Das Evangelische Studienwerk e. V. Villigst ist eines der dreizehn großen Begabtenförderungswerke in Deutschland. Es vergibt nach bestimmten Kriterien Stipendien aus öffentlichen Mitteln an besonders begabte und gesellschaftlich engagierte Studierende und Promovierende aller Fachrichtungen.
Es werden derzeit etwa 1500 Studierende für die Dauer ihres gesamten Studiums sowie etwa 280 Promovierende gefördert.
Neuaufnahmen in die Förderung erfolgen zum Beginn des Sommer- und Wintersemesters. Die Aufnahme in die Förderung des evangelischen Studienwerks ist wie bei allen Begabtenförderungswerken sehr kompetitiv. Von allen eingehenden Bewerbungen wurden in den letzten Jahren etwa 11 % an- und in die Förderung aufgenommen. Seit Gründung konnte das evangelische Studienwerk mehr als 6000 Studierende fördern.
Das Studienwerk hat seinen Sitz im Haus Villigst in Schwerte und ist das drittälteste der dreizehn großen Begabtenförderungswerke in Deutschland. mini|Haus Villigst, Eingangsbereich
Geschichte 1948 wurde das Evangelische Studienwerk als Begabtenförderwerk der evangelischen Kirche ins Leben gerufen. Die Gründung geht dabei auf die Ankunft von 16 „Werksemester“-Studierenden in Haus Villigst bei Schwerte zurück. Diese Studierenden setzten den während des Krieges zerstörten ehemaligen Adelssitz wieder in Stand und finanzierten ihre akademische Ausbildung durch Arbeit in den umliegenden Industriebetrieben des Ruhrgebiets. Die so erworbenen Gelder bildeten die ersten Stipendien. Die erste Gründungsversammlung war am 15. November 1948. Die formell-rechtliche Gründung des Studienwerks fand knapp ein Jahr später am 2. November 1949 in Frankfurt am Main statt.
Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur sollte dem Studienwerk die Aufgabe zukommen, an der Herausbildung neuer, christlich-protestantisch geprägter Führungspersönlichkeiten mitzuwirken. Durch die Vernetzung sowie durch die fachliche und persönliche Förderung junger Menschen mit einem ausgeprägten Bewusstsein für die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung soll ein Beitrag zur demokratischen Entwicklung der Bundesrepublik geleistet werden.
Mehr als 6000 junge Menschen wurden inzwischen sowohl finanziell als auch ideell durch das Evangelische Studienwerk unterstützt. Zu dessen Leitern gehörte unter anderem der Theologe und Psychologe sowie Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie Gernot Czell.Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 200.
Im Jahr 2023 feierte das Evangelische Studienwerk sein 75-jähriges Bestehen.
Christlich-protestantisches Profil und Leitbild Nach dem Grundverständnis des Begabtenförderungswerks beschränkt sich gelebter christlicher Glaube nicht auf die rein persönliche Sphäre. Vielmehr obliegt es jedem Einzelnen, gerade im gesellschaftlichen Bereich die eigene christliche Verantwortung wahrzunehmen und besondere intellektuelle und künstlerische Begabungen sozial, zukunftsorientiert und in offenen gemeinschaftlichen Bezügen zu investieren.
Die Stipendiaten und ehemaligen Stipendiaten des Evangelischen Studienwerks sollen diesem Erfordernis in ihrer gesellschaftlichen Position in jedem Bereich nachkommen, sei es in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Kirche, Kultur oder Rechtspflege. Hierfür erwartet das Studienwerk von den Stipendiaten eine hohe Bereitschaft zur individuellen Bildung sowie die Bereitwilligkeit für den Einsatz der erworbenen Fähigkeiten in der Gesellschaft.
Förderprogramme Das Begabtenförderungswerk unterscheidet verschiedene Förderprogramme, die jeweils die „Förderung im materiellen und ideellen Sinne“ umfassen.
Für die Grundförderung,Grundförderung auf villigst.de. an der die meisten Stipendiaten teilhaben, können sich Abiturienten und Hochschulstudierende bis zum dritten Fachsemester (Zeitpunkt der Bewerbung) bewerben. Der Kontakt zum Evangelischen Studienwerk wird durch Eigenbewerbung oder Empfehlung aufgenommen. Nach einer erfolgreichen Bewerbung nehmen die Stipendiaten ohne Probezeit für die Dauer des gesamten Studiums an der Förderung teil. Zu den Erfordernissen einer Bewerbung und zum Bewerbungsverfahren siehe unten.
Mit dem Promotionsstipendium bietet das Evangelische Studienwerk ein gesondertes Programm für Promovierende aller Fachrichtungen an.Promotionsförderung auf villigst.de. Dieses Programm umfasst derzeit etwa 200 Stipendiaten. Die Förderung erfolgt zunächst für zwei Jahre, kann aber auf Antrag auf drei Jahre verlängert werden.
Das Stipendium für Geflüchtete richtet sich an Studierende mit Fluchterfahrung, die an deutschen Hochschulen studieren. Studierende aller Religionen und Glaubensrichtungen können sich bewerben. Voraussetzungen sind neben der Fluchtgeschichte Deutschkenntnisse auf dem Niveau C1 sowie eine Förderberechtigung nach § 8 BAföG. Die Förderung umfasst neben finanzieller Unterstützung auch eine persönliche Begleitung und viele weitere Angebote.Stipendium für Geflüchtete auf villigst.de.
Im Rahmen des Projekts »Begabung aus-bilden« des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wird aktuell an der Entwicklung eines Studienprogramms für junge Menschen in Ausbildungsberufen geschaffen. Die Förderung soll wie die Grundförderung für Studierende finanzieller und ideeller Natur sein. Es sollen spezielle Förderformate für diese neue Zielgruppe geschaffen werden.
Ideelle und materielle Förderung Die Förderung durch das Evangelische Studienwerk umfasst in allen Stipendienprogrammen die materielle, finanzielle und die ideelle, persönlichkeitsbildende Förderung.
Materielle Förderung In der [Grundförderung] erhält jeder Stipendiat – gemäß den Vergaberichtlinien des Bundesministerium für Bildung und Forschung – eine monatliche Studienkostenpauschale von 300 Euro, welche unterschiedslos gewährt wird. Abhängig von der persönlichen Situation und vom Einkommen der Eltern wird daneben auf Grundlage der Richtlinien des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ein Stipendium von bis zu 812 Euro im Monat gewährt.evstudienwerk.de: , abgerufen am 23. Januar 2019. Des Weiteren unterstützt das Evangelische Studienwerk durch die Übernahme von Reisekosten und Studiengebühren sowie durch spezielle Zuschläge die Durchführung von Auslandsstudienaufenthalten der Stipendiaten. Gefördert werden auch Sprachkurse im Ausland.
Promovierende erhalten eine monatliche Forschungspauschale von 100 Euro und ein Stipendium von bis zu 1450 Euro im Monat. Kinderbetreuungskosten werden bezuschusst, ein Elternjahr gefördert.evstudienwerk.de: , abgerufen am 23. Januar 2019.
Die Zuwendungen des Studienwerks müssen, anders als BAföG-Leistungen, nach dem Ende des Studiums nicht zurückgezahlt werden.
Ideelle Förderung Die ideelle Förderung durch das Evangelische Studienwerk umfasst ein Seminarprogramm, die Möglichkeit zur aktiven Beteiligung in den stipendiatischen Gremien des Studienwerks und die persönliche Studienbetreuung der Stipendiaten.
Seminarprogramm Den Schwerpunkt der ideellen Förderung durch Seminare und interdisziplinäre Veranstaltungen bildet die jährlich stattfindende so genannte Sommeruniversität. Diese umfasst mehrtägige Seminarveranstaltungen, die meist im Sitz des Studienwerks und der Evangelischen Akademie in Meißen abgehalten werden. Die Seminare finden in den Monaten August und September parallel zueinander statt. Die Sommeruni verfolgt bewusst einen interdisziplinären Ansatz und eine gezielt wissenschaftliche Herangehensweise an die behandelten Themen. Sie ist auch für Außenstehende offen, die an den Seminaren teilnehmen können. Sie wird jährlich durch den stipendiatischen Programmausschuss zu einem ausgewählten Oberthema vorbereitet.
Neben der Sommeruni finden regelmäßig Fachtagungen, Promovierendentreffen und Veranstaltungen in Kooperation mit den anderen Begabtenförderungswerken oder auch Unternehmen statt.
Beteiligung der Stipendiaten Ein wichtiger Grundsatz des Studienwerks ist die konsequente Beteiligung der Stipendiaten in allen Bereichen des Studienwerks. Stipendiaten sind in den Auswahlkommissionen vertreten, bereiten Seminare und Fachtagungen vor und sind an den Hochschulen in Hochschulgruppen, den Konventen, aktiv. Insbesondere hat jedoch der stipendiatische Senat die Möglichkeit, das Geschehen und die Diskussionen im Studienwerk aktiv mitzubestimmen. Auch in der Geschäftsstelle, im Aufsichtsrat und im Kuratorium des Evangelischen Studienwerks sind die Stipendiaten direkt vertreten. Des Weiteren existieren verschiedene stipendiatische Arbeitsgemeinschaften, die sich schwerpunktmäßig mit einzelnen Themen auseinandersetzen sowie das stipendiatische Magazin Brühwürfel.
Betreuung Eine persönliche Studienbetreuung ist Bestandteil der Förderung. Hierzu ist das Studienwerk an jedem Hochschulort durch Vertrauensdozenten vertreten. Im Studienwerk selbst ist jedem Hochschulort ein Studienleiter zugeordnet, der jeweils den persönlichen Kontakt zu den Stipendiaten hält.
Verpflichtungen der Stipendiaten Stipendiaten verpflichten sich zur Teilnahme an einer Einführungsfreizeit, der Mitarbeit in der Öffentlichkeitsarbeit und der Anfertigung regelmäßiger Semester- oder Jahresberichte.
Struktur Der eingetragene gemeinnützige Verein wird von den evangelischen Landeskirchen in Deutschland getragen. Die Stipendien werden aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gezahlt. Das Bildungsprogramm wird aus Beiträgen der Kirchen und privaten Spenden finanziert. Private Mittel fließen dem Studienwerk auch aus der Stiftung Evangelische Begabtenförderung zu.
Der Sitz der Verwaltung befindet sich im Haus Villigst bei Schwerte. Die Geschicke des Evangelischen Studienwerks werden hauptsächlich von der Leitung und dem Vorstand des Studienwerks gelenkt, die mit den stipendiatischen Gremien zusammenarbeiten. Im Kuratorium sind unter anderem Vertreter der Landeskirchen und der ehemaligen Stipendiaten vertreten. An den einzelnen Hochschulorten sind die Stipendiaten in Konventen organisiert. Die ehemaligen Stipendiaten sind als so genannte Altvilligster in Regionalgruppen verbunden und durch den Fünferrat an den Entscheidungsprozessen im Studienwerk beteiligt.
Prominente Altvilligster Zu den bekanntesten ehemaligen Stipendiaten zählen: Jörg Asmussen, Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank Arnulf Baring, HistorikerArnulf Baring: Der Unbequeme. Autobiografische Notizen. Europa Verlag, Berlin 2013, S. 135. Kurt Biedenkopf, ehemaliger sächsischer Ministerpräsident Alfred Buß, evangelischer Theologe, ehemaliger Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen Otto von Campenhausen, ehemaliger Präsident des Kirchenamts der EKD Klaus Biesenbach, ehemaliger Chief Curator at Large am Museum of Modern Art Angelika Dörfler-Dierken, evangelische Theologin und Kirchenhistorikerin Thomas Eller, Künstler und Autor Martin Führ, Jurist, Professor an der Hochschule Darmstadt Wolfgang Herzog, Mediziner, ehemaliger Professor der Universität Heidelberg Edzard Hüneke, Sänger der A-cappella-Gruppe Wise Guys Bernd Janowski, evangelischer Theologe und Alttestamentler Siglinde Kallnbach, bildende Künstlerin Margot Käßmann, Bischöfin a. D., ehemalige Vorsitzende des Rates der EKD Paul Alfred Kleinert, Schriftsteller Hans-Jürgen Krupp, Ökonom und Politiker (SPD) Benjamin Lang, Komponist und Professor für Musiktheorie (Berlin) Ulrich Lilie, evangelischer Theologe, ehemaliger Diakonie-Präsident Kristof Magnusson, Schriftsteller Dieter Mehl, emeritierter Professor für Anglistik Sumaya Farhat-Naser, palästinensische Friedensvermittlerin im Westjordanland Anna von Notz,Portrait der EKD, abgerufen am 8. April 2025 Rechtswissenschaftlerin, Mitglied des Rates der EKD Ludwig Pauli, Archäologe Konrad Raiser, ehemaliger Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen Margot von Renesse, Bundestagsabgeordnete (SPD) Henning Scherf, ehemaliger Bremer Bürgermeister Bernhard Schlink, Juraprofessor und Schriftsteller