Einstürzende Neubauten ist eine deutsche Band, die einem experimentellen Musikstil nachgeht. Die Band wurde 1980 in West-Berlin von Blixa Bargeld, N. U. Unruh, Gudrun Gut und Beate Bartel gegründet; die beiden Letztgenannten spielten seit Mai 1979 bei Mania D.Alfred Hilsberg: Girls, Girls, Girls (Interview) In: Sounds 11/79 S. 46, Hamburg 1979A’s * A’s, In: Bowery Artist Tribute NEW MUSEUM, Editor Ethan Swan, New York 2010 Die Besetzung fluktuierte anfangs und konsolidierte sich 1981 personell um Bargeld, Unruh, die von der Hamburger Band Abwärts hinzugekommenen FM Einheit und Mark Chung sowie Alexander Hacke alias Alexander von Borsig.
Geschichte mini|Blixa Bargeld 2007 Gegründet am 1. April 1980 ist Einstürzende Neubauten als Zufallsprodukt entstanden. Blixa Bargeld wurde gefragt, ob er nicht im Berliner Moon-Club spielen wolle, worauf er nach eigener Aussage „einfach ein paar Freunde anrief“. Dieses Konzert und erste Aufnahmen der Band wurden noch mit normalem Instrumentarium gespielt. Finanzielle Not brachte N.U. Unruh dazu, dass er sein Schlagzeug verkaufte. Die Band nutzte daraufhin zumeist ein Instrumentarium aus Schrott und Alltagsgegenständen, mit dem sie ihre apokalyptische Sicht der Welt inszenierte. 1982 konzipierte die Band mit der Gruppe Die Tödliche Doris die Performance Wie man aus einer gelben Wanne eine Platte macht / Wassermusik und führte sie in der Berliner Bar „Risiko“ gemeinsam auf.
1986 traten Einstürzende Neubauten im Goldenen Saal des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg auf. Blixa Bargeld bezeichnete dieses bis heute einzige Konzert in dem NS-Bau als eine Art von „Exorzismus“, mit dem sie „eine andere Präsenz in diese vermeintlich heiligen Hallen bringen wollten, eine Präsenz, die dem totalitären Gedankengut, mit dem der Ort verbunden ist, entgegentritt.“Manfred Prescher: Es geht voran. Die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik. Darmstadt 2018, S. 183f.
Stilistisch ist die Band schwer zuzuordnen. Wurden in der Anfangszeit die Grenzen zwischen Musik und Geräusch ausgelotet, wurden die Werke später zumeist melodiöser, wenn auch nicht minder abstrakt und episch.
Eines ihrer ersten Konzerte gab die Band in ihrem Gründungsjahr in Rosa von Praunheims Berliner Wohnung.
Die Gruppe entfernte sich nach ersten Erfolgen ab Mitte der 1980er Jahre zunehmend aus der Punk- bzw. Post-Industrial-Bewegung und beteiligte sich vermehrt an Theater- und Hörspielprojekten, zum Beispiel bei Peter Zadek 1986 im Hamburger Schauspielhaus, 1987 bei Heiner Müllers Hörspielinszenierung des Fatzer-Fragments von Bertolt Brecht für den Rundfunk der DDR, 1990 bei der Hamletmaschine (ebenfalls Heiner Müller) und 1994 bei Faust von Werner Schwab sowie 2000 am Schauspielhaus Bochum bei John Gabriel Borgman von Henrik Ibsen in der Regie von Leander Haußmann.
1986 drehte der japanische Regisseur Sōgo Ishii den Film 1/2 Mensch über die Einstürzenden Neubauten, welcher 2005 auf DVD wieder veröffentlicht wurde.
Am 16. Mai 1992 standen Einstürzende Neubauten im Mittelpunkt der Aktion Das Auge des Taifun von Erich Wonder anlässlich der 300-Jahr-Feier der Akademie der bildenden Künste Wien. Hier fuhren sie in einer von Kunstschnee umwehten Glas-Stahl-Konstruktion mit Husky-Gespann langsam über die Wiener Ringstraße und beschallten dabei das nächtliche Wien mit avantgardistischen Klängen.
Mit dem Album Tabula Rasa verließ die Band endgültig das Post-Industrial-Umfeld, die Musik wurde wesentlich ruhiger, blieb aber abstrakt.
Im Jahr 1996 erschien die letzte gemeinsame Platte mit FM Einheit, der die Band während der Aufnahmen zu Ende neu verließ (Mark Chung hatte die Neubauten bereits 1994 verlassen, um sich verstärkt seinem Musikverlag Freibank zu widmen).
Für die Tour 1997 wurde die Besetzung um den Gitarristen Jochen Arbeit und um den Schlagwerker Rudolph Moser erweitert, die zuvor bei Die Haut spielten, Alexander Hacke wechselte an den Bass. Diese Besetzung bestand bis Anfang 2025, sie wurde bei Konzerten außerdem zunächst von Ash Wednesday, ab 2014 von Felix Gebhard an den Keyboards ergänzt.
mini|Einstürzende Neubauten 2000 in Karlsruhe Mit dem 2000 erschienenen Album Silence Is Sexy konnten die Einstürzenden Neubauten an ihre früheren Erfolge anknüpfen.
2004 erschien mit Perpetuum mobile eine öffentliche Version des ersten Supporter-Albums bei Mute Records, welches ausgedehnt betourt wurde. Das Album ist ähnlich ruhig ausgefallen wie bereits Silence Is Sexy, weist jedoch wieder verstärkte Experimentierfreude und Materialerprobung auf. Musikalisch bewegt sich die Band hier im Rahmen des mit Luft machbaren, so war der Arbeitstitel des Werks lange Zeit auch Luftveränderung.
Im Jahr 2005, zum 25-jährigen Jubiläum, tourte die Band erneut durch Nordamerika und Europa. Außerdem erschien die offizielle Biografie Nur was nicht ist, ist möglich (englischer Titel: No Beauty Without Danger).
2009 erschien die Filmdokumentation Elektrokohle (Von Wegen) von Uli M Schueppel über das erste Konzert von Einstürzende Neubauten in Ost-Berlin, 1989 im Kulturhaus des VEB Elektrokohle Lichtenberg. Schueppel verband darin bereits 1989 von ihm gedrehtes Filmmaterial mit aktuellen Szenen. Das damalige Konzert wurde vom Schriftsteller Heiner Müller mitinitiiert, der auch eine Ansprache hielt und neben dem französischen Kulturminister Jack Lang auch noch andere Mitglieder der französischen Ministerdelegation Backstage brachte. Die Dokumentation wurde weltweit auf Veranstaltungen aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls gezeigt.
Supporter Projekte – Phase I–III Im Jahr 2002 begannen Einstürzende Neubauten ihre Arbeit zu einem neuen Album ohne den Rückhalt einer Plattenfirma, um eine vollständige künstlerische Kontrolle beizubehalten. Für die neue Platte vertraute die Band stattdessen mit einem speziell entwickelten Internetprojekt auf eine Art Straßenkünstlerschema. Über 2000 Fans (auch Supporter genannt) haben sich auf ihrer Website eingetragen und die Produktion des neuen Albums unterstützt. Dafür gab es für jeden Unterstützer später die CD Supporter’s Album #1. Daneben erhielten sie die Möglichkeit, via Internet der Band bei den Proben zuzusehen und über Chat direkt Fragen und Vorschläge an die Band zu richten.
Phase II des Supporter Projekts lief Ende 2003 an und wurde im September 2005 abgeschlossen. Dieses Mal gab es kein öffentlich erhältliches Album. Das Ergebnis dieser Phase wurde Grundstück betitelt und sorgte somit für etwas Verwirrung, da es bereits auf Perpetuum mobile ein Lied gab, das denselben Namen trug. Auch enthielt die CD eine Neuaufnahme des ursprünglich 1983 erschienenen Neun Arme – in einem Medley mit dem neuen Song Die Nacht.
Phase III wurde nach sechsmonatiger Supporterprojekt-Pause am 10. Februar 2006 ins Leben gerufen. Geplant war, wieder eine CD und DVD zu produzieren; ein exklusives Album für die Unterstützer, welches die Luxusvariante des öffentlichen Albums im Eigenvertrieb darstellt, sowie vier zusätzliche Songs, also ca. 19 Minuten zusätzliche Spielzeit, enthält.
Jeden Monat erschien zudem ein Jewel, ein frisch aufgenommener Track, zum Download. Diese 15 Stücke ergaben am Ende ein zusätzliches Album, welches unter dem Namen Jewels 2008 öffentlich erschienen ist.
2006 veröffentlichte Danielle de Picciotto, Ehefrau von Alexander Hacke, die DVD Einstürzende Neubauten-on Tour with neubauten.org, in der internationale Supporter von neubauten.org in ausführlichen Interviews das Projekt beschreiben.
Am 19. Oktober 2007 wurde das Album Alles wieder offen veröffentlicht, welches eine kürzere Version des Albums für die Unterstützer mit 53 Minuten Spiellänge ist und ein etwas anderes Artwork bekam.
Musterhaus-Projekt mini|Einstürzende Neubauten bei einem Konzert in Ludwigshafen (2015) 2005 wurde das Musterhaus-Projekt ins Leben gerufen. Dabei konnten Fans vier Neubauten-CDs pro Jahr mit experimentellen Stücken erhalten. Die erste Ausgabe erschien im Frühjahr 2005 und wurde Anarchitektur betitelt (die CD enthält nur einen 45-minütigen Ambient-Track), die zweite Ausgabe trägt den Titel Unglaublicher Lärm und erschien im Spätsommer. Im Dezember folgte Teil drei, Solo Bassfeder – ein Konzeptalbum, das sich ausschließlich Andrew Chudys (N. U. Unruh) Bassfeder und den vielfältigen Methoden zum Einsatz dieser widmet.
Anfang März 2006 erschien die vierte CD der Musterhaus-Serie. Basierend auf Aufnahmen eines Liveauftritts des Redux Orchestra und Mitgliedern von Einstürzende Neubauten in Berlin wurden vier der sieben gespielten Stücke nachbearbeitet und veröffentlicht. Zu hören sind sehr lange Versionen von Keine Schoenheit ohne Gefahr, Wueste, Installation No.1 und Negativ Nein, welche von älteren Alben ab 1981 bis 1996 stammen, in rein orchestraler Bearbeitung.
Im Mai erschien bereits der fünfte Teil der Serie, genannt Kassetten, der alte und neue Tapes in einem performativen Kontext präsentiert. So hört man neben Anrufbeantwortertexten (u. a. Bitten um Gästelisteneintrag bei Konzerten) auch Ambience-Aufnahmen West-Berlins aus den frühen 1980er Jahren in glasklarer, moderner Produktion.
Projekte seit 2013 Die Region Flandern beauftragte Einstürzende Neubauten im Rahmen der Gedenkfeierlichkeiten zum 100-jährigen Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit den Arbeiten an einer Auftragskomposition, die diese Gedenkfeierlichkeiten eröffnen sollte. Das Werk und das daraus entstandene Album heißen Lament. Das Werk wurde am 8. November 2014 in Diksmuide uraufgeführt und danach auf einer Tournee präsentiert.
Zehn Tage nach der Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg, am 21. Januar 2017, traten Einstürzende Neubauten im Rahmen des Eröffnungs-Festivals mit dem Tour-Programm Greatest Hits in der Elbphilharmonie auf. Den 2017er Auftakt der gleichnamigen – 14 Konzerte in mehreren Ländern umfassenden – Tournee absolvierte die Band drei Tage zuvor in der OsnabrückHalle vor 1700 Besuchern.
Im Vorfeld des 2017er Tour-Auftakts interviewte Tom Bullmann, Autor der Neuen Osnabrücker Zeitung, den Neubauten-Bassisten Alexander Hacke. Auf die Frage, ob die Band sich selbst für einen Auftritt in der Elbphilharmonie Hamburg beworben habe, sagte Hacke:
Supporter Projekt – Phase IV Mit einem ersten Webcast am 9. Mai 2019 starteten Einstürzende Neubauten die vierte Phase des Supporter Projekts mit dem Ziel, zum 40-jährigen Bandjubiläum 2020 ein Album zu veröffentlichen. Anders als in den vorigen Phasen wurde mit Patreon auf eine bestehende Plattform für das Crowdfunding zurückgegriffen. Am 15. Mai 2020 wurde das Album Alles in Allem veröffentlicht.
Rampen-Phase Am 28. Januar 2023 kündigte die Band auf ihrer offiziellen Webseite an, ab Februar 2023 in die Rampen-Phase zu starten und wieder zusammen im Studio an neuen Songs zu arbeiten. Dabei bat die Band wieder um die Unterstützung der Fans über Patreon und bot wie in den vergangenen Phasen auch Webcasts und andere Gegenwerte an. In der Rampen-Phase wurden die auf den vergangenen Live-Konzerten gespielten „Rampen“ zu vollwertigen Songs entwickelt. Bei einer „Rampe“ handelt es sich um eine von der Band erschaffene Bezeichnung für ein improvisiertes Stück, das in der Regel ein Mal pro Konzert von der Band performt wird. Das dabei entstandene Album wurde am 5. April 2024 veröffentlicht und der Release wurde gemeinsam mit Supportern / Unterstützern des Projekts bei einer zweitägigen Feier mit Konzerten und diversen Fan-Veranstaltungen begangen.
Im April 2025 verkündete Alexander Hacke seinen Ausstieg aus der Band, um sich verstärkt eigenen Projekten widmen zu können.
Die Band hat Ende März 2026 bekannt gegeben, dass Josefine Lukschy, geboren 1989, von der Berliner Band Crashpad / Dog Dimension, die neue Bassistin der Band ist.
Diskografie
Alben Moon, 1. April (Mitschnitt des ersten offiziellen Liveauftritts im Club „Moon“, 1980, Eisengrau) Stahlmusik (Live 1980, Eisengrau) Kollaps (1981, Zickzack Records: ZZ 65) Stahldubversionen (1982, Musikkassette; 2002 gemeinsam veröffentlicht mit Kollaps)