Dark Wave [] (von dark = ‚dunkel‘, ‚trüb‘, wave = ‚Welle‘) ist eine historische Bezeichnung für musikalische Spielarten, die sich ab dem Ende der 1970er Jahre im Zuge der New-Wave- und Post-Punk-Bewegung herausbildeten und hinsichtlich ihrer klanglichen Umsetzung als dunkel, trist, elegisch oder sehnsuchtsvoll wahrgenommen werden.
Hierzu zählen unter anderem Rockmusik im Stil von Bands wie Joy Division oder The Cure, rein elektronisch arrangierte Kompositionen (beispielsweise frühe Anne Clark oder Psyche) sowie Kompositionen auf der Basis einer semi-akustischen Instrumentierung mit Gitarren, Flöten, Trommeln oder Violinen (z. B. bei Deine Lakaien, In the Nursery und Death in June).
Im engeren Sinne erfasst Dark Wave die Strömungen Cold Wave, Electro Wave, Ethereal, Gothic Rock, Neofolk und Neoklassik sowie die Neue Deutsche Todeskunst und Teile der Neuen Deutschen Welle. Umstritten ist die Ausweitung auf das Post-Industrial-Umfeld, da es wechselseitig zu stilistischen Überlagerungen kam und demzufolge die Genregrenzen stark verschwammen (so bei Attrition, Die Form, Kirlian Camera und Pink Industry).
Primär von England ausgehend entwickelte sich Dark Wave innerhalb weniger Jahre zu einer weltweiten Bewegung, die sich bis nach Japan und Neuseeland erstreckte. Eine erste Blütezeit erlebte die Szene etwa in der Mitte der 1980er Jahre. Eine zweite Welle folgte zu Beginn der 1990er, wobei Deutschland und zum Teil die Westküste der Vereinigten Staaten die führende Rolle übernahmen und auf die umliegenden Länder Einfluss ausübten.
Die Bewegung war länderübergreifend auch unter der Titulierung Doom & GloomGabriele Schröder: The Cure Special Story. In: Musikexpress / Sounds, 12/1985, S. 70, Dezember 1985Valerie Steele, Jennifer Park: Gothic: Dark Glamour, S. 144, Yale University Press, 15. August 2008, ISBN 0-300-13694-3 bekannt. Auf ihrer Grundlage entstand ein subkulturelles Milieu, dessen Anhänger als WaverKlaus Farin: Die Gothics – Interview mit Eric Burton von der deutschen Band Catastrophe Ballet, S. 60, 2001, ISBN 3-933773-09-1Bruno Kramm: Gothic! Die Szene in Deutschland aus der Sicht ihrer Macher – Inhalte statt Etiketten! 2000, ISBN 3-89602-332-2, S. 217 oder (insbesondere in Deutschland) sporadisch als „Dark Waver“Interview mit der deutschen Band Girls Under Glass. In: Glasnost Wave-Magazin, 21, Mai 1990, S. 8Rezension zum Album „1985“ von der deutschen Band Calling Dead Red Roses. In: Glasnost Wave-Magazin, 31, Januar/Februar 1992, S. 34Szene-Check – Club-Vorstellung: Live-Club Berlin. In: Sub Line Musikmagazin, Ausgabe 2/94, Februar 1994, S. 39 bezeichnet wurden. Neben „konventionellen Wavern“ gehörten hierzu die frühen Goths, im deutschen Sprachraum auch Gruftis genannt.
Mit der Zurückdrängung vieler Wave-Stile in den Untergrund, der zunehmenden Aufspaltung in genrespezifische Events und den damit einhergehenden, subkulturellen Veränderungen verlor der Ausdruck „Dark Wave“ als Musik- und Szenebezeichnung zunehmend an Bedeutung.
Namensherkunft Die Herkunft der Bezeichnung Dark Wave ist umstritten. Frühe Quellen verweisen auf einen möglichen Ursprung in Italien.Federico Guglielmi: Tapes: Dark Ride. In: Il Mucchio Selvaggio. Ausgabe 68, September 1983, S. 62.Oggi riapre il Piper con il rock d’oltremanica. In: L’Unità, 60. Jahrgang, Ausgabe 222, Dienstag, 20. September 1983, S. 13. (Digitalisat) So wurde bspw. die Musik von Post-Punk-Gruppen wie Diaframma zu Beginn der 1980er Jahre als Dark Wave beschrieben.Con i «Diaframma» la dark wave allo Psyco Club. In: La Stampa. 118. Jahrgang, Ausgabe 76, Freitag, 30. März 1984, S. 23. (Digitalisat) Insbesondere Bands aus dem Dunstkreis der Plattenfirma Contempo Records (Diaframma, Litfiba, Viridanse, Carillon del Dolore, Death in Venice etc.) gelten noch heute als bedeutende Vertreter der Dark-Wave-Bewegung in Italien.Nicholas David Altea: Intervista: Viridanse. RUMORE Magazin, 16. Oktober 2014.
Im September 1984 nutzte Lorenzo Buj, Professor an der University of Windsor, die Bezeichnung Dark Wave in der Zeitschrift The Lance in einer Rezension zum Album Tocsin von Xmal Deutschland.Lorenzo Buj: Records. In: The Lance, Volume LVIII, Nr. 3, University of Windsor, 27. September 1984, S. 17.
Die bisher älteste bekannte Erwähnung innerhalb des deutschen Sprachraumes geht auf das Jahr 1985 zurück: In der Mai-Ausgabe der Musikzeitschrift Spex werden die Alben The Gift von Cyan Revue und Priests and Petrol von Leningrad Sandwich in einer Anzeige des EFA-Vertriebs als Dark Wave beworben.Spex. Musik zur Zeit: Werbung des Plattenvertriebs EFA – Spots 5/85, Ausgabe 5/85, S. 17, Mai 1985 Im Mai 1986 verwendete die Gothic-Rock-Band Marquee Moon die Bezeichnung Dark Wave in einem Interview mit dem Kölner Independent-Magazin E.B. (später EB/Metronom).Bobby Vox: Gorgonen, Hydras & Chimären - Interview mit Marquee Moon, E.B. Fanmagazin, Ausgabe 3/86, Seite 18, Mai 1986.
1987 schrieb der Musiker und Journalist Eric Schürmann in der Independent-Zeitschrift My Way, dass die Begrifflichkeiten für diese Art der Musik nicht eindeutig seien. Er schlug neben Gothic Rock und Gothic Punk auch die Bezeichnung Dark Wave vor.Eric Schürmann: Dark & Amazing. In: Ulrich Gernand (Hrsg.): My Way. Ausgabe 5, 2. Jahrgang, Mai 1987, S. 17–18. Unter dem Titel Dark & Amazing veröffentlichte Schürmann einen zweiseitigen Bericht über altbekannte und damals aktuelle Bands der Szene, darunter Joy Division, Siouxsie & The Banshees, The Sisters of Mercy, Death in June, Cocteau Twins, Dead Can Dance, Clan of Xymox und The Danse Society.
Die reguläre Nutzung der Bezeichnung Dark Wave in deutschsprachigen Printmedien begann jedoch erst ab 1988. In der Mai-Ausgabe der Independent-Zeitschrift My Way wird die Musik von Gruppen wie Fields of the NephilimMy Way: Rezension zum Album „Tequila Dementia“ der Band Honolulu Mountain Daffodils (diese werden hier mit Fields of the Nephilim und The Mission verglichen), Ausgabe 9, S. 27, Mai 1988 und The Mission als Dark Wave tituliert. Im selben Jahr findet sich eine Nennung in der November-Ausgabe des Schweizer Soundmagazines New Life, dieses Mal in Bezug auf die Single Love Will Tear Us Apart von Joy Division.Sven Freuen: Rezension zu einer Coverversion der Single „Love Will Tear Us Apart“. In: New Life Soundmagazine, 38, November 1988, S. 10 Einen Monat später, in der Dezember-Ausgabe der Zeitschrift Spex, wird (wiederholt vom EFA-Vertrieb) das Album Play der französischen Band Clair Obscur als Dark Wave beworben.Werbung des Plattenvertriebs EFA. In: Spex. Musik zur Zeit, 12/88, Dezember 1988, S. 58
Anschließend wurde die Bezeichnung Dark Wave nahezu nahtlos bis in die Mitte der 1990er Jahre hinein genutzt und konnte sich einige Zeit später auch in den USA etablieren. Nennenswert ist in diesem Zusammenhang das US-amerikanische Musiklabel Projekt Records, das lange Zeit mit der deutschen Plattenfirma Hyperium Records zusammenarbeitete und seit 1993 die Bezeichnung Dark Wave (hier als „Darkwave“) in seinem Mailorderkatalog führte, um Veröffentlichungen deutscher Bands, wie Chandeen und Love Is Colder Than Death, auf dem amerikanischen Markt zu veräußern. Für einen regen Austausch zwischen den Kontinenten war somit gesorgt.
Weitere Spuren finden sich in Frankreich: In einem Interview in der 1989er-Frühjahrsausgabe der französischen Zeitschrift Illusions Perdues bezeichnet Gitarrist Rémy Lozowski die Musik seiner Cold-Wave-Formation Excès Nocturne als New Wave Noire (dt. „schwarze New Wave“).Illusions Perdues: Interview mit der französischen Band Excès Nocturne, Ausgabe 1, S. 18, Januar 1989
Alternativbezeichnungen Eine alternativ zu Dark Wave verwendete Bezeichnung war DoomThe Mettmist: The Leather Nun – Slow Death, Ausgabe 1, S. 23, 1984 bzw. Doom WaveThe Mettmist: Klatsch & Konzerte, Ausgabe 1, S. 24, 1984 (engl. doom = „Verhängnis, Schicksal; Tod“). Diese ist seit 1984 in Deutschland belegt. So warb das Mettmanner Punk-Fanzine The Mettmist:
Noch Anfang des Jahres 1992 wird die Bezeichnung Doom in der Echinger Independent-Zeitschrift Hysterika erwähnt.Hysterika: Interview mit der deutschen Band Deine Lakaien, Ausgabe 1/92, S. 27, 1992 Mit dem Aufschwung eines gleichnamigen Metal-Genres in den frühen 1990er-Jahren (Doom Metal, häufig auf Doom verkürzt) verschwand sie jedoch allmählich aus dem Sprachgebrauch der Wave-Szene.
Vergleichbare Bezeichnungen sind Depro-Wave und Depro-Punk, die seit der ersten Hälfte der 1980er für die Musik von Joy Division, EA 80 oder Fliehende Stürme verwendet werden. Der Ausdruck Depro-Punk tauchte u. a. 1982 in einem deutschen Fanzine als Beschreibung der Musik der Schweizer Band Mittageisen auf.
Wurzeln New Wave
Die Wurzeln der Dark-Wave-Bewegung liegen in der New-Wave-Ära. New Wave steht für die „Neue Welle“ im Bereich der Populärmusik, die in der Mitte der 1970er-Jahre zu Tage trat und sich bis in die zweite Hälfte der 1980er-Jahre beinahe über den gesamten Globus erstreckte. Neu für diese Musik war eine Abkehr von der progressiv gestalteten Rockmusik der 1970er, die durch Komplexität und realitätsferne Charakterzüge geprägt war und jegliche Spontaneität und Interaktion mit dem Publikum vermissen ließ.Eugene Wiener: New Wave – Analyse einer Verkaufsstrategie in Rolf Lindners Punk Rock, S. 41, 1981, ISBN 3-88215-043-2 Diese, auch als Arena-Rock oder Adult Rock (Rock für Erwachsene) betitelte und als Produkt spätkapitalistischer Kultur verstandene Form des Rock war besonders jugendlichen Arbeitslosen der Unter- und Mittelschicht ein Dorn im Auge. Was ihnen fehlte, war ein Ventil für angestaute Emotionen und Kümmernis – kurze, eingängige und mitreißende Songs sowie Musiker, die sich mit den Problemen und Interessen der Jugendlichen auseinandersetzten. Erste Ansätze einer Veränderung lieferte der Pub Rock, der überwiegend in kleinen Kneipen (Pubs) gespielt wurde und einen direkten Austausch zwischen Musiker und Publikum ermöglichte. Doch erst die Punk-Bewegung konnte diese Rückbesinnung auf die Anfänge des Rock ’n’ Roll auf weltweiter Ebene durchsetzen. Der Ausdruck New Wave wurde somit zunächst mit der Punk-Bewegung assoziiert. Aufgrund der rasanten Veränderungen in der Musikwelt, die der Punk mit sich brachte, erfuhr die – in Anlehnung an die französische Filmkunst Nouvelle Vague – etablierende Bezeichnung New Wave eine Bedeutungserweiterung und implizierte schon bald zahlreiche musikkulturelle Strömungen, die auf beiden Seiten des Atlantiks aus Teilen der Punk-Bewegung hervorgingen oder simultan dazu ihr Revival feierten (bspw. die Mod- oder 2-Tone-Ska-Bewegung).
Im deutschsprachigen Raum fand sich New Wave in Form der Neuen Deutschen Welle wieder. In diesem Fall jedoch weit umfassender, wurden auch Teilbereiche des deutschsprachigen Punks (u. a. Abwärts) und der Post-Industrial- und Avantgarde-Musik (Einstürzende Neubauten) unter dem Begriff Neue Deutsche Welle geführt.
Ab etwa 1978 gewann New Wave als Vermarktungsetikett zunehmend an Bedeutung und wurde zum Teil bis Ende der 1980er – zeitweise in seiner Kurzform „Wave“ – international genutzt. Radio-Stationen sowie der im August 1981 gegründete, US-amerikanische Fernsehsender MTV trugen nachträglich zur Verbreitung der Bezeichnung bei.
Post-Punk