miniatur|hochkant|Hans Bernoulli Hans Benno Bernoulli (* 17. Februar 1876 in Basel; † 12. September 1959 ebenda) war ein Schweizer Architekt, Städtebauer, Hochschullehrer und Anhänger der Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells. Er entstammte der Gelehrtenfamilie Bernoulli. Er lebte und arbeitete seit 1897 in Deutschland, bis er 1912 wieder nach Basel zog.
Leben Bernoulli war der Sohn des Bureauangestellten Theodor Bernoulli (1837–1909) und der Maria Bieder (1845–1920). Die spätere Frauenrechtlerin und im Kampf gegen den Alkoholismus engagierte Elisabeth Bernoulli war seine Schwester und der Kunsthistoriker Rudolf Bernoulli sein Bruder.
Bernoulli verliess ohne Abschluss das Humanistische Gymnasium in Basel. Im selben Jahr begann er eine kaufmännische Lehre, die er aber ebenfalls nicht beendete. Mit 18 Jahren begann er eine Lehre als Bauzeichner bei den Architekten Alfred Romang und Wilhelm Bernoulli. Diese Lehre schloss Bernoulli erfolgreich ab und besuchte zwischen 1897 und 1898 die Technische Hochschule München; Freundschaft mit seinem Basler Kollegen Hans Hindermann. In München wurde Bernoulli Schüler von Friedrich von Thiersch. Im darauffolgenden Jahr nahm ihn Thiersch als Mitarbeiter in sein privates Architekturatelier auf.
Gefördert und unterstützt von Thiersch besuchte Bernoulli 1900 die Technische Hochschule Karlsruhe. Nach Beendigung seines Studiums volontierte Bernoulli in den Jahren 1901 bis 1902 bei verschiedenen Architekten in Darmstadt und Berlin. 1902 liess er sich für zehn Jahre als freischaffender Architekt in Berlin nieder.
Neben seiner freiberuflichen Arbeit war er dort gleichzeitig noch als Dozent an der Technischen Hochschule (Berlin-)Charlottenburg und an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin tätig. In dieser Zeit unternahm Bernoulli auch mehrere Studienreisen nach Österreich, Italien und Dänemark. 1904 heiratete Bernoulli in Berlin Anna Ziegler, eine Tochter des Pastors Heinrich Ziegler.
1912 berief ihn die Basler Baugesellschaft zu ihrem Chefarchitekten und damit auch in den Vorstand. Im darauffolgenden Jahr betraute man Bernoulli mit einem Lehrauftrag für Städtebau an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ); sechs Jahre später avancierte er zum Professor.
1938 kam es zum Skandal, als Bernoulli seine politischen satirischen Gedichte unter dem Pseudonym Emanuel Kupferblech in der Freigeld Vereinsschrift veröffentlichte. Als Freiwirtschaftler und Anhänger Silvio Gesells hatte er sich sehr kritisch über die staatliche Finanzpolitik geäussert. Sein Lehrauftrag wurde nicht verlängert und sein Professorentitel wurde ihm aberkannt, da er mit diesen Ansichten für die ETHZ «untragbar» geworden sei. Einer seiner Schüler an der ETH war Albert Bodmer, von dem er später auch nach Winterthur geholt wurde, wo er für die Heimstättengenossenschaft mehrere Bauprojekte in der Stadt realisierte. alternativtext=Hans Bernoulli-Ziegler (1876–1959), Architekt. Elisabeth Bernoulli (1873–1935) Frauenrechtlerin. Grab, Wolfgottesacker, Basel.|mini|Grab, Wolfgottesacker, Basel. An seinem 71. Geburtstag ehrte ihn die Universität Basel mit der Ehrendoktorwürde. 1947 bis 1951 sass er für den Landesring der Unabhängigen (LdU) im Nationalrat (Vertreter von Basel-Stadt).
Nach dem Zweiten Weltkrieg half er mit, die zerstörten Städte wieder aufzubauen. Zusammen mit Silvio Gesell gründete Bernoulli den schweizerischen Freiwirtschaftsbund. Als Politiker vertrat er sozial-liberale Ansichten und engagierte sich sehr im sozialen Wohnungsbau mit Gartenstadtsiedlungen (z. B. die Bernoullihäuser an der Hardturmstrasse in Zürich) oder der Einführung von vorfabrizierten Bauelementen in den späten Vierzigerjahren. Hans Bernoulli arbeite lange mit Louis Léon Weber zusammen.
Er bekämpfte sein Leben lang die Spekulation und setzte sich – allerdings vergeblich – für die Kommunalisierung des Bodens ein (Zitat: «Grund und Boden der Stadt, Hausbesitz den Privaten»).
In Warschau konnte er aktiv bei Stadtbauexperimenten und Wiederaufbau mitwirken. Auch in Ungarn und Österreich war er beratend tätig. Die Zürcher Häuser sollten zum Selbstkostenpreis verkauft werden, um auch für «Büezer» (Arbeiter) erschwinglich zu sein. Man kann Bernoulli mit seinen städtebaulichen Ansichten durchaus in der Nachfolge von Friedrich Ostendorf sehen. Ausserdem gründete Bernoulli die Zeitschrift für eine natürliche Wirtschaftsordnung.
Hans Bernoulli fand seine letzte Ruhestätte auf dem Wolfgottesacker in Basel. Der Architekt Rudolf Christ (1895–1975) schrieb den Nachruf.
Bauten mini|Eigenheimkolonie kaufmännischer Angestellter, GesamtplanSiedlungen mini|Wasserhaus-Wohnsiedlung 1919: «Bernoullihäuser» in Grenchen, Rebgasse 61–67 1920–1923: Genossenschaftssiedlung «Im langen Loh» in Basel, Im Langen Loh 1920–1922: Genossenschaftssiedlung Eigenheimkolonie kaufmännischer Angestellter in Basel, Neubadquartier 1920–1921: Genossenschaftssiedlung Wasserhaus im Quartier Neue Welt von Münchenstein 1924–1929: «Bernoullihäuser» in Zürich, Hardturmstr. (in zwei Bauetappen: 1924–1926 bzw. 1928–1929) 1924–1934: Wohnbebauung «Hirzbrunnenareal» in Basel 1925: «Siedlung im Vogelsang» in Basel 1944–1948: Genossenschaftssiedlung «Im Landauer» in Basel
Zweckbauten mini|Hotel Baltic 1906: Wohn- und Geschäftshaus «Haus Brandenburg» in Berlin-Charlottenburg, Kurfürstendamm 1908–1910: Sozialgebäude und Badehaus für die Chemische Fabrik Griesheim-Elektron in Offenbach am Main 1909–1910: «Hotel Baltic» in Berlin 1912: «Oderbrunnen» (auch «Steinbockbrunnen») in Frankfurt (Oder) 1912: Geschäftshaus der Firma Fischbein & Mendel in Berlin-Kreuzberg, Lindenstr. 44–47Schweizerische Bauzeitung vom 24. August 1912, S. 105 f. (und unpaginierte Kunstdrucktafeln) 1914–1915: Geschäftshaus «Lällenkönig» in Basel 1914–1915: Frauenarbeitsschule in Basel 1915–1916: Tramdepot am Dreispitz in Basel 1921: Wohnhaus Riggenbach in RiehenFelix Steininger: Haus Riggenbach. In: Gemeinde Lexikon Riehen. 1923: Getreidesilo (gen. «Bernoullisilo») in Basel, Hafenstr. 7 1956: Erweiterung des Realgymnasiums in Basel (mit Mumenthaler und Meier)
Weitere Werke 1895: Grabmal für Graf Georg von Werthern (1816–1895) auf dem Weissen Berg nahe Beichlingen 1915: Ferienhaus «Landhaus Bilsteinfluh» in Langenbruck
Schriften Architektur Der Wiederaufbau von Sent. In: Heimatschutz = Patrimoine, Bd. 17, 1922, S. 2–10 (Digitalisat). Aus dem Skizzenbuch eines Architekten. Wepf, Basel 1943. Die organische Erneuerung unserer Städte. Wepf, Basel 1942. Die Stadt und ihr Boden. Verlag für Architektur, Erlenbach 1943. Zeitschrift für eine natürliche Wirtschaftsführung. Vom Wachsen und Wandeln unserer Stadt. In: Basler Jahrbuch 1955, S. 7–23.
Wirtschaftspolitik Der Goldschwindel und andere wirtschaftspolitische Komödien. Genossenschaft Verlag Freiwirtschaftlicher Schriften, Bern 1927. Im Irrgarten des Geldes. Verlag des Pestalozzi-Hauses, Bern 1935.
Lyrik Das Karnickel und andere blutige Späße über unsere Wirtschaftsführung. Gedichte. Verlag des Pestalozzi-Hauses, Bern 1939. Der Staatsknecht und andere Reimereien über die Nöte unserer Zeit. Gedichte. Berlin 1940.
Anderes Das Leuenbergspiel, 1934. Musik: Otto Studer.
Ehrungen Im Jahr 1965 wurde im 22. Wiener Gemeindebezirk die Bernoullistraße nach ihm benannt.
Literatur Sylvia Claus, Lukas Zurfluh (Hg.): Städtebau als politische Kultur . Der Architekt und Theoretiker Hans Bernoulli, gta Verlag, Zürich 2018, ISBN 978-3-85676-353-4. Karl und Maya Nägelin-Gschwind (Hrsg.): Hans Bernoulli. Architekt und Städtebauer. Mit einem Geleitwort von Mario Botta, Birkhäuser, Basel 1993, ISBN 3-7643-2829-0. Werner Schmid: Hans Bernoulli. Städteplaner, Politiker, Weltbürger. Meili, Schaffhausen 1974, ISBN 3-85805-044-X. archithese. Zeitschrift und Schriftenreihe für Architektur und Kunst (6/81). Verlag Arthur Niggli AG, Zürich 1981. Dr. H. C. Hans Bernoulli zum fünfundsiebzigsten Geburtstag am 17. Februar 1951, gewidmet von seinen Freunden, Bern 1951. Werner Schmid: Prof. Dr. h.c. Hans Bernoulli (1876–1959). In: Basler Stadtbuch 1961, S. 254–262. Architektur und Kunst: Die Skizzenbücher von Hans Bernoulli, doi:10.5169/seals-86935#227 In: E-Periodica, 1942 Aus dem Skizzenbuch eines Architekten. Zu den Handzeichnungen von Hans Bernoulli. In: Die Kunstwelt, Deutsche Zeitschrift für die bildende Kunst, 1912/1913, S. 192–202 (Digitalisat). Tilo Richter: Ein Bildungsort mit Tradition. In: Basler Stadtbuch 2014, S. 123–125.
Weblinks
Publikationen von und über Hans Bernoulli im Katalog Helveticat der Schweizerischen Nationalbibliothek
Luzia Knobel: Hans Bernoulli. In: Gemeinde Lexikon Riehen Städtebau als politische Kultur, Website zum Forschungs- und Lehrprojekt zu Hans Bernoulli des MAS ETH in Geschichte und Theorie der Architektur.
Hans Bernoulli In: E-Periodica
Einzelnachweise
Kategorie:Architekt (Schweiz) Kategorie:Architekt (Berlin) Kategorie:Stadtplaner (Schweiz) Kategorie:Person (Münchenstein) Kategorie:Nationalrat (Basel-Stadt) Kategorie:LdU-Mitglied Kategorie:Person (Freiwirtschaft) Kategorie:Hochschullehrer (ETH Zürich) Hans Bernoulli Kategorie:Ehrendoktor der Universität Basel Kategorie:Schweizer Kategorie:Geboren 1876 Kategorie:Gestorben 1959 Kategorie:Mann Kategorie:Lebensreform in der Schweiz Kategorie:Person (Lebensreform)