Die Masora (auch Massora oder Masorah, ) ist derjenige Zweig jüdischer Tradition, der sich mit der Sicherung des hebräischen Bibeltextes befasst. Die Masora gehört zusammen mit Mischna, Talmud, Targumim und Midraschim zur mündlichen Tora und ist, wie die genannten Werke der rabbinischen Literatur, erst Jahrhunderte nach ihrer Entstehung schriftlich fixiert worden. Ihr Ziel war die Bewahrung des Wortlauts, der traditionellen Aussprache und Akzentuierung des Textes sowie die Konservierung orthographischer und anderer Eigentümlichkeiten des Schriftbildes. Das Wissen wurde zunächst mündlich tradiert, wobei zur Sicherung ungewöhnlicher Formen Listen zusammengestellt wurden, die dazu dienten, die seltenen Formen zusammen mit ihren Belegstellen auswendig zu lernen. Etwa ab dem 7. oder 8. JahrhundertYeivin, Introduction to the Tiberian Masorah, 164. wurden Akzente, Vokale und masoretische Anmerkungen (Masora magna, Masora parva und Masora finalis) auch in Handschriften biblischer Bücher eingetragen, die dem Studium dienten.

Als masoretischen Text bezeichnet man den von der Masora bewahrten vokalisierten und akzentuierten jüdischen Bibeltext. Unter Masoreten werden heute diejenigen Gelehrten des 7.–10. Jahrhunderts verstanden, die sich vor allem in Babylonien und Palästina der Kodifizierung dieser Tradition gewidmet haben.

Terminologie Zur ursprünglichen Bedeutung des Wortes Masora (oder Massoret, ) gibt es verschiedene Erklärungen, entsprechend den verschiedenen Bedeutungen der Wurzel msr. Die am häufigsten angenommene Bedeutung ist „Überlieferung“. Im Mischnatraktat Pirqe Avot wird die Weitergabe der Tora von Mose über Josua, die Ältesten, die Propheten bis zu den Männern der Großen Versammlung mit dem Verb msr ausgedrückt. Die Männer der Großen Versammlung, also der Sanhedrin zur Zeit Esras, hätten unter anderem geboten, einen Zaun um die Tora zu machen (Abot 1,1). Damit ist die mündliche Tora gemeint, also Mischna, Talmud, Targumim und Midraschim – aber auch die Masora im engeren Sinne. Wenn Rabbi Aqiba Masoret, also „Überlieferung“, als Zaun für die Tora bezeichnet (Avot 3,13), ist allerdings wahrscheinlich die ganze mündliche Tora gemeint.

Israel Yeivin nennt in seiner Einführung in die Masora zwei weitere mögliche Bedeutungen von Masora: Das Wort kann zum einen „Merkzeichen“ bedeuten – dann bezeichnet es die charakteristischen Merkhilfen für besondere Wortformen. Oder es bedeutet „Zählen“ – dann verbindet es die seit ältester Zeit belegte Übung, Buchstaben, Wörter und Verse des Textes zu zählen, mit der aufzählenden Masora.Yeivin, Introduction to the Tiberian Masorah, 34–35.

Geschichte der Masora Das Anliegen der Masora, den Text bis in seine Einzelheiten hinein genau zu bewahren, ist viel älter als die bekannten Masoreten des 8.–10. Jahrhunderts. Die sogenannten protomasoretischen Texte aus der Wüste Juda (Massada, Wadi Murabbaat), die bis in orthographische Details hinein mit den Musterhandschriften des 10. Jahrhunderts übereinstimmen, zeigen, dass es Vorläufer gegeben haben muss.

Soferim Nach einer Tradition, die im Traktat Qidduschin des babylonischen Talmud überliefert ist, wurden bereits zur Zeit Esras die Buchstaben der Tora und anderer Bücher gezählt. Das wird mit einem Wortspiel begründet, da der Titel „Schreiber“ (, Plural ), den unter anderem Esra trägt (), zugleich auch „Zählender“ bedeuten kann: Die Ersten hießen Soferim (d.h., „Schreiber“ und zugleich „Zählende“), weil sie die Buchstaben der Tora zählten.Babylonischer Talmud, Qidduschin 30a. Yeivin rechnet mit dem Wirken der Soferim bis zum 6. Jahrhundert, dem Ende der talmudischen Ära.Yeivin, Introduction to the Tiberian Masorah, 131.

Die Schreiber hatten bei der Anfertigung von Rollen biblischer Bücher vielfältige Details zu beachten, die in zwei außerkanonischen Traktaten geregelt wurden, dem etwas älteren „Traktat Sefer Tora“ und dem etwas jüngeren Traktat Soferim. Letzterer enthält unter anderem Listen von Ketiv-Qere-Varianten, die denen in Okhla we-Okhla stark ähneln, sowie Listen der Unterschiede zwischen engen Paralleltexten, wie 2. Sam 22 // Psalm 18 und 2. Kön 18–20 // Jes 36–39, die sich ähnlich auch in masoretischen Bibelhandschriften wie dem Codex L finden.

Okhla we-Okhla Während es den Soferim vor allem um das Schriftbild ging, also die Buchstaben und das Layout der Buchrollen, war das Ziel der Masora im engeren Sinne die Bewahrung des Wortlauts, der traditionellen Aussprache und Akzentuierung des Textes sowie die Konservierung orthographischer und anderer Eigentümlichkeiten des Schriftbildes. Dieses Wissen wurde zunächst mündlich tradiert. Zur Sicherung ungewöhnlicher Formen wurden Listen zusammengestellt, die dazu dienten, die seltenen Formen zusammen mit ihren Belegstellen auswendig lernen zu können. Diese Listen konnten wiederum nach assoziativen Gesichtspunkten zusammengestellt werden.

Eine besonders umfangreiche Zusammenstellung derartiger Listen wird unter anderem von David Qimchi als Sefer Okhla we-Okhla („Buch Okhla we-Okhla“) zitiert,Bruno Ognibeni: La seconda parte del Sefer ’Oklah we’Oklah. Edizione del ms. Halle, 1995, S. XXV. galt aber lange als verschollen. Im 19. Jahrhundert wurden in der Pariser Nationalbibliothek sowie in der Hallischen Universitätsbibliothek zwei Exemplare dieses Werkes gefunden, wobei das Hallenser Exemplar, eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert, weit umfangreicherHermann Hupfeld (op. posth.): Ueber eine bisher unbekannt gebliebene Handschrift der Masorah, 1867, S. 201. sowie älter ist als die Pariser Handschrift (14.–15. Jahrhundert). Beide Handschriften beginnen mit derselben alphabetisch geordneten Liste von Paaren von Wörtern, die genau einmal ohne vorgesetztes Waw und genau einmal mit vorgesetztem Waw vorkommen. Das erste dieser Wortpaare ist אָכְלָה (okhla, „Essen“ ) und וְאָכְלָה (we-okhla, „und iss!“ ) und hat der Liste und der Sammlung den Namen gegeben.

Neben den beiden vollständig erhaltenen Handschriften sind seit der Öffnung der Kairoer Geniza zahlreiche fragmentarisch erhaltene Exemplare der Sammlung bekannt geworden, die sich heute vor allem in den Bibliotheken in Oxford, Cambridge sowie in St. Petersburg befinden. Weil die Pariser Handschrift bereits 1864 veröffentlicht worden ist, hat sich die Forschung meist an deren Fassung orientiert. Dagegen hat insbesondere Bruno Ognibeni anhand der Geniza-Fragmente und der Rezeptionsgeschichte aufgezeigt, dass die Hallenser Handschrift in ihrem Aufbau und Inhalt ursprünglicher ist als die Pariser. Die Hallenser Handschrift enthält in ihrem ersten Teil überwiegend Vergleichende Masora, in ihrem zweiten Teil überwiegend Aufzählende Masora. Die Listen im ersten Teil sind meist nach Stichwörtern alphabetisch geordnet, die im zweiten Teil meist nach den Belegstellen in der Reihenfolge der Bücher.

Die Masora in Bibelhandschriften Die tiberischen Bibelhandschriften, und in ihrer Nachfolge auch die sefardischen und aschkenasischen Handschriften, enthalten neben dem eigentlichen, vokalisierten und akzentuierten, Bibeltext umfangreiches masoretisches Material, das nach seinem Ort und Umfang meist in drei Kategorien eingeteilt wird, die Masora parva, die Masora magna (die beide zusammen die Masora marginalis, die Randmasora, bilden) und die Masora finalis. Masora parva Die Masora parva (, abgekürzt Mp) findet sich an den seitlichen Rändern und zwischen den Kolumnen. Sie vermerkt z. B., wie oft eine bestimmte Wortform oder eine bestimmte Wortgruppe vorkommt, oder dass sie nirgendwo sonst vorkommt (also einmalig ist). Auch wird regelmäßig in der Masora parva vermerkt, wenn etwas anderes zu lesen ist als geschrieben steht (Ketiv/Qere). Das Wort, auf das sich die jeweilige Anmerkung bezieht, wird durch einen kleinen Kreis (Circellus) über dem Wort gekennzeichnet. Wenn sich die Anmerkung auf eine Wortgruppe bezieht, dann stehen Circelli zwischen den Wörtern.

Grundsätzlich beziehen sich die Angaben der Masora parva immer auf die konkrete gesprochene Wortform, also inklusive aller Präfixe (im Hebräischen z. B. die proklitischen Präpositionen, der Artikel oder die Konjunktion „und“) und Suffixe (im Hebräischen z. B. die enklitischen Possessivpronomina), und auf alle 24 Bücher der Hebräischen Bibel. Wenn sich die Angabe nur auf ein Buch oder einen Kanonteil bezieht, oder nur auf eine bestimmte orthographische Schreibung, etwa die Plene- oder Defektivschreibung (mit oder ohne mater lectionis), dann muss das eigens vermerkt werden. Wenn eine Masora-parva-Anmerkung mehrere Wörter umfasst, dann stehen diese in den Handschriften immer vertikal untereinander, wobei das erste Wort neben dem Circellus steht, auf den sich die Anmerkung bezieht. Dadurch können mehrere Anmerkungen zu einer Textzeile gemacht werden, die sich dann von rechts nach links auf die verschiedenen Circelli beziehen. So sind auch komplexere Aussagen in einer Mp-Notiz möglich. Die Mp des Codex L vermerkt beispielsweise zum ersten Wort der Bibel, , dass diese Form insgesamt 5-mal vorkommt, davon dreimal am Beginn eines Verses.

Wenn eine Form nur zweimal vorkommt, wird oft die zweite Stelle in der Masora parva durch die Bezeichnung der anderen Stelle mittels eines Stichwortes angegeben, z. B. im Codex L zu in durch die Aussage zweimal: [und] „zwischen dem Heiligen“ (d.h., ).

Die Masora parva einer Handschrift für sich ist von beschränkter Aussagekraft, weil viele Mp-Notizen unvollständig sind. Das betrifft nicht nur offensichtliche Schreibfehler oder Verkürzungen, sondern vor allem die statistischen Angaben. So steht für die Form in in der Randmasora des Codex L, dass diese Form 21-mal vorkommt. Diese Randbemerkung dient zum Schutz dieser Form, die seltener ist als die ähnliche Form . Aber es sind weder die übrigen Stellen angegeben, noch wird die Aussprache dieser Form am Rand wiederholt. Um sicher zu gehen, was die Mp-Notiz aussagt, muss man also die entsprechende Liste kennen, die sich oft, aber nicht immer, in der Masora magna derselben Handschrift findet.

Außerdem stehen an den seitlichen Rändern der Kolumnen auch Hinweise auf den Beginn eines Seder oder einer Parascha sowie auf den mittleren Vers eines Buches oder eines Kanonteils. Diese gehören inhaltlich eher zur Masora finalis.

Die Masora parva des Codex L ist zuerst von Paul Kahle erfasst und in der dritten Auflage der Kittel-Bibel diplomatisch abgedruckt worden. In der Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) hat Gérard E. Weil den Versuch unternommen, die Masora parva zu „normalisieren“, indem er die oft unterschiedlichen Anmerkungen des Codex L zu einem Wort oder einer Wortgruppe vereinheitlicht und Anmerkungen an den fehlenden Stellen ergänzt hat. Außerdem hat er in einem eigenen Apparat immer dort, wo es zu einer Mp-Anmerkung eine Liste der Masora magna im Codex L gab, einen Querverweis gesetzt. Dieses Verfahren ermöglicht auch Laien den Umgang mit der Masora des Codex L, ist aber auch kritisiert worden, weil Weil nicht gekennzeichnet hat, wo er vom Text der Handschrift abweicht. In der Biblia Hebraica Quinta (BHQ) wird die Mp des Codex L wieder diplomatisch abgedruckt, nun aber zusätzlich durch einen von Aron Dotan betreuten Kommentar zur Masora parva begleitet.

Masora magna Die Masora magna (, abgekürzt Mm) ist, wie der Name sagt, ausführlicher als die Masora parva. Sie findet sich in der Regel am oberen und unteren Rand der Handschriften. Eine typische Liste der Masora magna enthält eine Regel und die vollständige Liste der Beispiele, an denen diese Regel zutrifft. Die Beispiele werden normalerweise durch die Versanfänge gekennzeichnet.

Die Masora magna des Codex L ist von Gérard E. Weil normalisiert und in einem eigenen Band veröffentlicht worden,Gérard E. Weil: Massorah Gedolah Iuxta Codicem Leningradensem B 19a, Vol. 1: Catalogi, Rom, 1971. auf den der masoretische Apparat der BHS regelmäßig verweist. In der BHQ wird die Masora magna des Codex L diplomatisch wiedergegeben und durch einen eigenen, von Aron Dotan betreuten Kommentar erklärt.