beobachtet worden. In Anbetracht ihrer Größe bewegen sich Steinadler in der Luft außerordentlich wendig und schnell, so wurde mehrfach beobachtet, wie sich ein Steinadler im Flug auf den Rücken drehte und so zum Beispiel einen verfolgenden Kolkraben erbeutete. Steinadler können keine Kadaver im Flug tragen, deren Gewicht das eigene Körpergewicht übertrifft. Schwere Beutetiere zerteilen sie daher und deponieren portionsweise, oder sie fliegen den Kadaver über mehrere Tage an.
Nahrung mini|Alpenmurmeltiere sind die Hauptbeute des Steinadlers im Alpenraum. Bei so großen Beutetieren bleiben die Innereien meist ungenutzt und die Haut wird umgestülpt
Steinadler sind außerordentlich kräftig und sehr geschickt. Sie erbeuten regelmäßig Tiere, die erheblich schwerer sind als sie selbst. Das maximale Beutegewicht liegt bei etwa 15 Kilogramm. Es gibt nur einen dokumentierten Fall, in dem ein noch schwererer Sikahirsch erlegt wurde. Angriffsversuche auf annähernd ausgewachsene Gämsen sind dokumentiert.http://www.redbull.com/at/de/adventure/stories/1331761889855/wie-brueder-im-wind-natur-und-fiktion-verschmelzen Die Verteidigungsstrategie der Gämsen besteht darin, hangabwärts zu springen und sich überschlagend zu rollen, was eine erhebliche Verletzungsgefahr für beide bedeutet.
Im Beutespektrum dominieren meist bodenbewohnende, kleine bis mittelgroße Säugetiere von Ziesel- bis Steinbockkitz-Größe, Vögel spielen meist nur eine kleinere Rolle. Meist bilden wenige Säugerarten den Hauptteil der Nahrung. Daneben erbeutet der Steinadler jedoch fast alle kleinen und mittelgroßen Säuger und Vögel, die im jeweiligen Gebiet vorkommen. Insbesondere im Süden des Verbreitungsgebietes frisst er auch regelmäßig Reptilien, dort lassen Steinadler ähnlich wie Bartgeier auch Landschildkröten auf Felsen fallen, um so deren harten Panzer zu zerbrechen. Insbesondere im Winter, regional aber auch im Sommer, spielt Aas eine wichtige Rolle in der Ernährung.
Im Schweizer Kanton Graubünden dominierten zur Brutzeit im Beutespektrum Alpenmurmeltiere mit 60,2 % aller Beutetiere, an zweiter Stelle folgten junge Gämsen mit 8,0 %. Danach folgten Schneehase, Alpenschneehuhn und Birkhuhn mit jeweils 5,2 %.H. Haller: Der Steinadler in Graubünden. In: Der Ornithologische Beobachter. Beiheft 9, 1996, S. 89 Im schweizerischen Alpenvorland bestand die Nestlings-Nahrung in 4 Revieren vor allem aus Feldhasen (36,2 % aller Beutetiere), danach folgten Hauskatzen (27,5 %), Rehkitze (14,1 %) und Haushühner (8,1 %).H. Haller: Der Steinadler (Aquila chrysaetos) als Brutvogel im schweizerischen Alpenvorland. Ausbreitungstendenzen und ihre populationsökologischen Grundlagen. In: Der Ornithologische Beobachter. Bd. 91, 1994, S. 243 Populationen im Zentralmassiv Frankreichs jagen hauptsächlich Wildkaninchen. In Schottland wurden je nach Region Hasenartige in 10,7 % bis 46,9 % aller im Sommer gefundenen Gewölle nachgewiesen. Weitere wichtige Beutetiere waren dort Schafe und Ziegen (in 0,6 bis 26,8 % aller Gewölle), Raufußhühner (5,4 bis 47,8 %) und Rothirsche (als Aas) (1,2 bis 22,3 %).Watson 1997, S. 320
Raumnutzung und Siedlungsdichte Trotz des großen Verbreitungsgebietes liegen bisher nur wenige Daten zur Größe des Aktionsraumes, also zu der von einem Brutpaar genutzten Fläche vor. Die festgestellten Werte schwanken je nach Lebensraum und Nahrungsangebot erheblich. Im Schweizer Kanton Graubünden betrug die Größe des Aktionsraumes nach Sichtbeobachtungen in 26 Revieren zwischen 29 und 88 km², im Mittel 53 km². In Idaho beflogen vier Steinadlerpaare ebenfalls nach Sichtbeobachtungen Flächen zwischen 11,6 und 49,0 km², im Mittel 32,8 km².M. W. Collopy, T. C. Edwards: Territory size, activity budget, and role of undulating flight in nesting Golden Eagles. In: Journal of Field Ornithology. 60, S. 43–51, zitiert in: J. Watson: The Golden Eagle. Poyser, London 1997, S. 92, dort fehlerhafte Quellenangaben korrigiert Methodisch bedingt stellen die hier dargestellten Werte vermutlich eher die Untergrenze der tatsächlichen Aktionsraumgrößen dar. Steinadler verteidigen ihren gesamten Aktionsraum ganzjährig vehement gegen Artgenossen, eine früher gelegentlich vorgenommene Trennung zwischen dem verteidigten Revier und der zur Nahrungssuche genutzten Fläche ist also nicht gerechtfertigt.
Die großräumige Siedlungsdichte zeigt ebenfalls erhebliche Unterschiede, sie reicht von 1,9 Brutpaaren (BP)/1000 km² in der Umgebung des belarussischen Wizebsk bis zu 22,7 BP/1000 km² in Teilen Schottlands. Weltweit bewegen sich die Werte meist zwischen 5 und 20 BP/1000 km². In den Alpen wurden recht einheitliche Werte zwischen 7,4 BP/1000 km² in den Niederen Tauern Österreichs und 14,3 BP/1000 km² in Graubünden festgestellt.H. Haller: Der Steinadler in Graubünden. In: Der Ornithologische Beobachter. Beiheft 9, 1996, S. 31
Fortpflanzung Horst und Nistplatz