Al-Haddschādsch ibn Yūsuf ath-Thaqafī (; geb. 661; gest. 14. Juni 714Martin Hinds: An early Islamic Family from Oman: al-ʿAwtabī's Account of the Muhallabids. Manchester, Univ. of Manchester, 1991. S. 63.) war ein arabischer Feldherr und eine der einflussreichsten politischen Persönlichkeiten im Reich der Umayyaden. 692 besiegte er ʿAbdallāh ibn az-Zubair, den wichtigsten Gegner des Umayyadenkalifats, von 694 bis zu seinem Tod diente er den Kalifen ʿAbd al-Malik ibn Marwān und al-Walid I. als Statthalter im Irak, ab 697 war er zusätzlich Statthalter von Chorasan und Sistan und damit quasi Herrscher über den gesamten Ostteil des Reiches. mini|Bleisiegel des al-Haddschadsch ibn Yusuf

Aufstieg Al-Haddschādsch entstammte dem arabischen Stamm der Thaqīf und war zunächst als Lehrer in Taif tätig. Aus den frühen Jahren seines Lebens ist wenig bekannt: Er scheint an den Schlachten in der Harra von Medina im Jahr 682 und in ar-Rabadha im Jahr 684 teilgenommen, sich aber nicht besonders ausgezeichnet zu haben.Vgl. Dietrich 40a.

Die Wende kam, als al-Haddschādsch, in den ersten Jahren der Herrschaft des ʿAbd al-Malik, von Taif nach Damaskus versetzt wurde, der damaligen Hauptstadt des umayyadischen Reichs. Er diente unter Aba Zurʿa Rauh ibn Zinbāʿ al-Dschudhamī in der Polizei (šurta) des Kalifen. Er erregte die Aufmerksamkeit des Umayyaden ʿAbd al-Malik, weil es ihm sehr schnell gelang, die Disziplin unter den aufrührerischen Truppen wiederherzustellen, mit denen der Kalif gegen den Rebellen Musʿab ibn az-Zubair in den Irak zog. Mit den drastischen Mitteln, mit denen er diese Aufgabe ausführte, wurde er auch später berühmt und berüchtigt.

Kampf gegen die Zubairiden und Statthalter im Hedschas Im Feldzug gegen Musʿab ibn az-Zubair scheint al-Haddschādsch die Nachhut geführt zu haben. Nach dem Sieg über Musʿab in Maskin bei Dudschail im Jahre 72/691 zog er auf Befehl des Kalifen von Kufa an der Spitze von ungefähr 2000 syrischen Truppen gegen ʿAbdallāh ibn az-Zubair, den Kalifen von Mekka, aus. Er rückte ohne Gegenwehr bis zu seinem Geburtsort Taif vor, den er kampflos einnahm, und als Ausgangsbasis verwendete. Der Kalif hatte ihm zunächst aufgetragen, mit ʿAbdallāh ibn az-Zubair zu verhandeln, und ihm bei seiner Kapitulation Straffreiheit zu versichern. Sollten die Kämpfe fortfahren, so sollte die Stadt Mekka belagert werden, aber unter keinen Umständen sollte es unmittelbar in der heiligen Stadt zu blutigen Auseinandersetzungen kommen. Die Verhandlungen scheiterten, und al-Haddschādsch verlor die Geduld. Er sandte einen Eilboten zu ʿAbd al-Malik mit der Bitte nach Verstärkung und der Erlaubnis die Stadt Mekka mit Gewalt einnehmen zu dürfen. Er erhielt die Zustimmung und begann daraufhin die heilige Stadt vom Berg Abū Qubais aus mit Stein-Katapulten zu beschießen.

Die Beschießung wurde sogar während des Pilgermonats fortgesetzt. Voller Zorn gegen Ibn az-Zubair und seine Anhänger, hatte al-Haddschādsch auch keine Skrupel, die dort anwesenden Pilger, und sogar die Kaaba beschießen zu lassen. Als ein plötzlicher Sturm aufzog, bekamen seine Soldaten Angst vor der Strafe Gottes. Al-Haddschādsch hingegen deutete dies als göttliches Zeichen, dass der nahe Sieg bevorstehen werde.

Während der Belagerung, die länger als sieben Monate andauerte, liefen nahezu 10.000 Männer, unter ihnen auch zwei von Ibn az-Zubair’s Söhnen, zu al-Haddschādsch über. Der Gegenkalif wurde mit einigen wenigen treuen Gefolgsleuten, darunter auch sein jüngster Sohn, beim Kampf um die Kaaba getötet (Dschumada I 73/Oktober 692). Al-Haddschādschs Belagerung führte zum Tod von Tausenden Bewohnern Mekkas.

Nach Einnahme der Stadt blieb al-Haddschādsch Statthalter von Mekka. Im Mai 693 ernannte ihn ʿAbd al-Malik zusätzlich zum Statthalter von Medina. Er blieb allerdings nur einen Monat dort und machte dann eine ʿUmra-Wallfahrt nach Mekka. Bei dieser Gelegenheit machte er die Umbauten ʿAbdallāh ibn az-Zubairs an der Kaaba rückgängig. Nach seiner Rückkehr nach Medina verbreitete er dort durch seine Rauheit und Willkür eine Atmosphäre des Schreckens. Die Prophetengefährten behandelte er mit Verachtung und ließ ihnen zur Erniedrigung Bleisiegel um den Hals hängen.Vgl. at-Tabarī 1. Im Frühjahr 694 fungierte al-Haddschādsch als Kommandant der Pilgerkarawane für den Haddsch.Vgl. at-Tabarī 11.

Statthalter im Irak mini|Arabo-Sassanidische Drachme mit dem Namen al-Haddschadsch ibn Yusuf in arabischer Schrift (rechts neben dem Kopf des Schahanschah) Disziplinierung der Truppen und Kampf gegen die Charidschiten Noch im Jahre 694 wurde al-Haddschādsch als Statthalter in den Irak gesandt; er kam wahrscheinlich im Oktober/November des Jahres in Kufa an.Vgl. die Erklärungen von Rowson zum Text von at-Tabarī 22. Schon bei seinem Einzug in die Stadt machte er in einer Ansprache deutlich, dass er bereit war, mit Gewalt gegen alle Gegner seiner Politik vorzugehen: „Ich sehe, dass Köpfe reif geworden sind und ihre Ernte naht. Und ich sehe das Blut zwischen den Turbanen und den Bärten.“Zit. nach at-Tabarī 13.

Schon nach kurzer Zeit zog er nach Basra weiter, um dort die arabischen Truppen für einen Feldzug gegen die Azraqiten, eine militante Splittergruppe der Charidschiten, zu mobilisieren. Innerhalb der arabischen Truppeneinheiten gab es jedoch große Unzufriedenheit, weil al-Haddschādsch die von ʿAbd al-Malik bewilligten Soldzahlungen reduziert hatte. Eine Gruppe von Kämpfern, die von ʿAbdallāh ibn al-Dschārūd angeführt wurde, revoltierte, als al-Haddschādsch diese Forderungen nicht anerkannte. Erst nachdem al-Haddschādsch Ibn al-Dschārūd und seine Anhänger bei Rustaqubādh, dem späteren ʿAskar Mukram, geschlagen hatte, konnte der Feldzug gegen die Azraqiten aufgenommen werden.Vgl. at-Tabarī 23f.

Bereits im Winter 694/95 konnten al-Muhallab ibn Abī Sufra und Ibn Michnaf, die die arabischen Truppen anführten, die Azraqiten aus der Stadt Rāmhurmuz vertreiben.Vgl. at-Tabarī 25f. Es dauerte aber noch fast zwei Jahre, bis die Azraqiten vollständig vernichtet waren. Im Jahre 696 drang ein anderer Charidschitenführer, Schabīb ibn Yazīd, von Mossul her in den Irak vor. Nur mit der Hilfe von zusätzlichen syrischen Truppen, die al-Haddschādsch beim Kalifen anforderte, konnte er Schabīb im Frühjahr 697 am Fluss Dudschail in Chuzestan besiegen.

Für seine guten Dienste wurde al-Haddschādsch im selben Jahr von ʿAbd al-Malik zusätzlich zum Statthalter der Grenzprovinzen von Chorasan und Sistan ernannt. Er setzte dort jeweils Stellvertreter ein, al-Muhallab in Chorasan und ʿUbaidallāh ibn Abī Bakr in Sistan.

702 legte al-Haddschādsch in der Mitte zwischen Kufa und Basra als seine neue Residenz die Festungsstadt Wāsiṭ („die Mittlere“) an. Hierhin zog er sich mit seinen syrischen Truppen zurück. Auch machte sich al-Haddschādsch um die Förderung des Ackerbaus im Irak verdient. Im Zuge von ʿAbd al-Maliks Münzreform richtete al-Haddschādsch in Kufa eine eigene Prägestätte ein, in der er Münzen mit Pahlawi- und arabischer Aufschrift prägen ließ. Zuvor wurden alle wichtigen Verwaltungstexte und Urkunden von persischen Schreibern auf mittelpersisch und in Pahlavi-Schrift niedergeschrieben.

Politik gegenüber den Mawālī Um den Steuern, die die arabischen Eroberer der einheimischen Bevölkerung auferlegt hatten, zu entkommen, waren viele Bewohner des Sawād, des Fruchtlandes im Irak, zum Islam konvertiert, denn die Konversion hatte eine steuerbefreiende Wirkung. Diese nicht-arabischen Konvertiten hatten ihr Land verlassen, waren in arabische Städte ausgewandert und hatten sich als Mawālī („Klienten“) arabischen Stämmen angeschlossen. Einzelne dieser Mawālī gelangten unter al-Haddschādsch zu hohen Ämtern wie zum Beispiel Sālih ibn ʿAbd ar-Rahmān, der als sein Finanzminister fungierte.Vgl. Daniel C. Dennett, Jr.: Conversion and the Poll Tax in Early Islam. Harvard Univ. Pr. u. a., Cambridge, Mass. u. a. 1950. Reprint Idarah-i Adabyat-i Delli, Delhi, 2000. S. 4, 39.

Da den Mawālī jedoch die volle gesellschaftliche Gleichstellung mit ihren Patronen vorenthalten wurde, insbesondere was die staatlichen Renten anging, stellten sie ein Unruheelement im Staat dar. Viele von ihnen sympathisierten mit den Charidschiten und Schiiten. Um die von ihnen ausgehende politische Gefahr auszuschalten, verbannte al-Haddschādsch sie aus den Städten und zwang sie, sich wieder in den Dörfern anzusiedeln.Vgl. Sayed 341. Um einen Rückgang der staatlichen Einnahmen zu verhindern, erlegte er ihnen außerdem die Dschizya wieder auf und stellte sie damit in unrechtmäßiger Weise den Nicht-Muslimen gleich. Außerdem zog er von ihnen die Grundsteuer (ḫarāǧ) ein.Vgl. Dennett 4, 38–41.

Gesellschaftliche Polarisierung Durch seine strenge und zum Teil grausame Herrschaft brachte al-Haddschādsch im Irak viele Personen gegen sich auf. So setzte sich zum Beispiel sein fähiger Statthalter in al-Madāʾin, al-Mutarrif ibn al-Mughīra, der für seine Aufrichtigkeit und Loyalität bekannt war, 696 von ihm ab, nachdem er bei einem Gespräch mit Abgesandten Schabībs Gemeinsamkeiten zwischen seinen eigenen politischen Auffassungen und denjenigen der Charidschiten entdeckt hatte. In der Erwartung, dass ihn al-Haddschādsch ohnehin für seine Kontakte mit den Charidschiten bestrafen würde, verließ al-Mutarrif die Stadt, zog mit seinen Truppen in Richtung Iran und besetzte dort die Städte Qom und Kaschan. Es bedurfte einer ganzen Armee, um seine Truppen niederzuringen.Vgl. Périer 148–153.

Zur Zunahme von Spannungen kam es auch dadurch, dass al-Haddschādsch die Macht der arabischen Stammesführer in Kufa und Basra zu brechen versuchte, und diejenigen, die sich ihm nicht unterwarfen, rigoros verfolgte.Vgl. Sayed 135. Auch verspottete al-Haddschādsch die in Kufa populäre Koranlesung des ʿAbdallāh ibn Masʿūd und drohte der Bevölkerung der Stadt mit einem Massaker, wenn sie nicht aufhören würden, den Koran nach seiner Lesung zu rezitieren.Vgl. Hamdan 138.

Äußerst unpopulär war darüber hinaus die Herrschaft von al-Haddschādschs Bruder Muhammad ibn Yūsuf, den ʿAbd al-Malik zum Statthalter im Jemen bestellt hatte. Er war wie al-Haddschādsch für seine Grausamkeiten und für seine willkürlichen Steuern berüchtigt.Vgl. Périer 276f. Der kufische Prosopograph Abū l-Hasan al-ʿIdschlī (st. 875) überliefert in seinem Werk über die vertrauenswürdigen Tradenten einen Bericht, wonach Muhammad einmal den jemenitischen Frommen Hudschr al-Madarī zu sich rief und ihn im Namen seines Bruders beauftragte, öffentlich ʿAlī ibn Abī Tālib zu verfluchen. Der Mann führte den Statthalter jedoch hinters Licht, indem er ihn die Leute zusammenrufen ließ und dann vor der versammelten Menschenmenge ausrief: „Muhammad ibn Yūsuf hat mir befohlen, ʿAlī ibn Abī Tālib zu verfluchen. So verflucht ihr ihn, Gott verfluche ihn!“.Vgl. Ahmad ibn ʿAbdallāh al-ʿIǧlī: Tārīḫ aṯ-ṯiqāt bi-tartīb [...] al-Haiṯamī wa-taḍmīnāt Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī. Ed. ʿAbd al-Muʿṭī Qalʿaǧī. Beirut: Dār al-Kutub al-ʿilmīya 1984. S. 110.

Die Pfauenarmee und der Aufstand des Ibn al-Aschʿath Die angestaute Wut gegen al-Haddschādsch kam in dem Aufstand des Ibn al-Aschʿath zum Ausbruch. ʿAbd ar-Rahmān ibn Muhammad Ibn al-Aschʿath war der Enkel des kinditischen Stammeskönigs al-Aschʿath ibn Qais. 699 sandte ihn al-Haddschādsch an der Spitze einer gewaltigen Armee in den Osten, um Angriffe des Zunbil aus dem Gebiet von Kabul auf Sistan abzuwehren. Insgesamt umfasste die Armee je 20.000 Mann aus Basra und Kufa, denen al-Haddschādsch den Sold im Voraus auszahlte und die er so großzügig mit Pferden und Waffen ausstattete, dass sie als „Pfauenarmee“ (ǧaiš aṭ-ṭawāwīs) bekannt wurde.