mini|Demonstration der Solidarität mit dem SDS Heidelberg in Kiel, 30. Juni 1970 Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) war ein politischer Studentenverband in Westdeutschland und West-Berlin, der von 1946 bis 1970 bestand. Er war der Hochschulverband der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), bis sich im Mai 1960 der Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB) von ihm abspaltete. Im November 1961 schloss die SPD-Führung den SDS aus. Dieser bildete von 1962 bis zu seiner Selbstauflösung am 21. März 1970 die einzige deutsche parteiunabhängige sozialistische Hochschulorganisation. Er verstand sich als Teil der internationalen Neuen Linken, seit 1966 auch als Teil der westdeutschen Außerparlamentarischen Opposition (APO), und vertrat einen antiautoritären Sozialismus. Er beeinflusste wesentlich die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre. Diese zerfiel besonders seit dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke (11. April 1968) in verschiedene, untereinander verfeindete K-Gruppen, linkssozialistische sowie einige terroristische Gruppen.

Entstehung Die SPD-nahen Studentengruppen der Weimarer Republik hatten 1922 einen Verband der sozialistischen Studentengruppen Deutschlands und Österreichs gegründet, der sich 1929 in Sozialistische Studentenschaft Deutschlands und Österreichs umbenannte und bis 1933 bestand. Der SDS stand in keiner Kontinuität zu ihm.Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Bonn 1994, S. 13. Er entstand aus dem Zusammenschluss studentischer Gruppen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg an Hochschulstandorten neu bildeten und ab Sommer 1946 politisch betätigen durften. Einige standen der SPD nahe und unterstützten deren Abgrenzungskurs gegen die KPD, so die Gruppen im Raum Hessen; andere verstanden sich bewusst überparteilich, so die damals größte Teilgruppe aus Münster. Die SPD-Führung um Erich Ollenhauer vermittelte die Kontakte zwischen ihnen und lud sie im Juli 1946 zu einer interzonalen Delegiertentagung nach Hamburg ein. An diesem Gründungskongress vom 3. bis 6. September 1946 nahmen mehr als 90 Delegierte aus 20 Hochschulorten teil. Nur die Gruppe an der Humboldt-Universität zu Berlin kam aus der SBZ.

Ob man einen sozialdemokratischen oder parteiunabhängigen Verband gründen sollte, war stark umstritten. Ollenhauer verhinderte das Scheitern des Kongresses, indem er zwar ein Bekenntnis zum demokratischen Sozialismus, aber keine SPD-Mitgliedschaft verlangte und eine organisatorische Unabhängigkeit befürwortete. Mit der Annahme einer entsprechenden Satzung, die den lokalen Mitgliedsgruppen autonome Aufnahme- und Ausschlussrechte zusprach, gründeten die Delegierten den von der SPD formal unabhängigen SDS. Das danach einstimmig angenommene Gründungsprogramm verlangte, „durch soziale Gerechtigkeit die freie Entfaltung der Persönlichkeit“ zu ermöglichen. Nur die „Tat überzeugter Sozialisten“ könne dieses Ideal verwirklichen, gleich ob sie „aus religiösen, ethischen oder ökonomischen Motiven“ handelten. Die politischen Ziele entsprachen teils wörtlich den Forderungen des SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher, der die Studenten am zweiten Kongresstag auf die SPD-Ideen verpflichtete und ihnen einen späteren Parteieintritt nahelegte. Nach einem Referat des religiösen Sozialisten Emil Fuchs wurde ein Fachreferat zur Verständigung zwischen Christentum und Sozialismus gegründet. Einen ethischen Sozialismus vertrat unter anderen der erste SDS-Vorsitzende Heinz-Joachim Heydorn.Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Bonn 1994, S. 32–45.

Entwicklung bis 1950 Am 5. Januar 1947 verlangte die SPD, in die SDS-Satzung aufzunehmen, dass nur Parteilose oder SPD-Mitglieder dem SDS angehören dürften. Zugleich sagte sie die publizistische und politische Unterstützung durch SPD-Ortsvereine und Stipendien für SDS-Mitglieder zu. Die meisten lehnten die Satzungsänderung dennoch ab. Die zweite Delegiertenkonferenz im August 1947 beschloss jedoch mehrheitlich, dass „eine Mitgliedschaft und ein Bekenntnis zur KPD/SED nicht mit dem demokratischen und freiheitlichen Sozialismus zu vereinbaren ist“. Was „Bekenntnis“ heißen sollte, wurde dann genauer definiert. Weil die SDS-Landesbeiräte das alleinige Recht zum Ausschluss erhielten, stimmten auch SDS-Gruppen zu, die Kommunisten nicht generell ausschließen wollten. Nur der SDS-Landesbeirat Nordrhein-Westfalen wandte sich zunächst gegen diesen Beschluss. Auf Druck der SPD und des neuen SDS-Vorsitzenden Helmut Schmidt blieb nur die SDS-Gruppe Münster dabei. Als der Bundesvorstand ihr den Ausschluss androhte, trat deren Vorsitzender zurück. Der neue Münsteraner Vorsitzende schloss elf KPD-Anhänger aus und meldete dem Bundesvorstand, es sei gelungen, „durch den kompromißlosen Ausschluß aller andersdenkenden Elemente den Bund endgültig zu bereinigen“. Der Vorgang wurde bei der Delegiertenkonferenz 1948 nur knapp erwähnt.Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Bonn 1994, S. 59–67.

Seit der Gründung forderte der SDS die Öffnung der Hochschulen für „alle Befähigten“ unabhängig von ihrer sozialen Lage. Eine 1947 beschlossene Programmvorlage forderte gleiche Zulassungsbedingungen, bevorzugte Aufnahme sozial benachteiligter Studienbewerber bei gleicher Leistung und Stipendien für sie. Auch frühere einfache Wehrmachtssoldaten und Notabiturienten seien wegen verlorener Ausbildungszeiten vorrangig aufzunehmen. Nur Offiziere, die am Widerstand gegen den Nationalsozialismus und/oder Neuaufbau einer Demokratie beteiligt waren, sollten studieren dürfen, nicht die übrigen, weil sie sich für eine Laufbahn im „preußischen Obrigkeitsstaat“ entschieden hätten. Auf Intervention von Helmut Schmidt wurde dieser umstrittene Teilausschluss knapp abgelehnt. Die Forderung, die Haltung von Professoren in der NS-Zeit zu überprüfen, wurde als „utopisch“ fallengelassen. Für die beschlossenen Forderungen suchte der SDS dann Bündnisse mit Gewerkschaften, SPD-Kultusministern, Institutionen der SPD und (trotz deren internem Ausschluss) der KPD: Sie sollten Stipendien für vom SDS vorgeschlagen sozial benachteiligte Studenten gewähren, bis diese Förderung auf Staatsebene durchgesetzt wäre. Dazu sollte die SPD die 1933 verbotene Friedrich-Ebert-Stiftung neu gründen. Dies geschah im Herbst 1947. 1948 forderte ein SDS-Ausschuss für Hochschulreform zudem völlige Gebührenfreiheit, Existenzsicherung und einen Studienlohn für alle Studenten, Förderkurse für berufstätige Nichtabiturienten und Begabtenförderung. Eine von der Einkommensteuer abgezweigte progressive Erziehungssteuer sollte die Mittel dafür gewährleisten.Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Bonn 1994, S. 108–111.

Infolge der Währungsreform von 1948 verloren viele SDS-Mitglieder und SDS-Gruppen ihre Rücklagen. Die Delegiertenkonferenz forderte daraufhin von SPD-Landesregierungen eine allgemeine Schul- und Hörgeldfreiheit, zumindest für die unteren Einkommensklassen. Die SPD ließ ihre Zuschüsse weiterlaufen und gewährte Stipendien, so dass zwar nicht alle mittellosen Studenten weiterstudieren konnten, aber der SDS erhalten blieb. Nach der Wahl des neuen Vorsitzenden John van Nes Ziegler im Juli 1948 verlegte der Bundesvorstand seinen Sitz nach Köln. Die Delegiertenkonferenz vom September 1949 beschloss eine Satzungsänderung, nur noch einen Bundesvorsitzenden zu wählen statt wie bisher zwei, und dessen Wiederwahl zu ermöglichen. Ziegler wurde dann mit großer Mehrheit wiedergewählt.Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Bonn 1994, S. 73–80. Auf sein Bestreben trat der SDS im Herbst 1950 in die 1947 gegründete Sozialistische Bewegung für die Vereinigten Staaten von Europa ein, bis die Delegiertenkonferenz von 1952 den Austritt beschloss.Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Bonn 1994, S. 107.

Kampf gegen die Korporationen Ab Januar 1951 erweiterte der Berliner SDS seinen internen Rundbrief zum Bundesorgan des SDS namens Unser Standpunkt.Felix Kollritsch: Das Konzept der Neuen Linken im SDS. Traditionslinien, Kontinuitäten und Brüche im Verhältnis zur SPD am Beispiel zweier Zeitschriften. In: Zauber der Theorie – Geschichte der Neuen Linken in Westdeutschland. (= Arbeit – Bewegung – Geschichte. Heft II/2018), S. 54–71. Ab März 1951 gab der Bundesvorstand das als Theorieorgan konzipierte Monatsblatt aufklärung heraus, das zunächst mit dem Bundesrundbrief zusammen versandt wurde, ab September 1951 aber eine eigene Redaktion erhielt.Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Bonn 1994, S. 85–90 und 97–99

Seit 1949 beobachtete der SDS zunehmende Aktivitäten der Studentenverbindungen (Korporationen) und warnte alle Kultusminister und Hochschulrektoren vor dem „Wiederaufleben der alten Korporationen“, deren überholtes „Standesbewusstsein“ zu einer „ernsten Bedrohung demokratischer Gesinnung“ führe.

1950 bildeten zuerst der SDS Kiel, dann weitere SDS-Gruppen mit anderen Studentengruppen lokale Aktionsbündnisse gegen die „Korps“. Daraus entstand der Ring Politischer und Freier Studentenverbände und Gemeinschaften Deutschlands (kurz „Ring“). Sein Statut forderte nur ein allgemeines Bekenntnis zu den demokratischen Grundwerten. Von den Mitgliedsgruppen beschloss nur der SDS im September 1951, Mitglieder in schlagenden, farbentragenden und antidemokratischen Verbindungen aus dem SDS auszuschließen. Claus Arndt (SDS-Vorstand) erklärte den Kampf gegen die „Brutstätten des antiquiertesten Nationalismus und Chauvinismus“ und ihre „Stellen- und Ämterpatronage“ (1951/52) sowie gegen „jedes Auftauchen neuer nazistischer und insbesonderer antisemitischer Tendenzen in der deutschen Studentenschaft“ 1952 zur Hauptaufgabe des SDS. Dieser schloss sich Erich Lüths Initiative „Friede mit Israel“ an.Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025, S. 29–36. Diese Merkmale machten ihn für Familienangehörige von in der NS-Zeit Verfolgten attraktiv.Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Bonn 1994, S. 117–121.

1952/53 wies der SDS Aufrufe antisemitischer Verbindungsstudenten zur Solidarität mit dem früheren NS-Filmemacher Veit Harlan zurück, ließ einen illegalen „Paukboden“ per Strafanzeige auffliegen und bekämpfte staatliche Zuschüsse für Verbindungen. Auf seinen Vorstoß hin fasste der SPD-Parteitag vom Juli 1954 trotz vieler SPD-Mitglieder in Alterherrenverbänden ebenfalls einen Unvereinbarkeitsbeschluss für „aktive“ (studierende) Korporationsmitglieder, der bis 1966 bestand. Jedoch konnte der SDS den „Ring“ und den Verband Deutscher Studentenschaften nicht auf ein gemeinsames Vorgehen gegen die Korporationen verpflichten. Der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) traf stattdessen Sondervereinbarungen mit der Bundesregierung. Daran zerbrach der „Ring“ im Juli 1955. Fortan blieben der SDS und der RCDS politische Gegner.Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Bonn 1994, S. 198–202 und Fn. 178

Debatte zur Wiederbewaffnung Bei seiner Jahreskonferenz 1950 diskutierte der SDS erstmals die Pläne der Bundesregierung zur Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Einige bejahten diese nur im Rahmen einer europäischen Armee, die meisten lehnten sie strikt ab. Zieglers Kompromissvorschlag fand eine Mehrheit: Der SDS lehne die westdeutsche Remilitarisierung ab und sehe die notwendige Verteidigung gegen jede Diktatur „im vollen Einsatz der Weltdemokratien zur Sicherung der Lebensrechte und der Freiheit der arbeitenden Menschen“. Zwei Wochen danach verlangte SDS-Bundessekretär Günther Bantzer im Auftrag der SPD, alle SDS-Gruppen sollten geeignete Kandidaten für die damals aufgestellte Polizeitruppe melden, die als Kern einer künftigen Bundeswehr galt. Er fügte hinzu, er hoffe auf möglichst wenige Meldungen.