mini|Flagge (Schwarzes Banner) mini|Siegel Der Islamische Staat (), kurz IS, ist eine terroristisch agierende dschihadistische Miliz, die das politische Konzept des Islamischen Staats vertritt. Der IS kontrollierte in seiner Hochzeit als De-facto-Staat große Teile Iraks und Syriens.Deon Geldenhuys: The Islamic State (Is) (2017), abgerufen am 6. Juli 2023. Auch heute noch kontrolliert der IS kleine Teile von Staaten in Asien und Afrika. Weltweit war der IS zeitweise, vor allem während der Führung unter Abū Bakr al-Baghdādī, die einflussreichste Organisation des islamistischen Terrorismus.Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020), in: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient 19, Münster 2024, S. 246, ISBN 978-3-643-25119-0

Die organisatorischen Anfänge des IS liegen im Jahr 1999 und gehen auf den irakischen Widerstand zurück.Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020), in: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient 19, Münster 2024, S. 242ff., ISBN 978-3-643-25119-0 Die damalige Führungsspitze wurde unter anderem von einer Gruppe von ehemaligen Geheimdienstoffizieren der irakischen Streitkräfte aus der Saddam-Hussein-Ära gebildet.Jürg Bischoff: Symbolik und Macht im Islamischen Staat. In: Neue Zürcher Zeitung, 15. November 2014.Christoph Reuter: Der Spitzel-Führer des „Islamischen Staates“ In: Spiegel Online, 19. April 2015. Die Gründung erfolgte mit Unterstützung von al-Qaida; von 2004 bis 2013 war der IS auch ein Teil von al-Qaida.Guido Steinberg: bpb.de: Der Islamische Staat im Irak und Syrien (ISIS) (abgerufen am 8. Dezember 2015)Raniah Salloum: Neuer Gottesstaat im Nahen Osten. In: Spiegel Online, 4. Januar 2014.Clint Watts: Jihadi Competition After al Qaeda Hegemony – The ‘Old Guard’, Team ISIS & The Battle For Jihadi Hearts & Minds, In: Foreign Policy Research Institute. vom 20. Februar 2014 (englisch). Nach der militärischen Eroberung eines zusammenhängenden Gebietes im Nordwesten des Irak und im Osten Syriens verkündete die Miliz am 29. Juni 2014 die Gründung eines Kalifats, mit Abū Bakr al-Baghdādī als „Kalif Ibrahim – Befehlshaber der Gläubigen“.Wilfried Buchta: Terror vor Europas Toren. (2015), S. 19. Damit ist der Anspruch auf die Nachfolge des Propheten Mohammed als politisches und religiöses Oberhaupt aller Muslime verbunden.Stephan Rosiny: (PDF; 476 kB). In: GIGA Focus, Nr. 6/2014, abgerufen am 2. Oktober 2014.IS-Führer Baghdadi sieht sich als Nachfolger des Propheten. In: Rheinische Post, 29. Juni 2015.

Im Dezember 2017 wurden dem IS die letzten Gebiete im Irak genommen, im März 2019 auch in Syrien. Seitdem gilt das Projekt der Bildung eines islamischen StaatesVolker Perthes: «Das ist ein Staatsbildungsprojekt». In: Neue Zürcher Zeitung, 31. August 2014. Derselbe: Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen. Suhrkamp Verlag, 2015, S. 91–120.Stefan Kühl: Die „Verorganisierung“ des Islamismus. In: Soziopolis. 26. November 2015. dort als gescheitert.Wilfried Buchta: Terror vor Europas Toren. (2015) S. 308. Der amerikanische Terrorismusforscher Brian Fishman sprach bereits 2007 vom damaligen Islamischen Staat im Irak als eine „Staatsamöbe“ (governmental amoeba); Fishman: Combating Terrorism Center, 23. März 2007. Zu dschihadistischen Staatsvorstellungen Sebastian Huhnholz: Dschihadistische Raumpraxis. Raumordnungspolitische Herausforderungen des militanten sunnitischen Fundamentalismus, Berlin: LIT 2010.Richard Hall: „Isis caliphate defeated: Victory declared as Islamic State loses last of its territory“ The Independent vom 23. März 2019 Der IS ist dort seither hauptsächlich nur noch durch das Verüben von Anschlägen aktiv, mit Stand 2024 nur noch rund 2500 IS-Kämpfern in beiden Ländern zusammen.

Stattdessen gewann der IS seitdem vor allem in verschiedenen Regionen Afrikas durch Personalanwerbung, Besetzung von Gebieten und Teilnahme an dortigen Konflikten an Einfluss und Größe.

Der IS wird des Völkermords an den Jesiden, der Zerstörung von kulturellem Erbe der Menschheit und anderer Kriegsverbrechen beschuldigt. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen Webarchiv Wayback und die Regierung Deutschlands (PDF) des Bundesamtes für Verfassungsschutz, S. 209 f, abgerufen am 2. Oktober 2014. stufen den IS offiziell als terroristische Vereinigung ein. Der Großmufti Saudi-Arabiens, ʿAbd al-ʿAzīz Āl asch-Schaich, nannte den IS zusammen mit al-Qaida „Feinde Nummer Eins des Islam“. In: Die Zeit, 19. August 2014. Als negativ konnotierte Fremdbezeichnung für den IS ist vor allem im arabischsprachigen Raum auch Daesch bzw. Daesh () verbreitet.

Namen mini|Der Irak und die Länder der Levante (in heutigen Grenzen) Von 2004 bis 2006 hieß die Gruppierung al-Qaida im Irak (AQI).Führungsmitglied der Al Qaida im Irak gefasst. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. September 2006.

Zwischenzeitlich hieß sie auch Islamischer Staat im Irak (ISI, ad-daula al-islāmīya fī l-ʿirāq).

Von 2011 bis Juni 2014 war die Organisation unter den Namen Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) sowie Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIL) bekannt (). Eine Fremdbezeichnung ist die 2013 vom syrischen Aktivisten Khaled al-Haj Salih geprägte, aus den arabischen Anfangsbuchstaben abgeleitete und im arabischen Sprachgebiet verbreitete, eher negativ konnotierte Abkürzung Daesch (, auch in den Schreibweisen Daesh, Da'ish bzw. Daaish), die inzwischen vor allem auch in anderen arabisch-schriftigen Sprachen verwendet wird.Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020), in: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient 19, Münster 2024, S. 245., ISBN 978-3-643-25119-0

Seit Ende Juni 2014 nennt sich die Organisation nur noch Islamischer Staat.Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020), in: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient 19, Münster 2024, S. 246ff., ISBN 978-3-643-25119-0 Nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Volker Perthes will die Organisation, die er als „dschihadistisches Staatsbildungsprojekt“ kennzeichnet, durch Verzicht auf frühere Namensbestandteile unterstreichen, dass sie über den Irak und die Levante hinaus expandieren will.Volker Perthes: Viel mehr als eine Terrormiliz. In: Süddeutsche Zeitung, 25. September 2014.

Die Abkürzung („Islamischer Staat in Irak und Syrien“) sieht im arabischen Schriftbild ähnlich aus wie der Begriff .Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart, Wiesbaden 1968, S. 254.Markus C. Schulte von Drach: Warum der Name „Daesch“ den Islamischen Staat ärgert. In: Süddeutsche Zeitung, 23. November 2015. Deshalb ist diese Abkürzung innerhalb der vom IS besetzten Gebiete verboten und bei Verwendung droht Strafe.3sat.de: „Daesch“ oder „IS“? Die vielen Namen für „Islamischer Staat“ In zahlreichen nah- und mittelöstlichen Ländern hingegen wurde dieses Kürzel in den Wortschatz übernommen. Damit soll der im islamischen Sinne positiv konnotierten Eigenbezeichnung der Organisation bewusst entgegengetreten und eine direkte Assoziation mit dem Islam vermieden werden.Matthias Heine: Das ABC des Islamischen Staats. In: Die Welt, 26. September 2014.So US-General Allen in: Joseph Rago: Inside the War Against Islamic State. WSJ.; vgl. auch France says the name 'ISIS' is offensive, will call it 'Daesh’ instead; so auch John Kerry, kritisch: The Washington Post: John Kerry won’t call the Islamic State by its name anymore. Why that’s not a good idea.

Der IS spricht nicht von Grenzen, sondern von „Fronten“ und erfüllt damit ein wichtiges Merkmal eines offen angestrebten Imperiums. Weitere, ehemalige Namen der Organisation oder ihrer Vorläufer (JTJ, Az-Zarqawi-Netzwerk, TQJBR, AQI) sind im nächsten Abschnitt angegeben.

Geschichte

At-Tauhīd wa-l-Dschihād (1999–2004) Eine erste terroristische Gruppierung bildete sich bereits im Jahr 1999 um Abu Musab az-Zarqawi in Herat (Afghanistan) mit Unterstützung von al-Qaida. Durch den Einmarsch der USA musste die kleine Truppe Afghanistan verlassen und kam temporär in Pakistan und in der Islamischen Republik Iran unter. Nachdem iranische Sicherheitskräfte mehrere Gefolgsleute az-Zarqawis verhaftet hatten, floh er in den Nordirak und fand Unterschlupf bei einer Gruppe kurdischer Dschihadisten, die sich Ansar al-Islam nannten. Im Jahr 2002 begann az-Zarqawi damit, seine Organisation für den Kampf im Irak vorzubereiten. Ihren ersten erfolgreichen Anschlag verübte die Gruppierung im Oktober 2002, bei dem sie den US-Amerikaner Laurence Foley töteten. Durch die Behauptung von Colin Powell am 5. Februar 2003 vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, Iraks Diktator Saddam Hussein unterstütze al-Qaida und der Statthalter im Irak wäre Abu Musab az-Zarqawi,state.gov (abgerufen am 16. Dezember 2015) bekam dieser bis dahin fast unbekannte Jordanier einen unbeabsichtigten „Ritterschlag“ vom amerikanischen Erzfeind. Die Gruppe um Zarqawi besaß seitdem die größte Anziehungskraft für Dschihadisten im Irak, mit großen Vorteilen bei der personellen und finanziellen Ressourcengewinnung.Wilfried Buchta: Terror vor Europas Toren. (2015) S. 293, 294.

mini|Das zerstörte Bagdader Canal Hotel nach dem Bombenanschlag auf die United Nations Assistance Mission for Iraq 2003 Abu Musab az-Zarqawi beteiligte sich mit seiner Gruppierung ab Juni 2003 am Widerstand sunnitischer Gruppen gegen die Besetzung des Irak. Er wurde am 23. September 2003 auf die konsolidierte Liste des Al-Qaida Sanctions Committee des UN-Sicherheitsrates gesetzt. Az-Zarqawis Organisation wurde für den Bombenanschlag auf die United Nations Assistance Mission for Iraq im Bagdader Canal Hotel am 19. August 2003 verantwortlich gemacht, bei dem 22 Menschen (darunter Sérgio Vieira de Mello) getötet und über 100 verletzt wurden. Die Organisation trat im April 2004 als Dschamāʿat al-Tauhīd wa al-Dschihād (JTJ, Gemeinschaft für Tauhīd und Dschihad) in Erscheinung; sie wurde auch Zarqawi-Gruppe bzw. Az-Zarqawi-Netzwerk genannt.

Qāʿidat al-Dschihād fi Bilād ar-Rāfidain (2004–2006) Im Oktober 2004 schloss sich die Organisation al-Qaida an und änderte ihren Namen in „Organisation der Basis des Dschihad im Zweistromland“ (wörtlich aus Tanzīm Qāʿidat al-Dschihād fī Bilād ar-Rāfidain, meist als al-Qaida im Irak bezeichnet, kurz: AQI): Osama bin Laden erkannte den von Zarqawi ausgesprochenen Treueschwur (baiʿa) an und erklärte ihn in einer Ende Dezember veröffentlichten Botschaft zu seinem Stellvertreter im Irak. Die vor allem in Bagdad und westlich von Falludscha aktive Organisation verfolgte von Anfang an die Absicht, Angriffe (Bombenanschläge, Ermordung von Geiseln) auf Zivilisten (Beamte, ausländische Hilfsarbeiter – im Jahr 2004 Dutzende von Toten) durchzuführen; später zählte sie auch Parteien und alle am demokratischen Prozess Beteiligten zu den legitimen Zielen für Anschläge.: Middle East > Iraq > One-sided violence > ISI – civilians. Sie bekannte sich zum Attentat auf Ezzedine Salim. Über auf dschihadistischen Websites verbreitete Videos bezeichnete sich die Organisation 2004 als verantwortlich für die Entführungen und auf Video festgehaltenen Ermordungen folgender ausländischer Zivilisten: Nicholas Berg, Eugene Armstrong und Jack Hensley (USA), Kenneth Bigley (Großbritannien), Murat Yüce (Türkei), Kim Sun-Il (Südkorea), Shosei Koda (Japan), Georgi Lazov und Ivailo Kepov (Bulgarien).