Die Gutensteiner Bahn (auch Gutensteinerbahn geschrieben), landläufig ebenfalls als Piestingtalbahn bezeichnet, ist eine Eisenbahnstrecke im südlichen Niederösterreich. Sie führte ursprünglich in Normalspur (1.435 mm) von Wittmannsdorf, wo sie von der Leobersdorfer Bahn abzweigt, nach Gutenstein. Die Strecke zwischen Wittmannsdorf und Wöllersdorf wurde im Februar und März 2015 abgetragen.Abtragung der Strecke Wittmansdorf-Wöllersdorf, abgerufen am 2. März 2015. Die Züge der Gutensteiner Bahn verkehren von Wöllersdorf über eine Verbindungsstrecke und die Schneebergbahn nach Wiener Neustadt.
Da Ausgangspunkt der Züge des Personenverkehrs üblicherweise Wiener Neustadt ist, wird unter Gutensteiner Bahn im allgemeinen Sprachgebrauch auch manchmal die Gesamtstrecke Wiener Neustadt – Gutenstein verstanden. Die Züge verkehren in diesem Abschnitt unter den Linienbezeichnungen R97 und REX97.
Die Baulänge der Gutensteiner Bahn betrug ursprünglich 33.751 Meter. In ihrem Verlauf überwindet sie 194 Höhenmeter. Zwischen km 19,0 und km 20,2 weist sie die größten Steigungen auf, wobei der Maximalwert 24,5 ‰ beträgt.
Streckenbeschreibung Nachdem sie von Wittmannsdorf bis Wöllersdorf über das flache Steinfeld führt, tritt sie ab dort in das Piestingtal ein, das im Bereich von Wopfing bis Ortmann ihren engsten Bereich hat. Sie folgt im Piestingtal der Piesting, die auf Grund ihres großen Einzugsgebietes und der Enge des Tals immer wieder Hochwasser führt, die wiederholt zu enormen Schäden bei der Gutensteinerlinie geführt haben. Aus der Talenge ergeben sich teilweise enge Radien, deren geringste an mehreren Stellen gerade einmal 150 Meter betragen.
Geschichte Konzessioniert und gebaut wurde die Gutensteiner Bahn ursprünglich von den Niederösterreichischen Südwestbahnen, die überdies die Leobersdorfer Bahn betrieb. Am 1. September 1877 wurde die Leobersdorfer Bahn von Leobersdorf bis Kaumberg eröffnet. Gleichzeitig wurde an diesem Tag die Gutensteiner Bahn, die von der damaligen Abzweigung Wächterhaus 3 abzweigte, bis Gutenstein ebenso dem Betrieb übergeben. Am 5. Juli 1878 wurde die Gutensteiner Bahn jedoch per Gesetz vom Staat, der sich vordem von der Errichtung von Eisenbahnstrecken heraushielt, angekauft.Konta: Geschichte der Eisenbahnen Oesterreichs, Band 1.2. 1898, S. 192, 193 1882 wurde vom k. k. Handelsministerium ein Ansuchen der Stadtgemeinde Wiener Neustadt um Bewilligung von Vorarbeiten zur Herstellung einer normalspurigen Lokalbahn von Wiener Neustadt nach Wöllersdorf abgelehnt. mini|links|220px|Bahnhof Wöllersdorf (um 1905) mini|links|220px|Bahnhof Gutenstein, Gutenstein-Vorderbruck (1903) Erst durch den Bau der am 23. August 1883 eröffneten Lokalbahn Ebenfurth–Wittmannsdorf wurde der Bahnhof Wittmannsdorf errichtet. Daraufhin wurde die Gutensteiner Bahn am 30. Juli 1885 direkt an den Bahnhof Wittmannsdorf angeschlossen und die Abzweigung Wächterhaus 3 aufgelassen.
Mit der Eröffnung der Stammstrecke der Schneebergbahn am 15. April 1897 von Wiener Neustadt nach Puchberg am Schneeberg wurde ebenfalls die Flügelbahn von Bad Fischau nach Wöllersdorf eröffnet, womit diese mit der Gutensteiner Bahn verknüpft wurde.
Nachdem am 1. Jänner 1899 die k.k. priv. Eisenbahn Wien-Aspang die Betriebsführung auf der Schneebergbahn übernommen hatte, wurde zwischen Sollenau und Feuerwerksanstalt eine Verbindungsbahn errichtet, die am 28. August 1900 eröffnet und in Steinabrückl mit der Gutensteiner Bahn verknüpft wurde. Am 30. Mai 1947 wurde der Abschnitt Sollenau–Steinabrückl und am 27. Mai 1972 der Abschnitt Steinabrückl–Feuerwerksanstalt wieder aufgelassen.
Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs bestand zudem in Hölles im km 2,110 ein Anschluss für die Wiener Neustädter Flugzeugwerke.
Die ursprüngliche Fahrgeschwindigkeit von nur 12 km/h wirkte sich im Personenverkehr sehr negativ aus. So betrug die Reisezeit für die Strecke von Wittmannsdorf nach Gutenstein rund 3 Stunden und 30 Minuten. Im Laufe der Jahre erfolgte eine kontinuierliche Verstärkung des Oberbaus, sodass ab den 1930er Jahren die Fahrgeschwindigkeit auf 40 km/h erhöht werden konnte. 1986 betrug die zugelassene Achslast 20 Tonnen und die Streckenhöchstgeschwindigkeit 50 bis 60 km/h. mini|links|Die Gutensteiner Bahn und ihre Nachbarlinien um 1915 (Spezialkarte der Landesaufnahme) Am 16. März 1992 wurde für die in Ortmann ansässige Firma SCA Hygienepapier (heute Essity) ein Trockenzylinder transportiert, der mit einem Gewicht von 190 Tonnen, einer Länge von 8 Metern und einem Durchmesser von 6 Metern Rekordausmaße erreichte. Verladen war diese Fracht auf einem 20-achsigen privaten Tiefladewaggon, dessen Ladevorrichtung sowohl in der Breite, als auch in der Höhe verschiebbar war und der ein Eigengewicht von 159 Tonnen und eine Länge von 44 Metern aufwies. Inklusive des Trockenzylinders betrug das Gesamtgewicht des Waggons 349 Tonnen. Die gesamte Laufstrecke (Wien Albern Hafen–Aspangbahn–Felixdorf–Leobersdorf–Ortmann) musste für diesen Transport mit einer Schablone abgefahren werden, um zu ermitteln, ob dieser Transport überhaupt abgewickelt werden kann. Auf Grund der Berechnungen und der Ergebnisse dieser Messungen mussten an der Gutensteiner Bahn umfangreiche Vorarbeiten − Verstärkung von Brücken, Absenkungen des bestehenden Gleisniveaus, Verkabelungen der vordem bestehenden Freileitungen etc. − durchgeführt werden. Der Transport selbst wurde von zahlreichen Schaulustigen begleitet. Es war dies der größte Transport, der bis zu diesem Zeitpunkt jemals auf dem Schienennetz der ÖBB abgewickelt wurde. Im Übrigen wäre die Beförderung des Trockenzylinders auf der Straße gar nicht möglich gewesen. Derartige Schwertransporte hatten auf der Gutensteiner Bahn bereits Tradition. Schon 1934 und 1971 wurden Trockenzylinder nach Ortmann transportiert, die Aufsehen erregten, jedoch bei weitem nicht derartige Ausmaße hatten.
Gegenwart Heute wird die Gutensteiner Bahn von Wiener Neustadt aus bedient, nachdem mit dem Fahrplanwechsel 1991 der Personenverkehr zwischen Wittmannsdorf und Wöllersdorf reduziert und 1997 eingestellt wurde. Im Zuge der Errichtung des integrierten Taktfahrplans NAT '91 wurde eine Anbindung an den Taktknoten Wiener Neustadt für kundenfreundlicher und wirtschaftlicher erachtet und die direkten Züge von und nach Wien mit Lokomotivwechsel in Wittmannsdorf oder Leobersdorf aufgelassen. Da der Güterverkehr für die Gutensteiner Bahn ebenfalls vom Bahnhof Wiener Neustadt aus bedient wird, findet in diesem Abschnitt kein Verkehr mehr statt, die Strecke wurde im Februar und März 2015 abgetragen. Davor wurden auf ihr Güterzüge einer Anschlussbahn sowie gelegentlich Nostalgiefahrten von Wien nach Gutenstein (etwa zu den Ferdinand-Raimund-Festspielen) geführt. Diese wurden später über Wiener Neustadt geführt und werden mittlerweile gar nicht mehr angeboten.
Ausbaumaßnahmen Nachdem die Strecke in den 1980er und 1990er Jahren wiederholt einstellungsgefährdet war, wurde der Abschnitt von Wöllersdorf bis Gutenstein in den Jahren 2004 und 2005 mit einem Kostenaufwand von rund 20 Millionen Euro erneuert und modernisiert. Damit konnte zudem die Streckenhöchstgeschwindigkeit abschnittsweise angehoben werden. Die Maximalgeschwindigkeit beträgt dennoch in zwei Abschnitten 75 km/h beziehungsweise 80 km/h. In den überwiegenden Bereichen liegt die Geschwindigkeit auf Grund der zahlreichen engen Radien bei etwa 60 km/h. Im Zusammenwirken mit der neuen Zugleit- und Sicherungstechnik für schnelleren und verdichteten Fahrbetrieb sowie durch die dadurch mögliche flüssigere Kreuzungsabwicklung ergaben sich in der Gesamtstrecke zwischen Wiener Neustadt und Gutenstein dennoch Fahrzeitverkürzungen im Ausmaß von bis zu 15 Minuten.
Nach Abschluss von umfangreichen Investitionen in Bahnhöfe, Gleisanlagen, licht- bzw. schrankengeregelte Bahnübergänge sowie Zugsicherungsanlagen im Umfang von 20 Mio. Euro wurde am 12. November 2005 der vereinfachte V3-Betrieb (vormals Zugleitbetrieb) offiziell in Betrieb genommen. Wöllersdorf wurde zum Zugleitbahnhof für den Streckenabschnitt Wöllersdorf–Gutenstein.
Im Jahr 2020 wurde abermals in die Strecke investiert. In den Sommerferien von Anfang Juli bis Ende August wurden Gleisarbeiten durchgeführt, ab September wurden dann diverse Anlagen der Sicherungstechnik erneuert., abgerufen am 10. Oktober 2020. So wurde das erste digitale Stellwerk („Cloud-Stellwerk“) der Firma Thales in Österreich errichtet und bereits erprobt.Cloud-Stellwerk der Firma Thales, abgerufen am 10. Oktober 2020. Dieses Stellwerk ist seit 9. Oktober 2020 in Betrieb, arbeitet jedoch derzeit (noch) als gewöhnliches ESTW. Darüber hinaus wurden auch zahlreiche Eisenbahnkreuzungen erneuert., abgerufen am 10. Oktober 2020.
Güterverkehr mini|Güterzug mit Lok der Reihe 2143 in Wöllersdorf Dank potenter Großkunden im Güterverkehr – hier sind die Hygienepapier Essity in Pernitz (Ortmann) und Wopfinger Baustoffindustrie GmbH („baumit“) in Wopfing an erster Stelle zu nennen – hat die Gutensteiner Bahn nunmehr beste Zukunftsaussichten. In den letzten Jahren betrug das Frachtaufkommen konstant rund 400.000 Tonnen, von denen ein großer Teil zum Weitertransport ins Ausland bestimmt waren. Den Bewohnern des Piestingtals erspart die Gutensteiner Bahn damit eine Vielzahl von Lkw-Fahrten.
Eine Besonderheit ist, dass auf der Gutensteiner Bahn zur Bewältigung des Frachtanfalls der Firma Essity Hygienepapier-Ortmann an Samstagen, Sonn- und Feiertagen ein eigenes Güterzugpaar geführt wird. An Werktagen verkehren insgesamt bis zu fünf Güterzugpaare.
Personenverkehr Im Personenverkehr nutzten trotz bahnparalleler, konkurrierender Buslinie rund 1.800 Fahrgäste täglich die Gutensteiner Bahn, wozu nicht zuletzt eine aktive Haltestellenpolitik der ÖBB beitrug. So wurden zwischen 1999 und 2003 zusätzlich zu den bisherigen Personenhalten die neuen Haltestellen Wöllersdorf-Marchgraben, Piesting Harzwerk, Waldegg-Dürnbach und Pernitz Raimundviertel eröffnet.
Mit 6. Juli 2020 wurde der bahnparallele Busverkehr eingestellt, die entfallenden Buskilometer wurden für den Aufbau eines Anschlussbussystems verwendet. Die Buslinien 314 (Piesting – Berndorf), 330 (Pernitz – Puchberg), 331 (Piesting – Waldegg), 332 (Pernitz – Muggendorf/Myrafälle – Thal), 333 (Pernitz – Neusiedl), 334 (Pernitz – Feichtenbach), 335 (Pernitz – Berndorf), 336 (Piesting – Winzendorf), 338 (Wöllersdorf – Felixdorf) 339 (Pernitz – Schwarzau i. G. – Rohr im Gebirge) und 340 (Pernitz – Rohr im Gebirge). Mit diesen Maßnahmen ist eine weitere Zunahme der Fahrgäste auf der Bahn zu erwarten.
Es gilt der Tarif des Verkehrsverbund Ost-Region (VOR).
Der Fahrplan im Wandel der Zeit Da die damaligen BBÖ mit der Schneebergbahn kein Übereinkommen zu Mitbenützung der Strecke von Wiener Neustadt bis Wöllersdorf hatten, konnte der Betrieb der Gutensteiner Bahn bis 1. Juli 1937 ausschließlich über Wittmannsdorf abgewickelt werden. Der Bahnhof Wittmannsdorf war dafür zusätzlich mit einem eigenen Heizhaus ausgestattet. Erst nach Übernahme der Aspangbahn und der Schneebergbahn in die Betriebsführung der BBÖ war die Führung direkter Züge von Wiener Neustadt nach Gutenstein möglich.
Im Fahrplan 1946 sind insgesamt drei tägliche Zugpaare von Wiener Neustadt nach Gutenstein verzeichnet, während es im Fahrplan 1950 bereits sieben tägliche Zugpaare zwischen Wöllersdorf und Gutenstein waren, von denen drei von Leobersdorf (mit Anschluss von bzw. nach Wiener Neustadt) und vier von Wiener Neustadt verkehrten. Zwischen 1962 und 1989 verkehrten auf der Gutensteiner Bahn acht tägliche Zugpaare.
Im September 1989 wurde ein Stundentakt mit 12 bis 15 täglichen Zugpaaren eingeführt.
Ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2005 wurde dank steigender Fahrgastzahlen an Werktagen in den Morgen- und Abendspitzen ein Halbstundentakt eingeführt.