Abū ʿAbd al-Malik Marwān ibn al-Hakam (, geb. 624; gest. 10. April 685 in Damaskus), auch Marwan I., war ein Kalif der Umaiyaden (reg. 684–685) und Begründer des marwanidischen Zweigs dieser Dynastie, aus dem alle späteren umaiyadischen Herrscher hervorgingen. Schon während der letzten Jahre der Herrschaft des Kalifen ʿUthmān ibn ʿAffān (reg. 644–656), der sein Cousin war, nahm er als dessen Sekretär großen Einfluss auf die Politik. Unter dem Kalifen Muʿāwiya I. (reg. 661–680), der ebenfalls mit ihm verwandt war, fungierte er nacheinander als Statthalter von Bahrain und Medina. Als Kalif herrschte er nur neun Monate lang. In dieser Zeit sicherte er den Umaiyaden, die ihre Macht weitgehend an den mekkanischen Kalifen ʿAbdallāh ibn az-Zubair verloren hatten, die Herrschaft über Ägypten.

Abstammung mini|500px|Marwāns Stellung innerhalb der Umaiyaden-Familie Marwān war ein Sohn von al-Hakam ibn Abī l-ʿĀs und Āmina bint ʿAlqama aus dem Stamm der Kināna.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. II, S. 578. – Engl. Übers. 161. Väterlicherseits gehörte er zu demselben Zweig der Umaiyaden-Familie wie der dritte Kalif ʿUthmān ibn ʿAffān (644–656).Bosworth: “Marwān I b. al-Ḥakam”. 1989, S. 621b. ʿUthmāns Vater ʿAffān ibn Abī l-ʿĀs war der Bruder von Marwāns Vater al-Hakam ibn Abī l-ʿĀs.Donner: "Was Marwan ibn al-Hakam the First “Real” Muslim?" 2014, S. 106. Marwāns Vater al-Hakam ibn Abī l-ʿĀs konvertierte bei der Eroberung von Mekka durch die Muslime zum Islam und blieb dann bis zu seinem Tod unter ʿUthmān in Medina.Lammens: L'avènement des Marwānides et le califat de Marwān 1er. 1927, S. 133. Nach al-Masʿūdī hatte Marwān 20 Brüder und acht Schwestern.Al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab wa-maʿādin al-ǧauhar. Texte et traduction par Barbier de Meynard et Pavet de Courteille. 9 Bde. Paris 1861–1877. Bd. V, S. 208. Digitalisat

Politische Rolle unter ʿUthmān Nach Berichten, die Muhammad ibn Saʿd anführt, war Marwān beim Tode des Propheten im Sommer 632 acht Jahre alt. Er blieb zunächst bei seinem Vater al-Hakam, bis dieser während des Kalifats von ʿUthmān ibn ʿAffān starb. Marwān trat daraufhin in den Dienst seines Cousins ʿUthmān und wurde sein Sekretär.Muḥammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1905, S. 24, Zeile 25. 648 nahm er an einem Feldzug gegen Ifrīqiya teil. Nach Abū Hilāl al-ʿAskarī (gest. nach 1010) kaufte Marwān ein Fünftel der Beute aus diesem Feldzug, die einen Wert von 400.000 Dinar hatte, für 100.000 Dinar ʿAbdallāh ibn Abī Sarh ab. Als er dann Medina erreichte, führte er einen Teil davon ab, während ʿUthmān ihm den Rest schenkte.Abū Hilāl al-ʿAskarī: al-Awāʾil. 1408h, S. 185. Nach einer Überlieferung, die auf ʿĪsā, den Sohn von Talha ibn ʿUbaidallāh zurückgeführt wird, gab der Kalif seinem Cousin auch ein Fünftel der Beute von Armenien in Höhe von 25.000 Dirham.Abū Hilāl al-ʿAskarī: al-Awāʾil. 1408h, S. 190. Eine Zeitlang war Marwān auch Gouverneur von Fars.

Nach Muhammad ibn Saʿd nahmen die Menschen Marwān seine Nähe zum Kalifen und den großen Einfluss, den er auf ihn hatte, übel und meinten, dass vieles von dem, was ʿUthmān befohlen hatte, eigentlich auf seinen Rat zurückging. Die Menschen, so schreibt Muhammad ibn Saʿd, hätten ʿUthmān wegen der Vorzugsstellung, die er Marwān gewährte, gehasst.Muḥammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1905, S. 24–25. Der große Einfluss Marwāns auf den Kalifen und die Tatsache, dass ein Fünftel der Beute der Nordafrika-Eroberung an ihn floss, gehörten auch zu den wichtigsten Anschuldigungen, die gegen ʿUthmān erhoben wurden und schließlich 656 zu seiner Ermordung führten.Rotter: Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg. 1982, S. 17. Bei der Verteidigung von ʿUthmāns Haus in Medina gegen die Aufständischen der ägyptischen Armee im Jahre 656 wurde er verwundet.

In der Kamelschlacht tötete Marwān durch einen Pfeilschuss Talha ibn ʿUbaidallāh, den er für den Hauptschuldigen am Mord ʿUthmāns hielt. Nach einer Überlieferung, die der Historiker Chalīfa ibn Chaiyāt (gest. 854) anführt, wandte er sich danach an ʿUthmāns Sohn Abān mit den Worten: „Wir haben den Mord an Deinem Vater stückweise für dich gerächt.“Ḫalīfa b. Ḫaiyāṭ: Tārīḫ. Ed. Akram Ḍiyāʾ al-ʿUmarī. Beirut 1977. S. 185. Digitalisat

Als Statthalter unter Muʿāwiya Unter Muʿāwiya I., der einem anderen Zweig der Umaiyaden-Familie angehörte als er und ʿUthmān, diente Marwān zunächst als Statthalter von Bahrain und dann zwei Phasen lang (661–668 und 674–677) als Statthalter von Medina, wobei er sich in diesem Amt mit seinem Verwandten Saʿīd ibn al-ʿĀs abwechselte.Muḥammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1905, S. 26, Zeile 17–19. Ibn Saʿd erwähnt, dass Marwān während seiner Zeit als Gouverneur von Medina die Prophetengefährten um sich versammelte und sie konsultierte, wobei er der Meinung der Mehrheit folgte.Muḥammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1905, S. 30, Zeile 20–21.

Als Muʿāwiya Ziyād ibn Abī-hi als seinen Bruder anerkannte und ʿAmr ibn al-ʿĀs gegenüber seinen eigenen Verwandten bevorzugte, wandten sich die Umaiyaden nach einem Bericht, den az-Zubair ibn Bakkār (gest. 870) anführt, an Marwān und drängten ihn dazu, Muʿāwiya für sein Verhalten zu tadeln. Er lehnte das zunächst ab und forderte sie auf, selbst deswegen bei Muʿāwiya vorzusprechen, schloss sich ihnen aber dann doch an und warf dem Kalifen vor, die Familie von Abū l-ʿĀs vernichten zu wollen. Der Kalif ließ sich dadurch aber nicht von seiner Handlungsweise abbringen.az-Zubair ibn Bakkār: al-Aḫbār al-muwaffaqīyāt. Ed. Sāmī al-ʿĀnī. ʿĀlam al-kutub, Beirut 1996. S. 155–159. Digitalisat Nach verschiedenen Berichten versuchte Muʿāwiya, interne Kämpfe zwischen den verschiedenen Zweigen der Umaiyaden-Familie zu provozieren, um ihre Stärke und Einheit zu schwächen und alle Versuche, gegen ihn vorzugehen, zu untergraben. In diesem Zusammenhang versuchte er, Marwān und Saʿīd ibn al-ʿĀs gegeneinander aufzuwiegeln.Ḥammarneh: "Marwān b. al-Ḥakam and the Caliphate". 1988, S. 205.

Marwān seinerseits reagierte auf Muʿāwiya Provokationen in gleicher Weise, indem er die Söhne ʿUthmāns gegen Muʿāwiya aufwiegelte. Nach einem Bericht, den Musʿab az-Zubairī (gest. 851) anführt, sagte er zu ʿAmr, dem ältesten Sohn ʿUthmāns, dass die Nachkommen von Harb ibn Umaiya das Kalifat nur im Namen seines Vaters übernommen hätten, und fragte ihn: „Was hindert dich daran, für dein Recht zu kämpfen? Wir sind ihnen zahlenmäßig überlegen.“Muṣʿab az-Zubairī: Kitāb Nasab Quraiš. Ed. Evariste Lévi-Provençal. 3. Aufl. Dār al-Ma'ārif, Kairo 1982 S. 109. Digitalisat

Als Muʿāwiya im Jahre 677 seinen Sohn Yazīd als Nachfolger designierte und dies in allen Winkeln des Reiches verkünden ließ, schrieb er auch an Marwān, der zu dieser Zeit wieder Gouverneur in Medina war, und befahl ihm, die Quraisch und die anderen Bürger von Medina zu versammeln und sie dazu zu bringen, Yazīd den Treueid zu leisten. Marwān weigerte sich jedoch, dem Befehl nachzukommen, und meldete ihm, dass die Bevölkerung von Medina den Treueid für seinen Sohn ablehne. Als Muʿāwiya ihn daraufhin erneut von seinem Amt absetzte, zog Marwān mit seinen mütterlichen Verwandten von den Kināna nach Damaskus und stellte den Kalifen zur Rede. Dieser beschwichtigte ihn daraufhin mit einer monatlichen Dotation von 1.000 Dinar.Ibn Qutaiba: al-Imāma wa-s-siyāsa. Ed. ʿAlī Šīrī. Dār al-Aḍwāʾ, Beirut 1990. Bd. I, S. 197f. Digitalisat Nach al-Mutahhar ibn Tāhir al-Maqdisī (gest. 966) machte er ihn auch zum indirekten Thronfolger nach Yazīd.Ḥammarneh: "Marwān b. al-Ḥakam and the Caliphate". 1988, S. 210.

Flucht nach Syrien und die Schlacht bei Mardsch Rāhit Bei der Schlacht von Harra im August 683 half Marwān dem umaiyadischen Kommandeur Muslim ibn ʿUqba bei der Einnahme von Medina, legte nach der Eroberung der Stadt allerdings für deren Bewohner Fürsprache bei Muslim ibn ʿUqba ein.Ḥammarneh: "Marwān b. al-Ḥakam and the Caliphate". 1988, S. 211. Als wenige Monate später der umaiyadische Kalif Yazīd starb, rief sich ʿAbdallāh ibn az-Zubair, der Sohn von az-Zubair ibn al-ʿAuwām, in Mekka zum Kalifen aus und vertrieb die Umaiyaden aus dem Hedschas, darunter auch Marwān und seine Söhne, die nach Syrien flüchteten.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. II, S. 467. – Engl. Übers. 47f. Nach dem Tod von Yazīds Nachfolger Muʿāwiya II. ein Jahr später erhielt Ibn az-Zubair immer mehr Unterstützung. Auch mehrere Stammesfürsten der Qais in Syrien und Palästina stellten sich auf seine Seite, darunter Zufar ibn al-Hārith im Militärbezirk von QinnasrīnRotter: Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg. 1982, S. 135f. und ad-Dahhāk ibn Qais al-Fihrī, den Ibn az-Zubair zu seinem Statthalter in Damaskus erklärte.Rotter: Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg. 1982, S. 140.

Die Umaiyaden ließen sich in Palmyra nieder, weil der Rest von Syrien von ʿAbdallāh ibn az-Zubairs Statthalter ad-Dahhāk ibn Qais al-Fihrī regiert wurde.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. II, S. 482. – Engl. Übers. 64. Der Kindit Husain ibn Numair, der ein Parteigänger der Umaiyaden war, forderte Marwān auf, die umaiyadische Thronfolge zu regeln, um ein Eindringen von ʿAbdallāh ibn az-Zubair nach Syrien zu verhindern, aber Marwān war mehr daran interessiert, nach Mekka zu reisen und Ibn az-Zubair den Treueid zu leisten, weil er nicht mehr daran glaubte, dass die Umaiyaden ihre Macht zurückgewinnen könnten, und er für sie ein Sicherheitsversprechen erhalten wollte. Der frühere umaiyadischen Statthalter des Irak ʿUbaidallāh ibn Ziyād, der vom Irak nach Palmyra kam, ermahnte ihn jedoch, dass er als Sayyid und Scheich der Quraisch mehr Anspruch auf das Kalifat habe als Ibn az-Zubair, und drängte ihn, die Bewohner von Palmyra zu versammeln, ihnen den Treueid abzunehmen und dann mit ihnen und den Umaiyaden gegen ad-Dahhāk zu ziehen und ihn aus Syrien zu vertreiben.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. II, S. 467, 482. – Engl. Übers. 48, 64f. Um die Herrschaftsansprüche Ansprüche von Yazīds Sohn Chālid zu neutralisieren, riet ihm ʿUbaidallāh, dessen Mutter Fāchita zu heiraten, was Marwān auch tatsächlich machte.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. II, S. 482. – Engl. Übers. 65.

Angespornt von ʿUbaidallāh ibn Ziyād nahm Marwān daraufhin den Kampf mit ad-Dahhāk und seinen Anhängern auf.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. II, S. 472f. – Engl. Übers. 54. In der Schlacht bei Mardsch Rāhit brachte er ad-Dahhāk ibn Qais al-Fihrī und seinen Anhängern, die noch im Besitz von Damaskus waren, eine vernichtende Niederlage bei. Dabei wurden ad-Dahhāk selbst und 80 seiner Männer getötet.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. II, S. 477, 482. – Engl. Übers. 59f, 65. Insgesamt soll Marwāns Heer eine Stärke von 6.000 Mann gehabt haben. ʿUbaidallāh ibn Ziyād befehligte seine Kavallerie und Mālik seine Fußsoldaten.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. II, S. 479. – Engl. Übers. 62. Die Schlacht von Mardsch Rāhit wird auf das Jahr 64 (August 683 – August 684) datiert,aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. II, S. 473. – Engl. Übers. 54. allerdings gibt es andere Berichte, wonach sie erst nach Marwāns Erhebung zum Kalifen stattfand.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Bd. II, S. 477. – Engl. Übers. 59.

Die Erhebung zum Kalifen und Eroberung Ägyptens