mini|Sibylle Lewitscharoff auf der Leipziger Buchmesse 2009 mini|Sibylle Lewitscharoff und Denis Scheck an der Frankfurter Buchmesse 2011 Sibylle Lewitscharoff (* 16. April 1954 in Stuttgart; † 13. Mai 2023 in Berlin) war eine deutsche Schriftstellerin. Sie wurde 2013 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Leben Sibylle Lewitscharoff wuchs in Stuttgart-Degerloch als Tochter des Arztes Kristo Lewitscharoff und seiner Frau Marianne gemeinsam mit einem jüngeren Bruder auf. Ihr aus Bulgarien stammender Vater, der in den 1940er Jahren nach Deutschland emigriert und in Stuttgart als Gynäkologe tätig war, litt an Depressionen und starb 1965 durch Suizid, als Lewitscharoff elf Jahre alt war. Sie interessierte sich früh für Literatur und engagierte sich als Jugendliche und Gymnasiastin politisch. 1972 machte sie ihr Abitur. Sie war in dieser Zeit Trotzkistin, las Karl Marx und beteiligte sich an der Gründung eines regionalen Ablegers des Sozialistischen Büros.

1973 ging Lewitscharoff nach West-Berlin, wo sie seitdem ihren Lebensmittelpunkt hatte. Sie studierte Religionswissenschaft an der Freien Universität Berlin bei Klaus Heinrich und Jacob Taubes. Während ihres Studiums hielt sie sich für längere Zeit in Buenos Aires und Paris auf. Nach Abschluss ihres Studiums arbeitete Lewitscharoff ab den 1980er Jahren bis Anfang der 2000er Jahre als Buchhalterin in der Berliner Werbeagentur ihres Bruders und organisierte zudem Ausstellungen. Nebenher begann sie ihre schriftstellerische Tätigkeit und verfasste anfangs Radio-Features und Hörspiele. 1994 erschien ihr erster Roman, ab Anfang der 2000er Jahre war sie als freie Autorin tätig. Seither veröffentlichte Lewitscharoff mehrere Prosawerke und Essays sowie ein Theaterstück und erhielt für ihr schriftstellerisches Werk zahlreiche Literaturpreise.

Ende 2009/Anfang 2010 beteiligte sie sich mit einer eigenen Ausstellung von verschiedenen Arbeiten und einem begleitenden Essay an der Veranstaltungsreihe FLUXUS des Deutschen Literaturarchivs Marbach im Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar. Im Grimm-Jahr 2013 übernahm Lewitscharoff die Grimm-Professur an der Universität Kassel. Ebenfalls 2013 erhielt sie ein Stipendium für die Deutsche Akademie Rom Villa Massimo.

mini|Grabstein von Sibylle Lewitscharoff Ab 2005 war sie Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und Mitgründerin des PEN Berlin. Außerdem war sie ab 2007 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie ab 2010 der Akademie der Künste in Berlin.

Mehr noch als in ihrem literarischen und essayistischen Schaffen kam in „ihrem bildnerischen Werk die abgründig dunkle Seite ihres Wesens zum Vorschein“.Roman Bucheli: „Hinmelfahrten einer grossen Dichterin. Tod und Jenseits gehörten untrennbar zu Sibylle Lewitscharoffs Werk. Nun ist die Autorin 69-jährig gestorben“, NZZ vom 15. Mai 2023, S. 29

Sibylle Lewitscharoff lebte zusammen mit ihrem Mann, dem 2019 verstorbenen Künstler Friedrich Meckseper, in Berlin. Lewitscharoff war evangelisch, kritisierte aber „verwilderte haltlose Formen der Predigt und des Gottesdienstes“ ihrer Kirche. Das christliche Gebot der Nächstenliebe spielte für sie eine besondere Rolle als „Schwächung der immerzu sprungbereiten Aggressionen“.

Im Januar 2022 sprach Lewitscharoff ausführlich mit der Zeit über ihre zwölf Jahre währende Erkrankung an Multipler Sklerose, die sie in den Rollstuhl zwang. Sie gab an, die Krankheit habe ihre Einstellung zur Sterbehilfe grundlegend verändert, sie spreche sich nun für Sterbehilfe aus., Bayerischer Rundfunk 19. Januar 2022 Sie starb im Mai 2023 in Berlin und wurde auf dem Waldfriedhof Heerstraße in Berlin-Westend beigesetzt.

Werk Sibylle Lewitscharoff debütierte 1994 mit dem Prosaband 36 Gerechte, der auch einige ihrer Scherenschnitte enthielt und in kleiner Auflage im Verlag der Galerie Steinrötter in Münster erschien. 1998 veröffentlichte sie die Erzählung Pong, für die sie in Klagenfurt mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. Pong ist die Geschichte eines Verrückten, der die Welt verändern will und dessen absurde Logik die Perspektive der Erzählung bestimmt.

Im Jahr 2003 erschien der Roman Montgomery, der die Lebensgeschichte eines schwäbisch-italienischen Filmproduzenten mit Namen Montgomery Cassini-Stahl erzählt. Dieser will einen Film über Joseph Süß Oppenheimer drehen und stirbt während der Dreharbeiten; sein Tod ist der Ausgangspunkt des Romans, der das Leben der Hauptfigur in Rückblenden darstellt. In Lewitscharoffs 2006 erschienenem Roman Consummatus sitzt der Lehrer Ralph Zimmermann in einem Café und lässt in einem Monolog sein Leben Revue passieren, darunter den Tod seiner Eltern und die Liebe zu einer Sängerin, mit der er bis zu ihrem Tod einige Monate lang in Europa unterwegs war. 2009 erschien der autobiographisch geprägte satirische Roman Apostoloff, in dem zwei Schwestern in Bulgarien unterwegs sind, wohin die sterblichen Überreste ihres bulgarischen Vaters überführt wurden. Die jüngere Schwester, die Erzählerin, rechnet sowohl mit ihrem toten Vater als auch mit dessen Herkunftsland Bulgarien ab. In Lewitscharoffs 2011 veröffentlichtem Roman Blumenberg erscheint der Titelfigur, dem Philosophen Hans Blumenberg, eines Nachts ein Löwe im Arbeitszimmer. Er liegt auf dem Teppich und schaut den Hausherrn an und zeigt sich auch während seiner Vorlesung an der Universität. Wahrgenommen wird der Löwe nur von ihm und einer alten Nonne. Die Autorin erzählt aus Blumenbergs akademischer Tätigkeit (nächtliche Arbeit am Schreibtisch und Vorlesungen in der Universität Münster) und das mit ihm unverbunden erscheinende Schicksal von vier seiner Studenten, die alle früh, plötzlich oder gewaltsam zu Tode kommen. Die Anregung für die Figur des Löwen fand die Autorin in den unter dem Titel Löwen 2001 erschienenen philosophischen Betrachtungen aus dem Nachlass Hans Blumenbergs. Das Buch hat viele lobende Rezensionen in den Feuilletons führender ZeitungenVgl. die Rezension von Ijoma Mangold in Die Zeit vom 8. September 2011 zeit.de und die Rezension von Patrick Bahners in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 5. Oktober 2011 faz.net erhalten; kritisch fielen hingegen die Rezensionen in der Frankfurter Allgemeinen SonntagszeitungPeter Körte: Rezension Blumenberg. In: FASZ vom 2. Oktober 2011. und in der Kulturzeitschrift MerkurBirgit Recki: Philosophiekolummne: „Blumenberg“ oder Die Chance der Literatur. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Nr. 755. 66. Jg., Heft 4, April 2012, 66. S. 322–328. aus.

Im Jahr 2014 erschien Lewitscharoffs einziger Kriminalroman Killmousky, der von der Kritik verhalten aufgenommen wurde.Sibylle Lewitscharoff: Killmousky bei perlentaucher.

Dresdner Rede Am 2. März 2014 hielt Lewitscharoff eine Ansprache im Rahmen der traditionsreichen Dresdner Reden im Staatsschauspiel der Stadt,Volltext der Rede: die für einen Eklat sorgte.(dpa): . Nachrichtenmeldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vom 6. März, hier auf Handelsblatt.com; abgerufen am 19. März 2014. In ihrer Rede ging Lewitscharoff unter anderem auf die Themen künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft ein. Das „drastische biblische Onanieverbot“, so Lewitscharoff, erscheine ihr heute „geradezu als weise“ angesichts der ihr grotesk und widerwärtig erscheinenden Vorstellung, dass ein Mann in eine Kabine geschickt werde, um unter Umständen mithilfe von Pornographie an einer Zeugung beteiligt zu werden. Und weiter:

mini|Sibylle Lewitscharoff, 2014 Diese und weitere Passagen der Rede lösten scharfe Kritik aus. Robert Koall, der Chefdramaturg am Staatsschauspiel, wandte sich in einem offenen Brief an die Autorin, in dem er ihre Haltung scharf verurteilte. In der taz nannte Dirk Knipphals die Rede „eine schreckliche, menschenverachtende Tirade“.Dirk Knipphals: Rede von Sibylle Lewitscharoff – Eine schreckliche Tirade. In: taz, 6. März 2014 Viele Leitmedien teilten diese Auffassung.Lewitscharoff brandmarkt künstliche Befruchtung. Bei zeit.de, abgerufen am 6. März 2014.Sibylle Lewitscharoff: Hassrede gegen künstliche Befruchtung. Bei buchreport.de, abgerufen am 6. März 2014.zeit.de vom 7. März 2014: Ich ertrage es nicht. Weitere Kritik kam unter anderem vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland,Verlag distanziert sich nach Skandal-Rede von Lewitscharoff – Berliner Morgenpost dem Dresdner Bischof Heiner Koch, vom Präsidenten der Berliner Akademie der Künste Klaus Staeck sowie von Gisela von Wysocki.Du machst, schwebend über Nachweis und Aufklärung, Dinge unkenntlich. Öffentlicher Brief von Gisela von Wysocki im Tagesspiegel vom 30. März 2014. Nur einzelne Medien verteidigten Lewitscharoffs Aussagen, darunter Alexander Kissler, der Kulturchef von Cicero.Dresdner Rede zur Biopolitik – Lewitscharoff trifft den wunden Punkt Cicero OnlineSkandalrede zu künstlicher Befruchtung: Schriftstellerin Lewitscharoff entschuldigt sich für „Halbwesen“-Aussagen. In: Spiegel Online vom 7. März 2014. Rüdiger Safranski unterstützte im Schweizer Literaturclub die Problematisierung der künstlichen Schwangerschaftsbefruchtung.Literaturclub Plus: Alles Skandal oder was?. In: Literaturclub vom 22. April 2014. Redebeitrag ab Minute 06:40.

Der Sozialethiker und -jurist Oliver Tolmein warf Lewitscharoff „eigentümlich mystisch geprägte Vorstellungen von Reinheit und Schicksal“ vor. Ihr „‚Abscheu‘ angesichts des als ‚absolut widerwärtig‘ und ‚abartig‘ empfundenen ‚Fortpflanzungsgemurkses‘ [schlage] auf die Akteure und die so gezeugten Kinder“ durch. Ihre Kritik an modernen Entwicklungen in der Medizin beruhe nicht auf Analyse, sondern auf „einer Mystifikation dessen, was sie als wünschenswerte Normalität ansieht, [nämlich] eines Zustands, der das Schicksalsgetriebene der Vormoderne verbindet mit den Bequemlichkeiten der fortgeschrittenen Zivilisation“.Oliver Tolmein: Auf Leben und Tod. In: Jungle World, 13. März 2014.

Im Juli 2014 erklärte Lewitscharoff beim Antritt der Poetik-Dozentur an der Universität Koblenz-Landau zur Dresdner Rede einerseits, sie „habe das mit zwei, drei sehr dummen, sehr aggressiven Sätzen selbst verbockt“, andererseits bekräftigte sie „die etwas altertümliche Position, dass das Humanum nicht angetastet werden soll“.sueddeutsche.de: Gegen die Softeis-Version des Religiösen. Süddeutsche, 18. Juli 2014 Sie legte weiterhin Wert auf ihr Verständnis des Lebens, des Glaubens und der Welt: „Die Erlösung soll nicht allzu leicht zu haben sein, Furcht und Schrecken müssten immer mitgedacht werden.“ Religiosität ohne die Idee, dass die Bösen bestraft werden – für sie sei dies eine „Horrorvorstellung“. In Interviews mit dem ZDF und dem Hörfunksender SWR2 nannte sie als Grund für die problematischen Passagen ihrer Dresdner Rede, sie sei gelegentlich ein „Provokationskäschperle“.

Audio „Das Leiden kann vernichten, aber es macht auch klug“, Gespräch mit Florian Felix Weyh, Deutschlandfunk Zwischentöne, 21. August 2022

Auszeichnungen 1998: Ingeborg-Bachmann-Preis 2006: Kranichsteiner Literaturpreis 2007: Preis der Literaturhäuser 2007: London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds:London-Stipendium, Deutscher Literaturfonds, abgerufen am 13. April 2026 Writer in Residence (Frühling 2007) an der Queen Mary University of LondonWriters in Residence, Queen Mary University of London, abgerufen am 13. April 2026 2007: Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 2008: Marie Luise Kaschnitz-Preis 2009: Preis der Leipziger Buchmesse, für ihren Roman Apostoloff (Kategorie: Belletristik) 2009: Spycher: Literaturpreis Leuk 2009: Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik (4. Quartal), für das von ihr selbst gelesene Hörbuch Apostoloff 2010: Berliner Literaturpreis 2010: Mitglied der Akademie der Künste (Berlin) 2011: Frankfurter Poetik-Vorlesungen 2011: Zweifel am Guten, Wahren, Schönen, Zürcher Poetikvorlesungen 2011: Kleist-Preis 2011: Ricarda-Huch-Preis 2011: Marieluise-Fleißer-Preis