mini|hochkant|Wiebke Siem (2011)

Wiebke Siem (* 1954 in Kiel) ist eine deutsche Künstlerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Studium und Lehre Siem studierte von 1979 bis 1984 an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bei Stanley Brouwn. Sie selbst hatte von 2000 bis 2001 eine Gastprofessur und von 2002 bis 2008 eine Professur für Bildhauerei an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg inne. Wiebke Siem war Mitglied im Deutschen Künstlerbund. (abgerufen am 26. Februar 2016)

Werk Siem entwickelte während und nach ihrem Studium in Hamburg zwischen 1983 und 1988 ihre ersten Kleider, Wandmalereien und die Serie der Hüte. Mit diesen Arbeiten verarbeitete Siem auf ironische Weise den Einfluss ihrer Lehrergeneration. Die Kleider der frühen 1980er-Jahre sind ihre Antwort auf die textilen Arbeiten Franz Erhard Walthers, es sind ebenfalls „Objekte zum Benutzen“. Die auffälligen applizierten Muster, die zum Teil auf der Oberfläche so versetzt sind, als hätte man das Kleid nachlässig zusammengenäht, schaffen eine Verfremdung, sie heben die Kleider, die man ganz normal trägt, optisch im Straßenbild ab. Die Wandmalereien, in derselben Zeit entstanden, nehmen Wandarbeiten Blinky Palermos auf und führen sie ad absurdum. Statt einer monochromen Malerei verwendete Siem eine Marmor-Steinimitation wie im Theater. Die Wandarbeiten wurden im öffentlichen Raum platziert (Treppenhaus, Büroflur, Café) und verbleiben dort teilweise jahrelang, ohne dass sie als Kunstwerk gekennzeichnet werden. Auch die Hüte sind tragbar und unterscheiden sich kaum von Modeentwürfen. Siems Textilarbeiten wurden erst Jahre später, 1995, in der Galerie Chantal Crousel in Paris erstmals als Kunstobjekte ausgestellt.

Die vier Werkgruppen 1989 bis 1997 entstehen Siems vier Werkgruppen, eine große zusammenhängende Arbeit, die einen zentralen Platz in ihrem Œuvre einnimmt. Die erste Werkgruppe, 1989 bis 1993 (Kleider, Hüte, Taschen, Schuhe), überschreitet wie die vorangegangenen Arbeiten die Grenze von der Kunst zur Mode. Kleider und Accessoires sind objektiv oder potentiell benutzbar. Sie sind eine Art Prototypen und werden wie eine Warenpräsentation in einer großen Modeboutique ausgestellt.

Die Objekte der zweiten Werkgruppe (1991–1994) sind ambivalent. Die Bezeichnung Kleider, Frisuren, Tücher, Wagen (Katalog Portikus) lässt an Mode/Lifestyle denken, die Werkgruppe selbst erfüllt diese Erwartung nicht. Die Kleider ähneln eher Ritterrüstungen, die Frisuren sind Helme aus Hartgips, die man nicht tragen kann, die Wagen sind schwere Holzkarren, die an ein Bauernmuseum denken lassen, die Tücher sind dicke Wandbehänge aus Filz. Die Präsentation der Werkgruppe ähnelt eher der Sammlung eines kulturhistorischen Museums als der in einer Modeboutique. Das weibliche Rollenverständnis wird unterwandert und ad absurdum geführt.

Auch die dritte Werkgruppe (1993–1997) nimmt Bezug auf Museumssammlungen. Die 6 Pelze erinnern an die zotteligen Maskenanzüge aus dem Alpenraum (Klaubauf, Perchten). In der Gruppe der 7 Masken hat die Künstlerin ihr eigenes Gesicht in sieben verschiedenen Gesichtsausdrücken wiedergegeben (Franz Xaver Messerschmidt ist die Referenz). Die Gruppe der 42 Steine nimmt Bezug auf die Feldsteinsammlung Henry Moores und spielt in 42 Einzelskulpturen gleichsam den Formenkanon modernistischer Skulpturen durch (Hans Arp, Henry Moore).

Die vierte Werkgruppe (1995–1997) entwickelt durch den in der Mitte liegenden Teppich eine häusliche Ausstrahlung, Die Installation wirkt wie ein riesiges Zimmer. Der übergroße Teppich lässt die lebensgroßen Puppen/Figurinen und Holzobjekte, die ihn umgeben, klein erscheinen wie Spielzeug. Die Puppen sind gleichzeitig eine Referenz auf klassische Puppenformen als auch auf Skulpturen und Theaterkostüme Oskar Schlemmers.

mini|Der Traum der Dinge. Für das „Labor“ stellte Wiebke Siem den Besuchern Elemente für eine Skulpturengruppe als Bausatz zur Verfügung. Sie konnten sie nach eigenem Ermessen in immer neuen Konstellationen zusammensetzen.K20, Düsseldorf, 2016

Bauernmöbel Die Gruppe der Bauernmöbel erarbeitete Wiebke Siem bei ihrem ersten Aufenthalt in Großbritannien. In diesem Fall sind alle Objekte 1:1-Kopien existierender deutscher Bauernmöbeln des 18. und 19. Jahrhunderts in verschiedenen privaten und öffentlichen Sammlungen. Die Verfremdung liegt in diesem Fall darin, dass die nachgebauten Möbel samt Bemalung nagelneu sind. Sie erscheinen uns fremd, obwohl sie dem eigenen kulturhistorischen Hintergrund entnommen sind. Dadurch stellt sich die Frage, was fremd und was eigen ist.

Maskenkostüme Die Maskenkostüme, 2000/2001 größtenteils bei Siems zweitem Englandaufenthalt entstanden, beziehen sich auf Objekte außereuropäischer Kulturen in europäischen Museumssammlungen, Maskenkostüme des afrikanischen bzw. des pazifischen Raumes. Die geschnitzten Masken lassen aber auch Bezüge zur europäischen Moderne deutlich werden (Modigliani, Schlemmer). Es geht um die Kunst des außereuropäischen Raumes als Ressource der europäischen Moderne.

Die Fälscherin Zwischen 2005 und 2009 arbeitete Siem an einer Gruppe von größeren Rauminstallationen, die 2009 im Neuen Museum Nürnberg unter dem Ausstellungstitel Die Fälscherin gezeigt wurden. In Zimmereinrichtungen und Mobiliar der Vor- und Nachkriegszeit sind in surrealen häuslichen Szenen große Stoffskulpturen als Akteure platziert. Angstvision und Komik liegen nahe beieinander. Die zentrale Installation, eine aus Haushaltsgegenständen zusammengefügte „Afrika-Sammlung“, die obsessiv das ganze Zimmer besetzt, gab der Ausstellung den Titel.

Hot Skillet Mama Mit den Skulpturen, die seit 2010 entstehen, befreit sich Wiebke Siem in ihrer Praxis von den handwerklich aufwendig hergestellten Skulpturen, die ihr Werk jahrzehntelang geprägt hatten. Nun setzt sie ihre Skulpturen aus einfachen Haushaltsgegenständen zusammen und bearbeitet sie anschließend, sodass sie eine einheitliche Oberfläche erhalten. Es entstehen körperlose Skulpturen, Skeletten nicht unähnlich. In der Installation Hot Skillet Mama nach einem frühen Stück von Sun Ra benannt, hängen die Figuren wie Marionetten von der Decke. Wie bei vielen Arbeiten Siems geht es auch hier um Verfremdung, um die Umwandlung von etwas Vertrautem in etwas Fremdes.

In der Studio-Installation Der Traum der Dinge – The Dream of Things überließ sie es 2016 den Besuchern, die Haushaltsgeräte zu immer neuen Figuren zusammenzustellen und aufzuhängen (K20 – Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf).

Stipendien und Auszeichnungen 1990 Stipendium für bildende Künstler der Kulturbehörde Hamburg 1991 Stipendium, Akademie Schloss Solitude, Stuttgart 1994 Stipendium für bildende Künstler der Stiftung Kunstfonds, Bonn Katalogförderung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung 1995/96 Stipendium, Cité Internationale des Arts, Paris 1996/97 Aufenthalt im Künstlerhaus Bethanien, Berlin 1999/2000 Sculpture Fellowship, The Henry Moore Foundation, Bristol, England 2001/2002 Stipendium der Berliner Senatsverwaltung für Kultur, Delfina Studio Trust, London 2002 Edwin-Scharff-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg 2011 Katalogförderung der Stiftung Kunstfonds, Bonn 2013 Stipendium des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, Bamberg 2014 Goslarer Kaiserring

Einzelausstellungen 2016 K20 - Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (im Lanir), Wiebke Siem – Der Traum der Dinge 2014 Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg 2013 Johnen Galerie, Berlin. Geister, Installation im Treppenhaus der Kunsthalle im Rahmen der Ausstellung Gute Gesellschaft, Kunsthalle zu Kiel 2011 Wiebke Siem im Atelier Karin Sander, Studio Karin Sander, Berlin 2009 Die Fälscherin, Neues Museum in Nürnberg 4. Werkgruppe, Ständige Sammlung, Neues Museum in Nürnberg 2007 Niema tego złego coby na dobry nie wyzło, Johnen Galerie, Berlin 2004/05 Maskenkostüme, Galerie der Moderne, Kunsthalle Hamburg 2002 Galerie Lindig in Paludetto, Nürnberg 2. Werkgruppe, Ständige Sammlung, Neues Museum in Nürnberg Frith Street Gallery, London (mit Massimo Bartolini) 2001 Collection, The Henry Moore Institute, Leeds, England 2000 Spike Island, Bristol, England Galerie Johnen & Schöttle, Köln Ausstellungsstand für das Künstlerhaus Bethanien, Art Forum, Berlin 1997 Castello di Rivara, Torino, Italien Kunsthalle Bern, Schweiz Künstlerhaus Bethanien, Berlin 1996 Duchamps Urenkel, Bonner Kunstverein, Bonn Galerie Johnen & Schöttle, Köln 1995 Gallery Chantal Crousel, Paris 1994 Portikus, Frankfurt am Main Galerie Johnen & Schöttle, Köln 1993 Museum Robert Walser, Hotel Krone, Gais, Schweiz Galerie Rüdiger Schöttle, Paris Galerie Johnen & Schöttle, Köln Galerie Rüdiger Schöttle, München 1991 Akademie Schloss Solitude, Stuttgart Kunstraum Neue Kunst, Hannover 1990 Westwerk, Hamburg 2023 Wiebke Siem. Das maximale Minimum, Kunstmuseum Bonn

Gruppenausstellungen 2013 Just what is it that makes today’s homes so different so appealing, New Arts Centre, Salisbury Weltreise, Kunst aus Deutschland unterwegs, Werke aus dem Kunstbestand des Ifa1949 – heute, ZKM, Museum für Moderne Kunst, Karlsruhe Regionalismus Salzburger Kunstverein, Salzburg 2011 Säen und Jäten, Cobra Museum, Amsterdam Künstlersammler: Mona Hatoum, Arturo Herrera, Karin Sander, Kunsthalle Koidl, Berlin 2010 Konversationsstücke Akt II, Johnen Galerie, Berlin 2009 Säen und Jäten, Städtische Galerie Ravensburg, Städtische Galerie Wolfsburg Zeigen, Eine Audiotour durch Berlin von Karin Sander, Temporäre Kunsthalle Berlin 2008 Auf der Erbse, Galerie der Stadt Sindelfingen We are Stardust we are golden, Galerie Johnen + Schöttle, Köln 2001 Untragbar – Mode als Skulptur, Museum für Kunst und Gewerbe, Köln Through the Looking Glass, Galerie M+R. Fricke, Berlin Blondies and Brownies, Aktionsforum Praterinsel, München 2000 Solitude im Museum, Staatsgalerie Stuttgart, Museée d’Art Moderne de Saint Etienne, France Anyone could be anyone else in most ways, Galerie Brigitte Trotha, Frankfurt am Main 1999 Kunstmuseum Wolfsburg, Germany Triennale der Kleinplastik, Forum der Südwest LB, Stuttgart Global Fun, Museum Schloss Morsbroich, Leverkusen Zoom, a view on German contemporary Art, Villa Merkel, Esslingen, Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach Kunsthalle zu Kiel 1998 The House in the Woods, Center for Contemporary Arts, Glasgow, Schottland Dundee Contemporary Arts, Schottland Ormeau Baths Gallery, Belfast, Nord Irland Kunst und Papier auf dem Laufsteg, Fashionshow, Deutsche Guggenheim, Berlin Addressing the Century, 100 Years of Art and Fashion, Hayward Gallery, London 1997 Time and Fashion, The Solomon Guggenheim Museum, Soho, New York 1996 Bodyscape, Barbara Gross Galerie, München Private View, The Bowes Museum, Barnard Castle, England Propositions, Musee Departemental de Rochechouard, Frankreich Linien und Zeichen, Künstlerhaus Bethanien, Berlin Il tempo e la Moda, Biennale di Firenze, Italien 1995 Leiblicher Logos, Staatsgalerie Stuttgart, Altes Museum, Berlin, Castello di Rivoli, Torino, Italien und viele weitere internationale Stationen Giovani Artisti Tedesci, Castello di Rivara, Torino, Italien Zimmerdenkmäler, Bochum Aperto 95, Le Nouveau Musée Villeurbanne, Lyon, Frankreich 1994 Suture – Phantasmen der Vollkommenheit, Salzburger Kunstverein, Salzburg Life is too much, Galerie des Archives, Paris Villa Pams – Le Jardin des Senteurs, Collioure, Frankreich Bad zur Sonne – 100 Umkleidekabinen, Steirischer Herbst, Graz, Österreich Trans, Galerie Chantal Crousel, Paris Expose, Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart 1992 Kunstraum neue Kunst, Hannover Le Témoin Oculiste, Centre Choréographique Nationale de Franche-Comté, Belfort, France Qui, Quoi, Ou?, Un regard sur l’Art en Allemagne 1992, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris Just what is it that makes today’s home so different, so appealing, Galerie Jennifer Flay, Paris Chambre 763, Hotel Carlton Palace, Paris 1991