Der Kreis Recklinghausen (auch mit einem Zusatz als der Vestische Kreis bezeichnet) ist eine Gebietskörperschaft im Norden des Ruhrgebiets im Nordwesten des Landes Nordrhein-Westfalen. Er ist nach der Region Hannover der bevölkerungsreichste Kreis Deutschlands sowie der bevölkerungsreichste Kreis in Nordrhein-Westfalen. Er gehört zum Regierungsbezirk Münster und ist Mitglied im Landschaftsverband Westfalen-Lippe und im Regionalverband Ruhr. Sitz des Kreises ist die große kreisangehörige Stadt Recklinghausen.
Geographie Bevölkerung und räumliche Lage Der Kreis Recklinghausen ist mit rund 617.000 Einwohnern (31. Dezember 2016) (abgesehen vom Sonderfall Region Hannover) der bevölkerungsreichste (Land-)Kreis Deutschlands. Er reicht im Norden bis ins südliche Münsterland.
Gewässer Der größte Fluss im Kreis ist die Lippe. Die Stever, rechter Nebenfluss der Lippe, dient über Wassergewinnungsanlagen in Haltern am See der Trinkwasserversorgung des nördlichen Ruhrgebiets. Der Zusatz des Stadtnamens referenziert auf die zur Trinkwassergewinnung angelegte Stevertalsperre. Im Süden des Kreises durchfließt die Emscher das Stadtgebiet von Castrop-Rauxel und bildet in Herten und Recklinghausen weitgehend die Kreisgrenze zu Herne.
Kohlebergbau und Entwässerung Jahrzehntelang hat der Steinkohlenbergbau die Wirtschaft im Ruhrgebiet vorangetrieben. Auch im Kreis Recklinghausen gab es einige Zechen, die mittlerweile alle geschlossen sind. Der Kohlebergbau hat aber auch erhebliche Schäden verursacht, u. a. durch Bergsenkungen. Bergbaubedingte Höhenänderungen im Ruhrgebiet Studie von Stefan Harnischmacher, Philipps-Universität Marburg und Harald Zepp, Ruhr-Universität Bochum, veröffentlicht im Jahr 2016, abgerufen am 7'Mai 2021 An einigen Stellen liegt der Boden mittlerweile niedriger als die umliegenden Gewässer. Ohne Deiche und Pumpwerke würden sich hier Grundwasserseen bilden, in denen Häuser und Stadtteile versinken würden, so zum Beispiel in der Stadt Herten. Daher kommt der Kreis Recklinghausen nicht ohne Pumpwerke aus. Nach dem Ende der Steinkohle: Land unter im Ruhrgebiet? National Geographic, veröffentlicht am 14. Dezember 2018, abgerufen am 7'Mai 2021 Ständiges Pumpen, damit kein Land untergeht, kostet für das ganze Ruhrgebiet etwa 220 Millionen Euro im Jahr, bezahlt von der RAG-Stiftung. Ende der Steinkohle-Ära: Ewigkeitsaufgaben belasten RAG-Stiftung – Sprecher nennt diese irre Summe Der Westen, 15'Dezember 2018, abgerufen am 7'Mai 2021 Noch unklar ist, wer auf Dauer für diese hinterlassenen Ewigkeitslasten bezahlen wird, wenn sich die Bergbaugesellschaften zurückzögen.
Kreisangehörige Städte
Der Kreis Recklinghausen gliedert sich in zehn kreisangehörige Gemeinden, von denen vier Mittlere kreisangehörige Städte und sechs Große kreisangehörige Städte sind. Für ihre örtlichen Angelegenheiten sind die Gemeinden grundsätzlich selbst zuständig, während der Kreis für kleinere Kommunen örtliche und ansonsten überörtliche Aufgaben übernimmt. Der Kreis Recklinghausen ist der einzige Landkreis in Deutschland, in dem alle Gemeinden über 25.000 Einwohner haben.
Name Einwohner Fläche Einw./km² Status AGS Castrop-Rauxel km² große kreisangehörige Stadt 05 562 004 Datteln km² mittlere kreisangehörige Stadt 05 562 008 Dorsten 0 km² große kreisangehörige Stadt 05 562 012 Gladbeck km² große kreisangehörige Stadt 05 562 014 Haltern am See km² mittlere kreisangehörige Stadt 05 562 016 Herten km² große kreisangehörige Stadt 05 562 020 Marl km² große kreisangehörige Stadt 05 562 024 Oer-Erkenschwick km² mittlere kreisangehörige Stadt 05 562 028 Recklinghausen km² große kreisangehörige Stadt 05 562 032 Waltrop km² mittlere kreisangehörige Stadt 05 562 036 km² Kreis Recklinghausen 05 562
(Einwohnerzahlen zum des LDS NRW)
Nachbarkreise bzw. -städte Der Kreis Recklinghausen grenzt, im Westen beginnend im Uhrzeigersinn, an die Kreise Wesel, Borken, Coesfeld und Unna sowie an die kreisfreien Städte Dortmund, Bochum, Herne, Gelsenkirchen, Essen und Bottrop.
Geschichte Im Mittelalter gehörte das Gebiet um Recklinghausen, das Vest Recklinghausen, zum Kurfürstentum Köln. Von 1446 bis 1576 wurde es an die Herren von Gemen und Schaumburg-Lippe verpachtet. 1811 wurde es dem Herzogtum Berg angeschlossen.
mini|hochkant=2|Der Kreis Recklinghausen im Jahr 1845 mini|hochkant=2|Der Kreis Recklinghausen auf den Kartenblättern des Deutschen Reiches (Ende 19. Jahrhundert) mit heutigen Verwaltungsgrenzen und Gewässerverläufen; aufgehellt und hellgrün umkreist sind alle Gebiete, die je zum Kreis gehörten, also zusätzlich zum Gebietsstand im 19. Jahrhundert die Teile Halterns nördlich der Lippe und die Teile Castrop-Rauxels südlich der Emscher sowie 1929 und 1975 zu Dorsten hinzugekommene Gebiete südlich der Lippe und westlich der Altstadt.
Nach dem Wiener Kongress wurde das Vest Recklinghausen 1815 zusammen mit anderen westfälischen Gebieten dem Königreich Preußen zugeschlagen und in die Provinz Westfalen integriert. In der Folge entstanden am 25. Juli 1816 der preußische Regierungsbezirk Münster und am 10. August 1816 der Kreis Recklinghausen.Albert Weskamp: Der Landkreis Recklinghausen. Geschichte, Entwicklung und Zukunftsaufgaben. In: Kurt Angermann (Hrsg.): Landkreis Recklinghausen. Dari-Verlag, Berlin-Halensee 1929, S. 1–6. Dieser umfasste das ehemalige Vest Recklinghausen, das zwischen Emscher und Lippe lag, sowie die Herrlichkeit Lembeck nördlich der Lippe mit den Kirchspielen Altschermbeck, Erle, Hervest, Holsterhausen, Lembeck, Rhade und Wulfen, die die Bürgermeistereien Lembeck und Altschermbeck bildeten und in Personalunion verwaltet wurden.
Bürgermeistereien und Ämter Der Kreis Recklinghausen bestand zunächst aus den folgenden Bürgermeistereien: (in Klammern die Einwohnerzahl Mitte der 1830er JahreWestfalenlexikon 1832–1835, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Westfälisches Landesamt für Archivpflege (1978); Zahlen übernommen aus: und 1895Hic Leones, Historisch-geographische Enzyklopädie der Welt (1880–1898); Zahlen übernommen aus: und Ortsteile summiert; Zahlen mit Stern entstammen anderen Wikipedia-Artikeln und referenzieren die Volkszählung 1895):
Bürgermeisterei Altschermbeck (2.474 / 2.604) Altschermbeck (908 / 936) Erle (761 / 760) Holsterhausen (292 / 391) Rhade (513 / 517) Bürgermeisterei Bottrop (5.433 /?) Bottrop (2.605 / 18.015*) Kirchhellen (2.214 /?) Osterfeld (614 / 6.622) Bürgermeisterei Buer (7.303 / 26.726) Buer (3583 / 16.031*) Gladbeck (2.505 / 5.648) Horst (535 / 3.853) Westerholt (685 / 1.196*) Bürgermeisterei Datteln (8.253 / 13.676) Ahsen (674 / 604) Datteln (3.325/5.283) Flaesheim (397 / 564) Henrichenburg (660 / 1.530) Horneburg (362 / 388) Waltrop (2.835 / 5.307) Bürgermeisterei Dorsten (6.295 / 10.685) Stadt Dorsten (2.406 / 4.234) Feldmark Kirchspiel Dorsten (Bauerschaften Altendorf und Ulfkotte) (843 / 862) Marl (1.822 / 3.266) Polsum (701 / 1.281) Hamm (523 / 1042) Bürgermeisterei Lembeck (3.321 / 4542) Hervest (521 / 1.202) Lembeck (1.883 / 1.929) Wulfen (mit Deuten; 917 / 1.411) Bürgermeisterei Recklinghausen (8.716 / 37.743) Stadt Recklinghausen (2.433 / 20.644*) Recklinghausen-Land (3.792 / 8.776) Herten (950 / 4.079) Oer (832 / 2.088) Suderwich (699 / 1.952)
Recklinghausen und Dorsten erhielten 1837 die Preußische revidierte Städteordnung von 1831 und schieden aus den jeweiligen Bürgermeistereien aus.Einführung der revidierten Städteordnung in DorstenEinführung der revidierten Städteordnung in Recklinghausen Der Rest der Bürgermeisterei Dorsten bildete die Bürgermeisterei Marl. Mit der Einführung der Landgemeinde-Ordnung für die Provinz Westphalen von 1841 wurden bis 1844 die Bürgermeistereien in Ämter überführt.Landgemeinde-Ordnung für die Provinz Westphalen vom 31. Oktober 1841 (PDF; 1,6 MB) Der Kreis Recklinghausen war danach zunächst in die beiden amtsfreien Städte Dorsten und Recklinghausen sowie neun Ämter mit insgesamt 28 amtsangehörigen Gemeinden gegliedert:
Amt Gemeinden (1844) amtsfreie Städte Dorsten und Recklinghausen AltschermbeckAmtsblatt der Regierung Münster 1844: Bildung der Ämter Altschermbeck und Lembeck Altschermbeck, Erle, Holsterhausen und Rhade BottropAmtsblatt der Regierung Münster 1844: Bildung der Ämter Bottrop und Kirchhellen Bottrop und Osterfeld BuerAmtsblatt der Regierung Münster 1844: Bildung des Amtes Buer Buer, Gladbeck, Horst und Westerholt DattelnAmtsblatt der Regierung Münster 1844: Bildung der Ämter Datteln und Waltrop Ahsen, Datteln und Flaesheim Kirchhellen Kirchhellen Lembeck Hervest, Lembeck und Wulfen MarlAmtsblatt der Regierung Münster 1844: Bildung des Amtes Marl Altendorf-Ulfkotte, Hamm, Marl und Polsum RecklinghausenAmtsblatt der Regierung Münster 1844: Bildung des Amtes Recklinghausen Herten, Oer, Recklinghausen-Land und Suderwich Waltrop Henrichenburg, Horneburg und Waltrop
In der Folgezeit wurde die Amtseinteilung mehrfach geändert: 1857 schied Herten aus dem Amt Recklinghausen aus und bildete ein eigenes Amt.Amtsblatt der Regierung Münster 1857: Bildung des Amtes Herten Die Ämter Datteln und Waltrop wurden bis 1857 in Personalunion verwaltet und dann endgültig getrennt.Amtsblatt der Regierung Münster 1857: Trennung der Verwaltung der Ämter Datteln und Waltrop Die Ämter Bottrop und Kirchhellen wurden bis 1858 in Personalunion verwaltet und dann endgültig getrennt.Amtsblatt der Regierung Münster 1858: Trennung der Verwaltung der Ämter Bottrop und Kirchhellen 1885 schied Gladbeck aus dem Amt Buer aus und bildete ein eigenes Amt. 1891 schied Horst aus dem Amt Buer aus und bildete ein eigenes Amt. 1891 schied Osterfeld aus dem Amt Bottrop aus und bildete ein eigenes Amt.Amtsblatt der Regierung Münster 1891: Bildung des Amtes Osterfeld Nachdem die Gemeinde Buer 1911 Stadtrechte erhielt und aus dem Amt Buer ausgeschieden war, bildete Westerholt als einzige im Amt Buer verbliebene Gemeinde das Amt Westerholt. 1926 wurde das Amt Recklinghausen aufgelöst und auf die Stadt Recklinghausen sowie die Ämter Datteln, Herten und Marl aufgeteilt. 1929 wurde, bisherige Ämter vereinigend, aus den Ämtern Altschermbeck und Lembeck (zusammen Herrlichkeit Lembeck) das Amt Hervest-Dorsten gebildet. Gleichzeitig kamen die damalige Stadt Haltern und das Amt Haltern aus dem Kreis Coesfeld zum Landkreis Recklinghausen. 1934 wurden die verbliebenen Einzelgemeindeämter Herten, Kirchhellen und Westerholt aufgehoben. 1937 trat die Stadt Dorsten dem Amt Hervest-Dorsten bei., Lions Club Dorsten-Hanse 1964 wurde das Amt Datteln aufgelöst. Seine Gemeinden waren seitdem amtsfrei.Chronik der Feuerwehr Oer-Erkenschwick (PDF; 1,1 MB) Zum 1. Januar 1975 wurden durch das Ruhrgebiet-Gesetz die vier verbliebenen Ämter Haltern, Hervest-Dorsten, Marl und Waltrop aufgelöst.
Stadtrechte und Auslagerungen Während Recklinghausen, Dorsten und das erst 1929 zum Kreis hinzugekommene Haltern schon seit dem 13. Jahrhundert Stadtrechte genossen, wurden andere Orte des Landkreises erst durch die Industrialisierung um die Jahrhundertwende bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zu Städten. Insbesondere die emschernahen, im Süden gelegenen Orte wie Osterfeld, Bottrop, Buer, Herten und Recklinghausen vervierfachten ihre Einwohnerzahlen innerhalb von 60 Jahren mindestens, während nördlich der Lippe die Einwohnerzahlen in etwa konstant blieben (s. o., Bürgermeistereien).
Die Verleihung von Stadtrechten und Kreisfreiheit wirkt sich in nicht geringem Maße auf den Kreis Recklinghausen aus: 1901 wird Recklinghausen kreisfrei. Der Kreis Recklinghausen heißt nunmehr Landkreis Recklinghausen. 1911 erhält Buer Stadtrechte und 1912 die Kreisfreiheit. 1928 werden Buer und Horst mit Gelsenkirchen vereinigt. 1919 erhalten Bottrop und Gladbeck Stadtrechte und werden 1921 kreisfrei; erst 1976 kommt Gladbeck wieder zum Kreis Recklinghausen. 1921 erhält Osterfeld Stadtrechte und wird 1922 kreisfrei; 1929 Vereinigung mit Oberhausen (und Sterkrade)