Die Neue Deutsche Todeskunst, kurz NDT, war eine deutschsprachige, stark literarisch geprägte Musikströmung, die sich Ende der 1980er-Jahre im Dark-Wave-Umfeld entwickelte.Andrea Schilz: Flyer der Schwarzen Szene Deutschlands: Visualisierungen, Strukturen, Mentalitäten. Waxmann Verlag, 2010, ISBN 3-8309-2097-0, S. 92.„[…] Ein maßgebliches Zentrum solcher Aktivitäten war das ansonsten im 20. Jahrhundert kaum für Avantgardismen bekannte Bayreuth. Hier formierte sich im letzten Viertel der 1980er-Jahre der Nukleus einer Bewegung, die sich im Laufe der kommenden Dekade zu einer der größten und markantesten Popkulturen Deutschlands entwickeln sollte.“ Einigendes Element des Genres war das Rezitieren von zumeist selbstverfassten Liedtexten unter Hinzunahme eines musikalischen Überbaus. Die Themen wiesen epochale Bezüge auf, bspw. zum Barock, zur Romantik oder zur Literatur der Moderne. Inhaltlich erfolgte häufig eine Auseinandersetzung mit Tod und Vergänglichkeit (d. h. auch dem Vorgang des Sterbens), aber auch Weltschmerz, Religionskritik, Existenzphilosophie, Nihilismus, Surrealismus, soziale Isolation, Nekrophilie und Wahnsinn waren zentrale Themen.

Der Neuen Deutschen Todeskunst wird die Popularisierung der deutschen Sprache innerhalb der Dark-Wave-Bewegung zugesprochen,Peter Matzke, Tobias Seeliger: Das Gothic- und Dark-Wave-Lexikon, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2002, ISBN 3-89602-277-6, S. 311. obgleich es zuvor schon Bands wie Xmal Deutschland, Geisterfahrer oder Malaria! gab, die schwerpunktmäßig deutschsprachige Liedtexte vertonten.

Namensherkunft Die Genrebezeichnung Neue Deutsche Todeskunst trat erstmals Ende 1991 in Bezug auf die Band Relatives Menschsein in Erscheinung. Als Urheber gilt Horst Braun, einer der Koproduzenten und Toningenieure des Danse-Macabre-Labels, der die Band in einem Label-Info als Neue Deutsche Todeskünstler beworben hatte.Bruno Kramm: Danse Macabre – Die Neue Deutsche Todeskunst. In: Peter Matzke, Tobias Seeliger (Hrsg.): Gothic! Die Szene in Deutschland aus der Sicht ihrer Macher. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-332-2, S. 220. In der Folge griff der Journalist Sven Freuen die Bezeichnung auf, um in der Dezember-Ausgabe des Zillo-Magazins das Erstlingswerk „Moritat“ von Relatives Menschsein zu umschreiben und weitere Interpreten des Stils, wie Das Ich und Goethes Erben, zu kategorisieren.Sven Freuen: Kassettenbestellmarkt, Zillo Musikmagazin, Ausgabe 12/91, Dezember 1991, S. 6.

Vorrangig wurde die Bezeichnung mit den Künstlern des Danse-Macabre-Labels assoziiert und von der Plattenfirma selbst sporadisch genutzt – so z. B. im Zusammenhang mit dem Audio-Medium magazinOphon, das zu Beginn des Jahres 1992 als Musiksendung konzipiert auf Tonbandkassette erschien.MagazinOphon No.1: Studioreport. Interviews. Szenebericht. Plattenbesprechungen. Hörspiel. MCine No.1, 1991. Eine Vielzahl von Künstlern, wie Goethes ErbenVolkmar Kuhnle: Das Gothic-Lexikon, Imprint Verlag, Berlin 1999, ISBN 3-89602-203-2, S. 117.Alexander Nym: Woher und wohin? Ein Gespräch mit Goethes Erben. In: Alexander Nym (Hrsg.): Schillerndes Dunkel: Geschichte, Entwicklung und Themen der Gothic-Szene. Plöttner Verlag, Leipzig 2010, ISBN 978-3-86211-006-3, S. 288. (Oswald Henke) oder Syria,Mike Litt: Interview mit Syria (alias Christian Dörge), Zillo Musikmagazin, Ausgabe 11/95, November 1995, S. 68. konnte sich mit dieser Titulierung, die in der Tradition der Neuen Deutschen Welle, der Neuen Deutschen Post-AvantgardeVerschiedene Künstler: Neue Deutsche Post-Avantgarde, 1988. bzw. der Neuen Slowenischen Kunst steht, allerdings nicht anfreunden.

Geschichte Frühe Ansätze Nach dem Niedergang der Neuen Deutschen Welle wandten viele Musiker sich der anglo-amerikanischen Musikszene zu.Günter Sahler: Neue Deutsche Welle – Protokoll einer Entwicklung. Parapluie, 1997 Gruppen wie Malaria!, X-mal Deutschland und Belfegore konzentrierten sich verstärkt auf die Vertonung englischsprachiger Texte. Ausgenommen davon waren Deutschpunk-Bands wie EA80, Razzia und Fliehende Stürme, Post-Punk-Interpreten der zweiten Generation, vgl. Stimmen der Stille, und die Avantgarde-Musik von Künstlern wie Einstürzende Neubauten, Kowalski und Hirsche nicht aufs Sofa (H.N.A.S.), die speziell in der heranwachsenden Independent-Kultur für Aufmerksamkeit sorgten. Aus der Grauzone zwischen Punk, Wave und Avantgarde gingen Gruppen wie Walls Have Ears, Die Erde, Am Tag unter Null, Nagorny Karabach, Toeten alle Lust, Verbrannte Erde und Krankheit der Jugend hervor, die sich bereits einer abstrakten, zu Teilen metaphorisch unterlegten Kunstsprache bedienten.Kirsten Borchardt: Einstürzende Neubauten. Das Vermächtnis. Hannibal Verlag, 2003, ISBN 3-85445-216-0, S. 203.Bianca Stücker: Die Funktionalisierung von Technik innerhalb des subkulturellen Kontexts. Europäischer Hochschulverlag, 2013, ISBN 978-3-86741-863-8, S. 176–177.

Gleichzeitig wuchs in der Punk- und Wave-Szene das Interesse an deutschsprachiger Lyrik. Punk-Fanzines begannen damit, die prosaisch niedergeschriebenen Gedanken, selbstverfassten Gedichte und Geschichten ihrer Leserschaft zu publizieren. Eines dieser Print-Medien war Der Trümmerhaufen, aus dem sich 1987 das bundesweit vertriebene Literaturmagazin Ikarus entwickelte. Viele der darin enthaltenen Texte waren deskriptiver und introspektiver Natur und handelten von Tod, Sinn- und Hoffnungslosigkeit, Kälte, Einsamkeit, Leid und Verzweiflung. Die Bebilderung erfolgte z. B. durch Künstler wie Sabine Döhm, die das Heft mit dark-wave-typischen Motiven und Porträts ausschmückte.Stefan Schulz-Hardt, Jens Neumann: Editorial. In: Ikarus, Magazin für Kunst und Literatur. Ausgabe 1, Frühling/Sommer 1987, S. 3.Stefan Schulz-Hardt, Jens Neumann: Autoren und Zeichner. In: Ikarus, Magazin für Kunst und Literatur. Ausgabe 2, Dezember 1987, S. 4.

Das neu entfachte Selbstverständnis im Umgang mit deutscher Sprache und Lyrik war im Wesentlichen die Triebkraft für die Entstehung der Neuen Deutschen TodeskunstChristian Walther: Songtexte und Lyrik in der Gothic-Szene. In: Alexander Nym (Hrsg.): Schillerndes Dunkel: Geschichte, Entwicklung und Themen der Gothic-Szene. Plöttner Verlag, Leipzig 2010, ISBN 978-3-86211-006-3, S. 323. und für Gruppen, die aus den Ruinen der kommerzialisierten NDW heraus die deutsche Sprache mithilfe expressionistischer Stilmittel zu rehabilitieren versuchten.Dirk Hoffmann: Relatives Menschsein, Zillo Musikmagazin, Ausgabe 2/93, Februar 1993, S. 9.

Stilentwicklung mini|Das Ich sind neben Goethes Erben die Hauptinitiatoren der NDT. In den späten 1980er-Jahren arbeiteten vorrangig Musiker aus dem süddeutschen Raum daran, eine stilistische Bandbreite aus Electro Wave, Neoklassik, Gothic Rock und Cold Wave mit abstrakten Texten auf poetischer Basis zu verknüpfenBianca Stücker: Die Funktionalisierung von Technik innerhalb des subkulturellen Kontexts. Europäischer Hochschulverlag, 2013, ISBN 978-3-86741-863-8, S. 83. und in einer aufwändigen Bühnenschau darzubieten.Kirsten Wallraff: Die Gothics. Musik und Tanz. Musik als Kunst. Thomas Tilsner Verlag, Bad Tölz 2001, ISBN 3-933773-09-1, S. 50. Inhaltliche und textstrukturelle Bezüge zeigten sich beispielsweise zum Existentialismus,Kirsten Borchardt: Einstürzende Neubauten. Das Vermächtnis. Hannibal Verlag, 2003, ISBN 3-85445-216-0, S. 204. zum Expressionismus,Torsten Kusmanow: Interview mit Das Ich. In: PopNoise. Ausgabe 1/91, Frühjahr 1991, S. 22. zum Symbolismus und zur Schwarzen Romantik sowie zum Surrealismus.

Als Protagonisten der Stilrichtung gelten Das Ich und Goethes Erben,Andrea Schilz: Flyer der Schwarzen Szene Deutschlands: Visualisierungen, Strukturen, Mentalitäten. Waxmann Verlag, 2010, ISBN 3-8309-2097-0, S. 93. beide stark geprägt durch die Musik und den Expressionismus der Einstürzenden Neubauten. Knotenpunkt der Bewegung wurde die fränkische Kulturmetropole Bayreuth, die sich zum Schmelztiegel der NDT, des Danse-Macabre-Labels und des Szene-Clubs Etage (eigtl. Danse Macabre Dancehall) entwickelte.Peter Matzke, Tobias Seeliger: Das Gothic- und Dark-Wave-Lexikon, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2002, ISBN 3-89602-277-6, S. 248.Olivier Bernard: Anthologie de l'ambient, Camion Blanc, 2013, ISBN 2-35779-415-1.

Zeitgleich traten Relatives MenschseinOliver Köble: Relatives Menschsein – Moritat. In: Glasnost Wave-Magazin. Ausgabe 29, September/Oktober 1991, S. 41.Oliver Schütte: Relatives Menschsein – Gefallene Engel. In: Gift Magazin. Ausgabe 7, August/September 1992, S. 27. und Endraum ins Rampenlicht, die zusammen mit Das Ich und Goethes Erben eine „Quadriga“ des noch jungen Genres bildeten.

Der Schweizer Tilo Wolff wurde zeitweise mit der NDT assoziiert,Sven Freuen: Zillo Open Air. In: Zillo Musikmagazin. Ausgabe 5/93, Mai 1993, S. 18. zuletzt 1993 bezüglich eines Gemeinschaftsprojekts des Schriftstellers Christian Dörge und dessen Werk Lycia, an dem auch Oswald Henke und Bruno Kramm als Gastmusiker und Produzent mitwirkten.Stefan Faltus: Christian Dörge – Lycia, Vertigo Musikmagazin, Ausgabe 6, Winter 1993, S. 48. Im Gegensatz zu den eingangs genannten Interpreten stammte Lacrimosa allerdings nicht aus dem Umfeld des Danse-Macabre-Labels und findet auch in vielen Abhandlungen zur NDT keinerlei Erwähnung.

Ihre Blütezeit erlebte die Neue Deutsche Todeskunst in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre. Durch den Erfolg des Albums Die Propheten von Das Ich verlagerten einige NDT-Interpreten ihre Aktivitäten nach Bayreuth.Im Ich – Interview mit Das Ich. In: Kreuzer, Das Leipziger Stadtmagazin. Verlag Moderne Zeiten Medien, 1995, S. 64. Clubhits feierte das Genre mit Liedern wie Gottes Tod und Von der Armut von Das Ich,Volkmar Kuhnle: Das Gothic-Lexikon, Imprint Verlag, Berlin 1999, ISBN 3-89602-203-2, S. 133. Das Ende, Der Weg, Der Spiegel und später Marionetten und Zinnsoldaten von Goethes Erben, Verflucht und Tempel von Relatives Menschsein,Peter Matzke, Tobias Seeliger: Das Gothic- und Dark-Wave-Lexikon. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2002, ISBN 3-89602-277-6, S. 357. Die Stille der Nacht und Regentanz von Endraum sowie Seele in Not von Lacrimosa.

Weitere Interpreten, die im Verlauf dieser ersten Welle vereinzelt Anklang fanden, waren Mental Inquisition, Lore of Asmoday und Silently Down (vgl. Die Erben der Dunkelheit).

Schon 1993 folgte eine zweite Generation von Künstlern, die sich in der seinerzeit noch lebhaften Tape-Szene einen Namen machen konnten, darunter Misantrophe,Christian Peller: Misantrophe – Der Tod zerfraß die Kindlichkeit. In: Aeterna Musikmagazin. Ausgabe 4, Sommer 1994, S. 15. Rue du Mort und eXplizit einsam.Michael Wehmeier: Explizit Einsam – Das elfte Gebot. In: Entry – Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde. Ausgabe August/September 1996, S. 58.

Niedergang