mini|hochkant|Oskar Dirlewanger, hier als SS-Oberführer (1944) Oskar Paul Dirlewanger (* 26. September 1895 in Würzburg; † 7. Juni 1945 in Altshausen) war ein deutscher Offizier der Waffen-SS und Kriegsverbrecher. Er war Kommandeur einer nach ihm benannten Sondereinheit der Waffen-SS, die in großem Ausmaß an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt war. Ab dem 12. August 1944 hatte er den Rang eines Oberführers der Waffen-SS der Reserve.Dienstaltersliste der Waffen-SS (Sachstand: 1. Juli 1944) Herausgegeben von Brün Meyer, Biblio, Osnabrück 1987.

Leben Erster Weltkrieg Dirlewanger war der Sohn eines Kaufmannes, der sich 1906 mit seiner Familie in Esslingen am Neckar niederließ. Nach dem Besuch des Esslinger Gymnasiums (das heutige Georgii-Gymnasium) und der Schelztor-Oberrealschule legte er 1913 das Abitur ab.Rolf Laschet: Oskar Dirlewanger als Esslinger Symbolfigur bei der Zerstörung gewerkschaftlicher und menschlicher Grundwerte, 2014 Er trat am 1. Oktober 1913 als Einjährig-Freiwilliger in die Maschinengewehr-Kompanie des Grenadier-Regiments „König Karl“ (5. Württembergisches) Nr. 123 der Württembergischen Armee ein und nahm mit dieser Einheit 1914 am Einmarsch in Belgien und Frankreich teil. Nach mehreren Verwundungen wurde er als zu 40 Prozent kriegsbeschädigt eingestuft. Trotz seiner Behinderung meldete er sich als Leutnant an die Front zurück und übernahm dort eine Sturm- bzw. MG-Kompanie. Dirlewanger erhielt als junger Offizier neben beiden Klassen des Eisernen Kreuzes auch die Goldene Militärverdienstmedaille. Zuletzt als Oberleutnant der Reserve an der Ostfront eingesetzt, zog sich die 2. MG-Kompanie des Infanterie-Regiments „Alt-Württemberg“ (3. Württembergisches) Nr. 121 bei Kriegsende unter Dirlewangers Führung über Rumänien nach Deutschland zurück.

Weimarer Republik Ausbildung und Berufstätigkeit Nach Ende des Ersten Weltkrieges schloss sich Dirlewanger verschiedenen nationalistischen Freikorps an und kämpfte 1920 als Kommandant eines PanzerzugesRolf Michaelis: Die SS-Sturmbrigade „Dirlewanger“. Vom Warschauer Aufstand bis zum Kessel von Halbe. Dörfler-Verlag, [Nebel] 2011, ISBN 978-3-89555-706-4 (Nachdruck von 2006), S. 51. in Württemberg, im Ruhrgebiet, in Sachsen und Thüringen und im Frühjahr 1921 in Oberschlesien. Bei einem Einsatz mit dem Freikorps Holz wurde er 1921 durch einen Kopfschuss verwundet.Artikel der taz Insgesamt gehörte er für mindestens drei Jahre paramilitärischen Verbänden an.Christian Ingrao: Les chasseurs noirs. La brigade Dirlewanger. Perrin, Paris 2006, S. 65, 71. Zwischenzeitlich studierte er an der Handelshochschule in Mannheim Wirtschaftswissenschaften. Wegen antisemitischer Hetze wurde er 1921 exmatrikuliert und setzte sein Studium in Frankfurt am Main fort, wo er 1922 zum Doktor der Staatswissenschaften promoviert wurde. In der Doktorarbeit beschäftigte er sich mit Fragen einer völkischen Planwirtschaft in einem künftigen Kriegsfall, um die im Ersten Weltkrieg aufgetretenen Versorgungskrisen zu vermeiden. Von 1928 bis 1931 war er in dem Erfurter Textilunternehmen Kornicker, das einer jüdischen Familie gehörte, als geschäftsführender Direktor tätig. Dort machte er sich mehrerer Unterschlagungen schuldig, mit denen er die SA unterstützte.Ingrao, 2006, S. 78 f. Bis Juli 1933 arbeitete er dann als selbstständiger Steuerberater.

Eintritt in NSDAP und SA Seit 1919 war Dirlewanger Mitglied im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund. Am 1. Oktober 1922 trat Dirlewanger in die NSDAP ein, zum 1. Mai 1932 schloss er sich der nach zwischenzeitlichem Verbot 1925 neu gegründeten Partei wieder an (Mitgliedsnummer 1.098.716).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/6420063 Außerdem war Dirlewanger SA-Mann im 1. Sturmbann der 122. SA-Standarte. Nach einem Überfall auf das Esslinger Gewerkschaftshaus durch den Sturmbann stand er im Dezember 1932 wegen Landfriedensbruchs vor Gericht. 1932 erhielt er eine Stelle als hauptamtlicher SA-Führer in Esslingen am Neckar.

Zeit des Nationalsozialismus Nach der Machtübernahme der NSDAP im Jahr 1933 erhielt er als „alter Kämpfer“ eine Anstellung am Heilbronner Arbeitsamt, wo er zunächst Abteilungsleiter und später stellvertretender Direktor wurde.

Äußerungen Dirlewangers über andere „alte Kämpfer“, denen er mangelnde Qualifikation und Bestechlichkeit vorwarf, führten zu einem SA-internen Disziplinarverfahren.Stang, Dirlewanger, S. 68f. Als Folge des Verfahrens wurde mehreren Strafanzeigen gegen Dirlewanger nachgegangen, die zuvor unterdrückt worden waren. Im Jahr 1934 wurde er wegen der Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens und wegen Belästigung weiterer minderjähriger Mädchen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt (Urteil des LG Heilbronn vom 21. September 1934). Er verlor dadurch seine Stellung, seinen Doktorgrad und alle militärischen Auszeichnungen. Nach der Entlassung aus zweijähriger Haft aus dem Zuchthaus Ludwigsburg wurde er 1936 erneut wegen der in der Erfurter Textilfabrik veruntreuten Gelder vor Gericht gestellt und in der Folge am 12. Oktober in Heilbronn verurteilt.Ingrao, 2006, S. 86. Er kam daraufhin in das Schutzhaftlager Welzheim, das er aber nach Intervention seines Freundes, des späteren SS-Obergruppenführers und Chefs des SS-Hauptamts, Gottlob Berger, bald wieder verlassen konnte.Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2002, S. 93. Berger und Dirlewanger waren im Ersten Weltkrieg im selben Regiment und hatten zusammen die verdeckte Bewaffnung der NSDAP im Südwesten betrieben. Zudem verband sie eine Feindschaft mit dem württembergischen Gauleiter Wilhelm Murr.Stang, Dirlewanger, S. 69.

Legion Condor Ab 1936 nahm Dirlewanger zunächst als spanischer Fremdenlegionär und dann als Angehöriger der Legion Condor drei Jahre lang am Spanischen Bürgerkrieg teil. Mit dem Spanienkreuz ausgezeichnet und durch seine Kontakte zum NS-Machtapparat gelang es ihm, eine Wiederaufnahme seines Verfahrens vor dem Landgericht Stuttgart zu erreichen.Weiß, Lexikon, S. 93. Im Zuge der Neuverhandlung wurde er am 30. April 1940, trotz „nach wie vor nicht unerheblicher Verdachtsgründe“, aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Das ursprüngliche Urteil wurde aufgehoben. Auf Betreiben des Reichserziehungsministeriums erhielt Dirlewanger auch seinen Doktorgrad zurück.

Zweiter Weltkrieg Dirlewanger als Chef einer SS-Sondereinheit Nach seiner Rückkehr im April 1940 wurde Dirlewanger im Mai wieder für „wehrwürdig“ befunden und auf Vorschlag Bergers in die Waffen-SS aufgenommen (SS-Nummer 357.267). Er erhielt den Rang eines Obersturmführers.

Berüchtigt wurde Dirlewanger als Kommandeur verschiedener Waffen-SS-Einheiten, die seinen Namen trugen, insbesondere jedoch als Kommandeur der „SS-Sondereinheit Dirlewanger“. Diese Einheiten galten als „besonderes Steckenpferd“ des Chefs des SS-Hauptamtes Gottlob Berger.Weiß, Lexikon, S. 38. Wie Heinrich Himmler war Berger ein Verehrer König Heinrichs I. (vgl. Programm Heinrich), dessen Vorbild ihm im SS-Hauptamt-Schulungsamt zu Schulungszwecken diente.Richard Breitman: Heinrich Himmler. Der Architekt der „Endlösung“. Zürich 2000, S. 64. So erließ dieser König Räubern und Dieben ihre Strafe, wenn sie sich in seine Dienste stellten und fortan seine slawischen Feinde überfielen.Widukind von Corvey: Res gestae Saxonicae. Die Sachsengeschichte. Lateinisch/Deutsch, hrsg. v. Ekkehart Rotter u. Bernd Schneidmüller. Stuttgart (Reclam UB Nr. 7699) 1997, S. 111. Dieses Vorbild münzte Himmler auf Anregung Gottlob Bergers in den Gedanken um, seinerseits straffällige Wilddiebe in die SS zu überführen.Vgl. Weiß, Lexikon, S. 37 f. Begünstigt durch den Umstand, dass der Reichsführer SS Himmler auch das Amt des Chefs der Polizei innehatte, kam er mit dem Reichsjägermeister Hermann Göring überein, der Wilderei verdächtige Personen auf Grund der Notdienstverordnung vom 15. Oktober 1938 (RGBl. I S. 1441) zum Kriegsdienst heranzuziehen.

Einsätze des Sonderkommandos Im Mai 1940 erhielt Dirlewanger den Auftrag, das „Wilddieb-Kommando Oranienburg“ mit 80 Vorbestraften, die im KZ Sachsenhausen zusammengezogen worden waren und eine zweimonatige Ausbildung erhielten, zu bilden. Gottlob Berger wählte in diesem Zusammenhang etwa 60 Strafgefangene aus, von denen die meisten nicht nur wegen Wilderei, sondern auch wegen anderer Delikte verurteilt worden waren.Stang, Dirlewanger, S. 69. Am 1. September 1940 wurde das „Sonderkommando Dirlewanger“ in den Raum Lublin verlegt,Weiß, Lexikon, S. 93. Ingrao, 2006, S. 21. wo es – wie auch später in Lemberg – zur Überwachung jüdischer Arbeitslager eingesetzt wurde. Im Januar 1942 ließ Berger die Einheit nach Weißrussland verlegen. Am 29. Januar 1942 wurde Dirlewangers Einheit direkt dem Kommandostab Reichsführer SS unterstellt. Sie sollte bis zum 10. Februar 1942, nach Vervollständigung der Ausrüstung und Ausbildung, dem Höheren SS- und Polizeiführer Russland-Mitte Curt von Gottberg zugeführt werden. Am 5. Dezember 1943 wurde Dirlewanger wegen seiner „Verdienste im Partisanenkampf“ das Deutsche Kreuz in Gold verliehen. Laut dem Verleihungsantrag hatte Dirlewangers Einheit 15.000 „Banditen vernichtet“, 1100 Gewehre erbeutet und 92Laut Verleihungsantrag, siehe Michaelis, Sonderkommando, S. 25. Die eigenen Verluste betrafen vorwiegend die ukrainischen und russischen Hilfstruppen; bis Ende 1943 hatte das eigentliche Kommando 19 Tote zu verzeichnen. Hierzu: Stang, Dirlewanger, S. 71. Tote in den eigenen Reihen zu verzeichnen. Das Verhältnis der Zahlen dokumentiert, dass bei den Einsätzen der Dirlewanger-Einheit überwiegend unbewaffnete Zivilisten systematisch ermordet wurden.Michaelis, Sonderkommando, S. 25. Im „Selbstverwaltungsbezirk Lokot“ bekämpfte das Kommando zusammen mit der Kaminski-Brigade weiter Partisanen.

mini|Polnische Zivilisten ermordet vom „Sonderkommando Dirlewanger“ in Warschau (1944) Bei den Kämpfen während des Warschauer Aufstandes im August 1944 zeigten Dirlewanger und seine Einheit erneut ihre selbst für SS-Einheiten außerordentliche Grausamkeit und Brutalität (siehe Massaker von Wola). Massenerschießungen, Folter von Gefangenen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Verbrechen an Kindern und Alkoholexzesse, auch unter Beteiligung von Dirlewanger selbst, sind durch Augenzeugenberichte von Angehörigen der Wehrmacht belegt. – Vgl. auch Ingrao, 2006, S. 134, 158, 181 f. Dirlewangers Einheit – im Arbeiterbezirk Wola eingesetzt – benutzte beim Angriff auf feindliche Stellungen erstmals Frauen und Kinder als „lebende Schutzschilde“.Stang, Dirlewanger, S. 71. Ebenda erwähnt: Teilnahme an „umfangreichen Massakern, Plünderungen und Vergewaltigungen“. Dirlewanger und die SS-Generäle Erich von dem Bach-Zelewski und Heinz Reinefarth erhielten für die Niederschlagung des Aufstands mit über 170.000 zivilen Opfern am 30. September 1944 das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes.

Ende Januar 1945 gelangte die Truppe an die Oderfront in den Raum um Guben, wo es zu schweren Kämpfen mit sowjetischen Truppen kam. Am 19. Februar 1945 befahl Himmler, die inzwischen von SS-Standartenführer Fritz Schmedes geführte Brigade zur 36. Waffen-Grenadier-Division der SS aufzustocken. Sie trug den Namen Dirlewangers nicht mehr zur weiteren Kennzeichnung. Dirlewanger war bereits Mitte Februar 1945 als Kommandeur abgelöst worden, da er an den Folgen eines Brustschusses litt. Er ließ sich in Württemberg versorgenAuerbach, 1962, S. 260. Ingrao, 2006, S. 60. und versuchte dort, bei seinen Eltern lagerndes Beutegut noch vor Kriegsende in Sicherheit zu bringen.Stang, Dirlewanger, S. 72.

Tod